Seite:Wilhelm Löhe - Sieben Vorträge über die Worte JEsu Christi vom Kreuze.pdf/64

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seinen Feinden tödten. Ist das der Sinn von den Worten des Gehenkten, und ist dieser Sinn Lästerung, das heißt, ist damit Christo zugeschrieben, was Ihm nicht zugeschrieben werden darf, ohne daß die offenbare Wahrheit geleugnet wird; so ist es am Tage, daß auch dieser elende Mensch am Kreuze, nicht bloß die Priester unter dem Kreuz, alles hätte anders wißen können und sollen, daß er nur seiner Bosheit nachgab, so zu reden, während in dem Benehmen des gekreuzigten JEsus und in Seinem vorausgegangenen Leben und Wirken Gründe und Einladungen genug zu Tage standen, die zu gegentheiligen Meinungen und Aeußerungen hätten führen können. Ja es muß die Einladung zum Gegentheil so stark gewesen sein, daß eben ihre Zurückweisung die schlimmen Worte zur Lästerung stempelte. Wie stark die Einladung zum Gegentheil war, das zeigt sich überraschend an dem Schächer, der mit seinem Leben das Kreuz verdiente, durch seine Leidens- und Todesstunden aber nicht bloß die Bewunderung und Liebe der Kirche aller Zeiten gewann, sondern auch des HErrn Trost und allmächtige Hilfe herausforderte. Es ist alles, was man von dem Schächer liest, so außerordentlich, daß man eine menschliche in der Willenskraft des Schächers liegende Aenderung und Wendung darin durchaus nicht erkennen kann. Dieser Schächer hat Erkenntnis; er muß von JEsu schon voraus gehört, manches und vieles gehört haben, denn er weiß den Wandel JEsu, kennt Seine Unschuld, die Ungerechtigkeit Seiner Verurtheilung, und mehr als das: er weiß von einem kommenden Reiche des Messias, von einem Reiche der Herrlichkeit, das in der Zukunft liegt, und im Betreff welches ihm auch der Tod JEsu und Seine schmähliche Pein nichts durchaus widersprechendes bietet.