Seite:Zerstreute Blaetter V.djvu/99

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lassen durftet: so gab er ihr, wie er in einem eignen Apolog sagt, dies Fabelgewand, nicht um sie müßig oder gar üppig auszuzieren, sondern vielmehr sie den Augen der groben Menge zu entziehen, und für ihren Schlägen zu sichern. Den wenigern, die eine solche Einkleidung verstünden, trauete er schon einen feineren, billigeren Geist zu; und doch zeigt leider die Geschichte seines Lebens, daß er auch diesen viel zu viel zugetrauet habe. Für die bösen Deuter, die aus dem Kiesel Funken zu schlagen wissen, hatte er lange nicht emblematisch gnug geschrieben. Bei einem solchen Zustande der Welt fällt also jede Vorschrift der Kunst, wenn sie Ausführlichkeit und deutliche Entwicklung gebietet, zu kurz. Wer will die Ruhe seines Lebens der Bestimmtheit eines Kunstwerks aufopfern? Auch hier, wie allenthalben, ist der Gedankenzwang der Vater der Barbarei; der Despotismus wird des guten Geschmacks Mörder.

Empfohlene Zitierweise:
Johann Gottfried Herder: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung). Carl Wilhelm Ettinger, Gotha 1793, Seite 83. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Zerstreute_Blaetter_V.djvu/99&oldid=- (Version vom 1.8.2018)