Seite:Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen.pdf/244

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Anrecht auf die mit Karl des Kühnen Tochter, der Erbin von Burgund, erlangten niederländischen Provinzen wurde nicht aufgegeben; durch die spätere Verheiratung ihres beiderseitigen Sohnes Philipp von Oesterreich mit der spanischen Königstochter Juana öffnete sich dem Hause die Aussicht auf die ganze spanische Monarchie, auf die spanischen Besitzungen in Italien und über den Ocean hinüber in die ferne neuentdeckte Welt, die noch wie ein großes verschleiertes Geheimniß voll fabelhafter Wunder und Goldländer ruhte. Endlich verheiratete Maximilian I. im Jahre 1525 seinen Enkel Ferdinand mit Anna, der Tochter Wladislaw VII., Königs in Böhmen und Ungarn, Schwester Ludwig II. des bei Mohacz umgekommenen letzten Ungarnkönigs, und gewann dadurch dem Hause Oesterreich für immer das Anrecht auf Ungarn, Böhmen, Mähren, Schlesien und die Lausitz. Hätte Maximilian die blutigsten Eroberungskriege geführt, er würde nicht so viel Land an das Erzhaus gebracht haben, als ihm durch Heiraten und Erbschaften an dasselbe zu bringen gelang. Im Jahre 1496 war Maximilians Vetter Erzherzog Sigismund, mit Tode abgegangen; Maximilian wurde Erbe, und vereinte mit dem Erzhause die Lande Tyrol, Krain, Kärnten, die Küstenländer, den Breisgau, das Elsaß, so wie Theile Schwabens und der Schweiz.

Ohne Kampf ließ sich indeß nicht alles erreichen, doch war das Waffenglück meist auf Maximilians Seite, nur fehlte ihm allzuhäufig der nervus rerum[WS 1] gerendarum. Ein Krieg gegen die Schweiz, die ihre alte Freiheit behauptete, endigte nicht siegreich für den deutschen Kaiser; der Friede zu Basel, 22. Sept. 1499 sicherte diesem Lande seine Unabhängigkeit und Selbstständigkeit auf ewige Zeiten. Maximilian hatte den Dauphin von Frankreich Karl VIII. seine Tochter Margarethe verlobt, und ihr Burgund als Heirathgut verschrieben, er selbst vermählte sich zum zweiten male mit Anna von Bretagne durch Procuratie. Karl VIII. sandte seine Verlobte heim, raubte des Schwiegervaters Vermählte und verehelichte sich mit dieser selbst. Kampf war die Folge, endlicher Friede die Folge des Kampfes. Der 19. August 1493 hob Maximilian I. auf den deutschen Kaiserthron. Seine erste Heldenthat als Kaiser war eine große und würdige; er jagte die schon bis Laibach vorgedrungenen Türken in ihre Grenzen zurück. Hierauf schloß er einen Ehebund mit der Herzogin Bianca Maria Galeazzo von Mailand, und setzte seinen Sohn Philipp zum Regenten der Niederlande ein, zog gegen Karl VIII. nach Neapel, gab Deutschland die nicht dankbar genug zu würdigende Wohlthat des allgemeinen Landfriedens und gründete das Reichskammergericht. Im raschen Zuge eilte Maximilian I. aus Italien nach Burgund, erzwang seinem Sohne mehrere ihm vorenthaltene Provinzen und nöthigte Louis VII. zum Friedensschluß. Aber der König von Frankreich hielt nicht Frieden, nicht Ruhe, er nahm Mailand ein, strebte nach der Herrschaft über ganz Italien, wollte Neapel theilen, und machte dem Kaiser viel zu schaffen. Gleichzeitig daraus erhob sich im Schosse Deutschlands selbst Krieg; Baiern stritt gegen den Kaiser. Ueberall Kampf und Wirren, in Italien, in Frankreich, in den Niederlanden, auch der Türke drohte aufs neue. Maximilian demüthigte Venedig, und führte ein Heer von 90,660 Mann über die Alpen gegen den Papst. Der sandte ihm eine Bulle entgegen, die ihn zum römischen Kaiser ernannte. Das deutsche Heer wurde darüber geopfert. Im Verlauft dieser Kämpfe, die von Friedensschlüssen unterbrochen waren, verlor Frankreich Italien und alle Ansprüche an dasselbe gänzlich, während König Heinrich VIII. von England, im Bunde mit Maximilian, mit 80,000 Mann in Frankreich einfiel. Kaum waren in diesen Ländern die Kampfeswogen beruhigt, so wollte der Kaiser gegen die Türken ziehen, aber der Reichstag verweigerte die Mittel zur Heeresausrüstung; dies kränkte Maximilian I. sehr, und bald darauf endigte der Tod sein bewegtes Heldenleben. In ruhigerer Zeit wäre er ein Beglücker Deutschlands geworden, das ihm ohnehin viel dankte; das Kriegswesen hob er auf eine ganz neue Stufe der Vervollkommnung, die Posten führte er ein. Wissenschaften und Künste förderte er. Jenes furchtbare und schreckliche Gericht, das wie ein unüberwindlicher Drache seine Opfer forderte, die Vehme, wurde von Maximilian besiegt, obschon es noch in lang nachhaltigen Zuckungen sich durch spätere Jahre kund gab, denn noch 1530 ist in Briefen von Freigrafen und Richtern des kaiserlichen Freistuhls in Westphalen die Rede. Die Eintheilung Deutschlands in zehn Kreise, die Jahrhunderte hindurch die alten Ländernamen erhielt und sich vielfach zweckmäßig erwieß, war ein Werk Maximilians.

Auch der Poesie war Maximilian hold ; sein Kanzler, Melchior Pfintzing, mußte sein heldenhaftes Jugendleben in einem großen allegorischen Gedicht verewigen, das ist der Theuerdank; sein Geheimschreiber, Marcs Treitzsauerwein, eine halbmythische Lebensgeschichte mit verschleierten Namen der Personen und Länder ausarbeiten, das ist der Weiskunig. Beide Werke wurden mit trefflichen Holzschnitten Hans Burgkmayers und Hans Schäufeleins reichhaltig geschmückt, und die auf des Kaisers Kosten veranstalteten jetzt seltnen Prachtdrucke der 1517 erschienenen ersten Ausgabe des vielbelobten Theuerdank auf Pergament gehören zu den Zierden großer Bibliotheken. Dieses Gedicht ist mit Ursache geworden, daß man Maximilian I. den letzten Ritter genannt hat. Als „Theil fürs Ganze“ mag die Redensart gelten, denn mit Maximilians Zeitalter blühte die ritterliche Zeit ab, so weit sie namentlich auch das Gebiet der deutschen Kunst und Architektur, der Wehre und Waffen, des Schmuckes und Geschmackes mit umfaßte, denn eine andre Richtung brach sich Bahn: Freude und Geschmack an wälschen, obschon auch schönen und wohlberechtigten Formen – aber männlich ritterliche Herzen und Helden fehlten Deutschland auch nach Maximilian nicht, die unterm Silber- und Eisenpanzer, in Pfalzen oder in schlichten Burgen pochten. – Maximilians Stern erlosch in den Morgenstrahlen einer neuen Zeit; er war dem von Wittenberg heraufglühenden Lichte nicht abhold, doch konnte er, was es bringe, noch nicht ahnen, und

sah es nicht ohne Besorgniß nahen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: reren