Seite:Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen.pdf/313

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-313.jpg


Rudolf II., deutscher Kaiser.
Geb. d. 18. Juli 1552, gest. d. 20. Jan. 1612.


Der gelehrte Sohn Kaiser Maximilian’s II. und der Maria von Oesterreich, Carls V. mehr unglücklicher als glücklicher Enkel, in der Hofburg zu Wien geboren und für den Thron erzogen, ohne den innern geistigen Beruf in sich zu haben, demselben eine Zierde zu sein.

Rudolfs Leben fiel in die Zwischenzeit zwischen den Reformationskriegen und dem dreißigjährigen Krieg, eine Zeit, deren Beginn noch mannigfach stürmisch bewegt war, bis mehr und mehr eine Schwüle eintrat, die den Ausbruch neuer noch heftigerer Stürme befürchten ließ. Rudolf war Jesuitenschüler, und erhielt in Spanien seine Erziehung, daher ward Unduldsamkeit gegen andere Glaubensrichtungen, als die der alleinseligmachenden katholischen frühzeitig in seine Seele gepflanzt, außerdem aber neigte sein Sinn sich zu den Wissenschaften der Mathematik und Physik, der Astronomie und Astrologie mit großer Vorliebe hin, Wissenschaften, welche zu seiner Zeit immer noch von Fürsten und Gelehrten, oft genug freilich nur als geistige Spielwerke und Steckenpferde gepflegt wurden, und er erlangte in diesen Wissenschaften weit mehr Kenntnisse, als in der Kunst zu regieren, und Länder und Völker durch weise Gesetze und wohlwollende Fürsorge zu beglücken. Durch alle Stadien seines Regentenlebens – Rudolf wurde 1572 König von Ungarn, 1575 König von Böhmen, 1576 deutscher Kaiser – war er ein Gelehrter auf dem Throne, dem der Stand der Gestirne wichtiger war, als der Stand der politischen Angelegenheiten in seinen Reichen. Mit besonderer Neigung Alchymist, suchte Rudolf den Stein der Weisen, während sein Herz versteinerte gegen die Bitten seiner protestantischen Unterthanen um Glaubensfreiheit oder mindestens um Duldung. Da der Kaiser diese nicht gewährte, vielmehr nach allen Seiten hin sie unterdrückte, sowohl in Oesterreich, wie in Böhmen, so entstanden überall Unruhen und Aufstände, welche, wenn es auch gelang, sie mit Gewalt der Waffen zu bewältigen und nieder zu halten, heimlich fortglimmten, und den verderblichen Brand vorbereiten, schüren und nähren halfen, der 6 Jahre nach Rudolfs II. Ableben in hellen Flammen emporschlug und dreißig Jahre lang für Deutschland zur Gottesgeißel wurde.