Seite:Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen.pdf/367

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Christian thomasius.jpg


Christian Thomasius.
Geb. d. 1. Jan. 1655, gest. d. 23. Sept. 1723.


An der Markscheide einer düstern Epoche, wo diese sich von der helleren Zeit schied, die über Deutschland heraufzudämmern begann, stand Thomasius mitten inne, selbst ringend mit dem Dunkel und freudig die Bahn der neuen Zeit einschlagend. Der Vater, Jacob, war zu Leipzig Rektor an der Thomasschule und lebte lange genug, den Bildungsgang des Sohnes zu leiten und ihn für die wissenschaftliche Laufbahn vorzubereiten. Mit 20 Jahren ging der junge Thomasius auf die Universität zu Frankfurt a. O., nachdem er schon einige Jahre vorher zu Leipzig das Baccalaureat und die Magisterwürde erlangt hatte, blieb in Frankfurt a. O. bis 1679 und wurde dort Doctor Juris. Vom belebendsten Einfluß war und blieb auf den jungen Gelehrten das glänzende Vorbild Friedrich Wilhelm II., des großen Kurfürsten von Brandenburg, der eine Stütze deutscher Wissenschaftlichkeit war. Nach Leipzig zurückgekehrt, begann Thomasius Vorlesungen über Rechtswissenschaft und praktische Philosophie, und sah sich eben dieser praktischen Richtung halber bald genug in Zwistigkeiten und manchen gelehrten Streit verwickelt. Wie Luther die Klügeleien der Scholastik mit starkem Geist zertrümmert hatte, so versuchte Thomasius mit klarem Geist und frischem Muth den Kampf mit den spitzfindigen Sophistereien, welche als Basis der Philosophie seinen Zeitgenossen noch galten; auf das innigste aber befreundete er sich mit einem der berühmtesten dieser Zeitgenossen, mit August Hermann Franke. Thomasius versuchte die Wissenschaft fruchtbar zu machen für das Leben, suchte Vorurtheile zu bekämpfen, den Schlendrian zu beseitigen, wahre Volksbildung zu befördern, und vieles gelang ihm, gegen manches auch kämpfte er vergebens an, der unsterbliche Zopf pedantischer Schulgelahrtheit z. B. war zu dick, als daß die Scheere der schonungslosesten Gegenwirkung ihn ganz abzuschneiden vermocht hätte. Thomasius wagte die unerhörte Neuerung, Dissertationen und Programme in deutscher Sprache zu schreiben, er wagte es in deutscher Sprache seine Vorlesungen anzukündigen und zu halten, und dennoch wurden diese, zum Grauen der alten Perücken, zum Erdrücken voll. Thomasius wagte noch mehr – mit scharfer Kritik und beißendem Witz