Skizzen aus dem Zollparlament/2. Süddeutsche Charakterköpfe

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Titel: Süddeutsche Charakterköpfe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 367-368
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Teil 2 der Skizzen aus dem Zollparlament, Süddeutsche Charakterköpfe (1)
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Skizzen aus dem Zollparlament.

2.0 Süddeutsche Charakterköpfe.
Die Parteistellung. – Volk. – Fürst v. Hohenlohe-Schillingsfürst. - v. Thüngen. – v. Schrenck und v. Neumayr. – v. Aretin. – Militärprediger Lukas.


Wenn die Leser der Gartenlaube bei diesen Zeilen verweilen, ist die große Versammlung, in deren Mitte sie geführt werden sollen, geschlossen. Wie der Erfolg derselben auch gewesen sein möge, immer werden die hervorragendsten der Volksvertreter die Theilnahme des deutschen Volks auf längere Dauer sich erworben haben, denn wenn irgend wer den Beruf hat, auf den Gang der Geschicke seines Vaterlandes ernsten Einfluß zu üben, so sind es die erwählten Abgeordneten des Volkes. Das erste deutsche Zollparlament bestand zu drei Viertheilen aus Mitgliedern des Norddeutschen Reichstags. Nur siebenundachtzig Abgeordnete hat der Süden Deutschlands gewählt. Im Reichstag haben die Kämpfe um hohe constitutionelle Fragen erwiesen, daß die fortschrittlichen Fractionen nur über wenig Stimmen mehr gebieten, als die conservativen Parteien des Hauses. So mußte im Zollparlament Denjenigen der Sieg zufallen, für die sich die Mehrheit der süddeutschen Abgeordneten entschied, vorausgesetzt, daß die Parteien des Parlaments nach derselben Richtung sich sonderten und stimmten, wie im Reichstage. Dies war aber keineswegs immer der Fall. Eine durchaus andere Coalition zeigten die Debatten über die deutsche Frage, eine andere die Verhandlungen über die großen wirthschaftlichen Gesetzentwürfe, über die das Zollparlament zu entscheiden hatte. Bündnisse von heut auf morgen wurden geschlossen und lösten sich. Die Parteien lebten so zu sagen von der Hand in den Mund. Kein Wunder, wenn sich preußische Hochtories, gemäßigte Conservative, Nationale, Fortschrittsleute, Radicale, Ultramontane, Bairisch-Conservative, Schutzzöllner, Freihändler, und zwar verschämte und unverzagte, Tabakbauer, Weinhändler, Hochöfenbesitzer und Flachsspinner in einem Hause und in einem Beschlusse zusammenfinden mußten.

Indessen, wie immer die Majorität sich neigen mochte, immer war die Majorität der Süddeutschen eine sehr ansehnliche Stimmenzahl, häufig entscheidend. Schon aus diesem Grunde verdienen sie besondere Beachtung. Daß wir sie allein den Lesern vorführen, hat darin seine Rechtfertigung, daß die Mitglieder des Norddeutschen Reichstags den Stammgästen der Gartenlaube längst bekannt sind. Ist aber ein vergleichender Blick gestattet auf die Abgeordneten Norddeutschlands im Vergleich zu Denen, die der Süden nach Berlin sandte, so geht unser Urtheil dahin: Der Süden hat mehr Originalcharaktere gewählt, als der Norden, Redner von außerordentlicher Begabung, mehr Feuer, mehr zündende Beredsamkeit, als sie in den Räumen des Reichstags in der Regel gehört wird, mehr Köpfe, die sich äußerlich und geistig betrachtet durch ihre hervorragende Eigenthümlichkeit dem Beobachter unverlöschlich einprägen, sehr viel heißblütige Naturen, die auch bei weißen Haaren das südliche Temperament bewahrt haben, die in den ruhigen Stunden, wo sie lediglich als Zuhörer der Debatte folgen, so viel Bewegung in Miene und Blick zeigen, wie die lebhaftesten Redner Norddeutschlands auf der Tribüne. Die meisten Süddeutschen haben wir in den Sitzungen aufgeregt gesehen, – gewiß nicht ihrer Natur und Gewohnheit nach, wohl aber deshalb, weil die trennende Frage, die unter der harmlosen Tagesordnung von Weinzoll, Roheisen oder Petroleumsteuer schlummerte, die deutsche Frage, urplötzlich, jeden Augenblick in hoher Lohe hervorzuschießen drohte und dann allerdings auch ein norddeutsches Gemüth in Schwingung versetzte. Indessen auch solche Männer hat der Süden gesandt, aus Regierungskreisen und aus dem Volke, die über ein Antlitz voll Ruhe und Kälte, über eine Rede voll Klarheit und staatsmännischer Feinheit ebensowohl zu verfügen hatten, als über die Gewalten eines tieferregten Gemüths und Herzens. Zu ihnen zähle ich vor Allen den wackern Völk aus Baiern. Im Ganzen kann gesagt werden, daß die Intelligenz, das Wissen, die Beredsamkeit, die der Süden gestellt hat, sich mit denen des Nordens ruhig messen können. Das Einzige, was der Norden voraus hat, und namentlich die Abgeordneten aus Preußen, ist die langjährige parlamentarische Erfahrung in einem großen Staate, die völlige Vertrautheit mit der schlechten Geschäftsordnung, die Gewohnheit, in allen parlamentarischen Fragen Fühlung zu suchen mit verwandten Seelen, die Stimmung der leitenden Mächte zu erforschen, die Taktik der Debatten, z. B. die Auswahl der Redner, die Reihenfolge der Anträge etc. in Scene zu setzen. Indessen auch diese Künste können gelernt werden.

Wohl ziemt es, die Charakterbilder der Abgeordneten aus Süddeutschland zu eröffnen mit dem Fürsten v. Hohenlohe-Schillingsfürst. Er verdient diese Auszeichnung nicht nur als erster Vicepräsident des Zollparlaments, sondern hauptsächlich deshalb, weil er in seiner Stellung als bairischer Ministerpräsident die ungetheilte herzliche Verehrung jedes freidenkenden Deutschen in reichem Maße für sich beanspruchen darf. Noch niemals wohl hat ein bairischer Minister das erste Portefeuille in schwierigerer Lage übernommen, als Fürst Hohenlohe mit dem Neujahrstag 1867. So oftmals früher vollzog sich ein Ministerwechsel in Baiern lediglich aus jener gemüthlichen Liebe zur Abwechselung in den Personen der nächsten Umgebung des Herrschers, die bei dem halbpatriarchalischen Verhältniß der Krone zum Volke Niemand wunderbar oder bestürzend gefunden, Niemand verlangt hatte. So sahen wir längere Jahre hindurch die Herren v. d. Pfordten und v. Schrenck sich abwechselnd ablösen auf dem Posten des bairischen Bundestagsgesandten in Frankfurt und dem des bairischen Ministerpräsidenten in München. Aber eine tiefe fundamentale Aenderung der bairischen Politik, nicht bloßen Personenwechsel, bedeutete der Antritt des Fürsten Hohenlohe. Wie sein Vorgänger v. d. Pfordten ist auch Hohenlohe nicht bairischer Geburt; Baiern und Oesterreich lieben es, seit Jahrhunderten ihre staatsleitenden Stellen an Männer aus dem „Reiche“, am liebsten an die Söhne des altreichsfreiherrlichen Adels zu vergeben. Hier aber trat ein Mann ein, dessen fürstliches Blut ihn nicht gehindert hatte, ernsten Studien obzuliegen, von der untersten Staffel an die wunderbare Ordnung und Tüchtigkeit der preußischen Staatsverwaltung kennen zu lernen. Er hatte auf den [368] Universitäten Göttingen, Heidelberg und Bonn, theilweise zugleich mit seinem um ein Jahr älteren Bruder, dein Herzog von Ratibor, Mitglied des Reichstags und Zollparlaments, studirt, verließ erst, nachdem durch Erbvertrag die Standesherrschaft Schillingsfürst, nach der er sich nennt, im baierischen Regierungsbezirk Mittelfranken gelegen, an ihn gefallen war, den preußischen Staatsdienst, wandte fortan seine ganze öffentliche Thätigkeit Baiern zu und trat im Jahre 1846 als erblicher Reichsrath in die Erste baierische Kammer. Hier ist er von jeher unter denen gestanden, die sich durch wohlwollenden politischen und kirchlichen Freisinn und deutsche Gesinnung auszeichnen. Seine Berufung zum Ministerposten war die Anerkennung seines braven Charakters, seiner Grundsätze. Aber, wie gesagt, eine Aufgabe voll ernstester Größe stand vor ihm. Alle Kreise des Volkes, ja der Hof selbst waren leidenschaftlich erregt und der verschiedensten Meinung darüber, wie die Resultate des für Baiern so ruhmlosen Krieges für die Zukunft zu verwerthen seien. Armeereorganisation, Vereinfachung der Justiz und Verwaltung im Innern, die Gründung eines Südbundes oder der engere Anschluß an Preußen, das waren die Fragen und Begehren, die er am Neujahrstag 1867 unerledigt auf dem Ministertische fand. Die Gährung im Volke, unterhalten durch die herrschsüchtigen Ultramontanen und die verbissenen Particularisten, die in Hohenlohe die deutsche Gesinnung haßten, war eher im Steigen, als im Fallen. Dazu denke man sich die Person des jugendlichen, wohlwollenden, aber tausend dem Minister feindlichen Einflüsterungen ausgesetzten Königs, sowie die Unmöglichkeit, jetzt schon das Geheimniß des am 22. August 1866 geschlossenen Bündnißvertrags mit Preußen zu offenbaren, und man wird die peinliche Lage des Ministers ermessen. Aus diesen eigenthümlichen Verhältnissen ist zu erklären, wenn der Fürst Hohenlohe bald von dieser bald von jener Partei der Schwäche, der Halbheit, der Unaufrichtigkeit geziehen wird. Die Wahrheit ist aber das Gegentheil. Ein Minister von deutscher Gesinnung in einem Staate, in dem der crasseste Particularismus und der heimathlose Ultramontanismus das Ruder zu führen gewöhnt sind, kann nur durch das behutsamste Auftreten, nur durch schrittweise Vorwärtsbewegung hoffen, sich dem Lande zu erhalten. Und dies versteht Hohenlohe meisterhaft. Aber daß er unter Umständen, und wenn die Lage dazu angethan ist, auch deutsch zu reden und energisch zu handeln vermag, hat er im October 1867 bewiesen, als es galt die Schutz- und Trutzbündnisse mit Preußen und die Zollvereinsverträge bei der widerstrebenden Ersten baierischen Kammer durchzusetzen. Seit ihm dies gelungen ist durch die Beihülfe der Zweiten Kammer und die lebhafteste Unterstützung aus dem Volke, ist seine Stellung um Vieles sicherer und klarer. Daß er sorglos einen Monat lang seinen Sitz im Zollparlamente nehmen konnte, ist wohl der beste Beweis dafür.

Der Einfluß Hohenlohe’s auf die Versammlung ist bedeutend. Er erstreckt sich von der Fraction der Freiconservativen aus, bei der er und sein Bruder eingetreten sind, über die Conservativen, einen großen Theil seiner baierischen Landsleute und auf die baierische Fortschrittspartei, die in ihm den frei- und deutschsinnigsten Minister verehrt, den Baiern seit Jahrzehnten gesehen. Die äußere Erscheinung Hohenlohe’s macht einen sehr wohlthuenden Eindruck. Er ist nur mäßig groß, aber sehr proportionirt gebaut. Sein intelligentes Gesicht scheint fortwährend über Staatsgeheimnissen zu sinnen; sein Auge ist offen und frei. Die wenigen Worte, die er bei seiner Wahl zum Vieepräsidenten sprach, waren vortrefflich nach Inhalt und Form.

Indessen auch die offenen und geheimen Gegner des Fürsten Hohenlohe haben aus Baiern ein ansehnliches Contingent zum Zollparlament gestellt. Als officieller Führer der vereinigten particularistisch-baierischen und ultramontanen Opposition gegen das Ministerium Hohenlohe gilt den Baiern der Freiherr v. Thüngen. Zu diesem Titel berechtigt ihn seine hervorragend aristokratische Stellung als Senior seiner Familie, Erbküchenmeister des Herzogthums Franken, baierischer Kämmerer, lebenslänglicher Reichsrath und zweiter Präsident der Ersten Kammer. Nicht minder wohl sein vornehmes, den Feinheiten parlamentarischer Feldzüge durchaus gewachsenes Benehmen, sein imponirendes Aeußere – er ist der zweitgrößte aller Süddeutschen – sein kräftiges Alter, seine Redegabe, die die alte Kunst österreichischer Erzherzöge, die Kunst des Anbiederns, in reichem Maße an den Mann zu bringen weiß. Indessen gerade weil man ihm diese Kunst Seiten seiner eigenen Landsleute erfahrungsmäßig zutraut, ist sein Auftreten im Zollparlament, namentlich bei der Adreßdebatte, von der baierischen Fortschrittspartei am meisten mit überwiegendem Mißtrauen ausgenommen worden.[1] Seine Versicherungen deutschester Gesinnung, seine Erklärung, auch er sehe den Eintritt Baierns in den Norddeutschen Bund mit Wohlbehagen, harmonirten wenig mit seiner Opposition gegen seinen deutschgesinnten Minister, seine Begeisterung für den Zollvereinsvertrag wenig mit der Thatsache, daß er an der Spitze der baierischen Reichsräthe bis zum letzten Augenblick im vorigen Herbst Alles aufbot, die Annahme des Vertrages in Baiern zu hintertreiben. Indessen die leitenden Köpfe dieser particularistisch-ultramontanen baierischen Coalition sind in den Herren v. Schrenck und v. Neumayr zu suchen. Beiden steht eine außerordentlich viel größere parlamentarische und diplomatisch-regierungsgeübte Erfahrung zur Seite. Beide sind zudem nach wie vor die Muster gutösterreichischer Gesinnung in Baiern. Beide leisteten der Reaction ihre Dienste nach ihrer Weise, v. Schrenck als Alterego des Herrn v. d. Pfordten bald in Frankfurt a. M. am Bundestag, bald als baierischer Premier, v. Neumayr als ordentlicher und außerordentlicher Diplomat am Stuttgarter Hofe und bei anderen Höfen. Aber doch trägt ein glückliches Blatt baierischer Geschichte den Namen Neumayr. Die wichtigen inneren Reformen, die sich in Baiern vom Jahre 1859 an vollzogen: Trennung der Rechtspflege von der Verwaltung, Aemterreorganisation, Judenemancipation, sind unter Neumayr’s Ministerium des Innern (von 1859 –1865) angebahnt und durchgesetzt worden.

Der beste, ehrwürdigste Name, den diese Partei zum Zollparlament sandte, gehört jetzt einem Todten an. Freiherr Carl Maria v. Aretin, der langjährige Vorstand des baierischen National Museums, ist in den ersten Tagen des Zollparlaments vom Schlage gerührt worden. Nur wenig geistiges Interesse bietet die lange Reihe altbaierischer Adelsgeschlechter der Grafen v. Arco-Steppberg und Arco-Valley, Aretin, der Freiherren v. Eichthal, v. Ow, und zu Rhein, die unter v. Thüngen’s Führung im Zollparlament tagen, wenig auch die bürgerlichen Anhänger dieser Richtung, die Diepolder, Edel, Hasenbrädl, Miller. Wohl aber gesellen sich ihnen zu äußerst interessante Köpfe aus dem streitbaren Lager der katholischen Kirche. Da ist der baierische Militairprediger Lukas mit seinem scharfgeschnittenen Pfaffengesicht, so charakteristisch, als habe man es aus jenen alten deutschen Holzschnitten genommen, die das Lied vom großen Papst Hildebrand illustriren, mit seinem langen Talar, und dem unheimlichen Wechsel zwischen jesuitischer Ruhe und Tücke in den Augen. Es ist in der That ein streitbarer Pfaff, wie in Hutten’s Tagen, wo sie bald die Feder führten, bald das Schwert um die Lenden gürteten. Er hat beides gethan. Er hat über die Geschichte der Stadt und Pfarrei Cham, über Schiller’s religiösen Fortschritt und Tod geschrieben, er hat sich auch in Broschüren versucht, die sich schon durch den Titel als wilde Pamphlete bekunden, wie: „Der Schulzwang, ein Stück moderner Tyrannei“, „Die Presse, ein Stück moderner Versimpelung“. Dann im Jahre 1866 ist er mit in den Krieg gezogen. Jetzt brütet er in Berlin über Tabak, Roheisen und Petroleum – scheinbar – denn so oft er spricht, sprühen die Funken unversöhnlichen Hasses gegen den großen protestantischen Staat im Norden, der dem Evangelium Lukä und der „modernen Versimpelung“, die von den Römlingen so gern in die Volksschule als „ein Stück moderner Tyrannei“ getragen würde, die eherne Stirn seiner Bildung, seiner Sittlichkeit und seiner Macht entgegenstellt.



(Schluß folgt.)
  1. * Sollte unser geehrter Berichterstatter bei Beurtheilung dieses Mannes nicht durch die gefärbte Brille der Partei gesehen haben?
    D. Red.