Spazierstockpflanzungen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Anton Oskar Klaußmann
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Spazierstockpflanzungen
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1909, Neunter Band, Seite 221–224
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1909
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Spazierstockpflanzungen.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[221] Spazierstockpflanzungen. – Man nimmt im allgemeinen an, Spazierstöcke erhalte man dadurch, daß man mehr oder minder gerade Äste von Bäumen oder Zweige von Sträuchern, wo man sie eben findet, abschneidet und zu Spazierstöcken verarbeitet. Es gibt aber tatsächlich eine besondere Zucht von Spazierstöcken, und der größte Erzeuger dieses eigenartigen Handelsartikels lebt in Frankreich und heißt M. Camus. Er besitzt ungefähr zweihundert Hektar Spazierstockpflanzungen, welche jährlich vier Millionen Spazierstöcke geben, und auf denen er Hunderte von Arbeitern beschäftigt. Hier werden Kastanien, Eichen, Haselnuß, Ahorn und Maulbeerstämme gepflanzt. [222] Andere Spazierstockpflanzungen richten sich nach dem Klima, in dem gewisse Baumarten gedeihen, so der Ginster in der Bretagne, der Weiß- oder Rotdorn im Departement Cher und endlich der Buchsbaum in den Pyrenäen.

Die Bewirtschaftung der Spazierstockpflanzungen ist eine sehr umständliche und erfordert höchste Vorsicht und Aufmerksamkeit. Man pflanzt kleine, aus dem Samen gezogene Pflanzen der betreffenden Holzart in regelmäßigen Reihen und hat während des ersten Jahres die Pflanze nur gegen Frost zu schützen. Nach Jahresfrist zeigt sie Neigung, sich strauchartig auszubreiten und zu verästeln. Sie wird dann unmittelbar über dem Boden abgeschnitten, damit sich der Wurzelstock kräftigt. Aus diesem treibt sie dann im nächsten Frühjahr wieder einen neuen geraden Schoß empor, der nun unter beständiger Aufsicht gehalten werden muß, damit er nicht entarte. Sowie sich nur der geringste Ansatz zu einem Seitenästchen oder zu einem Blatt bemerkbar macht, muß dieser Trieb ausgeschnitten werden, damit der Stock keinen Fleck bekommt.

Nachdem man die Pflanzen drei Jahre lang auf das sorglichste gehütet hat, muß eine Operation mit ihnen vorgenommen werden, durch welche viele zu Grunde gehen. Die geraden, blätterlosen Stengel werden nämlich mit Mustern versehen, die man mit Hilfe besonderer Apparate einschneidet. Um die Pflanze herum wird ein eiserner Ring gelegt, der sich an der Seite öffnen läßt und in seinem Innern eine Anzahl von Messern nach einem bestimmten Muster aufweist. Mit diesen Messern schneidet man durch die Rinde bis auf das Holz feine Rillen, die als Muster in dem Holze verbleiben, auch wenn die Rinde entfernt ist. Camus besitzt 120 verschiedene, gesetzlich geschützte Muster: Spiral-, Perlenform, griechische, altrömische, Renaissancemuster und so weiter. Dieses Musterschneiden kann nur in der Zeit vom 1. Februar bis zum 15. Mai erfolgen und muß durch Arbeiter vorgenommen werden, die darin große Übung besitzen. Sie müssen es im Gefühl haben, wie tief sie die Schnitte führen dürfen. Ein geübter Arbeiter kann 1200 Spazierstockstengel in einem Tage mit Mustern versehen.

[223] Die Rundbiegung am oberen Ende des Stockes, die sogenannte Krücke, kann, soweit sie halbkreisförmig ist, nicht von der Natur erzeugt werden. Wohl aber hat man es in der Hand, die rechtwinklig zum Stock stehende Krücke dadurch zu erzeugen, daß man einen Seitenast, der sich als besonders kräftig erweist, nicht vollständig vertilgt, sondern ihn weiterwachsen läßt. Man muß jedoch dafür sorgen, daß dieser Seitenast stets in derselben rechtwinkligen Lage zum Schößling bleibt.

Die mühevolle Aufzucht dieser Spazierstockschößlinge dauert drei, vier und fünf Jahre, bis sie zwei bis drei Meter lang sind. Dann werden die Stöcke geerntet. Man bringt sie in Werkstätten, wo sie mit Hilfe von mechanischen Sägen auf die Länge von 11/2 Meter geschnitten werden. Dann läßt man sie an der Luft trocken und bringt sie darauf in ein Dampfbad, um die Rinde zu lockern. Letztere läßt sich dann, wie beim Aal die Haut, durch eine geschickte Hand auf einmal von dem Stock herunterziehen. Vermittels rotierender Bürsten wird hierauf der letzte Rest von Rinde und Unsauberkeit von dem Stock entfernt. Stöcke, die eine natürliche Rundkrücke erhalten sollen, kommen abermals in ein Dampfbad, wo sie so weich werden, daß sich der obere Teil des Stockes wie Gummi biegen läßt. Durch Pressung in besonderen Apparaten wird dann der Rundgriff am oberen Ende erzeugt.

Damit ist die Tätigkeit des Pflanzers beendet. Die Stöcke werden jetzt in Pakete zu 50 und 100 Stück gepackt und an die eigentlichen Stockfabrikanten verschickt. Camus hat stets ungefähr zwei Millionen Spazierstöcke auf Lager. Er ist auch der Erfinder der Spazierstöcke aus Krautstrünken. Es ist ihm nämlich gelungen, bei einer Kohlart[WS 1] durch besondere Maßnahmen den Strunk so hoch zu treiben, daß er zu Spazierstöcken verwendet werden kann. Diese Stöcke aus getrockneten Krautstrünken sind sehr dick, aber überraschend leicht und werden gern und viel gekauft.

Frankreich ist natürlich nicht das einzige Land, welches Spazierstöcke erzeugt. In Europa ist das nächstgrößte Produktionsland Österreich-Ungarn mit seinen zahlreichen guten Holzarten. Spanien liefert das bekannte spanische Rohr, [224] das aber auch von den Inseln des indischen Archipels, besonders von Borneo, Sumatra, und von den malaiischen Halbinseln kommt. Außerdem werden zu Spazierstöcken verarbeitet Tonkin-, Pfeffer- und Pigmentrohr, Oliven, Kornellkirsche und Vogelkirsche.

Der einfache Stock, der ohne alle Künstelei und nur am unteren Ende mit der sogenannten Zwinge versehen ist, kann schon im Dutzendpreis für eine Mark und selbst noch weniger auf den Markt gebracht werden. Je mehr Beiwerk aber der Stock hat, desto teurer wird er, und ein Stock aus französischer Vogelkirsche mit Silberbeschlag kann sich schon auf sechzig Franken stellen. Die Stöcke werden natürlich noch viel teurer, wenn sie Griffe aus getriebenem Silber oder Gold, von Elfenbein, Horn, Porzellan und so weiter erhalten. Die Mode spielt ja auch hierbei eine sehr große Rolle. Sie schreibt die Form des Stockes vor. Bald ist es der altertümliche Stock aus geradem Rohr mit rundem Knopf, bald die Form des Krückstocks, der durch Friedrich den Großen historisch geworden ist, dann wieder hascht die Fabrikation nach neuen Effekten und bringt Spazierstöcke aus Leder, aus Papier, aus Rhinozeroshaut oder Ochsenziemern oder Stöcke mit Griffen aus Geweihsprossen, wahre Totschläger, in den Handel. Auch Stöcke ganz aus Eisen oder Stahl werden angefertigt. Dann werden wieder einmal sogenannte Naturstöcke mehr Mode, wobei man wenig auf die gerade Linie gibt und die bizarre Form, wie sie die Natur erzeugt, bevorzugt.

A. O. K.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gemeint ist wahrscheinlich der Palmkohl.