Stein- und Braunkohlen und Torf (4)

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Textdaten
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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Stein- und Braunkohlen und Torf - Woraus entstanden die Steinkohlen?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 572-574
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Stein- und Braunkohlen und Torf.[1]
Von E. A. Roßmäßler.
Woraus entstanden die Steinkohlen?

Zwischen den Bedürfnissen, nicht blos des Menschengeschlechts, sondern aller Thier- und Pflanzengeschlechter und den tausenderlei Befriedigungsmitteln jener besteht ein so inniges und oft so überraschend bedingtes Wechselverhältniß, daß man sich über Diejenigen nicht zu sehr wundern darf, welche die allerdings wunderliche Meinung aussprechen, es seien jene Befriedigungsmittel eine vorausbedachte Abhülfe für das später auftretende Bedürfniß. Bei den Steinkohlen hört man diese sonderbare Umkehr zwischen Ursache und Wirkung zuweilen auch aussprechen. Ein vorausbedachter Wille soll da die Steinkohlen im Schooße der Erde niedergelegt haben, damit sich später mit ihrer Hülfe die großartige Industrie unseres Jahrhunderts entwickele! Ist es nicht gescheidter, die Sache einfach zu nehmen, wie sie ist, d. h. Ursache und Wirkung in ihrer naturgemäßen Aufeinanderfolge zu lassen und zu sage: das Vorhandensein der Steinkohlen ist eine selbstständig bedingte Thatsache, und erst in zweiter Linie wird sie die Ursache für den ungeheueren Aufschwung unserer Industrie.

Immerhin aber bleibt es ein erhabener Gedanke, die Ereignisse unserer Tage mit Zuständen in unmittelbarem Folgezusammenhange zu sehen, welche vor Millionen von Jahren stattfanden, die Wurzeln des mächtig und über den ganzen Erdkreis verzweigten Baumes der Industrie der Culturvölker Tausende von Fußen tief in den Erdboden verfolgen zu können.

Wo jetzt der Bergmann im finstern Schacht die Steinkohle bricht – die unerläßliche Bedingung der Fabrikindustrie, die emsige Gehülfin des Arbeiters, das oft blos erträumte Gut des Actienschwindels – da grünte einst eine stille Pflanzenwelt in üppiger Fülle, so verschieden in ihren Formen von der gegenwärtigen, daß ein Bild dadon, an die heutigen Fundstätten der Steinkohlen gezaubert, unserem Deutschland einen durchaus fremdartigen Charakter geben würde.

Es ist schon mehrfach versucht worden, nach den vorhandenen versteinerten Ueberresten der Steinkohlenpflanzen landschaftliche Bilder jener Pflanzenwelt zusammenzustellen. Nebenstehendes Bild hat auch einen solchen Versuch gemacht und ein Blick auf dasselbe lehrt uns, daß Saarbrücken und Zwickau, wenn wir sie wieder mit einer solchen Pflanzenwelt umgürten könnten, das Ansehen von Städten der Südsee-Inseln oder von Peru gewinnen würden. Damit soll jedoch nur ein oberflächlicher Vergleich ausgesprochen und keineswegs gesagt werden, daß auf den Südsee-Inseln und in Peru oder überhaupt irgendwo auf der Erde eine solche Pflanzenwelt zu finden sei. Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß von allen jenen Pflanzenarten keine einzige auf uns gekommen ist, ja, daß die meisten Geschlechter und sogar ganze Familien derselben völlig ausgestorben sind.

Machen wir mit der alle Hindernisse überwindenden Gedankenlocomotive eine botanische Excursion in einen Steinkohlenwald. Auch die Naturwissenschaft, die doch vor allem sich unbestechliche Nüchternheit bewahren muß, auch sie hat ihre Zaubermärchen und Feengärten. Es würde meinen Lesern die geistige Rückkehr in längst verklungene Aeonen oder Zustände, und somit den Erfolg meiner Worte erleichtern, wenn sie mit disem Blatte in der Hand hinuntersteigen könnten in einen tiefen Kohlenschacht, um in einer ausgebeuteten Weitung bei dem schwachen Scheine des Grubenlichtes unser Bild zu betrachten und die nachfolgende Schilderung zu lesen.

Unser Blick dringt nicht in weite Ferne und unser Fuß schweift nicht auf bequemen trockenen Pfaden, denn eine dichte Pflanzenwelt hüllt uns in ein mattes Dämmerlicht und der Boden ist von Wasser durchtränkt und vielfach von Lachen und natürlichen Canälen verdeckt. Die Luft ist mit feuchtwarmen Dünsten erfüllt und das Sonnenlicht fällt nicht in blendenden Strahlen von einem blauen Himmelsgrund hernieder, sondern durchleuchtet als weißer Schein die dampferfüllte Atmosphäre.

Der Ort, wo wir uns befinden, ist ein Punkt in dem pflanzenreichen flachen Ufergelände, welches einen großen Binnensee umschließt, [573] dessen süßes Wasser in zahlreichen Buchten und Kanälen in seine Ufer eindringt.

Ehe wir die einzelnen Formen dieser uns fremden Pflanzenwelt mustern, lassen wir die nicht minder bfremdende Stille des Ortes in unser Gemüth einziehen. In den Wipfeln der uns umragenden Bäume tänt nicht das kräftige Rauschen unserer deutschen Laubwälder, sondern nur ein feines, melancholisches Säuseln bebt über uns in der Luft, ähnlich demjenigen, welches der Abendwind hervorruft, wenn er durch die feinbenadelten Kronen eines Kieferngehölzes auf einsamer Hügelkuppe im Felde streicht. Kein einziger thierischer Laut mischt sich in dieses verstohlene Kosen des warmen Lufthauches mit der zarten Belaubung. Ein frischer grüner Wald ohne Sänger, etwas uns völlig Neues, umgibt uns; ja, selbst die Insectenwelt ist nur durch wenige vereinzelte Stücke vertreten. Dagegen ist das Wasser von Thieren mancherlei Art belebt und zwischen ihm und dem Lande spielt schon hier wie auch heute eine Amphibie, der sonderbare Archegosaurus, eine Eidechse, die Vermittlerrolle. Schnecken und Muscheln bedecken den schlammigen Grund der Gewässer, über welchem die Fische in bereits sehr großer Mannichfaltigkeit der Arten ihr Element durchgleiten, hier, wo Alles stumm ist, den Beinamen der stummen eigentllch nicht verdienend. Höheres zeigt uns die Thierwelt nicht, denn Vögel und Säugethiere ruhen noch tief in der unerschöpflichen Vorrathskammer schöpferischer Gestaltungspläne.


Die Gartenlaube (1858) b 573.jpg

Ein Blick in einen Steinkohlenwald.


So ist denn unsere Aufmerksamkeit beinahe allein an die Pflanzenwelt gewiesen.

Der erste Blick erinnert uns an den melancholischen Charakter unserer Fichtenwälder und diese unwillkürliche Vergleichung läßt es uns Anfangs übersehen, daß hier etwas fehlt, weil es ja auch unseren Fichtenwäldern, wenn auch nicht so gänzlich, mangelt: der bunte Blüthenschmuck. Grün und nur Grün in vielen Abstufungen. Die Form der Blätter ist im wesentlichen nur eine dreifache: die einfache Nadelgestalt unserer Kiefern und Fichten, die säbelförmigen Blätter unserer sogenannten Schilfgewächse und die fein zusammengesetzten Blätter der Farrenkräuter. Nur einige niedrige unscheinbare Pflanzen zeigen noch eine andere Blattform. Unsere Erinnerung an die Pflanzenschätze der Gewächshäuser macht uns nach und nach vertraut in dieser Geister-Pflanzenwelt. Wir glauben Casuarinen und Araucarien, Fichten, Pandanen und baumartige Farren zu sehen, welche letztere auch in der That in reicher Mannichfaltigkeit in diesem unterirdischen Zauberhaine vor uns stehen. Aber jene Casuarinen und die anderen täuschenden Formen sind etwas ganz Anderes und mit Ausnahme der Farrenkräuter haben wir durchaus nur Pflanzen vor uns, welche höchstens Familienähnlichkeit und nur wenige, welche Gattungsverwandtschaft mit heutigen haben.

Keiner der Bäume trägt in die Augen fallende Früchte, noch weniger solche, welche zur menschlichen Nahrung dienen könnten. Doch dazu war ja auch in jenen Jahrtausenden kein Bedürfniß [574] vorhanden, wo das Menschengeschlecht noch tief im Schlummer des Nichtseins ruhte und noch lange auf den Weckruf zu warten hatte, welcher erst dann allmählich laut und immer lauter werden konnte, als die Bedingungen des Entstehens und des Bestehens des Menschengeschlechts sich immer günstiger gestalteten. Wir befinden uns also bei unserer gedachten Wanderung durch den Steinkohlenwald recht eigentlich in einer Lage, die für menschliches Sein gar nicht angethan ist.

Mit steigendem Interesse betrachten wir die Einzelnheiten. Vor Allem fallen uns schlanke Stämme dicht vor uns in die Augen, denn ihre Rinde zeigt eine Zierlichkeit und Regelmäßigkeit der Bildung, die wir noch an keinem lebenden Gewächse sahen. Die Wissenschaft gab diesen Bäumen auch ganz dieser Rindenbeschaffenheit angemessene Namen. Hier steht eine Gruppe schlanker Schuppenbäume, Lepidodendron, (links im Vordergrunde des Bildes) – deren oben gabelästig getheilte Stämme zierlich beschuppten Schlangenleibern gleichen. Die reiche luftige Krone besteht aus dicht und lang benadelten Zweigen, und gewinnt dadurch eine große Aehnlichkeit mit unsern Kiefern, namentlich mit der aus Nordamerika eingeführten Weimuthskiefer. Die Schuppenbäume haben jedoch mit den Nadelhölzern unserer Tage nichts gemein; sie sind die kräftigen Ahnen eines in der Gegenwart verkommenen Geschlechts, der Bärlappgewächse, Lykopodien, welche jetzt entweder wie die Moose, denen sie auch ähnlich sind, am Boden kriechen, oder höchstens 1 bis 2 Fuß hoch sich über denselben erheben. An den Spitzen der Triebe zeigen die Schuppenbäume, wie manche unserer Bärlapparten, zapfenähnliche Bildungen, zwischen deren Blättchen sie die kleinen Fruchtkapseln tragen.

Durch einen kleinen Canal getrennt, treffen wir – (rechts im Vordergrunde) – eine schlanke Sigillaria, Sigillaria, was wir deutschthümelnd Siegelbaum übersetzen müssen. Die glatte, zarte Rinde derselben ist reihenweise mit zierlichen Eindrücken besetzt, welche wie bei den Schuppenbäumen die bleibenden und sich sogar noch fortbildenden Spuren der abgefallenen Blätter sind. Diese elegante Rindenbildung ist bei dieser Gattung eben so wie bei den Schuppenbäumen beinahe das einzige Mittel, die verschiedenen Arten zu unterscheiden, deren man von ihnen weit über 30 und bei den Schuppenbäumen über 40 unterscheidet.

Doch wir schauen uns den unserm Standpunkte, der durch das Wasser sehr beschränkt ist, weiter um und bemerken – (rechts im Mittelgrunde des Bildes) – mehrere Arten bamartiger Farrenkräuter, einer Pflanzenfamilie angehörend, welche Jeder liebt, der ihre eigenthümliche Organisation und Laubentfaltung und ihre besondere Bedeutung als Glied in der Reihe des Pflanzensystems neben ihrer einfachen Schönheit kennt. Während die gegenwärtige Flora Europa’s nur etwa 50 Arten zählt, welche nur einen kleinen Bruchtheil der etwa 6000 Arten betragenden Flora Europa’s bilden, waren die Farrenkräuter in der Steinkohlenflora die herrschende Pflanzenclasse. In runder Summe kann man etwa 500 Pflanzenarten aus den Schichten der Steinkohlenformation als bekannt annehmen, und von diesen sind 250 Farren, über 100 schuppenbaumartige Bärlapppflanzen und baumartige Schachtelhalme, welche beide den Farrenkräutern sehr nahe verwandt sind. Hier rechts ganz in unserer Nähe bei dem Stamme einer Sigillaria steht ein junger kräftiger Farrenstock, an welchem wir die eigenthümliche spirale Entfaltung der zwei jungen Blätter sehen, welche jedoch auch an den entfernter stehenden baumartigen deutlich erkennbar ist.

Was sind das für sonderbare Gewächse, welche zu den Füßen jener zwei sich kreuzenden Farrenbäumchen dicht am Ufer im Wasser stehen? Wenn bei den andern bisher betrachteten unsere hülfreiche Einbildungskraft in der Hauptsache das Richtige getroffen haben wird, so ist diese Pflanze, von der drei Stöcke vor uns stehen, vielleicht nichts weiter als Phantasiegebilde; wenigstens wird sie von vielen Naturforschern dafür erklärt, indem sie behaupten, daß diese Gebilde, die man namentlich in den englischen Kohlengruben häufig findet, nicht sowohl selbstständige Pflanzenarten, sondern nichts Anderres als Wurzelstöcke der Sigillarien seien, deren Stamm von jenen abgebrochen sei, und die man allerdings fast immer in der unmittelbaren Nachbarschaft der Stigmaria findet, wie man diese räthselhaften oder wenigstens streitigen Gebilde nennt.

Links jenseits des Wassers bemerken wir, den Farrenbäumchen gegenüber, einen dichten Trupp von baumartigen Gewächsen, welche die regelmäßige längsgestreifte quirlartige Zweigstellung der Kiefern zeigen. Es sind Calamiten, deren regelmäßig längsgestreifte Stämme in den Schiefer- und Sandsteinschichten der Steinkohlenformation außerordentlich häufig vorkommen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sie zu der Familie unserer Schachtelhalmgewächse gehören. Wie bei den Schuppenbäumen, so glaubte man auch von den Calamiten bis heute, daß ihre auf uns gekommenen überlebenden Familienverwandten sämmtlich nur schwächliche, kleine, höchstens einige Fuß hohe Pflanzen seien, und man erblickte darin ein Zurückgehen der schaffenden Natur in diesen niedern Pflanzenordnungen, während in den höheren ein Fortschreiten stattfindet. Allerdings waren die bis heute bekannten Schachtelhalme nur schwächliche Gebilde gegenüber den Calamitenbäumen der Steinkohlenflora. Ganz neuerdings hat jedoch Spruce in den Urwäldern von Peru Schachtelhalme von 20 bis 30 Fuß Höhe gefunden, so daß dadurch der Abstand zwischen der ältesten und der heutigen Pflanzenwelt wieder um einen Schritt geringer geworden ist.

Die schlanken Stengel, welche hier vor uns aus dem Wasser emportauchen, sind dagegen schwer zu deuten und haben in der Jetztwelt nicht ihres Gleichen. Es sind Asterophylliten und Annularien, welche durch ihre quirlförmig stehenden Blätter einigermaßen an unsere Labkräuter erinnern.

Den Hintergrund unserer Landschaft bilden die majestätigschen Gestalten von Nadelbäumen, welche sich aber sehr von den heutigen unterscheiden.

Dies ungefähr ist es, was uns die von der Wissenschaft erleuchtete Vorstellungsgabe über die Steinkohlenflora vormalt. Außerordentlich groß muß die Fruchtbarkeit des jugendlichen Bodens gewesen sein in der Hervorbringung so großer Pflanzenmassen, daß aus ihnen die unerschöpflichen Steinkohlenvorräthe sich bilden konnten; und mit Interesse sehen wir unser Bild wieder an, denn wir erblicken auf ihm die geistig wiedererweckten Gründer unserer großartigen Industrie. Wie sie aus dieser wurden, soll uns im nächsten Artikel beschäftigen.





  1. Siehe die Nr. 42 u. 46 des Jahrg. 1857 u. Nr. 15 von 1858.