Stimmen gegen das Alamode-Unwesen

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Titel: Stimmen gegen das Alamode-Unwesen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 687–688
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[687] Stimmen gegen Alamode-Unwesen. Es ist bekannt, wie die deutschen Lehr- und Strafdichter seit Brants „Narrenschiff“ ein gut Theil ihrer Angriffe gegen das Nachäffen des Fremden, besonders in der Tracht gegen die Bevorzugung fremder und neuer Stoffe und Moden vor den einheimischen und von den Vätern ererbten gerichtet haben. Die Auffassung dieser Dichter ist gegenüber dem Standpunkte, den die Jetztzeit zu dieser Frage einnimmt, im wesentlichen eine ideale. Sie kämpfen gegen das der Menschenwürde Ungeziemende, wie Brant, wenn er in der Erläuterung des vierten Bildes seines Narrenschiffes, auch auf heutige Albernheiten noch passend, sagt:

„Jetzt lernen Männer Weiberart
Und schmieren sich mit Affenschmalz
Und lassen am entblößten Hals
Viel Ring’ und goldene Ketten seh’n.“

Sie kämpfen vor allem gegen den in der Nachäffung des Fremden sich aussprechenden Mangel an Selbstgefühl und Vaterlandsstolz, wie [688] wenn Logau, gerade anderthalb Jahrhunderte nach Brant, in bitterem Unmuthe ausruft:

„Frankreich hat es weit gebracht, Frankreich konnt’ es schaffen,
Daß so manches Volk und Land ward zu seinem Affen,“

oder:

„Alamode-Kleider, Alamode-Sinnen;
Wie sich’s wandelt außen, wandelt sich’s auch innen.“

Heutigen Tages, in unserem Zeitalter der Volkswirthschaftslehre, macht man – und hoffentlich bald mit mehr Erfolg – außerdem und hauptsächlich einen anderen Gesichtspunkt geltend, den der materiellen Schädigung, die das Volk erleidet, wenn es den gleichen Zweck erfüllende einheimische Erzeugnisse durch Bezug fremder, angeblich besserer verdrängt oder doch entwerthet. Heute rechnet man dem Volke, Männlein wie Weiblein, die Millionen vor, die für Hosenstoffe nach England, für Seidenkleider und -Bänder nach Frankreich, für Straußenfedern nach dem Kaplande gehen, u. dergl. m.

Aber auch diese Auffassung hat ihre Geschichte. Oft sind beredte Kanzelredner ihre Träger gewesen, nicht nur ein Geiler von Kaisersberg, der Brants „Narrenschiff“ seinen Predigten zu Grunde legte, nicht nur der bekannte norddeutsche protestantische Prediger Balthasar Schupp und der weit bekanntere süddeutsche katholische Abraham a Santa Clara. Auch mancher andere wackere Kanzelredner beider Bekenntnisse hat in ähnlicher Weise für des deutschen Volkes Wohl gestritten, nur daß diese Predigten nicht immer so bekannt geworden sind.

Als Beispiel hiervon soll ein für die angedeutete Auffassung der Frage besonders bezeichnender Theil einer in G. v. Buchwalds „Deutschem Gesellschaftsleben“ mitgetheilten Predigt angeführt werden, die der würdige Dr. Musculus i. J. 1565 in Frankfurt a. O. gehalten hat:

„Ich sage, daß, wo Deutschland noch länger stehen soll, so würde kein Pfennig darinnen bleiben, nachdem es die Krämer und Kaufleute mit Wagen und Schiffen hinausfahren und bringen uns Hosenlappen, Kartel, Seiden und andere Dinge mehr herwieder, daß man wohl sagen darf, Frankfurt a. M. sei jetziger Zeit das Thor, durch welches alles Geld aus Deutschland in fremde Nation geführt wird. Es geschieht aber uns deutschen Narren recht; also wollen wir es haben. Und dieweil Fürsten und Herren können zusehen, solche Pracht von ihren Unterthanen können dulden und leiden, daß jetzunder junge Leute schier mit ihren Hosen allein das Geld aus dem Lande bringen, daß ein junger … löffel mehr zu einem Paar Hosen muß haben, als sein Großvater für alle seine Kleidung, so müssen sie alle auch vorlieb nehmen, daß sie mit den Unterthanen in Armuth gerathen, und, wenn heut oder morgen uns große Noth stößt, daß man sich für fremden Nationen soll schützen, daß wir dann kein Geld im Lande haben und unser arm Vaterland zum Raub gesetzt wird fremden Völkern, die das Geld zuvor naus haben, mögen Land und Leute dazu nehmen.“

Oft sind solche beherzigenswerthe kräftige Mahnungen und Warnungen in deutschen Landen erklungen, aber man hat sie immer nicht recht hören wollen. Doch ist es in den letzten Jahrzehnten in erfreulicher Weise besser damit geworden, und ebenso wie die Erzeugnisse der deutschen Industrie und Gewerbethätigkeit denen des Auslandes nicht mehr von vornherein nachgesetzt, sondern nach ihrem Werthe bevorzugt werden, müssen die welschen Worte unserer Umgangs- und Verkehrssprache mehr und mehr dem zutreffenden deutschen Ausdrucke weichen. Das Alamode-Wesen hat seine Macht verloren in deutschen Landen.