Thankmar’s Tod

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Textdaten
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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Thankmar’s Tod
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 178–179
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Thankmar’s Tod.
Ein Stück deutscher Reichsgeschichte.

Das ganze erste Jahrzehnt der Herrscherzeit Otto’s des Großen, den die Geschichte als den eigentlichen Gründer des ersten deutschen Kaiserreichs betrachtet, bildet eine ununterbrochene Kette blutiger Fehden mit den blutsverwandten oder verschwägerten Gliedern der eigenen Familie und den der Unterwerfung unter ein königliches Haupt widerstrebenden Fürsten der einzelnen Stämme. Von diesen Kämpfen löst sich der Aufstand des kaiserlichen Stiefbruders Thankmar als eine selbständige erschütternde Tragödie heraus, die mit dem Tode des unglücklichen Helden ihren grausigen Abschluß fand.

Heinrich der Erste, mit dem volksthümlichen Beinamen der „Finkler“, hatte, als er noch schlichter Herzog in Sachsen war, die anmuthiqe Hetheburg, eine Tochter des reichen Grasen Erwin, gefreit und zu Merseburg, dem gräflichen Burgsitze, mit ihr ein glänzendes Beilager gehalten. Die Kirche erkannte aber diese, wie es scheint, ohne ihre Mitwirkung geschlossene Ehe nicht an, der Erzbischof von Halberstadt lud vielmehr die beiden Gatten vor das geistliche Gericht, welches die Ehe für gelöst erklärte und dem Kinde, das Hetheburg bereits unter dem Herzen trug, die Rechte der ehelichen Geburt absprach. Das Kind war jener Thankmar. Heinrich verheirathete sich später von Neuem in rechtsgültiger Ehe mit Mathilde, einer Enkelin des alten Sachsenherzogs Wittekind, und dieser Ehe entsprossen zwei Söhne, Otto und der jüngere Heinrich, bei dessen Geburt Heinrich der Finkler schon König war. Als der letztere an dem Markstein seines Lebens stand, empfahl er den deutschen Fürsten Mathildens erstgeborenen Sohn Otto als seinen Nachfolger in der Königswürde. Die Fürsten wählten auch einstimmig Otto zum König, wenn er auch nicht wie sein jüngerer Bruder Heinrich im Purpur geboren war, ein Umstand, den dieser später zum Grund blutiger Befehdung des kaiserlichen Bruders nahm.

Thankmar fügte sich erst willig in das von der staatlichen und kirchlichen Satzung ihm diktirte herbe Los, bis ein Ereigniß die schlummernden Triebe seines Ehrgeizes ins Wachen rief und zu verhängnißvollem Handeln antrieb.

Graf Siegfried, dem schon unter Heinrich dem Finkler die Statthalterschaft von Sachsen anvertraut und der über die unterworfenen Wenden entlang der ganzen Ostmark des Reichs gesetzt war, hatte das Zeitliche gesegnet, und Thankmar glaubte einen Anspruch auf diese bedeutsame Stellung erheben zu können, um so mehr, als er durch seine Mutter Hetheburg mit dem Grafen Siegfried blutsverwandt war. Er sah sich jedoch in seiner Erwartung getäuscht; denn Otto verlieh die Stelle dem Grafen Gero, dem Sprossen eines bisher noch unrühmlichen Geschlechts am Unterharz. Es mochte ihn dazu wohl die politische Erwägung bestimmt haben, daß eine solche Machtstellung den in seinen Kindesrechten gekränkten, seinem Charakter nach als leidenschaftlich und habgierig gescholtenen Bruder leicht zu weiteren gefährlichen Unternehmungen des Ehrgeizes anregen könne. Thankmar nahm indeß die Kränkung nicht willig hin, sondern sann darauf, das Verweigerte sich mit Gewalt zu verschaffen. Der eigenen Macht entbehrend, mußte er darauf ausgehen, sich einen mächtigen Bundesgenosten zu schaffen, und fand ihn in Herzog Eberhard von Franken, der gleich Thankmar den Groll gekränkter Ehre im Herzen nährte.

Herzog Eberhard besaß nämlich im Hessenlande, das damals zu Franken gehörte, reiche Güter, mit denen sächsische Edelleute belehnt waren. Die Sachsen aber waren darüber stolz geworden, daß jetzt aus ihrem Stamme die Könige gekürt wurden, und hielten es wohl [179] für unschicklich, einem Franken dienstbar zu sein. So verweigerte der Sachse Breuning, Eberhard’s Lehnsmann, diesem offen den Gehorsam. Eberhard hatte ihn darum eigenmächtig, ohne des Königs Vermittelung anzurufen, schwer gezüchtigt, seine Burg verbrannt, die Besatzung getödtet. König Otto aber hatte diesen offenen Bruch des Landfriedens an Eberhard mit einer Buße von hundert Pfund Silber und an dessen Kampfgenossen mit der entehrenden Strafe des „Hundetragens“ von Franken bis zum Königssitze auf der Pfalz zu Magdeburg bestraft. Die Bestraften fügten sich zwar dem Richterspruche, sannen aber im Geheimen auf Wiedervergeltung der ihnen vermeintlich zugefügten Unbill. Während der König sich in Bayern aufhielt, übten sie von Neuem offene Gewaltthat wider die Sachsen, die unter der Botmäßigkeit von Otto’s jüngerem Bruder Heinrich standen. Der Kampf wurde mit allen Gräueln der Verwüstung geführt, und selbst die von dem zurückkehrenden König den Empörern angebotene Verzeihung fachte ihn nur zu helleren Flammen an, da man sie als Schwäche deutete. Jetzt glaubte Thankmar auch für sich die Zeit zum Handeln gekommen. Er überfiel in nächtlichem Hinterhalte die Feste Beleke in Westfalen, in welcher sein Stiefbruder Heinrich saß, nahm diesen gefangen und führte ihn gebunden Eberhard zu, gleichsam als Unterpfand ihres gemeinsamen Rachebundes. Dann zog er verheerend weiter durch Westfalen bis zur Eresburg, die er besetzte.

Der Aufruhr hatte jetzt so große Ausdehnung angenommen, daß die Stellung des Königs aufs Aeußerste gefährdet erschien. Da brach zum Glück für diesen in Eberhards Reihen eine Spaltung aus, und König Otto gewann dadurch Zeit, zunächst den Kampf gegen den treulosen Stiefbruder allein aufzunehmen. Er zieht mit einem Heere nach der Eresburg. Dort öffnen ihm im wachgewordenen Gefühle der Untreue die Bewohner freiwillig die Thore, und Thankmar geräth dadurch in die äußerste Bedrängniß. Dem Verlassenen bleibt zur Rettung des Lebens nichts weiter übrig als das Asylrecht der Kirche, und er flüchtet in die dem Apostel Petrus geweihte Ortskirche. Dort legt er den Schild und die goldne Kette, das Zeichen seiner fürstlichen Geburt, auf den Altar nieder und erfaßt diesen mit den erschöpften Armen, also sich sicher dünkend im Schutze des Heiligen. Aber seine Verfolger achten diesen Schutz nicht. Es sind die Mannen seines Stiefbruders Heinrich. Die ihrem Herrn von Thankmar angethane Schmach hat sie aufs Tiefste erbittert; sie wollen dieselbe rächen um jeden Preis, selbst um den des eigenen Seelenheils. Gewaltsam erbrechen sie das Thor des geweihten Asyls und dringen mit bewaffneter Hand in das Heiligthum ein. Thankmar, obwohl bis zum Tode erschöpft, rüstet sich zum Widerstande und nimmt den schimmernden Schild wieder vom Altare. „Ein Sachse,“ berichtet nach den Chroniken Giesebrecht, „mit Namen Thietbold trifft ihn, und Schmähungen begleiten den glücklichen Streich, aber sofort giebt ihn Thankmar mit noch besserem Erfolge zurück, und Thietbold haucht am Altare den Athem aus. Immer heißer entbrennt der Streit. Tapfer vertheidigt sich Thankmar, bis ihn ein Wurfspeer im Rücken trifft, der durch das Kirchenfenster, das dem Altar zunächst gelegen, auf ihn geschleudert ward. Rettungslos sinkt er endlich am Altare hin; ein Krieger Otto’s mit Namen Maincia gab ihm den letzten Stoß und raubte die goldne Kette vom Altare.“

In Otto’s Willen lag dieser blutige Abschluß des Dramas durchaus nicht. Er erfüllte vielmehr sein Herz mit tiefer Betrübniß. Denn trotz aller Energie und thatkräftigen Herbe besaß der Kaiser einen durchaus versöhnlichen Charakter. Das bewies er in den schweren Kämpfen, welche ihm nachher sein leiblicher Bruder Heinrich und sein Schwager, der Herzog Giselbrecht von Lothringen, bereiteten, in denen auch Maincia den sühnenden Tod erlitt. Immer und immer wieder verzieh Otto den Verirrten, bis die Gewalt dieser Großmuth namentlich des Bruders Herz völlig umkehrte und ihn zum treusten Genossen des Kaisers machte.

Endlich waren denn auch alle streitenden Stämme versöhnt, einten sich willig unter das gemeinsame Oberhaupt und zogen, als die Horden der Ungarn und Hunnen das Vaterland bedrohten, in Treue geeint wider dieselben zum siegreichen Kampfe.

Fr. Helbig.