Thier-Charaktere/Talentvolle Vorstehhunde

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Textdaten
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Autor: Adolf und Karl Müller
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Titel: Talentvolle Vorstehhunde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 640–642
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Thier-Charaktere
Von Gebrüder Adolf und Karl Müller
Talentvolle Vorstehhunde.

Wie lebhaft weckt das Deicker'sche Bild in mir die Erinnerung an meinen unvergeßlichen Bruno glorreichen Angedenkens! Ja, dasselbe Bravourstück, wie das des Musterhundes aus der Illustration meines waidmännischen Freundes, hat gar manchmal mein braver, langjähriger Gefährte auf der Geflügeljagd bestanden.

Bruno war von echtem deutschen Stamme und hatte die Vielseitigkeit seiner Rasse. Er bethätigte seine Anhänglichkeit an seinen Herrn in glänzendem Maße, indem er seine Heimath – Staden in der Wetterau – von Darmstadt aus, wo er meine Spur während eines Platzregens verloren hatte, vierzehn Stunden Weges weit in kurzer Zeit wiederfand, nachdem er den Schienenweg in verschlossenem Raume von Friedberg nach der hessischen Hauptstadt zurückgelegt. Er ist trotz seiner reinen deutschen Abkunft mein flüchtigster, temperamentvollster Hühnerhund gewesen, von jener hochläufigen Art, deren Suche und Ausdauer mit der des englischen Pointer wetteifert, deren Vielseitigkeit aber die immer beschränkteren Eigenschaften des letzteren weit überragt.

Noch gedenke ich des Tages, wo Bruno die erste praktische Probe auf der Hühnersuche ablegte, sein „erstes Feld“ bestand. Ich, damals noch ein Jüngling, sollte von dem Zöglinge auf das Schlagendste an diesem Tage belehrt werden. Das Wetter war windig, weshalb die Feldhühner nicht gut „hielten“. Als der Hund auf das erste „Geläufe“ (Spur) von Hühnern kam, stand er einen Augenblick mit hoher Action, um sogleich in einem Bogen fortzustürmen und im Nu auf etwa fünfzig Schritte wieder nach mir herumzufahren und gleichsam in eine Bildsäule sich zu verwandeln. Nicht durch das Gebahren des Thieres, sondern durch mein lautes Rufen und corrigirendes Hinzulaufen nach demselben stand die zwischen ihm und mir liegende „Kette“ Hühner auf, und das feurige, noch unerfahrene Thier eilte den

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Die Gartenlaube (1880) b 641.jpg

Vorstehhund. Originalzeichnung von F. Deiker.

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Ich gewahrte damals bei der ersten Führung meines Schülers, wie Faust am Pudel:

„Von Geist nicht eine Spur,“

denn ich wähnte:

„Alles ist Dressur.“

Befangen im Dogma der alten nimrodischen Schultyrannen, hatte ich Kurzsichtiger meinem braven Bruno so das seltenste Talent eines Hühnerhundes, das sogenannte Coupiren oder abschneidende Umkreisen, für immer ausgeprügelt. Aber dafür nahm der Hund mir schließlich durch sein festes Auftreten gänzlich alle Glaubensseligkeit an die Unfehlbarkeit der sogenannten Parforcedressur. Bald lag hinter mir „in wesenlosem Scheine“ der ganze Unsinn aus der Rumpelkammer jägerischer Ueberkommenheiten, und ich kehrte meinem Thiere gegenüber von nun an den freundlichen, humanen Führer statt des einseitigen kurzsichtigen Drängers und Gänglers heraus. Sein „Appell“ – ah! wie brachte er mir den Begriff davon und die einfache Kunst, denselben zu erwecken und zu fördern, bei! Das Thier belehrte mich, daß Gehorsam beibringen nichts Anderes bedeute, als durch liebevollen, häufigen Umgang Vertrauen und Anhänglichkeit zu erwecken, welchen dann natürlich Willigkeit und Folgsamkeit auf dem Fuße folgen.

Bald hatte Bruno inne, daß ich auf manchen Ausgängen Vogelnester zur Beobachtung aufsuchte, und rasch war er der eifrigste und beste Finder derselben. Ein Gleiches lernte er an meiner Schonung junger Häschen, an welchen er, wie noch mehrere meiner Hühnerhunde, die ausgesprochenste Großmuth übte. Er beleckte die Kleinen sogar, als wenn er sie liebkosen wolle. Auch selbst schon aus dem Lager rutschende Häschen machte er nie Miene zu schnappen: das kluge, überlegende Thier sah sie als nicht jagdbar an. Ebenso war er behutsam und schonend gegenüber den aufgefundenen Nestvögeln. Mit wahrhaft verächtlichen Blicken sah er dem „herausfahrenden“ Hasen nach, oder er ignorirte diesen förmlich, wenn er im „Ausmachen“ von Feldhühnern oder der Schnepfe auf der Waldsuche begriffen war. Wie der „ferme“ Hund auf unserem Bilde dem eben aufgestandenen „Lampe“ wohl lebhaft, aber mit bezähmter Leidenschaft nachblickt, weil er sich seines Apportirdienstes wohl bewußt ist, so sah mein Bruno, ein eben erlegtes Huhn im „Rachen“ (Maul), oft genug den neben und um ihn aufstehenden Hühnern nach, dabei noch obendrein das „Einfallen“ derselben beobachtend.

Talentvolle Vorstehhunde überragen in der Praxis sogleich ihre geistlosen Cameraden von gröberem Sinne und plebejischerer Natur. Das Talent ist eben auch in der Thierwelt aristokratisch. Deswegen ist es auch der Grundsatz und das Bestreben jedes einsichtsvollen, thier- und naturkundigen Waidmannes, nur beanlagte Hühnerhunde heranzuziehen und zu führen. Der feinsinnige Jäger will auch einen analogen Hund, an dessen „Arbeit“ er sein waidmännisches Vergnügen nur erhöht sieht. Und hierdurch gerade unterscheidet er sich so entschieden von dem dilettantenhaften Sonntagsjäger, der sich mit dem gemeinen, talentlosen Köter herumtreibt. Ein guter Hund bildet einen guten Jäger. Vortreffliche Leistungen ermuntern, spornen einander an. Aber Ungeschicklichkeit des Jägers schädigt wiederum ein nicht daran gewöhntes Thier auch um so empfindlicher.

An Bruno erlebte ich einmal Folgendes: Nach einer schlaflosen Nacht stand ich vor Tag auf, um Hühner zu „verhören“, das heißt in der Absicht, deren Aufenthalt an ihrem „Rufen“, ihrem Aufstreiche und alsbaldigen Einfallen in der Morgendämmerung zu erforschen und sie sodann bei vorgerückter Zeit mit dem Vorstehhunde anzusuchen. Dies geschah auch, und alsbald stand Bruno vor der Kette in gewohnter Sicherheit und Meisterschaft. Doch ich fehlte das günstig aufstehende „Volk“ zweimal; ich fehlte gleich darauf noch mehrmals die in einer Kleeflur zersprengten, von dem braven Hunde Stück für Stück „ausgemachten“ und einzeln herausstreichenden Hühner. Das war dem Hunde angesichts seiner tadellosen Arbeit ein waidmännisches Verbrechen, und er lohnte es mir endlich mit einer gleichen auffallenden That; er sprang förmlich ein und jagte die Hühner im Unmuthe heraus. Ja, zuletzt bei einer wiederholten Ungeschicklichkeit meinerseits fing er an, vor mir zu heulen. Welch eine sprechende That der Rüge, des Mißbehagens!

Erwähnen muß ich noch einen merkwürdigen Seelenzug, der an einem andern Hunde beobachtet wurde; in ihm bethätigte sich eine Regung, welche der Mensch gewöhnlich nur für sich in Anspruch zu nehme pflegt: das Gewissen. Mein verstorbener Vater hatte eine Hündin, Bella mit Namen, die Mutter Bruno's, welche es bei ihrem sanften Herrn gut hatte. Das gab Veranlassung, daß Frau Bella eine Feinschmeckerin wurde, und dieses sociale Laster bewegte die in Haus und Hof wie auf der Hühner- und Schnepfensuche sonst so Tadellose, eine Diebin zu werden. Sie stahl die Hühner- und Enteneier. Aber wie verrieth jedesmal nach vollbrachter That die Ruthe, dieser sprechendste Theil des Hundes, mit der ganzen Haltung des Körpers das, was in ihrem Innern vorging! Gekrümmt nach unten stand die Ruthe, und das Gesicht nahm einen merkwürdigen Ausdruck an, so, als ob es das Licht des Tages scheute. Dies geschah aber nicht etwa nach schon empfangener Rüge oder gar Bestrafung, nein, es machte sich stets geltend, so oft man die Bella von der Stube aus auf der Dieberei beobachtete. Der Pfiff aus dem Fenster verwandelte Madame Bella plötzlich in eine erbärmliche Büßerin. Verlegenheit, Scham, Angst spiegelte sich in der kriechenden, sich windenden, ertappten Sünderin, die mit den Augen blinzelte, den „Behang“ rückwärts legte und mit der Ruthe in kurzem, abgebrochenem Wedeln beichtete.

Zum Schluß noch ein Beispiel von der Charakterstärke eines Hühnerhundes!

Mein Caro war es, der auf einem Hasentreiben der Spur eines von mir angeschossenen Hasen folgte, denselben zuletzt in einem ungefähr eine Viertelstunde fernen Wäldchen fing und sofort zu bringen sich anschickte. Holzhauer gewahrten den Hund mit dem gefangenen Hasen und ließen sich zu dem Versuch verleiten, die Beute dem Thiere abzujagen. Caro, ein gewaltiger Hühnerhund deutscher langhaariger Rasse, der bei Bedrohung auf den Mann ging, wich anfangs, seines Dienstes eifrig eingedenk, aus, setzte sich aber gegen einen ihn mit einem abgebrochenen Aste bedrängenden Holzhauer zuletzt entschieden zur Wehr, biß ihn empfindlich, sodaß der Dränger und die übrige Rotte Holzhauer zurückwichen. Der tapfere Hund galoppirte nun mit seiner Beute großartig davon und brachte vor der Fronte der applaudirenden Schützenlinie seinem hochbefriedigten Herrn den Hasen.

Caro war ein Zögling meiner späteren Abrichtungsmethode, die dem Thiere von der zwölften Woche an durch frequente Beschäftigung mit ihm Alles spielend beibringt. Schon der sechszehnwöchentliche Hund brachte das Verlorene auf weite Strecken und suchte und fand das Verborgene in allen möglichen Verstecken, sogar auf Baumästen. Caro hatte nie einen Schlag von mir bekommen und war der beste Apporteur, den ich je besessen; er ging halbe Stunden Weges, Verlorenes suchend, mit sicherem Erfolge zurück. Bei seiner für einen Hühnerhund auffallenden Stärke (er maß reichlich siebenundfünfzig Centimeter Höhe) war es ihm ein Leichtes, einen Hasen in anhaltendem Galopp über Gräben und sonstige Hindernisse hinweg, den Fuchs, welchen er tapfer würgte, in schnellem Trabe zu bringen.

Solche Bravour entwickeln aber nur geistig und körperlich hervorragende Hühnerhunde, und ich wende mich deshalb am Schlusse dieser Plauderei an alle Waidgenossen und Thierfreunde mit der Befürwortung der praktischen Regel: nur begabte Thiere auszubilden.

Adolf Müller.