Topographia Braunschweig Lüneburg: Gemeine Beschreibung der Graffschaften Hoya und Diepholz

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Topographia Germaniae
Gemeine Beschreibung der Graffschaften Hoya und Diepholz
aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1654, S. 35–37.
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Gemeine Beschreibung der Graffschafft Hoya / vnd Diepholtz


Diese Graffschafft Hoya führet ohnzweifentlich ihren Nahmen von dem darin belegenen Schloß Hoya / darauff die Grafen von der Hoya vor Alters ihren Sitz gehabt. Woher solch Schloß aber erstlich benahmset / davon will sich keine gründliche Nachricht finden. Dann was Herman Hamelman in seiner Oldenburgischen Chronike im 14. Cap. deß 1. Theils / auß Laurentio Michaële berichtet / daß im Jahr Christi 1071. ein Edler Herr von Potenburg vnd Memmenburg / Heyo genant / diese Burg erbawet / vnd sie nach seinem Nahmen genennet / will mit der Historischen Warheit nicht überein stimmen / zumahln schon etliche hundert Jahr vorher der Grafen von der Hoya bey den Geschichtschreibern Meldung geschihet / vnd also dieser Nahme älter seyn muß / davon hieunten mit mehrem gemeldet werden soll.

Die Graffschafft ist in Westphalen gelegen / guten theils an dem Weserstrom / zwischen dem Fürstenthumb Minden / vnd der Statt Bremen. Gehöret demnach zum Westphälischen Kraiß / vnd haben die Herren Hertzogen zu Braunschweig Lüneburg / Zellischer Linie / deßwegen Sitz vnd Stimm auff den Westphälischen Kraißtägen.

Die Grentzen der Graffschafft seyn gegen Morgen / das Hertzogthumb Braunschweig / Calenbergischen Theils / vnd das Hertzogthumb Lüneburg / gegen Mitternacht / die Fürstenthümber Verden vnd Bremen / gegen Abend die Graffschafft Diepholtz / vnd endlich gegen Mittag das Fürstenthumb Minden. Sie wird in die Ober- vnd NiederGraffschafft vnterschieden.

Was vor Alters dieses Land vor Völcker bewohnet / ob es die Angrivarii, oder Chamavi, oder andere gewesen / kan man so eigentlich nicht wissen / die jetzigen aber seyn sonder Zweifel von den Saxen / welche in dem fünfften Seculo nach Christi Geburt (Vide Chytraeum Saxon. lib. 1.) von den Vfern der West- vnd Ost-See ab / sich vnter andern in Westphalen gezogen / vnd daselbst ihre Wohnung genommen / entsprossen. Vnter denselben seyn verschiedene vornehme Adeliche Geschlechter / deren theils gar außgangen / theils annoch verhanden.

Der Grund vnd Bodem dieses Landes ist an güte vnd Fruchtbarkeit vnterschiedlich. An theils Orten / sonderlich welche an dem Weserstrom gelegen / vnd von demselben befeuchtet werden / gibt es gute fruchtbare Aecker / welche Weitzen / Gersten / Rokken / Habern / Erbsen / Bohnen / Wikken / in grosser menge tragen / vnd dem mühsamen Ackersman die angewandte Arbeit wol belohnen. Auch mangelt es nicht an stattlichen Wiesen vnd Weiden / davon das Viehe seine Nahrung haben kan. Gestalt dann dieser Orten so wol das Horn- als ander Vieh / sonderlich gut / vnd also häuffig erzogen / gemestet vnd feist gemachet / vnd verkauffet wird.

Ausser dem Weserstrom / welcher / wie gesagt / diese Graffschafft auff etliche Meil weges durchfliesset / hat sie keine sonderliche Ströme oder Flüsse. Dieser eintziger aber / als ein schiffreicher Haupt-Strom / ist seiner herrlichen Nutzbarkeiten halber vielen andern billich vorzuziehen / Sintemal er nicht allein zur Schifffahrt gar bequem / vnd dahero die Schiffe in grosser Anzahl darauff hin und wieder fahren: sondern auch den Menschen zur Speise / allerhand Fische häuffig vnd reichlich dargibt. Wie dann der Weser Lachs / welcher in diesem Fluß sonderlich in grosser menge gefangen / geräuchert / vnd weit vnd breit verfahren wird / gnugsam bekant.

Die HauptStatt dieser Graffschafft ist die Statt Nienburg / ein fester Ort / vnd wegen der in dem Kriegswesen gehabten Zufälle nicht vnbekant / davon vnten mit mehrem. Vnweit von dem Hause vnd Flekken Hoya / ist ein Flekken / Bükken genant / gelegen / woselbst S. Rembertus, Ertzbischoff zu Bremen / eine Kirche erbawet / vnd eine [36] Probsteye / vnd Conventualen dabey gestifftet. Wie solches in M. Adami Bremensis historia Ecclesiastica, Item / in Historia Archiepiscoporum Bremensium incerti autoris à Lindenbrogio edita zu lesen. Ein geschrieben Nieder-Sächsisch Chronicon meldet davon dieses: Anno 877. bawete Rembertus auch die Klösterliche Kirche zu Bükkem in eine Wildnusse / vnd weihete dieselbe in die Ehre vnser Lieben Frawen / vnd S. Materniani, dessen Leichnam Er dahin brachte.

Belangend die Obrigkeit vnd Regierung dieses Landes / ist bekant / vnd gibt es der Nahme selbst / daß es hiebevor von den Grafen zu Hoya / wie auch zum theil von den Grafen zu Bruchhausen / biß zu Abgang solches Geschlechts / beherrschet worden. Hieoben ist gemeldet / was Hamelmannus in seiner Oldenburgischen Chronick auß Laurentio Michaële, vom Vrsprung der Grafen zu Hoya erzehle / damit verhält es sich folgender gestalt: Als Hayo / Herr zu Potenburg vnd Memmenburg / von den Rüstringer Friesen überfallen / vnd seine Vestung Memmenburg / welche er nach genommener Flucht hinter sich besetzt gelassen / erobert vnd geschleifft worden / habe er sich zu seinem Schwager / Graff Wilhelmen zu Bruchhausen / verfüget / vnd Ihn gebetten / daß Er der Verwandnuß nach / Ihm ein kleines Ländlein übergeben wolte / da Er eine Burg setzen / vnd auch sonsten seinen Ackerbaw / vnd andere Notturfft haben könte. Welches also geschehen / vnd habe Er darauff nicht allein nach seinem Nahmen / an der Weser Hayonis-Burg gebawet / im Jahr Christi 1071. vnd am 15. Maii den ersten Stein geleget / mit solchen Sächsischen Reimen:

Dussen Steen will ick hierin leggen vnd geten /
Dat Huß schal Hayenborg heten.

Sondern auch folgends seinem Sohn / Otten dem Jüngern / diese Burg mitgeben / vnd sollen von diesem Graff Otten die Hoyschen Herren entspriessen. Aber es wird solche Erzehlung billich von gedachtem Hamelman in Zweifel gezogen / vnd muß der Vrsprung der Grafen von der Hoya viel älter seyn / Sintemaln bey den Geschichtschreibern schon vmb das Jahr Christi 820. der Grafen zur Hoya Erwehnung geschihet. Daß Sie also vermuhtlich / nebenst andern Westphälischen Grafen / von Keyser Karl dem Grossen eingesetzt worden / Inmassen bekant / daß derselbe seinen gestiffteten Bischoffen Grafen / als Weltliche Richter zugeordnet. Vnter denselben ist sonderlich berühmt Graff Walther / welcher Keyser Heinrichen deß Vogelfängers Magister equitum gewesen / vnd in der Schlacht mit den Vngern / im Jahr 933. vmbkommen. Henninges in Genealogia. Aventinus Annal. Bojor. lib. 4. Im Jahr Christi 1294. ist gestorben Graff Johann / oder wie Ihn etliche nennen / Graff Gerhard von der Hoya / dessen Nachkommen biß zu dem letzten Grafen Otten / diese Graffschafft innen gehabt. Ein Theil davon ist vor Alters den Grafen von Alten vnd Newen Bruckhausen zuständig gewesen / deren zwar in Historien Meldung geschihet / aber von ihrem Herkommen vnd Wandel wenig Nachricht zu finden / gestalt Sie dann auch bald abgangen / vnd ihre Graffschafften an die Grafen zur Hoya kommen. Im Jahr Christi 1582. ist obbemeldeter Graff Otto / der Letzte dieses Stammes / mit Todte abgangen / vnd haben darauff die Lehenherren sich der Graffschafft angenommen / vnd dieselbe vnter sich vertheilet. Da dann Hertzog Wilhelmen zu Lüneburg die Aempter Hoya / Nienburg / Liebenau / Alten vnd Newen Bruchhausen / Hertzog Julio zu Braunschweig die Aempter Stoltzenau / Ehrenburg / Bahrenburg / Sick / Steigeberg / Siedenburg / vnd Diepenau / dem Landgrafen zu Hessen / Vcht vnd Freudenberg zugefallen.

Als im Jahr Christi 1634. der letzte Hertzog von Braunschweig / Wolffenbüttelischer Linie / Friederich Vlrich tödtlich abgangen / seyn obbemeldete hierdurch erloschene Hoysche Aempter / welche ins gemein die Ober-Graffschafft Hoya genant werden / Herrn Hertzog Wilhelmen / zu Braunschweig Lüneburg / Harburgischer Linie / zugefallen / vnd nach dessen tödtlichen Hinscheid in anno 1642. von dem regierenden Fürsten [37] zu Zell / Herrn Hertzog Friederichen zu Braunschweig Lüneburg / hochsel. Andenckens / in Besitz genommen worden. Wie aber derselbe auch Anno 1648. diese Welt gesegnet / haben Sr. Fürstl. Gn. Herren Vettern / vnd respectivè Successor / Hertzog Christian Ludwig / vnd Georg Wilhelm / Gebrüdere / regierende Herren der Fürstenthümber Braunschweig Lüneburg / Zellischen vnd Calenbergischen Theils / solche Ober-Graffschafft / vermöge Vätterlicher Verordnung / vnd Brüderlichen Vergleichs / in gesampt an sich genommen / vnd biß anhero in solcher Gemeinschafft regieret. Die Aempter Vcht vnd Freudenberg / seyn von den Landgrafen zu Hessen / den Grafen zu Teklenburg vnd Bentheimb zu Lehen gegeben worden / welche Sie annoch besitzen.

In dieser Graffschafft ist überall die reine Evangelische Lehre / nach der Augspurgischen Confession / vnd andern libris Symbolicis, in Vbung / vnd hat dieselbe zu erst Graff Jobst / welcher im Jahr 1542. gestorben / angenommen vnd eingeführet / vnd die Kirchen von den Päpstischen Irrthümben vnd Aberglauben gesäubert.

Die Graffschafft Diepholtz / von dem Orte / da die Grafen ihren Auffenthalt gehabt / ebenmässig benennet / ist auch in Westphalen gelegen / vnd ein Stand selbigen Craises. Grentzet gegen Morgen mit der Graffschafft Hoya / gegen Mittag mit dem Fürstenthumb Minden / vnd Stifft Oßnabrükke / gegen Abend ist das Stifft Münster / vnd gegen Mitternacht die Graffschafft Oldenburg vnd Delmenhorst / theils auch das Hertzogthumb Bremen gelegen. Ist zwar / wie vor Alters der meiste theil der Graffschafften gewesen / nicht sonderlich groß / jedoch der Bodem darin gut vnd fruchtbar / hat gute Weiden vnd Wiesewachs / schöne fruchtbare Gärten / Aecker / vnd Felder / auch verschiedene kleine / jedoch fruchtbare vnd lustige Höltzungen / wiewol dieselbe bey gewärten Kriegsläufften sehr verhauen. An guter Viehezucht ermangelt es auch nicht.

Es hat diese Graffschafft vier Stättlein / als Diepholtz / Leuenförde / Barnstorff / vnd Cornou / imgleichen ein Jungfrawen-Kloster / Burlage genant / welches den Nahmen daher bekommen haben soll / daß zu Zeiten Keyser Karlen deß Grossen / die Sachsen / oder Sächsische Bauren / daselbst ihr Lager gehabt haben / als besagter Keyser ein Treffen mit ihnen gehalten. Wie dann ferner gemeldet wird / daß der Keyser / GOtt zu Ehren / wegen deß gegen ermeldete Sachsen erhaltenen Sieges / diesen Ort zu einem Kloster gewidmet. Es ist dieses Closter an dem Dummer See gelegen / davon hieunten bey Beschreibung deß Hauses Leuenförde / mit mehrem Meldung geschihet. Sonst ist auch ein Collegium Canonicorum vor diesem gewesen / in dem Dorffe Grossen / oder Marien Drebber genant / woselbst die Grafen von Diepholtz ihr Begräbnuß gehabt.

Die nunmehr außgestorbene Grafen von Diepholtz / vnd deren Vrsprung betreffend / ist zu vermuhten / daß Sie auch zu Zeiten Keyser Karlen deß Grossen ihren Anfang genommen. Der Erste / dessen in den Historien Meldung geschiehet / vnd davon die Genealogici das Geschlecht-Register anfangen / ist gewesen / wie bey Hamelmanno, Henningio, vnd andern zu sehen / Graff Wilhelm zu Diepholtz / der im Jahr 939. dem zu Magdeburg damals gehaltenem Turnier beygewohnet. Der Letzte dieses Gräfflichen Stammes / Graff Friederich / Edler Herr zu Bronckhorst / ist ohn hinterlassung Männlicher LeibesErben Todes verfahren / im Jahr 1585. Darauff Hertzog Wilhelm der Jünger / zu Braunschweig Lüneburg / als Lehenherr / die erledigte Graffschafft in Besitz genommen / vnd auff die Nachkommen / regierende Herren deß Hertzogthumbs Lüneburg / verfället.