Topographia Braunschweig Lüneburg: Rammelsberg

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Topographia Germaniae
Rammelsberg
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aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1654, S. 169–172.
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[169]
Rammelsberg /
Sampt einer kurtzen Beschreibung deß weitberuffenen Rammelsbergischen Bergwercks / dessen Gelegenheit / wie lang der Bergbaw daselbst getrieben / vnd was vor Metallen vnd Mineralien darinnen gewonnen / vnd darauß gefodert werden.

Der Rammelsberg ist ein zimlicher grosser Berg / ligt über der Statt Goßlar / an den seiten herumb ist er von Holtze bloß / aber bewachsen mit Heydensträuchern / Heydelbeeren / Breusel- oder Cronßbeeren / vnd anderem Strauchwerck / scheinet einem vnfruchtbaren Berge gleich / vor sich hat er keinen Berg mehr / stosset aber hinden an die Hartzgebürge.

Wie von den Historicis gemeldet wird / ist das Bergwerck an diesem Berge / vnter Keyser Ottone I. von einem Jäger / welcher mit seinem Zunahmen Ramme geheissen / erfunden / als derselbe vngefehr im Weydewerck begriffen / an diesen Berg kommen / vom Pferde abgestiegen / dasselbe angebunden stehen lassen / vnd davon ein stück Weges weg gangen / hat interim das Pferd mit den Füssen gescharret / vnd den Ertzgang entblösset / ist geschehen Anno Christi 972. Michael Sachsen in seiner Keyser Chronica setzet dazu den 14. Aprilis. Von dieses Jägers Pferd soll dieser Berg den Nahmen bekommen / vnd der Rammelsberg genennet worden seyn.

Nach obermeltes Jägers Weibe / so Gosa geheissen / soll das Wasser / wovon das Bier in Goßlar gebrawet wird / vnd vor dem Rammelsberge her in die Statt fleusset / genennt worden seyn.

Dieses Jägers vnd seines Weibes Grabstein / woran deren beyden Bildnuß gehauen / ist vor etzlichen Jahren 3. Ellen tieff vnter der Erden gefunden / wird an dem Franckenbergischen Kirchhofe / an einer alten Capellen / da er auffrecht zum Gedächtnuß gesetzet / vnd befestiget / gezeiget.

Vnten am Berge / da der Berg am steilesten / quillet ein schöner Brunne / eines Armes dick / der Kinder Brunne geheissen / über welchem Brunne ein Gewölbe geschlossen / woran zwey Kinder in Stein gehawen.

[170] Seiter der ersten Erfindung / ist das Bergwerck vnterschiedlich gebawet / vnd dann ein zeitlang wieder ligen blieben / so viel man auß alten Schrifften Nachricht haben kan / wird davor gehalten / Keyser Otto habe erstlich Francken auffbracht / die den Bergbaw angefangen / Item durch Hülffe König Hugonis auß Franckreich / dessen Mutter Avida geheissen / nach Meynung Pauli Emilii, Ottonis Magni Schwester / seyn Francken in diese Lande kommen / welche die rechte Kunst das Rammelsbergische Ertz zu schmeltzen erfunden / davon vorher die Sachsen nichts gewust.

Nach Keyser Ottonis Magni Tode ist dieses Bergwerck vnter Keyserlicher Macht / biß in das Jahr Christi 1235. thut 263. Jahr / gewesen / vnd in diesen Zeiten dreymahl / theils wegen grossen Sterbens / vnd grosser diese Lande betroffene Kriege beliegen blieben / vnd dann wieder auffgenommen worden. Absonderlich hat das Bergwerck / wie auch die andern Bergwercke alle am Hartz / vnter Keyser Friderico Barbarossa, in dem Kriege mit Hertzog Heinrich dem Löwen / wie nicht weniger folgends in dem Kriege / so zwischen dem Keyser Philippo dem Dritten / vnd Keyser Ottone dem Vierten entstanden / grossen Schaden gelitten / vnd ehe nicht wieder belegt worden / biß Keyser Otto der Vierte zu friedlicher Regierung gelanget / dero Zeit die alte Gewercken wieder zugelassen / vnd den Bergbaw von newem zum vierdten mahl wieder angetretten.

Von Keyser Friderico II. ward Hertzog Otto / ein Stammvatter aller Hertzogen zu Braunschweig vnd Lüneburg / zu Meintz / den 21. Augusti 1235. auff dem Reichstage / mit dem Rammelsberge / vnd dessen Herrligkeiten / beliehen / welcher auch dieses Bergwerck / so wol auch seine Nachkommen / würcklich possidiret / biß vmb das Jahr Christi 1359. dero Zeit dasselbige von Hertzog Ernst dem Eltern / regierenden Hertzogen zum Grubenhagen / vnd Hertzog Magno dem Eltern / regierenden Hertzogen zu Braunschweig / Item / Hertzogen Ernst dem Jüngern / regierenden Hertzogen deß Landes Göttingen / den Sechsmannen deß Rahts der Statt Goßlar wiederkäufflich versetzet.

Kurtz auff solche Handlung geschahe ein gewaltiger Bruch im Rammelsberge / daß alle Gruben eingangen / vnd eine grosse Anzahl Bergleute / immassen hievon Munsterus, Agricola, vnd Matthesius schreiben / vmbkommen / nach welchem Einfall der Berg bey 100. Jahr wüste gelegen / vnd erst / nach Johannes Rawen Meynung / vmb das Jahr Christi 1453. wieder zu bawen angefangen worden / vnd ist in dem Jahr die fünffte Auffnahme deß Bergwercks angangen / welcher Baw biß auff den heutigen Tag continuiret.

Durch besagten Einfall deß Bergwercks / hat der Berg einen Riß bekommen / der zu Tage außgangen / vnd noch zu sehen / erstrecket sich über 100. Lachter lang / anfangs soll der Riß nicht über eine Elle weit gewesen seyn / von Zeiten zu Zeiten aber hat er sich weiter von einander geben / daß man endlich den Grund nicht absehen können.

Nach dem nun die Statt Goßlar dieses Bergwerck über 190. Jahr in Besitz gehabt / hat Hertzog Heinrich der Jünger zu Braunschweig vnd Lüneburg / bey angetrettener Regierung den Pfandschilling wieder erleget / ehe aber S. Fürstl. Gn. domals das Bergwerck in ruhigen Sitz bekommen / haben zwischen deroselben / vnd dem Rahte zu Goßlar sich beschwerliche Mißhelligkeiten erreget / worüber die Statt Goßlar Anno 1540. in die Acht erkläret / endlich aber ward die Sache / mittels eines zum Reiffenberge auffgerichteten Vertrages / Anno 1552. den Montag nach Trinitatis[1], gütlich beygelegt / darauff das Bergwerck dem Hertzogen / nebest etzlichen Forsten / deren die Statt Goßlar hiebevor sich angemasset / wieder eingeraumet worden. Bey dessen Fürstl. Nachkommen dann auch solches / neben den andern Vnterhartzischen Berg- Hütten- auch dem stattlichen Saltzwercke Julius Halle / sampt denen dazu gehörigen Försten vnd Mühlen / biß in das 1634. Jahr (als in welchen vor hochgedachtes [171] Hertzogen niedersteigender Mannstamm / wie oben bereits angeführet worden / erloschen) allemahl verblieben / Nachmaln aber denen jure sanguinis et ex providentia majorum succedirenden Fürstl. Herren agnatis angefallen / welche dann auch solches alles / auff gewisse / vnter Ihnen verglichene masse in communione bißhero behalten haben.

Von erster Erfindung dieser Bergwercke / als nach der Geburt vnsers Seligmachers Christi 972. biß 1653. seynd 681. Jahr.

Es wird von diesem Bergwercke geschrieben / daß wie es bey dem ersten Auffnehmen erbawet / es allhier sehr reiche Ertze gehabt / Als aber durch Gottes Verhängnuß obgedachter Bruch im Berge geschehen / hat man / nach dem es wieder auffgenommen / vnd biß auff jetzige Zeit / dergleichen Ertze noch nicht wieder angetroffen / noch gefunden.

Die alten Bergverständigen haben davor gehalten / daß im Rammelsberge das Ertz nicht also zu Gange streiche / wie bey andern Bergwercken / besondern es sey ein gantzer Stock / damit GOtt der Allmächtige diesen Ort Landes gesegnet / worauff die Alten vor etzlich hundert Jahren gesuncken / vnd denselben verhawen / daß der Alteman noch biß diesen heutigen Tag nicht mögen abgeweltiget werden. Dasselbige Ertz ist sehr feste / daß es mit Gezaw nicht gewonnen werden / noch ihm mit Pulver Abbruch geschehen kan / ob es schon auff allerley art versuchet / besondern wird mit Fewer besetzet / derhalben dero behueff es viel Setzholtzes erfodert / welches auff der Ocker auß dem Hartz geflösset / vnd dann mit Wagen für die Gruben geführet wird / von solchem Fewersetzen ist die Hitze so starck in den Gruben / daß die Arbeiter ihre Arbeit nacket verrichten / vnd müssen die Bergleute grosse Gefahr an ihrer Arbeit außstehen.

Als nun in den Gruben sich viel Wassers findet / so hin vnd wieder auß den Klüfften entspringet / solche mit Künsten zu Tage außzuheben vnmüglich / seyn mit grossen Vnkosten 2. Stollen in den Berg getrieben / der obere / über welchem die Künste hängen / hat sein Mundloch vor dem Claußthor der Statt Goßlar / darauff hat das Wasser / welches auß einem Teiche / durch einen Wasserlauff auff die Kunsträder geführet wird / seinen Außgang / Der ander Stolle bringet 20. Lachter mehr teuffe / als der obere Stolle ein / dessen Mundloch ist vor dem Breiten Thor der Statt Goßlar / auff diesen Stolln heben die Künste die Grundwasser / vnd haben darauff ihren Außfluß.

Dieses Wasser ist sehr scharff vnd Victrilisch / daß es den Bergleuten Kleider vnd Schuh zerfrisst. Vor Jahren hat man in den Tieffsten Sümpfe gehabt / darein das Wasser gefallen / wann man in solche Sümpfe eisern Stäbe gelegt / hat das Wasser das Eisen verzehret / vnd sich herumb eine materi gleich einem Rost gesetzt / welcher endlich zu gutem Kupffer worden / vnd man das annoch übrige Eisen herauß ziehen können / als ein Schwert auß der Scheiden.

Diese Oerter aber seyn in dem letzten Kriegeswesen / als der Bergbaw vmb das Jahr 1626. nicht allerdings fortgesetzet werden können / verbrochen. Da dieses Wasser durch den Stolln fleusst / setzet sich am Gezimmer vnd in der Wassersteige[2] ein gelber Schlamm / auß welchem braune vnd rohte Farbe gemachet wird / man nennet es Ockergelb. Wo dieses Wasser in andere Wasser kompt / da kan kein Fisch bleiben / wie in der Abzucht vor Goßlar / vnd da solche ferner in die Ocker fleusst / ein zimlich theil weges zu sehen.

In etzlich hundert Jahren ist auß diesem Berge eine grosse Anzahl Ertz gefodert / vnd werden bey 40. Hütten / nach Außweisung der Schlackenhallen / die sich im Hartz / vor dem Hartz / im Stifft Halberstatt / in der Graffschafft Hohenstein / vnd Fürstenthumb Grubenhagen befinden / gezehlet / die alle bey alten Zeiten vmbgangen / worauß abzunehmen / daß vor 200. vnd mehr Jahren der Bergbaw viel stärcker getrieben / als anjetzo.

Auß dem Rammelsbergischen Ertz werden folgende Metallen gemachet:

[172] Silber / vnd dieses Silber ist etwas güldisch / das Gold aber mit Vortheil herauß zu bringen / kan den Vnkosten nicht tragen.

Glöd / Bley / Zinck oder Conterfeth / Kupffer so auß den Ertzen gemachet wird / Kupffer so in dem Victrilischen Wasser sich an das Eisen anlegt / vnd alsdann alsbald zu Garkupffer gemachet werden kan.

Mineralia, welche in dem Rammelsberge zu finden / vnd darinn gewonnen werden:

Grawer Kupfferrauch.

Atrament-Stein von vnterschiedenen Farben / Auß diesen beyden Mineralien wird grüner Victriol gesotten.

Gedien Victriol / wächset in gestalt Jöckeln oder Eißzapffen / theils breitet sich auß / wird Rosengut genant / vnd können diese Species wie sie gewonnen / also auch verbrauchet werden.

Blawer Victriol / gleich als Vngerischer / kan auß den KupfferErtzen gemacht werden.

Weisser Victriol wird von den Bley-Ertzen gemacht.

So wird auch bey den Rammelsbergischen Ertzen zu Zeiten ein minerale gefunden / gleich einem gelben Schwefel / das man Misy nennet.

Item Federweiß.

Dann wächset im Rammelsberge eine materi, fast Ellen dick / welche die Bergleute Bergtalch nennen.

Schwefel wird auff den auffgestürtzten Rosthauffen / wann das Ertz zum ersten mahl geröstet / gefangen / vnd hernach zu gelben Schwefel geläutert: Wie dann auch beyseits auß ermelten Rosthauffen die flores Sulphuris hervor dringen / Tropffenweis abfallen / vnd wie Eiß coaguliren.

Es ist zwar dieser Rammelsberg von Höhe vnd Weitläufftigkeit so groß nicht / als der Blocksberg / Es werden aber darin mannicherley Bergarten gefunden / dannenhero derselbe in Teutschland es vielen Bergen zuvor thut.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Trininitattis
  2. Vorlage: Wasserseige