Topographia Hassiae: Giessen

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aus Topographia Hassiae, Text von Martin Zeiller, Illustrationen von Matthäus Merian
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[T21]
Giessen (Merian).jpg
[75]
Giessen.


Diese Statt ligt im Obern-Fürstenthum Hessen / 6. Meyl von Franckfurt / vnd 3. von Marpurg. Es saget Abraham Saur / in parvo Theatro Urbium, daß Giessen vor Zeiten ein kleines Dorff / Dewungen genant / gewesen / so in einem Sumpff gelegen: Vnnd weil das Regenwasser hauffenweiß dahin geflossen / so sey es Giessen genant worden. Wann vnnd zu welcher Zeit aber man ein Statt allhier erbawet / das ist vnbewust: Jedoch hält man darfür / daß schon zu S. Elisabethae Zeiten da eine Statt gewest seye / weil LandGraff Otto im Jahr 1325. ihr Privilegien ertheylet / daß die / so in den Vorstätten daselbst wohnen / eben solche Burgerliche Freyheiten haben sollen / als die / so in den Ringmawren wohnen. Darauß erscheinet / daß es ein feine verwahrte Statt gewesen; wie dann auch auß den alten Gemäwren deß Orhts Gelegenheit abzunehmen; vnd hat ohn Zweiffel auch mit den Benachbarten Streit gehabt. Es wird von Trithemio gedacht einer Statt zu den Giessen / welche von einem ErtzBischoff zu Mäyntz eingenommen worden wie auß ihm referirt Sethus Calvisius in Chronol. edit. tert. pag. 1038. welches sich auch befindet in Annalib. Augustae Trevirorum Wilh. Kyriandri part. 15. da er schreibt / daß A. 1327. (Calvisio setzt 1320.) Ertzbischoff Balduin. zu Trier / dem Ertzbischoff Matthiae zu Mäyntz Hülff gethan / die Statt zu den Giessen zu erobern. Ob nun dieses Giessen in Hessen / oder ein anders seye / kan man nicht rathen / weil nicht da stehet / wo der Ort gelegen. Dörffte aber wol dieser Ort gewesen seyn / welcher wegen seiner Situation hat können Widerstand gnug thun. Welches auch daher bestärckt wird / daß noch verschiedene alte Brieffe gefunden werden / darinn die Stat Giessen zu den Gissen genant wird. [76] Anno 1530. ist sie von Landgraff Philipsen zu Hessen mit einem Wall / vnnd Gräben / befestigt worden. Als aber besagter LandGraff Anno 1547. gefänglich angenommen ward / so hat Graff Reinhardt von Solms / auff Käysers Caroli V. Befelch / diese Vestung niederreissen lassen: Die aber Anno 1560. zum andern mahl zu bawen angefangen / vnd innerhalb fünff Jahren vollendet; auch im Jahr 1571. von Landgraff Ludwigen dem ältern / an vielen Orthen verbessert / vnnd Anno 86. mit einem ansehnlichen Zeughauß (darinnen viel vnnd schöne Metalline Stücke / wie auch sonst mehr Waffen vnnd Kriegs Instrumenta in guter Anzahl zu sehen) auch nunmehr von Herren LandGraff Georgen zu Hessen / mit Revelinen vnnd Aussenwercken / noch weiter vnnd besser versehen / vnd mehrers fortificirt worden ist. Es befindet sich auch in dieser Vestung eine ansehenliche Roßmühl / von verschiedenen Gängen. Zum Eingang der Franckfurter Pforten stehen diese Verß in Stein gehawen / so Petrus Paganus gemacht hat:


Captus erat Princeps, non Marte, sed arte, Philippus,
Cum benè munitum destrueretur opus.
Nominis hoc patrii Ludovicus amore refecit,
Anno bis septem lustra sequente novo.
Principe dignus honos, Patriae sarcire ruinas,
A quibus Hassiacos, CHRISTE, tuere polos.

Anno 1607. hat Landgraff Ludwig der Jünger / zu Hessen / ein schönes Collegium allda erbawet / vnnd ein Hohe-Schul allhier angerichtet / auch darüber von Käyser Rudolpho Privilegia in optima forma erlangt / vnnd den Studiosis noch darzu allerhand immuniteten ertheilet.

Diese Vniversitet zu Giessen hat bald zu floriren begunnen / vnnd einen grossen Ruff erlangt / dergestalt das auch Taubmannus in einer Epistel an Bachmannum, damahligen Professorem Poeseos zu Giessen mit diesen Worten geschrieben: Deum immortalem! ut studia literarum apud vos calent. Es lebt vnd schwebt doch alles bey euch! Welches dann sonderlich auch daher kommen / weil stracks Anfangs auß Marpurg die der Religions-Enderung halber von dannen zu weichen gemüssigte Professores vnnd andere Literati, benanntlich D. Joannes Winckelmannus, D. Balthasar Menzerus, D. Gothofredus Anthonii, so dann Conradus Dietericus, sich dahin begeben / vnnd so wol in Theologica vnnd Juridica, als andern Faculteten profitirt, darauff sich eine merckliche frequentia Studiosorum, auch auß frembden Königreichen / Schweden / Dennemarck / vnd sonst fast von allen Enden in Teutschland her / dahin gezogen / vnd seynd hin vnd wider viel vornehme dapffere in Weltlichen vnnd Geistlichen ansehnlichen Officiis begriffene Leuthe zu finden / welche ihre Qualiteten guten theils daselbst gesamlet zu haben / sich dancknehmig / vnnd zu dieser Statt vnd damahliger Vniversität Ruhm erinnern. Es ist aber die Vniversitet Anno 1625. suspendirt worden / vnnd seynd die Herren Professores nach Marpurg / als Ihre Fürstlich Gnad. Herren Landgraff Ludwigen selbiges Fürstenthumb zu erkandt worden / gezogen; Ist auch daselbst den 24. Maij ein solennis Actus Restaurationis Academiae Marpurgensis vorgangen. Die Kirch wird genannt zu S. Pancratius, welche mitten in der Statt ligt. Die Wälle vmb diese Statt / seynd / wie man berichtet / auff 60. Schritt breit; das Wasser / die Lohn / daran sie ligt / macht ihr gute Gelegenheit. An. 1560. den 27. May schlug das Wetter allda ein / vnd verbrannten in 168. Bäwe / ohne die Schewren vnd Ställe / wie dessen auch Becherer in der Thüringischen Chronic pag. 544. gedencket: Dessen zu Gedächtnuß ist im Chor der Kirchen solches auff eine Tafel verzeichnet worden / dessen Anfang also lautet:


Secula quinque; decem conjugito, queïs superadde
Bis sex lustra, satis tristis hic annus erat.
Fulmine tacta fuit Gissae pars magna sinistro:
Avertat posthac talia fata Deus.

Besiehe die Instit. Orat. D. Cunradi [77] Dieterici pag. 65. seqq. da diese Statt gar weitleufftig beschrieben / vnnd / vnter anderm / daß sie in dem Theil deß Obern Hessenlandes / so an die Wetteraw stösset / eben / vnnd von Wetzlar ein Meyl / von Grünberg aber zwo / vnnd auff der Landstrassen nach Franckfurt / gelegen seye: 4. Thor / vnnd 4. Hauptgassen / vnnd in mitten derselben den Marckt oder Platz / sampt dem Rathhauß / vnnd man von aussen eine Stundt zu spatzieren vmb die Gräben / habe: Item / daß nur eine Kirch / zu S. Pancratio genannt / vnnd zwar mitten in der Statt / mit einem hohen Thurn / vnd schönem Geleute; Item gegen Morgen das alte Schloß / darinn der Hauptmann wohne / gelegen seye; es auch da ein ansehnliches / vnnd wol außstaffirtes Zeughauß habe; die Statt mit einem gesunden Lufft / vnnd das Land herumb mit Fruchtbarkeit / vnd Lustbarkeit (davon / vnnd dem Tuchmachen / die Burger insonderheit sich nehren / vnnd von Rath vnnd Burgermeistern / nach deß Fürsten Beampten regieret werden / vnnd Jährlich einen stattlichen Marckt / zwischen Ostern vnnd dem Auffahrtstag / 8. Tag lang halten) begabet seye / gesagt wird. Es ligen bey dieser Vestung etliche Schlösscr nahe / als Gleiberg / Solms / Königsberg / Fetzburg / naher der Graffschafft Nassaw zu. Ein Meil wegs nacher Butzbach ist ein Stättlein Grossen Linden; alldar vor Zeiten soll ein Castell gestanden seyn / so Anno 1560. durchs Wetter verbrannt worden.

Die Anno 1607. allhie gestiffte / aber Anno 1625. von hinnen nach Marpurg versetzte hohe Schul / ist nunmehr wider alda / vnd Sontags Jubilate, deß Jahrs 50. dieselbe auffs new / an ihren vorigen Orth / in gegenwart Herrn Ludwigen / vnd Herren Georgen / deß Jüngern / Landgraffen zu Hessen / Herrn Landgraffens Georgen deß Eltern Söhnen; wie auch in beysein Herrn Georg Ernsten / Graffens zu Erbach / eingeführt worden. Es hat diese Statt Giessen so wol ihre äusserliche / als innerliche Wercke. Von aussen befindet man die natürliche Oerther / als / Berge / Wälder / Aecker / Wiesen / Gärten / Wasser / mit ihren Früchten / vnd Zugehör. Jenseit deß Löhnflusses ist ein grosser Platz / darauff / in Jahrmarcktzeiten / allerhand Wahren / nach einer feinen Ordnuung / gefunden werden. So hat man auch selbiger seiten viel künstliche Oerter / als da sind etliche Schlösser / vnd Dörffer / der Statt Korn: Pulver: Lohe: vnnd Schleiffmühlen. Jenseit der Statt ist der Todten Kirch-Hoff: desselben Hausses innerste Böhne ist gemacht / vnnd gemahlet / mit Sonn / Mond / vnd Sternen / den Himmel fürbildend: weiter findet man darinn vielfaltige Gemälder von dem Leyden / Sterben / vnd Aufferstehung deß Herrn Christi / von Aufferstehung der Todten / vom Jüngsten Gericht / etc. Deßgleichen / so wol inner / als ausser dem Hause / die schöne Epitaphia, vnd Grabschrifften. Hierauff folgen die Aussenwercke der vier Statt-Thoren / der Wall mit ailff Bollwercken / etc. In der mitte der Statt ist der Marckt / darauff steht die Justitz / als / Galgen / Wippe / Drilles / vnnd Esel. Ferner / die Kirche / darinn der Altar / der Tauffstein / die Cantzel / das Creutz Christi; in der Capell die Bibliotheck / die Orgel / D. Luthers Abbildung / vnnd andere Gemälde. Nebenst der Kirchen steht ein dicker / starcker / steinerner Thurn / darauff die hell-klingende Glocken / Zincken / Posaunen / Trompeten / Pfeiffen / vnd Geigen. Ferner hat es in der Statt viel treffliche Gebäw / als / das Collegium, mit seinen Auditoriis, oder Zugehör-Sälen; das Rath: Zeug: vnd Haupthauß / die Kugelronde Roßmühl / vnnd dergleichen mehr etc. Siehe Stanisl. Minck / von Weinsheim / oder I. I. W. in relat. noviss. ex Parnasso, de arte Reminiscentiae, pag. 114. seq. Herr Landgraff Philipps zu Hessen / so zu Butzbach Hoff gehalten / hat der obgedachten hohen Schul seine gar kunstreiche / vnnd sehr theure Instrumenta Mathematica verehret / die man im Jahr 1653. wider außgebutzt; deren die grösten D. David Christiani, in seinem Tractatu de Cometis, pag. 9. seq. also beschreibet: Globus coelestis, cujus diameter. 7. pedum est. Sextans Astronomicus, cujus arcus Orichalco obductus, habens ab altera parte, juxta principale centrum cylindricum, aliud eidem simile, et huic in arcu correspondentem locum, cui (quoties id postulat necessitas) pinnacidium imponitur, ad observandum distantias minores. [78] Quadrans, qui totâ sui superficie, è centro ad circumferentiam, è solido Orichalco constat, peculiares distributiones habens. Semicirculus, cujus diameter 9. ferè pedum est in longitudine, perpendiculum habens, et regulam, in Diametri extremitate, ad circumferentiae initium applicatam, divisusque undique in 90. gradus. Orichalco est obductus insistens Horizonti Azimuthali è solido ferro constanti, quem 6. Columnae, cum suis cochleis ferreis (quas perennes vocant,) quibus pretiosissimum hoc Instrumentum totum in Horizontis aequilibrium dirigitur, sustinent. Quadrans alius, cum suo Horizonte, regulis, cochleis, qui disjungi, conjungique vicissim potest, atque transferri, quocunque libeat, quae omnia ex solido facta sunt Orichalco. Regulae Ptolemaicae omnibus suis partibus Orichalco optimè vestitae. Sextans bifurcatus arcum habens chalibeum. Armillae Zodiacales, quarum circuli ex solido aere fusi tornatique sunt. Et haec quidem Instrumenta majora nimium se suo pondere aggravant. Die kleinere Instrumenta; weil es dem Autori zu lang zu seyn bedunckt hat / werden nicht vermeldet. Vnnd diese Instrumenta befinden sich in dem Collegio Philosophico, darauß man Sie auff die Altan / so mit fleiß darzu erbawet / oder wohin man wil / bringen / vnnd die Observationes anstellen kan.


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