Tragödien und Komödien des Aberglaubens/Liebeszauber

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Titel: Tragödien und Komödien des Aberglaubens - Liebeszauber
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aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 4-8
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Tragödien und Komödien des Aberglaubens.
Liebeszauber.
Von Max Haushofer.

Der Hunger und die Liebe haben von Anbeginn das physische Leben des Menschen beherrscht, sie waren die mächtigsten treibenden Kräfte in dem großen vieltausendjährigen Kampfe um sein Dasein und um sein Glück. Aber während das Menschengeschlecht den Hunger begriff und klaren Verstandes mit allen Mitteln einer rastlos ringenden Erfindung bekämpfte, blieb ihm die Liebe rätselhaft bis auf den heutigen Tag. Rätselhaft blieb es ihm, wie sie entstehen und zu rasender Leidenschaft anwachsen konnte, rätselhaft, wie sie mit einem Blick und Hauch Himmelsseligkeit und nagende Verzweiflung zu wecken vermochte, rätselhaft, wie sie als zündender Funke ins Herz fällt und als still strahlende Flamme den Tod überdauert.

Darum begreift man, wie seit den ältesten Zeiten diese heiße lodernde herzbewältigende Macht mit den üppigsten Gebilden der Volksphantasie umrankt werden konnte. Der plötzliche Einbruch einer so gewaltigen sinnberückenden Macht in das Menschendasein mußte als etwas Uebernatürliches erscheinen. Und ebenso begreiflich muß es auch erscheinen, daß man seit den frühesten Zeiten schon bestrebt war, Gegenliebe, wenn sie nicht vorhanden oder zweifelhaft war, durch künstliche Mittel zu erwecken oder zu festigen; oder sie wiederzugewinnen, wenn sie verloren war. Was der Mensch an phantastischem Aberglauben leisten kann, mußte ja angeregt werden durch den stärksten aller Herzenstriebe, durch einen Trieb, der nicht bloß unreifen Jünglingen und Mädchen, sondern starken Männern und lebenserfahrenen Frauen den klaren Blick und Verstand zu trüben vermag.

So zeigt uns denn die Kulturgeschichte eine lange Reihe von abergläubischen Vorstellungen und Bräuchen, die mit der Liebe im Zusammenhange stehen. Kein Volk und kein Zeitalter hielt sich frei von diesen Gebilden heißer Phantasie, die uns manchmal anmuten wie die zarteste Herzenspoesie, manchmal erschrecken wie dämonische Mächte, manchmal auch mit tiefem Ekel erfüllen, wenn wir sehen, wie Heiliges und Abscheuliches in aberwitziger Weise vermengt werden. Denn was die Menschheit an Liebeszaubern ersonnen hat, grenzt bald an unheimlichen grausamen Teufelsdienst, bald an das flehende Gebet reiner Herzensgüte. Diese Liebeszauber sind die Verirrungen im Herzensroman des Menschengeschlechts.

Bei den alten Griechen wie bei den in ihrer Kultur mit den Griechen so innig verwandten Römern spielte der Liebeszauber eine sehr bedeutsame Rolle. Ein kleiner Vogel aus der Gattung der Spechte, der Wendehals oder Drehhals (griech. ῖυγξ, lat. Iynx torquilla oder verticilla genannt), mit schillerndem Halse und eigenartigen Bewegungen des Halses und Kopfes, galt für besonders zauberkräftig. Mädchen und Frauen, die einen geliebten Mann in ihre Nähe bannen wollten, banden einen solchen Vogel an ein vierspeichiges Rad, drehten dasselbe und sprachen Zaubersprüche dabei. Der gewöhnlichste dieser Zaubersprüche lautete: „Jynx, ziehe diesen Mann zu meinem Hause herbei!" Da man aber einen solchen Vogel nicht immer zur Hand hatte und der Liebeszauber doch sehr häufig ausgeübt werden mußte, erfand man einen Ersatz dafür: einen mit Purpurwolle umsponnenen Kreisel. Der Sage nach sollen ihn thessalische Zauberinnen zuerst gebraucht haben. Solche Kreisel, die auch in Lukians Gesprächen, sowie von Horaz, Properz und Ovid erwähnt werden, waren manchmal mit Gold und Amethysten verziert, manchmal bloß von Erz.

Das waren indes keineswegs die einzigen Zaubermittel. Die Liebenden selbst oder die von ihnen um ihre Hilfe angegangenen Zauberweiber kannten noch anderes. So insbesondere

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Die Gartenlaube (1897) b 005.jpg

Auf ewig vereint!
Nach dem Gemälde von G. Bussière.

[006] ein wächsernes Püppchen, das den Geliebten vorstellte und unter Beschwörungen dreimal um einen Altar getragen ward. Mitunter wurden auch solche Püppchen aus Flachs oder aus Thon gefertigt – ein Gebrauch, der in Italien im vorigen Jahrhundert noch ziemlich verbreitet gewesen sein dürfte.

Gern verwendete man bei den Liebeszaubern auch irgend ein Stückchen von der Kleidung des Geliebten, im Wahne, daß solche Sachen mit seiner Persönlichkeit noch in einer gewissen Fernwirkung verbinden seien.

Hochbedeutsam erscheint der Liebeszauber in der Volksphantasie der germanischen Stämme. Die germanische Sagenwelt kennt schaffenden und zerstörenden Liebeszauber; der erste weckte die Liebe, letzterer ließ sie vergessen. Zaubermittel für den schaffenden wie für den zerstörenden Liebeszauber gab es mancherlei. Obenan aber standen die Liebestränke. Solch einen Trank reichte Chrimhild dem Sigurd, worauf er die Brunhilde vergaß. Auch Gudrun konnte ihren Sigurd nicht vergessen und Atli zum Gemahl wählen, ehe sie nicht einen magischen Trank erhalten hatte, der sie die Treue verlieren ließ. Oefter wiederholt sich die Sage, daß Walküren und elbische Weiber den Helden ihre Trinkhörner mit solchen zaubrischen Tränken reichen, auf daß sie alles vergessen und bei ihnen bleiben.

Bei dem tiefwurzelnden Sinn für Treue, der dem germanischen Volkscharakter eigen ist, konnten die germanischen Völker jede Untreue in der Liebe und Ehe nur begreiflich finden, wenn sie durch etwas Uebernatürliches, durch ein Zauberwerk begründet ward. Die Treue mußte erst künstlich in Vergessenheit gebracht werden, ehe sie gebrochen werden konnte. Dabei vermeidet auch die ältere Volksphantasie manches Abgeschmackte, ja Widerwärtige und Grausige, das späterhin in diesen Gegenstand hereinspielt.

Seine reichste poetische Darstellung findet der Liebeszauber in den Schicksalen des Helden Tristan und seiner Geliebten, der schönen Isolde. Ursprünglich ist es eine bretonische Sage, aus welcher das Liebesdrama von Tristan und Isolde in die französische, englische, skandinavische und deutsche Dichtung überging. Isolde war eine irische Königstochter, welche Tristan für seinen Oheim, den König Marke von Cornwall, warb und zu Schiff nach England führte. Durch einen Zaubertrank, den die Verkettung des Geschicks die beiden trinken läßt, erwacht in ihnen rasende Leidenschaft füreinander, so daß der edle Tristan seiner Vasallentreue vergessen muß und mit Isolde den alten König täuscht. Auch eine Trennung der Liebenden, selbst Tristans Vermählung mit einer anderen Königstochter, die ebenfalls Isolde heißt, sind nicht imstande, die unheilvolle Leidenschaft der beiden zu ertöten. Tristan kehrt zu seiner ersten Isolde zurück, wird aber bei einem Ritterabenteuer tödlich verwundet; Isolde, welche ein Mittel zu seiner Rettung in Händen hat, kommt zu spät und stirbt an Tristans Leiche. Und der Liebestrank in ihnen ist so stark, daß die Sträucher über ihrem gemeinsamen Grabe zu einem einzigen untrennbaren Busche verwachsen. Bekanntlich liegt die Sage von diesem Zaubertranke Gottfrieds von Straßburg herrlichem Gedichte und Richard Wagners machtvollem Musikdrama zu Grunde, welch letzterem die Scene entnommen ist, die das Bild auf Seite 5 darstellt und die auf Seite 20 näher geschildert ist.

Außer den Liebestränken finden wir bei den germanischen Völkern auch noch manchen Liebeszauber, der dem althellenischen verwandt ist. So jene schon erwähnten Wachspuppen. Eine solche Wachspuppe, „Atzmann“ genannt, konnte benutzt werden, um eine ferne Person zur Liebe zu zwingen oder ihr Böses anzuthun. Je nachdem hängte man den Atzmann in die Luft, ins Wasser, ans Feuer; oder man durchstach ihn mit Nadeln. Auch lautet der Spruch eines fahrenden Schülers (Grimm, Mythologie).

Mit wunderlichen Sachen
Ler ich sie denne machen
Von Wahs einen Kobolt,
Wil sie daz er ir werde holt,
Und teufez (tauch es) in den Brunnen
Und leg in an die Sunnen.

Einzelne Vorkommnisse aber, die von dem allgemeinen durch viele Jahrhunderte die Vorstellungen beherrschenden Glauben an Liebeszauber Zeugnis geben, gehören der Geschichte an; und mit ihnen wollen wir uns eingehender befassen.

Ein geschichtlich beglaubigtes Ereignis, in welches der Liebeszauber hereinspielt, betrifft den Erzherzog und nachmaligen Kaiser Matthias. Herzog Wilhelm V. von Bayern besaß eine Tochter, Magdalena, die aus Gründen der Staatskunst entweder an Kaiser Rudolf II. oder an dessen vermutlichen Nachfolger, den Erzherzog Matthias, verheiratet werden sollte. Vor der Vermählung seiner Tochter mit Matthias aber wurde Herzog Wilhelm durch vertraute Briefe gewarnt. Denn Matthias stand in einem Liebesverhältnis mit einer gewissen Susanne Wachter. Nach einer Nachricht sollte dieselbe dem Erzherzog in einer Feige einen Liebeszauber zu schlucken gegeben haben. Außerdem brannte in einem gewissen Kloster ein mit Zauberei zugerichtetes Licht, und so lange dasselbe brannte, konnte Matthias nicht von seiner Liebe zu Susanne lassen. Wenn aber der Abt jenes Klosters und die anderen in das Geheimnis eingeweihten Personen stürben, könne jenes Licht überhaupt nicht mehr ausgelöscht werden und dann bliebe der Erzherzog bis zu seinem Tode an Susanne – übrigens eine gewöhnliche, seiner nicht würdige Person – gefesselt. So lauteten die Nachrichten über Matthias, der während der Heiratsverhandlungen König von Ungarn geworden war. Dazu gesellten sich Zweifel über seine kirchliche Politik. Die Heirat kam nicht zustande. Die bayrische Prinzessin, eine edle und reine Fürstentochter, von deren Liebenswürdigkeit noch ein aus jener Zeit vorhandener Brief an ihren Vater ein rührendes Zeugnis ablegt[1], sollte die Krone des Reiches nicht tragen. Matthias heiratete erst nach Rudolfs II. Tode, als er selber Oberhaupt des Deutschen Reiches geworden war, eine österreichische Erzherzogin, mit welcher er dann ein recht glückliches Familienleben geführt haben soll. Magdalena starb, nachdem sie kaum des Lebens Mitte erreicht hatte, als Pfalzgräfin von Neuburg, im Jahre 1628.

Der Hexenglaube, jener unselige Wahn, welcher Jahrhunderte hindurch das Gemütsleben der Kulturwelt belastete und unzählige von unschuldigen Opfern zu Kerkernot, Folter und qualvollem Tode brachte, ließ erklärlicherweise auch die Vorstellungen von Liebeszaubern aufs üppigste erblühen. Aber diese Vorstellungen richteten sich meist einseitig nach einer dunklen unheimlichen Seite hin: nach der Idee der Teufelsbuhlschaft, die in zahllosen Hexenprozessen eine so wichtige Rolle spielt. Das sei hier nur gestreift. Wie aber auch rein menschliche Liebesleidenschaft mit dem finsteren Aberglauben, den man in alle Schicksale und Zustände seine schwarzen Fäden hereinspinnen ließ, verwoben ward, zeigen noch ein paar andere Fälle. So tiefgewurzelt war der Aberglaube, daß man sich jedes Ereignis, das nicht ganz klar und selbstverständlich schien, durch Zauberei erklärte und daß auch die scharfsichtigsten Menschen den nüchternen Verstand völlig verloren, wenn sie nur von Zauberei hörten.

Unter der Herrschaft des glänzendsten Despoten Frankreichs, Ludwigs XIV., lebte zu Paris eine Frau, Catharine Monvoisin, gewöhnlich nur la Voisin genannt – eine der berüchtigtsten Schwarzkünstlerinnen, welche die Kulturgeschichte kennt. Zu dieser Voisin kam, was in Paris abergläubisch und verliebt zugleich war. Sie betrieb die Hexerei in großartigem Maßstabe, hatte eine glänzende Klientel und verdiente ungeheure Summen. Wahrsagerei war das harmloseste, was sie trieb; viel schlimmere Künste enthüllte der Prozeß, der ihr gemacht ward, nachdem sie jahrelang die scheußlichsten Greuel und Giftmorde verübt hatte. War eine Frau in Sorge, daß ihr Geliebter in seiner Leidenschaft erkalte, so wandte sie sich an die Voisin. Diese war, wenigstens in der ersten Zeit ihrer Thätigkeit, klug genug, sich nicht selber mit Hexerei zu beschäftigen, sondern brachte ihre Kunden nur mit anderen Schwarzkünstlern zusammen, die dann den eigentlichen Zauber vollbrachten. Ein solcher Schwarzkünstler war Lesage, dessen Zaubermittel in einer Wachspuppe bestand, welche den Geliebten der Klientin vorstellen sollte und ins Feuer geworfen ward, unter Beschwörungsformeln, die der Schwarzkünstler dazu sprach.

Dieses entsetzliche Weib ward im Jahre 1680 vor einen besonderen Gerichtshof, die „chambre ardente“ („glühende Kammer“) gebracht. Der Folter unterworfen, gestand die Voisin eine Unzahl von Greuelthaten und ward am 20. Februar 1680 lebendig verbrannt. Man entledigte sich der Verbrecherin so rasch, um ihren Mund für immer zu verschließen. Denn sie wußte Dinge, die dem allmächtigen Ludwig, wenn sie ans Tageslicht [007] gekommen wären, höchst peinlich sein mußten. Der König griff selber in die Prozesse ein, die nach dem Tode der Voisin gegen ihre Verwandten und Gehilfinnen geführt wurden, und veranlaßte, daß gewisse Aussagen der Angeklagten verborgen blieben. Ganz blieben sie aber doch nicht verborgen.

Triumphierend und stolz war die schöne Marquise von Montespan im Jahre 1668 die erklärte Geliebte Ludwigs XIV. geworden. Sie hatte die arme La Vallière aus dem Herzen des Monarchen verdrängt, durch ihre Schönheit, durch die Künste ihrer Koketterie und durch ihren berückenden Geist. Weil aber diese Machtmittel nicht rasch genug wirken wollten, hatte auch die Montespan zu Zauberkünsten ihre Zuflucht genommen. In dem Prozeß, der gegen die Voisin geführt ward, kam es an den Tag, daß auch die Marquise eine Kundschaft der schändlichen Hexe war. Und zwar nicht bloß einmal. So oft die Montespan Besorgnis empfand, daß sie in der Gunst des Königs noch nicht hinreichend gefestigt sei oder daß das bewegliche Herz Ludwigs anderswohin sich neigen wollte, wandte sie sich an die Voisin. So konnte der Polizeilieutenant La Reynie, der unerschrockene Ankläger im Prozeß Voisin, feststellen, daß die Beziehungen der Montespan zu den Pariser Schwarzkünstlern im Jahre 1666 begonnen hatten. Damals galt es noch, die La Valliere beiseite zu schieben, und die stolze Montespan war abergläubisch genug, um in Gegenwart betrügerischer Schwarzkünstler unter den abgeschmacktesten Zauberformeln die Nebenbuhlerin zu verfluchen.

Nur wenige Jahre erfreute sich das entartete Weib der unbestrittenen Gunst des Königs. Schon 1672 erhielt sie begründete Ursache zur Eifersucht; und diese Leidenschaft erfüllte fortan ihr heißes Herz mit marternder Raserei. Sie wandte sich wieder an die Voisin und endlich an den verworfensten der Schwarzkünstler, den Abbé Guibourg. Die Verirrungen, die hier im Banne des Aberglaubens begangen wurden, möchte man für wahnwitzige Träume irgend eines verrückten oder verleumderischen Geschichtschreibers halten: aber sie sind historische Thatsachen, erhärtet durch die gleichartigen Aussagen verschiedener getrennt verhörter Personen, die an jenen höllischen Ceremonien beteiligt waren.

Doch trotz allem gelang es der Montespan nicht, die Gunst des Königs zurückzugewinnen. Er wandte sich ihr zwar aufs neue zu, weil es ihm so gefiel, aber nur, um sie durch baldigen Abfall aufs neue zu demütigen. Im Jahre 1677 gelang es der Verzweifelnden noch einmal, die alte Stellung zu erobern. Aber es war das letzte Mal. Angst vor neuen Demütigungen, vielleicht auch Gewissensbisse machten sie ruhelos; in wahnsinnig hohem Spiele, bei welchem Millionen über den Spieltisch rollten, suchte sie sich zu betäuben. Und dann brach endlich die Strafe über sie herein. Das jugendlich bildschöne Fräulein von Fontanges nahm den Platz im Herzen des Königs ein.

Nun gerät die gestürzte Favoritin in die finstersten Abgründe menschlicher Verworfenheit. Wieder wendet sie sich an die Voisin; aber diesmal gilt es keinen Liebeszauber mehr, sondern Gift, Gift gegen die Fontanges und gegen den König selbst! Der entsetzliche Plan mißlingt, die Fontanges aber stirbt bald darauf an einer Lungenentzündung.

Mit der Montespan war’s zu Ende. Der König verbannte sie nicht, aber er behandelte sie mit Härte und Kälte. Elf Jahre nach ihrem endgültigen Sturze zog sie sich ins Kloster zurück. Der König ließ ihr ein glänzendes Einkommen. Viele Jahre lang lebte sie noch fern dem Hofe, gemartert von Gewissensbissen und schrecklicher Todesangst. Aus der herrschsüchtigen Favoritin ward allmählich eine reuevolle Büßerin, die in Gebet, Kasteiung und in Werken der Barmherzigkeit Trost begehrte. So starb sie, sechsundsechzig Jahre alt, im Jahre 1707, schön bis zum Ende.

Ihr König hatte sie schon viele Jahre zuvor zu den Toten geworfen.

Wenige Jahrzehnte nach dem Zauberroman der Montespan spielte auch an einem deutschen Fürstenhofe eine seltsame Geschichte ähnlicher Art sich ab: der Herzensroman des Kurfürsten Johann Georg IV. von Sachsen. Er war nicht schön, dieser Roman, ebensowenig wie jener der Montespan.

Schon als Kurprinz war Johann Georg in heißer Liebe zu der damals noch sehr jungen Magdalene Sibylle, Tochter des Obersten, späteren Generallieutenants von Neitschütz (auch Neitzschütz geschrieben), entbrannt. Umsonst waren die Versuche seiner Eltern, den Kurprinzen von seiner unheilvollen Liebe zu lösen. Er machte Sibylle zu seiner Geliebten und pflegte sein Verhältnis mit ihr auch dann noch, als er selber Kurfürst geworden war und die Markgräfin Eleonore von Ansbach heiratete. Ja, er bevorzugte jene sogar öffentlich vor dieser unglücklichen Fürstin. Sibylle ward zur Reichsgräfin von Rochlitz erhoben und hatte ihren eigenen Hofstaat, während das Volk sie schmähte und verfluchte. Der böse Geist dieses Romans war Sibyllens Mutter, die Generalin Neitschütz, die in maßlosem Ehrgeiz mit dem Plane sich trug, die Kurfürstin ganz zu verdrängen und ihre Tochter Sibylle an deren Platz zu bringen. Die Vorbereitungen dazu waren getroffen, als Sibylle plötzlich an den Blattern starb und der trostlose Kurfürst wenige Wochen später, am 27. April 1694, erst 26 Jahre alt, ein Opfer derselben Krankheit ward. Die Regierung kam an seinen älteren Bruder Friedrich August.

Nun brach das Verderben über die Generalin Neitschütz herein. Da man ihrer Tochter nichts mehr anhaben konnte, als daß man ihren Leichnam aus der Kirchengruft entfernte und in irgend einem Winkel verscharrte, richtete sich der berechtigte Grimm der öffentlichen Meinung gegen die schuldige Mutter, die Generalin.

Friedrich August, bekannter unter dem Namen August der Starke, ließ, gedrängt durch die Volksstimme, sofort der Generalin den Prozeß machen; nicht als ob er selber an eine Behexung seines Bruders glaubte, als vielmehr um eine Ehrenrettung desselben zu versuchen. Die Generalin, die übrigens durch gewissenlose Treibereien sich und die Ihrigen mittels des Einflusses ihrer Tochter bereichert hatte, ward angeschuldigt, den Kurfürsten Johann Georg III. durch Zauberei ermordet und seinen Nachfolger, Johann Georg IV., ebenfalls durch Hexenkunststücke in ihre Tochter verliebt gemacht zu haben. Selbst gegen die verstorbene Favoritin ward der Prozeß erhoben. Vierundvierzig Personen wurden teils als Zeugen, teils als Mitschuldige in den Prozeß hereingezogen, insbesondere mehrere Zauberweiber und der Scharfrichter. Verschiedene dieser Personen wurden der Tortur unterworfen. Die Generalin Neitschütz soll ebenfalls den ersten Grad der Folter mit großer Standhaftigkeit ausgehalten haben. Später trug sie, um die Spuren der ausgestandenen Marter zu verberge, stets Handschuhe. In diesem Prozesse nun wurde der ganze Aberglaube jener Zeit noch einmal ans Licht gezerrt. Die gefolterten Helfer und Helferinnen der Generalin bekannten, daß allerhand Zaubermittel angewendet worden seien, um den Kurfürsten zu behexen. So trug Sibylle ein aus ihren und des Kurfürsten Haaren geflochtenes Zauberband am Arme; dasselbe nahm sie sogar mit ins Grab, und man gab diesem Bande die Schuld, daß ihr der Kurfürst so rasch (nach fünfzehn Tagen) in den Tod folgen mußte. Der Apotheker Sartorius ward mit in die Untersuchung gezogen, weil er die Adlerswurzel und das Zauberkraut Moly (mit welchem einst Odysseus den Zauber der Circe löste) an die Frau von Neitschütz und ihre Tochter geliefert haben sollte.

Unser lichteres Jahrhundert weiß, welches die Zaubermittel waren, die damals wirklich gewirkt hatten: die Schönheit der jugendlichen Sibylle und die leidenschaftliche Verliebtheit des Kurfürsten. Damals glaubte alle Welt, selbst die gelehrten Juristen, an Hexerei. Der Prozeß gegen die Generalin ward indessen, nachdem der Zorn der Bevölkerung etwas abgekühlt war, niedergeschlagen. Für ihre Verbrechen war diese Frau durch die lange Untersuchungshaft, durch den Pranger, auf den sie öffentlich gestellt ward, durch die ausgestandene Angst und Folter und durch die Einziehung des zusammengestohlenen Guts noch recht gnädig bestraft. Ihre Freiheit erhielt sie wieder; 1713 starb sie, dreiundsechzig Jahre alt, auf einem Gute ihres Sohnes, des Generalmajors von Neitschütz. Von ihren Mitschuldigen wurden einige durch den Pranger, andere durch Auspeitschen bestraft; ein paar derselben, die „Hexe Margarete“ aus dem Spreewald und der Scharfrichter, starben im Kerker, vielleicht an den Folgen der ausgestandenen Folter. Die finanziellen Machenschaften und Plünderungen der Generalin und ihrer Tochter aber hatte der Mann zu büßen, der ihr dabei hauptsächlich behilflich gewesen war: der Kammerdirektor Gebhard von Hoym. Er büßte seine Uebelthaten [008] mit anderthalbjährigem Gefängnis; dann ward er gegen eine Zahlung von 200 000 Thalern freigelassen – und sogar Kammerpräsident.

So endete der denkwürdige Prozeß gegen die Generalin von Neitschütz, nicht ohne einen ganzen Sumpf von Aberglauben, grobem Laster, maßloser Herrschsucht, Betrügerei, Bestechung und ähnlichen Nichtswürdigkeiten aufgedeckt zu haben.

Ist auch der Hexenglaube mit seinen Scheußlichkeiten nach langem Kampfe helleren Anschauungen gewichen, so erinnern an den einst so verbreiteten Glauben an Liebeszauber doch noch manche harmlosere Bräuche, die sich bis in das gegenwärtige Jahrhundert unter der Landbevölkerung erhalten haben. So die Beschwörung des Geliebten in gewissen „heiligen Nächten“. Der bekannteste dieser Bräuche war noch vor einem Menschenalter in Süddeutschland das „Betttreten“. Das Mädchen, welches seinen Liebsten oder künftigen Gatten zur Erscheinung zwingen wollte, stellte sich in der Thomasnacht auf ein Brett, das aus der Bettstelle genommen war, und sprach dazu:

„Liebes Bett, ich tritt dich,
Heiliger Thomas, ich bitt’ dich,
Daß mir in dieser Nacht erschein’
Der Herzallerliebste mein!“

Uebrigens sind heute die abergläubischen Ideen von der Möglichkeit eines Liebeszaubers keineswegs völlig verflogen. Auch unter den Angehörigen der Kulturvölker giebt es noch am Ende des 19. Jahrhunderts einzelne rückständige Naturen, die von diesem Aberglauben befangen sind und durch ihn die Beute frecher Schwindler werden. Lesen wir doch ab und zu in Tagesblättern von Gerichtsverhandlungen gegen derartige Schwindler, die aus der Unwissenheit und dem leichtgläubigen Liebeswahn schwacher Menschen Kapital schlagen. Während aber vergangene Jahrhunderte aus dem Aberglauben des Liebeszaubers erschütternde und herzbrechende Tragödien erwachsen ließen, entstehen heutzutage meist nur Komödien oder gar Possenspiele daraus – wenigstens dem äußeren Anscheine nach. Da ist eine oder die andere durchtriebene Frauensperson, die im Rufe steht, liebedürstenden oder eifersüchtigen Frauen und Mädchen den Erwählten ihres Herzens huldvoll stimmen zu können, Untreue in Treue, Gleichgültigkeit in lodernde Glut umzuwandeln. Bei Nacht und Nebel wird sie aufgesucht in irgend einem Vorstadthäuschen, von verschleierten Damen, wie von armen Mädchen aus dem Volke. Gegen flehendes Bitten und bares Geld giebt sie dann ihre Ratschläge, Amulette, Liebestränkchen her, die von den Bethörten mit halbem Zweifel und halbem Glauben genommen und angewandt werden, bis einmal der Zufall oder die Entrüstung einer der vielen Betrogenen den Schwindel an den Tag bringt und vor dem Auge des Strafrichters ein schmähliches Possenspiel entrollt, das viele Jahre lang mit armen betrogenen Frauenherzen getrieben wurde. Dann lachen freilich die vernünftigen Zeitungsleser, und auch die Mitleidigsten zucken die Achseln und meinen, den Dummen sei eben nicht zu helfen. Aber jene zahllosen Thränen, jener herzbrechende Jammer, der so oft hinter den Coulissen spielt, während auf der Bühne des Gerichtshofes die Posse mit der Verurteilung der Zauberkünstlerin endet: sie bleiben verborgen und ohne Sühne.

Daran ist freilich nicht die Justiz schuld, nicht einmal die betrügenden Zauberkünstler, sondern nur die Liebe selber, diese verblendende, dämonische, mit dem menschlichen Herzen und dem Verstande spielende – und doch so himmlische Macht!



  1. Mitgeteilt in Stieve, Wittelsbacher Briefe.