Treu bis zum Tod

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<<
Autor: Hermann Oelschläger
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Treu bis zum Tod
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 816
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[816]
Treu bis zum Tod.[1]
Ein neues „Lied vom braven Mann“.
Hanau, 14. November 1884.
Von Hermann Oelschläger.

Der Bahnzug rasselt auf eisernem Strang
Dahin durch die herbstlichen Felder,
Er rasselt die schweigenden Thäler entlang
Und jagt durch die ragenden Wälder.
      Es zittert die Brücke, es zittert der Steg,
      Der Zug fliegt donnernd darüber hinweg,
Er fliegt über Brücken und Bogen,
Von qualmendem Rauche umzogen!

Das rasselt, das gleitet so herrlich dahin -–
Die Höhen, die Thürme, die Bäume,
Sie huschen so flüchtig vorüber dem Sinn
Wie flatternde, neckende Träume.
      Vorüber die Berge, vorüber die Höh’n!
      Wie schön ist doch heute das Reisen – wie schön,
Sich behaglich im Polster zu wiegen
Und dabei durch die Länder zu fliegen!

Zur Rechten, zur Linken, bei Tag und bei Nacht,
Die nervige Faust an den Weichen,
Reiht Mann sich an Mann zur besonnenen Wacht
Und lauschet auf jegliches Zeichen.
      Das Leben von Allen, die also durchs Land
      Hinsausen, sein ist es, er hat’s in der Hand,
So oft auf den Schienen die Wagen
Vorbei ihm, die donnernden, jagen.

Er wohnt im niedrigsten, ärmlichen Haus
Und klebt an der dürftigen Scholle;
Die Andern, sie jagen 1n’s Weite hinaus
Und stürmen in’s Leben, in’s volle.
      Vorüber die Berge, vorüber die Höh’n!
      Wie schön ist doch heute das Reisen – wie schön,
Sich behaglich im Polster zu wiegen
Und dabei durch die Länder zu fliegen!

Der Bahnzug rasselt. Den Fels und die Fluth
Durchbricht er mit dröhnendem Schalle.
Das Feuer geschürt, daß die sprühende Gluth
Der qualmenden Esse entwalle!
      So sauste der Drache, voll Gier auf das Mahl,
      Mit feurigen Nüstern einst wild durch das Thal,
Entfauchend versengende Hauche,
Mit rasselnden Schuppen am Bauche.

Und immer noch jagt wie im Sturme der Zug
Das Land hin, Meilen um Meilen,
An Hütten und Häusern vorüber im Flug,
Vorbei ohne Rast und Verweilen.
      Und siehe, jetzt steigt aus dem dunstigen Flor
      Der Ferne das Ziel schon, die Stadt schon empor,
Und klarer stets hebt sich und freier
Ihr Bild aus dem rauchigen Schleier.

Und hastend erhebt sich der Reisenden Troß,
Man eilt, nach der Habe zu greifen,
Zieht straffer den Riemen, sieht prüfend zum Schloß,
Knüpft fester den Mantel, die Schleifen.
      Vorüber die Berge, vorüber die Höh’n!
      Wie schön ist doch heute das Reisen, wie schön!
Nur Geduld noch die winzige Strecke!
Die Curve noch, hier noch die Ecke!

Und also zum Schluß! Schon klappert und fällt
Da, dort ein Fenster hernieder -
Da rasselt die Leine am Dach, da gellt
Ein Pfiff – und jetzt wieder – und wieder!
      So anders als sonst! Man erschrickt – aufreißt
      Ein Schaffner die Thür: „Der Zug entgleist!
Aus dem Wagen heraus! Nur Secunden
Noch gilt’s!“ Und schon ist er verschwunden.

Entsetzen! Entsetzen! Welch schreckliches Droh’n!
Sie stehn mit erstarrtem Gesichte,
Als bliese ein Engel mit schmetterndem Ton
Die Posaune am jüngsten Gerichte!
      Verderben und Tod! Sagt, war das ein Geist?
      Doch hinaus, wer sich lieb hat! Der Zug entgleist!
Und rasselnd donnern die Wagen
Dahin, wie vom Sturme getragen.

Und Rasseln und Schreien durchschüttert die Luft,
Der Schrecken lähmet die Glieder.
Wer wagte den Sprung auch hinab in die Gruft,
In das Grab, in die Tiefe hernieder?
      Da drängen die Letzten – der Erste fällt –
      Nachstürzen die Andern – ein Wehruf gellt
Und rasselnd donnern die Wagen
Dahin, wie vom Sturme getragen.

Doch der Schaffner, der Schaffner, der treffliche Mann,
Er sah’s: an der Curve, der Ecke,
Da stand – o Himmel, halt an, halt an! –
Ein Zug auf der nämlichen Strecke.
      Schon sauste die Leine, schon gellte der pfiff,
      Da sprang wie ein Held er heraus schon und griff
Sich weiter auf schwindelndem Brette,
Daß nach Kräften er helfe und rette·

Und näher und näher jetzt saust es hinan,
Als ob in die Hölle man führe;
Der Schaffner, der Schaffner, der herrliche Mann.
Er tastet von Thür sich zu Thüre.
      Hinrasseln die Wagen noch immer im Flug –
      O Schaffner, o Schaffner, nun ist es genug!
Du rettetest Viele! Nun rette
Dich selbst durch den Sprung von dem Brette!

Vom Sturmwind umschüttelt, so drängt er sich dich
An die Stangen im Vorwärtsstreben.
Hindonnern die Wagen; er achtet es nicht,
Hoch über der Tiefe zu schweben.
      Er öffnet die Thüren: Heraus! Heraus!
      In’s Rädergerassel! In’s Wagengebraus!
Wem bangt noch um Beine und Arme?
Hofft immer, daß Gott sich erbarme!

Und jetzo das Ende! O braver Gesell,
Zum Heile von Vielen geboren,
Jetzt denk’ auch an dich und jetzt rette dich schnell,
Sonst bist du für immer verloren!
      Du treuer Schaffner, du braver Clauß,
      Jetzt denk’ an dein Weib und die Kinder zu Haus
Umsonst! – Da krachen in Flammen
Auflodernd die Züge zusammen.

Ein Schrei, der die Herzen der Hörer zerreißt!
Wie ein Chaos dann bricht es hernieder,
Zersplittert, Zerstampft, was so stolz erst gegleißt,
Verstümmelte, zuckende Glieder.
      Und Rauch und Dampf und flackernde Gluth,
      Am tiefsten aber von Allen ruht
Im Wirrsal der Balken und Bretter
Der Helfer, der Warner, der Retter.

Sie tragen zur Gruft ihn, zerschmettert, zerdrückt,
Der unendlichen Ruhm sich erworben.
Ich weiß nicht, ob Lorbeer den Sarg ihm schmückt,
Doch ist wie ein Held er gestorben.
      So senken zur Ruhe in’s nächtliche Haus
      Sie den braven Schaffner, den wackern Clauß,
Der herrlich vor Vielen erlesen,
Getreu bis zum Tode gewesen.

  1. Wohl allen unseren Lesern schwebt noch das entsetzliche Eisenbahn-Unglück bei Hanau. vom 14. November d. J. in der Erinnerung. Nicht allen dürfte aber die Heldenthat des Schaffners Clauß bekannt sein, der einer großen Anzahl von Reisenden dadurch das Leben rettete, daß er – den sichern Tod vor Augen – längs der Trittbretter der dem Verderben entgegensausenden hinkletterte, die Coupéthüren aufriß und den im Wagen Sitzenden zurief: „Alles herausspringen, der Zug entgleist!“ Leicht hätte er sich selber durch einen Sprung in Sicherheit bringen können – er that es nicht! Er starb auf seinem Posten, ein Opfer muthiger, treuer Pflichterfüllung. Der Mann hinterläßt eine Frau mit sieben unversorgten Kindern! Bedarf es weiterer Worte, wo die Thatsachen in so herzbewegender, erschütternder Weise sprechen?! Wir glauben es nicht. Zuversichtlich stellt die „Gartenlaube“ hiermit für die Wittwe und die Waisen Clauß den Opferstock auf und wird über jede eingehende Gabe öffentliche Quittung ablegen.
    Die Redaction.