Ueber den Kopfschmerz oder das Kopfweh

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Ueber den Kopfschmerz oder das Kopfweh
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 90–91
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Bausteine zu einer naturgemäßen Selbstheillehre.
Ueber den Kopfschmerz oder das Kopfweh.

Wenn doch die Kopfschmerzen nicht wären! So denkt und wünscht ebensowohl der Arzt, wie der Kranke. Der Erstere, weil er in den allermeisten Fällen nicht weiß, wo diese Schmerzen herstammen (wir sehen hier natürlich ganz ab von Kopfschmerzen, die durch Verletzungen des Kopfes veranlaßt werden) und wie sie zu beseitigen sind, der Letztere, weil er durch Kopfschmerzen doch stets in seinem Thun und Treiben mehr oder weniger gestört wird. Um nun dem Laien einen kleinen Begriff von der Schwierigkeit zu geben, welche dem denkenden Arzte der Sitz und Ursprung dieser Schmerzen machen, will ich dem Leser die Fragen vorlegen, welche sich der rationelle (physiologische) Arzt in seinem Kopfe zu beantworten sucht, wenn er gegen Kopfschmerz — der beiläufig gesagt, wie überhaupt Schmerz (s. Gartenlaube 1855. Nr. 4.), nie eine für sich bestehende Krankheit, sondern stets nur eine Krankheitserscheinung ist und nicht nur sehr viele, sondern auch sehr verschiedenartige, oft sogar die einander entgegengesetztesten Krankheitszustände (z. B. Blutarmuth und Blutfülle des Gehirns) begleiten kann, — zu Rathe gezogen wird. — Bei der unwissenschaftlichen homöopathischen Heilmethode [1] ist es natürlich leicht, schnell eine Anzahl heilensollender Mittel in Nichts-Form gegen den Kopfschmerz zu empfehlen, weil da nach dem Sitze und der Beschaffenheit des Schmerzes (als ob diese bei verschiedenen Menschen nicht ganz verschieden wäre) in den Arzneimittel- und Heillehren eine zu große Menge Arzneistoffe, unter denen natürlich die unvermeidliche und fast überall anwendbare Nux vomica die Hauptrolle spielt, paradiren. Doch zurück zur Wissenschaft.

Die erste zu beantwortende Frage bei Kopf- oder richtiger bei Schädelschmerzen (denn man bezeichnet in der Regel nur die am und im obersten Theile des Kopfes, also des Schädels, fühlbaren Schmerzen als Kopfschmerzen) ist: „wo befindet sich der Sitz dieser Krankheitserscheinung?“ Abgesehen von den Schmerzen in der Stirn und Schläfe, am Scheitel und Hinterkopfe u. s. f., kann derselbe auch in und unter der Kopfhaut, am und in den Schädelknochen und ihren Höhlen (wie in den Stirn-, Sieb-, Keil- und Schläfenbeinhöhlen), sowie im Innern des Schädels, in den verschiedenen Organen der Schädelhöhle (besonders in den Hirnhäuten und im Gehirn) seinen Sitz haben. Der Patient ist nur äußerst selten im Stande, durch die Art seiner Empfindungen das Organ anzugeben, dessen Leiden den Schmerz veranlaßt, gewöhnlich schmerzt auch der ganze Kopf. Hat aber der Arzt durch genaue Untersuchung das schmerzende Organ wirklich ergründet, was ihm leider gar oft nicht gelingt, dann muß er immer erst noch die Natur des Leidens dieses Organes zu erforschen suchen, was abermals sehr oft mit großen Schwierigkeiten verbunden, ja nicht selten unmöglich ist. — Im Allgemeinen können wir für die Schmerzen in den äußern Theilen des Schädels etwa folgende Anhaltspunkte angeben. Bei Schmerzen in den Nerven der Kopfhaut (d. i. der nervöse, neuralgische Kopfhautschmerz) zieht derselbe entweder diesen Nerven entlang oder sitzt doch deutlich in einem solchen fest; Druck auf den leidenden Nerven vermehrt den Schmerz, ebenso bisweilen das Aufwärtsstreichen der Haare. Der Schmerz, welcher bald dumpfer, bald heftiger und dann reißend oder brennend u. s. w. ist, macht in der Regel Pausen und tritt sonach anfallsweise (intermittirend) ein; nicht selten befällt er blos die eine Kopfhälfte (wie die Migräne). — Der in den muskulösen (fleischigen) und sehnigen Theilen des Schädels befindliche Schmerz, von reißender, spannender oder zusammenziehender Beschaffenheit, wird durch Druck und Bewegungen (Kauen, Stirnrunzeln, Kopfnicken) vermehrt und ist dem rheumatischen Schmerze vergleichbar. Bei den beiden genannten Kopfschmerzarten sind gewöhnlich Ruhe und Wärme die besten Linderungs- und Heilmittel. — Ist der Sitz des Schmerzes in der Knochenhaut oder den Knochen des Schädels, dann nimmt er fortwährend eine ganz bestimmte und meist kleine Stelle ein, ist bald dumpf und spannend, bald heftig bohrend, und wird durch Druck und Klopfen an die leidende Stelle verstärkt. Da die schmerzenden Knochen- und Knochenhautleiden, sowie deren Ursachen, sehr mannigfaltig sein können, so kommt auch der beste Arzt über diesen Kopfschmerz nicht gleich sicher in das Klare — Im Vorderhaupte befinden sich im Stirnknochen, dicht über der Nasenwurzel und den Augenbrauen, die Stirnhöhlen, welche in ununterbrochenem Zusammenhange mit der Nasenhöhle stehen und, wie diese, mit Schleimhaut ausgekleidet sind. Deshalb kann sich denn auch der Schnupfen (Nasenkatarrh) mit seinen Folgen leicht aus der Nase in die Stirnhöhlen erstrecken und Schmerz veranlassen. Dieser ist dann festsitzend in der Stirn, drückend, die Augen gleichsam aus ihren Höhlen drängend, sich nicht durch äußern Druck, wohl aber beim Bücken, Kopfschütteln u. dgl. steigernd. Die besten Dienste gegen denselben thuen Einziehungen und Einspritzungen warmer Dämpfe und Flüssigkeiten in die Nasen- und Stirnhöhle.

Die große Mehrzahl der Kopfschmerzen hat nun aber innerhalb der Schädelhöhle ihren Sitz und ist von krankhaften Zuständen der allerverschiedensten Art entweder des Gehirns oder der Hirnhäute abhängig. Den wahren Grund solcher innerer Schmerzen ausfindig zu machen, gelingt auch dem wissenschaftlichsten Arzte gewöhnlich nur schwer oder sehr oft auch gar nicht. Denn von der Stelle und der Beschaffenheit des Schmerzes läßt sich durchaus kein sicherer Schluß auf seine Ursache machen, weit eher noch mit Hülfe der begleitenden Störungen im ganzen Körper oder nur in der Hirn- und Hirnnerventhätigkeit. Im Allgemeinen ist der [91] von Leiden des Gehirns und der Hirnhäute veranlaßte Kopfschmerz tiefer sitzend und nicht durch Druck, wohl bisweilen aber durch Schütteln des Kopfes, schnelles Bücken und Umdrehen, plötzliches Aufrichten, Anhalten des Athems, Husten, Niesen, Brechen und Bauchpressen zu steigern; auch vermehrt er sich durch geistige und Sinnes-Anstrengungen. Was die Beschaffenheit dieses Kopfschmerzes betrifft, der bei verschiedenen Kranken trotzdem, daß derselbe durch ganz dasselbe Leiden veranlaßt wird, doch sehr verschieden sein kann, so hört man denselben bezeichnen: als bohrend, drückend, stechend, brennend, nagend, klopfend, reißend, schneidend, durchschießend, dumpf, drückend, den Kopf zusammenpressend oder aus einander treibend, mit Wüstheit oder Vollheit und Schwere im Kopfe, eisig kältend; als festsitzend oder flüchtig, wandernd, fließend, oberflächlich oder tief, genau umschrieben; als anhaltend, bald vorübergehend, aussetzend, periodisch, durch gewisse Zustände vermehrt oder vermindert; verbunden mit Appetitlosigkeit, Brechneigung, Brechen, Schwindel, Mattigkeit, Sinnesstörungen (Flimmern vor den Augen, Ohrensausen, große Empfindlichkeit des Gesichts- und Gehörsinnes), Schlaflosigkeit oder Schlafsucht u. s. w. — Für den Laien ist derjenige Hirn-Kopfschmerz, welcher häufig wiederkehrend (d. i. der habituelle Kopfschmerz), aber weder von Fieber (beschleunigtem Pulse und gesteigerter Körperwärme), noch von krampfhaften oder lähmungsartigen Nervenaffektionen begleitet ist, insofern der wichtigere, als er weit leichter durch eine passende Lebensweise von Seiten des Patienten, als durch Arzneien des Arztes gehoben werden kann. Bei diesem Kopfschmerze kommt es nun in Frage, ob er von widernatürlicher Reizung oder von widernatürlicher Reizbarkeit des Gehirns herrührt.

Hirn-Kopfschmerz aus widernatürlicher Reizung des Gehirns. Hierbei kann das übrigens gesunde Gehirn ganz unmittelbar oder mittelbar (durch Vermittelung der in dasselbe eintretenden Sinnes- und Empfindungsnerven) widernatürlich gereizt werden. Gewöhnlich ist die Folge solcher öfters wiederkehrender oder längere Zeit andauernder Reizungen die widernatürliche Reizbarkeit des Gehirns, und dann häufiger und anhaltender Kopfschmerz. —— Die unmittelbare Reizung der Gehirnsubstanz kann ebensowohl vom Blute, welches das Gehirn durchströmt und sich hinsichtlich seiner Menge und Beschaffenheit in falschem Zustande befinden kann (z. B. bei Vergiftungen desselben, wozu auch der Alcoholmißbrauch gehört), wie von heftigeren sogenannten geistigen Eindrücken (von Denk- und Gemüths-Anstrengungen, leidenschaftlichen Aufregungen) ausgehen. Eine mittelbare Reizung des Gehirns, durch die Sinnes- oder Empfindungsnerven vermittelt, könnte veranlaßt werden: durch grelles Licht, scharfe Augengläser, längeres Betrachten kleiner, besonders glänzender Gegenstände, starke und widrige Gerüche, erschütternde und angreifende Gehörseindrücke (Wagner’sche Musik), Einwirkung von bedeutenderer Hitze oder Kälte (Kaltwasserquälerei), schmerzhafte Krankheiten, Operationen und Verletzungen, Elektricität und Galvanismus, geschlechtliche Ueberreizung und durch Reizmittel aller Art. — Bei der Behandlung dieses Kopfschmerzes ist natürlicher Weise die widernatürliche Reizung des Gehirns aufzuheben und für Ruhe, sowie für richtige Ernährung dieses Organs Sorge zu tragen. Geschieht dies nicht in Zeiten, dann kann das Gehirn, wie schon gesagt wurde, eine solche Reizbarkeit erlangen, daß der Kopfschmerz eine ganz enorme Höhe erreichen und anhaltend werden kann. Und dann Gnade Gottes, wenn ein solcher Patient in die Hände eines arzneisüchtigen Arztes fällt; denn der kurirt jetzt auf allerhand organische Hirnkrankheiten (Erweichung, Ausschwitzung, Geschwulst u. s. f.) mit den wirksamsten Mitteln los. — Am gewöhnlichsten wird vom Arzte und Laien die zu starke Anfüllung der Hirn- oder Hirnhautgefäße mit Blut (der sogenannte Blutandrang oder die Congestionen nach dem Kopfe) als Ursache der Reizung des Gehirns und sonach des Kopfschmerzes angesehen. Ob mit Recht, läßt sich schwer bestimmen, da noch Niemand zur Zeit des Kopfschmerzes in den Kopf hineingeguckt hat, und die Röthe des Gesichtes, sowie die Wärme der Kopfhaut noch gar nicht beweisen können, daß es innerhalb des Schädels auch so aussieht, wie außen. Keinen Falles wird es nun aber schaden, im Gegentheile stets nützen, wenn Jemand, dessen Kopfschmerz mit Röthe und Hitze der äußern Theile des Kopfes verbunden ist (d. i. der sogen. congestive Kopfschmerz), das thut, was den Blutlauf durch den Körper, und so auch durch das Gehirn und die Hirnhäute regulirt. Das ist aber in Gartenlaube 1855. Nr. 6. besprochen worden und besteht hauptsächlich: in kräftigem Athmen in guter Luft, zweckmäßiger Bewegung und hinreichendem Wassergenuß. Außerdem muß noch auf gehörige Leibesöffnung, warme Füße (Fußbäder) und kühlen Kopf, auf leichte und reizlose Kost gehalten und Alles vermieden werden, was stärkeres Herzklopfen veranlaßt. — Gewöhnlich werden auch Störungen im Bereiche der Verdauung als Ursachen des Kopfschmerzes (d. i. der sogen. gastrische Kopfschmerz) angesehen, und in der That giebt es Personen, die nach gewissen Speisen Kopfschmerzen bekommen wollen. In den meisten Fällen dürfte sich aber die Sache umgekehrt verhalten und der Kopfschmerz die Verdauungsstörungen veranlassen, oder eine und dieselbe Ursache Schuld an beiden Uebeln tragen.

Hirn-Kopfschmerz aus widernatürlicher Reizbarkeit des Gehirns. Hier bringen schon gewöhnliche Reizungen (geistiger und gemüthlicher Art, sowie durch die Sinnes- und Empfindungsnerven) in der krankhaft empfindlichen Hirnsubstanz Schmerzen hervor. Diese abnorme Empfindlichkeit ist aber entweder die Folge früherer, oft und lange einwirkender widernatürlicher Reizungen des Gehirns, von denen vorher die Rede war, oder sie ist durch eine falsche und mangelhafte Ernährung der Hirnsubstanz veranlaßt; in den meisten Fällen trägt allgemeine Blutarmuth (s. Gartenlaube 1853. Nr. 49) oder Blutmangel blos im Gehirne, der durch ein Mißverhältniß von Einnahme und Ausgabe des Hirn-Blutes erzeugt wird, die Schuld an der reizbaren Schwäche des Gehirns. Deshalb haben Bleichsüchtige, Gelehrte bei schmaler Kost, sogen. nervöse und hysterische Frauen, auf Bällen und in Gesellschaften florirende Damen, Kaltwasser-Fanatiker, stillende Mütter, Wüstlinge, von Gram und Sorge Heimgesuchte etc. so oft Kopfschmerzen. Alle diese Patienten tragen die Erscheinungen der Blutarmuth in höherem oder niederem Grade an sich, wie: Bleiche der Lippen, des Zahnfleisches, der Zunge und der innern Bekleidung der Augenlider; dünne, blasse und durchscheinende, mit röthlich-violetten Adern durchzogene Haut, allgemeine Mattigkeit u. s. w.— Daß die Behandlung dieses, aus widernatürlicher Reizbarkeit der Hirnsubstanz entsprungenen Kopfschmerzes (d. i. der sogen. nervöse Kopfschmerz) auf die Herstellung einer normalen Reizbarkeit des Gehirns gerichtet sein muß, versteht sich wohl von selbst. Eine solche ist aber nur dadurch zu erlangen, daß das zu reizbare Gehirn eine Zeit lang so viel als möglich ungereizt bleibt oder doch nur zu schwacher Thätigkeit veranlaßt und während dieser Zeit der Ruhe richtig (durch gehörig eiweiß- und fetthaltige Nahrung) ernährt wird. Vorzüglich ist nach einem langen und ruhigen Schlafe, während welches ja das Gehirn unthätig und nur mit seiner Restauration beschäftigt ist, zu streben. Beim Kopfschmerz Blutarmer und Bleichsüchtiger (d. i. der sogen. anämische oder chlorotische) muß natürlich durch die vermehrte Aufnahme von zweckmäßigen, besonders thierischen Nahrungsstoffen, und durch die Verminderung des Blutverbrauches (s. Gartenlaube 1853. Nr. 49) die Menge und Beschaffenheit des Blutes verbessert werden. Die Meinung, daß hierbei kalte Bäder (Seebad) und kalte Waschungen dienlich wären, ist eine durchaus falsche, da die Kälte nur als Reizmittel und in unserm Falle deshalb nur schädlich wirken kann. Wohl unterstützen aber warme Bäder durch Bethätigung der Hautfunktion die Heilung.

Hoffentlich wird der Leser aus dem Gesagten gemerkt haben, wie schwierig die Beurtheilung und wie langwierig die Behandlung der Kopfschmerzen ist, und wie die Heilung der Mehrzahl derselben weit mehr vom Patienten als vom Arzte abhängt, denn die Regelung der Lebensweise und nicht die Arznei ist es, welche hier heilbringend wirkt. Davon wollen aber leider die Patienten nichts wissen, weil ihnen ein regelmäßiges Leben unbequemer als das Medicineinnehmen ist.
Bock. 

  1. Man hat behauptet, daß wissenschaftliche Streite und auch der Streit über Homöopathie und Allopathie nicht vor das größere Publikum, sondern in wissenschaftliche Schriften gehörten. Dagegen ist aber zu erinnern, daß bei der Homöopathie, die ja von Personen jedes Standes und Geschlechtes ohne alle wissenschaftliche Vorbildung in kurzer Zeit erlernt wird, durchaus nicht von Wissenschaft die Rede sein kann, sondern blos von Täuschung und über diese ist nur das große Publikum aufzuklären, nicht aber durch die Wissenschaft längst aufgeklärte Mediciner.