Ueber die vorstehenden Parabeln und die nachfolgenden Gespräche

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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Ueber die vorstehenden Parabeln und die nachfolgenden Gespräche
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung) S. 77–94
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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II.
Ueber
die vorstehenden Parabeln
und
die nachfolgenden Gespräche.
_____


Den Verfasser dieser Parabeln hat die Vorrede genannt; das bald folgende Andenken an ältere Deutsche Dichter wird von ihm etwas Mehreres anführen. Jetzt wollen wir nur von zween seiner Arbeiten reden, den vorstehenden Parabeln, und den Gesprächen, die diesem Aufsatz folgen.

Die Parabeln nannte ihr Autor Apologen. Er hat ihrer nicht weniger, als dreihundert gedichtet, deren Sammlung er eine christliche Mythologie, oder Bilder von Tugenden und Lastern des menschlichen Lebens nannte. Schon diese Erklärung zeigt, daß es dem Verfasser um eigentliche äsopische Fabeln nicht zu thun war. Wenige seiner Dichtungen grenzen an diese Fabel; die meisten gehen auf Sinn- und Denkbilder, (Embleme) auf Allegorien, auf Personificationen hinaus, die in die eigentliche Fabel nicht gehören.

Andreä lebte, (was Kunst und Dichtkunst anbetrift,) in Zeiten, da man die Embleme sehr liebte. In Italien und Spanien war die Periode der großen Dichter vorüber; dagegen war theils aus ihren Werken, theils aus den Gemählden mancher großen Künstler eine Liebhaberei an Symbolen, bedeutenden Attributen, Allegorien u. f. auch in das Gebiet der Buchstaben und Gedanken gekommen, die, um die Wahrheit zu gestehen, den menschlichen Geist zwar erweiterte, aber die Kunst verengte. Eine große Menge symbolisch-emblematischer Bücher und Verzeichniße erschien zu Ende des sechzehnden und im Anfange des siebenzehnden Jahrhunderts. – Warum? Die Geschichte dieser Zeit und dieses Geschmacks liegt noch sehr im Dunkeln. – Den Gedanken im Großen auszubilden, ihn in allen seinen Gliedern sich selbst gleichförmig dergestalt auszuschaffen, daß kein Theil dem andern widerspreche und nur Ein Geist, wie im göttlichen Odem eingehaucht, das ganze schöne Gebilde belebe; diese Poesie schien der damaligen Zeit entweder zu groß, zu mühsam oder auf die Gegenstände, mit denen man sich damals beschäftigte, nicht anwendbar zu seyn. Vielleicht war man der alten, simpeln Vorstellungen satt, und weil man sie nicht zu übertreffen vermochte, wandte man an einzelne Theile, oft außer dem Zusammenhange des Ganzen, desto mehr Kunst. Häufig wollte man auch dem Auge darstellen, was ihm nicht darzustellen war, sinnreiche Gedanken und Gleichnisse, selbst Phrasen und Formeln der Rede, Sprüchwörter, politische Maximen; und wenn diese durch sich selbst nicht verständlich waren, ward der Bilderwitz durch Sprachwitz erläutert. Der Witz ist ein leichtes, flüchtiges Roß; nicht allenthalben kann und mag ihm die Kunst folgen. Er glaubt, nie fein gnug sprechen zu können, zumal wo er nicht rein heraus sprechen darf, wie bei politischen Gegenständen. Da wollte er also andeuten, wollte den Gedanken fast ohne Körper sichtbar machen, und bei dem kaum angedeuteten Körper wiederum neue Gedanken in Worten hinzumahlen. Die grosse, offene Poesie erlag also unter Witz und Politik, unter geheimen Winken, dahin geworfenen Bidern, unausgeführten, mit sich selbst kämpfenden Zügen; die Kunst verbarg sich in Embleme.

Es wird anderswo Gelegenheit seyn, den Geist der reinen griechischen Allegorie vom emblematischen Schatten späterer Zeiten näher zu unterscheiden; hier bleiben wie bei den Sinn- und Denkbildern, von denen wir reden. Andreä, der die Italienische und Spanische Sprache liebte, und alles Witzige kannte, was damals im Gange war, nahm auch an der Form ihrer Einkleidungen Theil; insonderheit scheint Boccalini auf ihn viel gewirkt zu haben. Da sein Gewissen ihn trieb, die Fehler seiner Zeit zu rügen, und sich die nackte Wahrheit nicht sehen lassen durftet: so gab er ihr, wie er in einem eignen Apolog sagt, dies Fabelgewand, nicht um sie müßig oder gar üppig auszuzieren, sondern vielmehr sie den Augen der groben Menge zu entziehen, und für ihren Schlägen zu sichern. Den wenigern, die eine solche Einkleidung verstünden, trauete er schon einen feineren, billigeren Geist zu; und doch zeigt leider die Geschichte seines Lebens, daß er auch diesen viel zu viel zugetrauet habe. Für die bösen Deuter, die aus dem Kiesel Funken zu schlagen wissen, hatte er lange nicht emblematisch gnug geschrieben. Bei einem solchen Zustande der Welt fällt also jede Vorschrift der Kunst, wenn sie Ausführlichkeit und deutliche Entwicklung gebietet, zu kurz. Wer will die Ruhe seines Lebens der Bestimmtheit eines Kunstwerks aufopfern? Auch hier, wie allenthalben, ist der Gedankenzwang der Vater der Barbarei; der Despotismus wird des guten Geschmacks Mörder.

In Ansehung der Composition bin ich also weit entfernt, die Denkbilder des vortreflichen Andreä zur Nachahmung zu empfehlen. Vielmehr können sie dem Lehrer des guten Geschmacks, wenn er nichts besseres an ihnen zu bemerken weiß, nützlich seyn, seinem Schüler an ihnen mancherlei Fehler bemerkbar zu machen, und ihn dadurch vor Abwegen zu warnen. Was mangelt z. B. diesem Apolog, daß er keine ächte Fabeln jenem Emblem, daß es kein vollkommenes Sinnbild ist? Wodurch ward diese Allegorie gestört? wodurch ward jene Personendichtung zwangvoll und überladen? Welcher fremde Gedanke unterbricht hier die sinnliche Vorstellung? welcher feine Witz, hier am Anfange, dort am Ende des Gedankenbildes gehört nicht unmittelbar zu ihm? Kann aus dieser Dichtung, aus jenem Emblem ein klares schönes Epigramm werden? Wie faßt man diesen Edelstein simpler? — Solche und mehrere dergleichen Fragen kann man sich selbst und andern vorlegen, gewiß zur Reinigung und Bildung des Geschmacks, zu Schärfung und Veredlung unsres poetischen Urtheils. Dem guten Andreä kommt dabei nichts zur Last; er wollte, wie er konnte und durfte, über einzelne Fälle seiner Zeit, besonders seines Landes, sein Herz ausschütten, und sein moralisches Urtheil äußern, mit nichten aber ein Lehrer oder ein Stern der Dichtkunst werden.

So fort ergiebt sich, warum ich, wenn ichs auch gekonnt hätte, seine Dichtungen in Absicht der Composition nicht habe ändern mögen. Ich wollte, als ich in jüngern Jahren diese Stücke übersetzte, gewiß keine Satyre meiner Zeit schreiben, und mag es jetzt noch minder; ich wollte den alten Andreä zeigen, wie er ist. Warum sollte sich unsre Zeit nicht freuen dörfen, daß viele Laster und böse Gewohnheiten, die er mit harten, dunkeln Farben schildert, in ihr nicht mehr, wenigstens nicht in der scheußlichen Blüthe herrschen, in der sie damals stolzirten? Warum sollten wir uns nicht freuen dürfen, daß die Unduldsamkeit der Theologie, der Scholasticismus der Philosophie, das harte Joch der Schulen, die rohe Wohllust der obern Stände, der grobe Despotismus der Höfe, wo nicht allenthalben vertilgt, doch wenigstens allenthalben so geschwächt sind, das wir in Manchem über die Zeiten Andreä mit einer Art frohen Schauders erstaunen mögen? Sey es ferne von uns, in solchen Gemählden den Maler seiner Zeit als einen Trübsinnigen zu schelten; vielmehr wollen wir Gott danken daß er uns die beschwerliche Arbeit erließ, und uns in lichtere oder leichtere Zeiten versetzte. Gar zu leicht indessen wollen wir auch hier die Sache nicht nehmen: denn nach Andreä Meinung ändern sich zwar, aber sie bessern sich nicht, die Zeiten. Vielleicht ist manches jezt, wie es damals war; nur ist’s bei uns feiner oder verstekter. Die Decoration ist anders; aber dasselbe Schauspiel wird fortgespielt in einem späteren Act. Diese Vergleichung zu veranlassen, (warum sollte ichs verhelen?) ist die vornehmste Absicht, weßhalb ich diese Embleme und die folgenden Gespräche bekannt mache; selbst auch die Ursache, warum ich jene Parabeln, diese vaterländische Gespräche genannt habe.

Bei jenen nämlich schien mir das Wort Dichtungen, Fabeln zu unbestimmt; der Name Embleme (Denkbilder) war dem abwechselnden, Geistreichen Werk zu enge; Apolog, Mährchen, (welchen Titel der bescheidene Andreä wahrscheinlich dem Ochin abborgte,) war gar nicht zu gebrauchen; wie also, meinte ich, wenn diese vermischte Gattung von Fabel und Emblem Parabel hieße? Parabel ist eine Gleichnißsrede, eine Erzählung aus dem gemeinen Leben mehr zu Einkleidung und Verhüllung einer Lehre, als zu ihrer Enthüllung; sie hat also etwas Emblematisches in sich. Ueberdem gehet sie den Gang der Fabel, und maaßt sich sehr freie Schritte in diesem Gange an, indem sie oft mehrere Lehren verbirgt, und sich nicht, wie die äsopische Fabel an Einer derselben begnüget. Die gemeinsten Dinge des Lebens, so wie Engel und Geister einer andern Welt, können in ihr erscheinen; warum also sollten nicht auch Abstraktionen und Personificationen in ihr erscheinen dörfen? Kurz Parabel ist eine Gattung Gedichte, die zwischen der Fabel, dem Emblem, der Allegorie und Personification in der Mitte liegt, und wenn sie enthüllt wird, die schwersten und leichtesten Denksprüche auf ihrem breiten Rücken tragen kann; mögen also diese vermischte Dichtungen Parabeln heißen.

Dies mögen sie denn auch, meinte ich, für unsre Zeit seyn; in der Welt nichts als Gleichnißreden, die Andreä aus seiner, für seine Zeit machte, und die der unsrigen nur als alte Parabeln vorkommen sollen, und vorkommen werden. Mich dünkt, ich höre und lese bereits: „Gottlob, daß das alles nicht mehr auf unsre Zeit passet! wie weit sind wir voran!“ und freue mich darüber, und sage auch Gottlob! Und dennoch bitte ich diese alten Gleichniß- oder Ungleichnißreden mit nachsehender Geduld zu lesen. Denn eben zu Vergleichung unsrer mit jener Zeit wollte ich Anlaß geben. Je schärfer diese geschieht, je rühmlicher sie für unsre Zeit ausfällt; desto besser. Nur verzeihe man mir, daß ich den alten Andreä in dies neue Licht nicht gemahlt habe. Einem Rembrandschen Kopf Titiansche oder Mengsische Farben zu geben, wäre ganz außer Zweck und Ort.

Also auch sein redliches christliches Herz konnte und wollte ich dem guten Andreä nicht ausreißen; und auch darüber wird kein Verständiger mich tadeln.

Im Ernst geredet. Nicht jeder in der Deutschen Nation lieset als Kunstrichter; nicht jeder Kunstrichter will alle Augenblicke seines Lebens so lesen. Gute Aepfel bricht man gern auch von einem alten, verwachsenen Baume, und genießt den Saft der Pommeranze, selbst wenn sie nicht eben unter der mildesten Sonne zur Reife gediehen wäre. Ja, (weil ich über Embleme auch emblematisch reden darf) oft, meine Brüder, ist das Halbe besser als das Ganze; und wenn diese Parabeln unsrer Zeit sehr ungleichartig sind, so ists fürwahr besser, als wenn sie ihr ganz gleichartig wären. Jetzt wollen wir sie ungleichartige Gleichnißreden, hyperbolische Parabeln nennen; und was wollen wir mehr? Als Kunstwerke betrachtet, mögen sie für das, was sie sind, gelten; wer aber in diesen Denkbildern nicht Känntniß der Welt, reiche Erfahrung des Lebens, einen, ich möchte sagen, Bakonischen Geist, und ein großes, sanftes, redliches Herz bemerket, der suche diese seltnen Kostbarkeiten irgendwo anders.

*     *     *

Kein Wort zu weiterer Entschuldigung; vielmehr einiges zu Einleitung der folgenden vaterländischen Gespräche. Diese sind in eben dem Geschmack abgefaßt, als die Parabeln; deßwegen nenne ich sie auch vaterländische, nicht Griechische, Römische, Französische Gespräche. Wer Plato, Xenophon, Lucian, Cicero, Erasmus, Fontenelle, Diderot u. f. sucht, wolle ihn hier, in eintönigen kurzen Unterredungen zwischen A. und B. nicht finden. Der Vortrag ist hier fast so abgerissen und verstummend, als er in den Parabeln war; offenbar auch aus demselben Grunde. Wie aus jenen liessen sich auch aus diesen lange Fäden spinnen, wenn man einige Seide mit dem wenigsten Golde glänzend machen wollte. Ich gebe die einzelnen Goldkörner, wie ich sie finde; mache jeder daraus, was ihm gefällt.

A und B sind die Anfangsbuchstaben des Alphabets, und jeder Mensch hat in seinem eigensten Selbstgespräch dies A und B in sich. Oft ist Eins im Kopf, das Andre im Herzen; kurz durch A und B wird ein Gespräch mit uns oder mit andern allein möglich. Da ist es auch am ernsthaftesten und führt zu etwas; es soll nicht blos, wie bei mehreren Zwischenrednern, etwa zur Unterhaltung dienen, und sich am Ende im Sande verlieren. Es kann auch zwischen A und B nicht wohl ausschweifen: denn es gestattet keine Grazien, wie eine dramatische Verhandlung; es läuft kurz ab. Man erwarte also hier nichts, als eine mit kurzen Worten dialogisirte Wahrheit; gnug wenn diese des kurzen Dialogs werth war.

Aber auch manche dieser Wahrheiten wird einigen Lesern traurig scheinen. Man wird in mehreren Gesprächen eine niedergedrückte wunde Seele bemerken, und statt des frölichen Christian Rosenkreuz, der Andreä in seiner Jugend war, einen Mann finden, der in einer Gesellschaft, wo alles einen Namen haben mußte, sich nur den Mürben nannte. Hierüber giebt leider auch das Leben des Verfassers Aufschluß. Nachdem dieser Gedankenreiche, thätige Geist in so manchem zurückgestoßen war, und so andre Dinge vor sich geschehen sah, als er wünschte; freilich da dünkte ihm die Verbesserung der Welt nicht mehr so leicht, als sie dem Jünglinge Christian Rosenkreuz gedünkt hatte. Er zweifelt, er warnt; aber dennoch hofft er und ermuntert. Wie viel Gutes hoffte er vom Volk, wenn es gut gelehrt und geführt würde! wie ermuntert er durch das Vorbild der Helden, selbst neuer Secten in ihrem ersten Eifer, z. B. der Waldenser, und Wiedertäufer! Nur alles, wie er meint, hat seine Zeit und Stunde; die müße man befördern helfen, sie vorbereitend herbeiführen; nicht aber sie übereilen.

Und hierinn bin ich ganz seines Glaubens. Wenn ein Kind den eingesponnenen Wurm zu früh aus seinem Grabe erwecken will, ehe diesen die Frühlingssonne selbst ruft, so schadet es ihm, und macht sein Wiederaufleben schwer, oder unmöglich. So liegen, so reifen wir im Schooße der Zeiten. Nicht mit Monaten, sondern mit Jahrhunderten wird die edelste Frucht der Erde, der menschliche Verstand in seinen allgemeinsten, größesten Wirkung reif; dann aber, nach der großen Analogie der Dinge, dränget er sich ans Licht; nichts auf der Welt, die Mutter selbst, kann ihn nicht zurückhalten.

Fast hinter jedem Gespräch Andreä’s fiel mir eine Reihe Gedanken ein, die ein Commentar hätten werden mögen; bald für, bald gegen seine Meinung. Ich habe aber dem Leser darinn nicht vorgreifen wollen, weil ich keine edlere Frucht des Lesens kenne, als daß es zu eignen Gedanken reizet. Und o wie weit haben uns die seitdem beinahe verflossene zwei Jahrhunderte gefördert! Wie manche Triebfeder ist völlig stumpf worden, der Andreä noch viel zutrauete! wie manches Samenkorn hat sich entwickelt, in dem er damals noch nichts weniger als die Kräfte ahndete, die es seitdem gezeigt hat! In allen diesen Gesichtspunkten sind seine kurzen Gespräche sehr lehrreich.

Ruhe also wohl, edle Asche! Was dein lieblicher ernster Geist mir war, möge er andern werden.