Umschau über die Naturschutzbewegung

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Textdaten
Autor: Kurt Floericke
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Titel: Umschau über die Naturschutzbewegung
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aus: Kosmos – Handweiser für Naturfreunde, Band 6, Heft 4
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1909
Verlag: Franckh’sche Verlagshandlung
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Umschau über die Naturschutzbewegung.

Wir sind heutzutage gewöhnt, die Herrschaft des Menschen auf Erden als etwas so Selbstverständliches und Althergebrachtes zu betrachten, daß es auch der üppigsten Phantasie schwer fällt, sich zu vergegenwärtigen, wie einst der nackte Urmensch sich diese Herrschaft mit den primitivsten Waffen in schwerem Kampfe gegen furchtbare tierische Mitbewerber erringen mußte, oder gar sich vorzustellen, daß es einst Zeiten gab, wo noch keine Menschen auf Erden existierten, sondern wo als Alleinherrscher auf unserem Planeten sich die gewaltigen Fabelwesen tummelten, deren riesenhafte Knochenreste wir heute in unseren Museen anstaunen. Viele Zehntausende von Jahren haben die gigantischen Saurier ihre Herrschaft unbestritten ausgeübt, und doch haben sie nicht entfernt solche Verwüstungen unter ihren Mitgeschöpfen angerichtet wie der ihnen gegenüber zwerghafte Mensch, doch haben sie das Antlitz der Erde nicht im geringsten zu verändern vermocht. Zwei Jahrtausende sind eine verschwindend winzige Zeitspanne, wenn wir sie an den Jahrmillionen unseres Planeten messen, und doch, wie gründlich hat es der Mensch verstanden, innerhalb dieser kurzen Frist die Natur umzumodeln. Einst der eherne Tritt römischer Legionen und der jauchzende Jagdruf wilder Germanen – heute der hämorrhoidenkranke Bürokrat in dumpfer Amtsstube und das flanierende Gigerl mit dem Monokel im Auge auf der asphaltierten und elektrisch beleuchteten Straße; einst undurchdringliche Urwälder mit knorrigen Riesenbäumen, belebt von Wildpferden, Bären, Elchen und Auerochsen – heute eintönige Nadelwälder ohne Unterholz mit schnurgeraden Wegen, deren militärisch gedrillte und fein säuberlich in Reihen ausgerichtete Stämme höchstens noch das Herz eines Holzhändlers rascher schlagen lassen, und in denen ein paar kümmerliche, halbzahme Rehe unter dem Schutze von Gesetzen bei Wildleckpulvern und anderen Apothekermitteln ihr Dasein fristen, bis sie der Förster zum ersten Mai gegen Einhändigung eines „blauen Lappens“ von Jagdfexen abschießen läßt, die mit Zielfernrohr und „künstlichem Schmalreh“, mit „Freßkobern“ und Rotsponpullen für ein paar Stunden per Automobil dem Häusermeere der Großstadt entflohen sind; einst unermeßliche Sümpfe und Moräste, wimmelnd von kreischenden Scharen unzähligen Wassergeflügels – heute langweilige, tote und stumme Rübenfelder, so weit das Auge reicht, auf denen höchstens ein armseliger Lampe verdrossen einherhoppelt, dem zu Ehren im Winter ein stattliches Aufgebot von bis an die Zähne Bewaffneten hinauszieht auf die verschneite Flur. Ja, wir haben’s herrlich weit gebracht!

Niemals aber hat der Mensch unsinniger, unerbittlicher, grausamer und rücksichtsloser unter der Tier- und Pflanzenwelt gehaust, als während der letzten 5 Jahrzehnte. Klingt es nicht wie schneidender Hohn, ist es nicht eine grausame Ironie des Schicksals, daß gerade das vielgerühmte Zeitalter der Naturwissenschaften unsere Natur so verhunzt hat, wie kein anderes? Nehmen wir als Beispiel nur die Sumpfvögel. Wenn wir in dem alten Naumannschen Prachtwerk blättern, welche entzückenden Bilder werden uns da entrollt von dem fabelhaften Leben und Treiben des Sumpfgeflügels an der Donau oder der Seevögel auf den einsamen Sanddünen der kleinen Nordseeinseln! Heute sind selbst an den entlegensten Plätzen nur noch kümmerliche Überreste davon zu finden. Wo sind sie hin, die Zeiten, wo die Wolken der aufsteigenden Vögel die Sonne verfinsterten, wo ihr Geschrei das Toben der Brandung übertönte und die auf den Störenfried herniederrieselnden Kotmassen einem ununterbrochenen Regenguß glichen? Zuerst traf die Ausrottung diejenigen Tierarten, die von Natur aus infolge ihrer Nahrung als Mitbewerber für den egoistischen und engherzigen Menschen in Betracht [98] kamen, also vor allem die Raubtiere und Fischfresser. Wo sind sie hin, die Reiher- und Kormorankolonien, die Bären, Luchse, Wildkatzen, Nörze und so viele andere, wo sind die Steinadler geblieben und die Bartgeier, an deren herrlichem Fluge sich noch vor ein paar Jahrzehnten jeder Besucher der Alpen erfreuen konnte? In die entlegensten Wildnisse sind sie verdrängt, und auch dorthin folgt ihnen unerbittlich der Jäger. Die kümmerlichen Reste von Raubwild, die heutzutage noch unser Forst birgt, schmelzen dahin wie der Schnee vor der Frühlingssonne, und selbst solche, deren Schädlichkeit eine recht geringfügige oder überhaupt zweifelhafte ist, werden nicht verschont. Nicht nur mit Pulver und Blei werden diese Überreste bedrängt, sondern auch mit raffiniert grausamen Fallen und tückischen Giften geht man ihnen zuleibe. Jede Jagdzeitung, die wir aufschlagen, enthält marktschreierische Inserate von Fallenfabrikanten und Giftpillen fabrizierenden Apothekern unter der Überschrift „Tod dem Raubzeug!“ oder „Vernichtung dem Raubgesindel!“. Die Fischereiberechtigten haben selbst der harmlosen Wasseramsel und dem wunderschönen Eisvogel, diesem fliegenden Edelstein unserer Gewässer, den Krieg erklärt. Daß unter diesem schonungslosen Kampf unsere Natur mehr und mehr verödet, daß es immer stiller, unheimlich still in unseren Wäldern und Fluren wird, das merken diese kurzsichtigen Menschen nicht in ihrem blinden, gierigen Hasten und Jagen nach materiellem Gewinn. Als ob es nicht auch höhere Güter für die Menschheit gäbe, als eine augenblickliche Bereicherung des Geldbeutels! Und dann kamen diejenigen Geschöpfe daran, die durch ihr herrliches Gefieder oder ihr wärmendes Pelzkleid die Habsucht und Eitelkeit üppiger, verweichlichter Menschen reizten. Es ist unglaublich, wie in dieser Beziehung gewütet worden ist. So manche Tierart war kaum für die Wissenschaft entdeckt, und schon wenige Jahrzehnte später mußte man sie in das immer mehr anschwellende Buch der ausgestorbenen Arten eintragen. Die Stellersche Seekuh, dieses wehrlose Geschöpf, das die Walfischfänger seines Fettes wegen zu Hunderten mit Knüppeln niederzuschlagen pflegten, ist bereits vom Erdboden verschwunden; des schwerfälligen Riesenalken große Eier dienten einst den Isländern zur Nahrung und werden heute das Stück von den Museen mit mehreren Tausend Mark bezahlt; die amerikanischen Bisons, deren Herden einst zu Millionen die weiten nordamerikanischen Prärien durchstampften und dem wilden Indianer seinen Lebensunterhalt gewährten, sind zusammengeschrumpft auf ein paar kümmerliche Trupps, die noch im amerikanischen Nationalpark ihr Dasein fristen, aber trotzdem nach und nach durch Wilddiebe und die schädlichen Folgen der Inzucht aufgerieben werden. Ins Unendliche ließe sich die Reihe dieser Beispiele vermehren, und es steht zu befürchten, daß jemand, der in einigen Jahrzehnten eine Naturgeschichte der deutschen Raubtiere schreiben wollte, nur noch einen einzigen großen Nekrolog verfassen könnte. Aber selbst die harmlose Kleintierwelt hat schwer gelitten und ist vielfach zur Auswanderung gedrängt worden durch die traurigen Folgen, die unsere Kultur für andere Lebewesen mit sich gebracht hat. Die Vernichtung der Feldhecken, des Unterholzes im Walde, das Ausmerzen der alten, hohlen Bäume beraubt selbst unsere Singvögel mehr und mehr der gewohnten Brutstätten. Das Trockenlegen aller Sümpfe und Moräste, das Regulieren der Bäche und Flüsse verdrängt alle die verschiedenen Arten Sumpf- und Wasservögel. Wer heute mit sehenden Augen und hörenden Ohren und fühlendem Herzen durch unsern verhunzten deutschen Wald geht, dem scheinen die langweiligen öden Bestände, dem scheint jedes Tier und jeder Vogel zuzurufen: Hab’ doch Erbarmen mit uns, du Mensch, du grausamer, unerbittlicher!

Jedoch die Natur läßt sich nicht spotten, sich nicht ungestraft verhunzen. Sie wehrt sich gegen die selbstsüchtige Herrschaft, die der Mensch über sie ausüben möchte, und schon machen sich allenthalben die schädlichen Folgen dieser kurzsichtigen und einseitigen Behandlung geltend, die ihr gegenüber Platz gegriffen hat. Die Wälder liefern nicht die Erträge, auf die der Forstmann glaubte rechnen zu dürfen, denn die Verwandlung in einförmige, gleichmäßig abgeholzte Bestände bot der verheerenden Gewalt der Stürme freies Spiel, begünstigte den Ausbruch von allerlei Pflanzenkrankheiten und die unheimliche Vermehrung der verschiedensten forstschädlichen Insekten; die Vernichtung des Unterholzes hat in vielen Gegenden schwere klimatische Nachteile mit sich gebracht. Das Eindämmen der Ströme hat diese ihrer natürlichen Inundationsgebiete beraubt und verursacht, wenn einmal der schützende Damm durchbrochen ist, um so fürchterlichere Überschwemmungen. Die rasche Abnahme der Singvögel hat ein Überhandnehmen der Pflanzenschädlinge in der Kerbtierwelt bewirkt, und selbst die schonungslose Vernichtung des Raubzeugs [99] ist nicht ohne verhängnisvolle Folgen geblieben. Gerade unsere übereifrige Jägerwelt hat in dieser Beziehung in letzter Zeit schon manche recht empfindliche Lehre erhalten. Auch das Raubzeug hat ja im großen Haushalt der Natur eine nicht zu unterschätzende Bedeutung, indem es die kranken Individuen und die Schwächlinge ausmerzt und dadurch die Arten um so kräftiger und lebensfähiger erhält. Seit die Adler in den Alpen nahezu ausgerottet sind, hat dort die Gemsräude erschreckend um sich gegriffen, weil eben das Raubtier fehlte, das die kranken Individuen vernichtet, ehe sie ihre Genossen anstecken können. Das Verschwinden des Habichts hat in vielen Gegenden eine rasche Vermehrung der Eichhörnchen im Gefolge gehabt, die alle Baumsämereien verzehren und alle Vogelbruten vernichten. Wo man Bussarde und Störche ausrottete, da haben sich die giftigen Kreuzottern so unheimlich vermehrt, daß man jetzt bestrebt ist, die vertriebenen Räuber künstlich wieder anzusiedeln. Und wo gibt es noch stärkeres Hochwild, in entlegenen Gegenden, wo der Wald noch im urwüchsigen Zustand erhalten ist, wo noch Bären und Luchse und Wölfe den Hirschen und Rehen nachstellen, oder in unseren umgatterten Tierparks, wo jedes Raubtier seit langem vernichtet ist, wo aber der Weidmann seine Hirsche und Rehe im Winter füttern und jederzeit mit Wildleckpulvern und ähnlichen Apothekermitteln arbeiten muß!

Es konnte nicht ausbleiben, daß einsichtige Männer auf die traurigen Folgen dieser unsinnigen Vernichtungswut aufmerksam wurden, und so setzte denn schon vor einem halben Jahrhundert eine Bewegung zum Schutze der Tiere und Pflanzen ein, die sich aber ausschließlich auf das sogenannte Utilitaritätsprinzip gründete, also die Schonung eines Tieres ganz von seinem angeblichen Nutzen oder Schaden für die menschliche Kultur abhängig machte. Die Zeit hat gelehrt, daß dieser Standpunkt ein völlig verfehlter war, da es im großen Haushalt der Natur weder ein absolut nützliches, noch ein absolut schädliches Tier gibt, sondern jedes seinen bestimmten Platz hat, jedes ein winziges Rädchen darstellt in der großartigen Maschinerie des Kosmos, ein Rädchen, dessen Wegnehmen die schlimmsten Folgen nach sich ziehen kann. Die völlige Ausrottung einer Tierart hat sich deshalb noch stets und überall früher oder später bitter gerächt. Die Natur reguliert sich eben am besten von selbst, und kurzsichtiges Eingreifen des Menschen wird niemals Gutes zeitigen auch nicht im umgekehrten Sinne, wie es wohlmeinende Naturfreunde öfters versucht haben. So hat sich die künstliche Einbürgerung des Sperlings in Nordamerika und des Kaninchens in Australien als eine höchst verfehlte Maßregel erwiesen, für deren Rückgängigmachung man heute gerne Millionen aufwenden würde. Sehen wir die Fachzeitschriften der 70 er, 80 er und 90 er Jahre durch, so werden wir sie zum größten Teil angefüllt finden mit Auseinandersetzungen über den Nutzen und Schaden dieser oder jener Tierart, aber niemals ist ein vollkommenes Einverständnis erzielt worden, niemals haben auch die größten Gelehrten und die besten Beobachter eine solche Streitfrage erschöpfend richtigstellen können. Für jeden Fall aber hatte diese Bewegung das eine Gute, daß überall Maßregeln zum Schutze wenigstens der vermeintlich besonders nützlichen Tierarten geschaffen wurden. Es bildeten sich Tier- und Vogelschutzvereine, es tauchten Nistkästen und Apparate zur Winterfütterung auf, alles jedoch Maßregeln, die nur den angeblich nützlichen Tieren zugute kamen, während man gegen die schädlichen nach wie vor den Vernichtungskrieg predigte. Allmählich aber mußte doch die Überzeugung durchdringen, daß diese Maßregeln im großen versagten, da sie nicht auf dem richtigen Grund aufgebaut waren. Man lehrte auch die Jugend, wieder mehr auf die einheimischen Tiere zu achten, aber man verstand es nicht, die Geschöpfe in ihren inneren biologischen Wechselbeziehungen vorzuführen, sondern ließ sie immer nur gewissermaßen wie in einem zoologischen Garten, jede Art für sich, vor dem geistigen Auge passieren und erhielt dadurch Zerrbilder, die der wirklichen Stellung des Tieres innerhalb des großen Ganzen keineswegs entsprachen. Allzu große Verhätschelung gewisser, von dieser Tierschutzrichtung bevorzugter Arten hatte deren Degeneration zur Folge, wie wir es ja alle an dem Beispiel der Amsel gegenwärtig miterleben. Und unser schöner deutscher Wald wurde über alldem unaufhaltsam ärmer und ärmer, stiller und öder, denn solche kleinen Maßregeln können wohl Individuen erhalten, nicht aber Arten, die ihren natürlichen Bedürfnissen nach auf die innige Symbiose mit gewissen Pflanzen angewiesen sind, die daher nur innerhalb eines ganz bestimmten Landschaftsbildes ihr Fortkommen finden können. Der Todfeind der Kreatur ist und bleibt eben unsere moderne Land- und Forstwirtschaft, die keinem Lebewesen mehr eine ungestörte Zufluchtsstätte gönnen will, sondern jeden Zollbreit Boden auf das Intensivste ausnützen [100] möchte. Dazu kommt die Industrie mit ihren verheerenden Wirkungen, mit ihrem betäubenden Lärm und ihren giftigen Gasen und Abwässern. Freilich kann der Mensch nicht seine Kultur und Industrie der Tier- und Pflanzenwelt zuliebe zurückschrauben, kann nicht seiner eigenen Weiterentwicklung in die Arme fallen, aber trotzdem soll und darf er nie vergessen, daß er zwar das unbestreitbare Recht hat, seine Mitgeschöpfe zu seinem Vorteil zu zehnten, daß er aber mit diesem Recht zugleich auch die heilige, sittliche Pflicht übernommen hat, das harmonische Ganze in der Natur, den Kosmos, wie es der große Humboldt nannte, möglichst unversehrt zu erhalten, soweit es sich irgend mit seinen Kulturinteressen vereinigen läßt, und wenn auch letztere den größten Teil des auf der Erde verfügbaren Raumes in Anspruch werden nehmen müssen, so soll doch auch ein gewisser Teil dieses Raumes dem freien Schalten urwüchsiger Natur vorbehalten bleiben.

Unsere Zeit hat manche neuen Werte moralischer und ästhetischer Art geprägt, die sich rasch entwickelt haben und zu ungeahnter Mächtigkeit gediehen sind. So ist es auch mit der Naturschutzbewegung gegangen. Immer häufiger werden glücklicherweise diejenigen Menschen, die ihre Erholung abseits der großen Straße suchen, die darnach trachten, wieder in innigere Fühlung zur Allmutter Natur zu kommen, immer häufiger diejenigen, die lieber neben einer murmelnden Quelle im Waldesdickicht dem Vogelsang lauschen, als im Automobil über staubige Chausseen zu rasen, oder, vom Kellner des Internationalen Hotels geweckt, von einer mit Reklameschriften bedeckten Felswand aus den bis dahin nie gesehenen Sonnenaufgang anzustaunen, oder für das Aufziehen eines künstlichen Wasserfalls ein Eintrittsgeld zu bezahlen. Und es war auch höchste Zeit, daß in dieser Beziehung eine Änderung eintrat. Der Ruf „Zurück zur Natur“ erschallt immer mächtiger, und immer gewaltiger wird die Sehnsucht, die uns unwiderstehlich zurückzieht zur Allmutter und ihren Geschöpfen. Und die Liebe zur Natur ist ja aufs innigste verknüpft mit der Liebe zum Vaterland. Nur diejenigen, die Verständnis haben für die Eigenart der heimischen Natur, werden auch die richtige heiße Liebe zur heimischen Scholle empfinden. Deshalb haben Völker mit lebhaftem Naturempfinden immer Größeres geleistet, wie z. B. jetzt die Japaner, oder sie haben auch die schwersten Schicksalsschläge mit zäher Widerstandskraft ertragen und sich, wie Antaeus, immer neu gestärkt von der heimischen Scholle erhoben, wie z. B. die Slaven, während Völker, denen der Zusammenhang mit der heimischen Natur verloren gegangen ist, in unaufhaltsamem Niedergange begriffen sind, wie z. B. die Spanier[.] Deshalb kann es auch nur der innigste Wunsch jedes Vaterlandsfreundes sein, daß uns Deutschen die von alters her tief eingewurzelte Liebe zur heimischen Natur über dem Hasten und Drängen der Gegenwart nach materiellem Gewinn nicht verloren gehen möge; denn das wäre der Anfang vom Ende. Und darum ist die Naturschutzbewegung, insbesondere die Schaffung von Naturschutzreservaten, nicht nur eine edle, echt menschliche, sondern auch eine ungemein patriotische Tat, die deshalb die wärmste Förderung durch die Behörden verdient. Die Amerikaner werden von uns angeblichen Idealisten so oft als allzu praktisch verschrien; nun, daß sie wirklich praktisch im besten Sinne des Worts sind, das haben sie vor allem durch die Schaffung ihres großartigen Nationalparkes bewiesen. Der praktische, sonst so sehr auf Gewinn bedachte Amerikaner wußte recht wohl, was er tat, als er diesem Unternehmen Millionen und Abermillionen zum Opfer brachte, wußte recht wohl, daß ein Kapital im Interesse des Vaterlandes überhaupt nicht besser angelegt werden könne, als auf diese Weise.

Auch in Deutschland beginnt eine andere Auffassung des Naturschutzes sich durchzusetzen. Vorgeschrittene Geister haben das Nützlichkeitsprinzip als völlig ungenügend verworfen. Wir wollen z. B. einen Vogel nicht deshalb schützen, weil er vielleicht schädliche Insekten vertilgt, sondern wir wollen den Vogel schützen um das Vogels selbst willen, weil er in seiner Art ein herrliches Geschöpf ist, ein Dichtergedanke gewissermaßen der schaffenden Natur, weil ohne die anmutigen Bewegungen, die bunten Farben und die lieblichen Gesänge unserer Vögel unsere Wälder und Fluren unendlich öde, tot und traurig erscheinen würden. Und ist es nicht ein unsäglich kleinlicher Standpunkt, beim Anblick des im blauen Äther um starre Felszacken schwebenden Adlers gleich an den Junghasen oder das Rebhuhn zu denken, das er vielleich[t] im Magen haben könnte, statt sich rückhaltslos an dem ästhetischen Hochgenuß dieser herrlichen poetischen Erscheinung zu erfreuen? Deshalb trachtet die moderne Naturschutzbewegung, alle Geschöpfe nach Möglichkeit zu erhalten, ganz besonders auch diejenigen, die durch unsere Kultur schon dem Aussterben nahe gebracht worden sind, gleichviel, ob sie dieser [101] Kultur nützlich oder schädlich sind. Dieser Standpunkt ist ja erfreulicherweise auch schon in dem neuen deutschen Vogelschutzgesetz teilweise zum Ausdruck gekommen. Und wie mit den Tieren, so verhält es sich auch mit den Pflanzen. Keinen unserer herrlichen kraftstrotzenden Waldbäume, keines der lieblichen Blumenkinder möchten wir in unseren Forsten missen. Alles bildet ja ein zusammengehöriges, unauflösliches Ganzes, und eben dieses Ganze wollen wir uns erhalten, wenn es natürlich auch nur streckenweise und in kleinen Restbeständen möglich sein wird. Die neueste Richtung der Naturschutzbewegung geht deshalb darauf hinaus, Naturreservate zu schaffen, und kleine Anfänge dazu sind ja auch schon gemacht worden. In Professor Dr. Conwentz, dem Direktor des Westpreußischen Provinzial-Museums in Danzig, hatte diese Richtung ihren eifrigsten und erfolgreichsten Vorkämpfer, dem es insbesondere auch gelungen ist, die staatliche Behörde für seine Ideen zu gewinnen. Freilich die offiziellen Berichte dieser staatlichen Behörde, an deren Spitze Conwentz selbst getreten ist, und die allenthalben Provinzialverbände ins Leben rief, müssen sich, zumal Geldmittel, die nun einmal selbst zum Erreichen der idealsten Ziele unerläßlich sind, nicht zur Verfügung stehen, darauf beschränken, die in Schutz zu nehmenden Naturdenkmäler zu verzeichnen und der privaten Initiative zur Erhaltung zu empfehlen. Meines Erachtens muß aber die Naturschutzbewegung, wenn sie reiche und nachhaltige Früchte zeitigen soll, vor allem volkstümlich werden. Das ganze Volk muß sich bewußt werden, daß es sich hier um Erhaltung seiner reinsten und höchsten Güter handelt, das Volk selbst muß in idealer Begeisterung die nötigen Mittel aufbringen und so dem Staate die Wege weisen. Im kleinen ist ja in dieser Beziehung schon mancher vielversprechende Anlauf gemacht worden. Ich will ein schönes Beispiel dafür anführen, das auf jeden Naturfreund geradezu rührend wirken muß. Als ich vor einem Vierteljahrhundert auf verschiedenen thüringischen Gymnasien die Schulbank drückte, wurden dort in rascher Jugendbegeisterung für die Vogelwelt überall Vogelschutzvereine an den Gymnasien ins Leben gerufen. Einer davon, nämlich der zu Jena, hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten. Damals faßten wir den kühnen Plan, eine besondere Kasse anzulegen, deren Erträgnisse zum Ankauf eines Berggrundstückes bei Jena verwendet werden sollten, das dann ganz für Vogelschutzzwecke herzurichten sei. Gewiß eine verwegene Idee für ein paar Gymnasiasten mit monatlich 3 Mark Taschengeld! Aber die Jahre kamen und gingen, an neuem Nachwuchs fehlte es nie, und die „alten Herren“ kamen in Amt und Würden und haben größtenteils den alten Lieblingsplan nicht vergessen, sondern die Bergkasse auch weiter mit Beiträgen bedacht. So wurde Groschen auf Groschen zusammengespart, und als ich im vorigen Jahre zur Feier des 25 jährigen Stiftungsfestes in Jena weilte, da konnte tatsächlich ein ansehnliches Berggrundstück angekauft werden, in dem die jungen Leute seitdem mit opferwilliger Begeisterung im Schweiße ihres Angesichts gearbeitet, und auf dem sie jetzt sogar ein hübsches Beobachtungshäuschen errichtet haben. Ich erwähne diesen lehrreichen Fall, der so recht zeigt, wie zähe Ausdauer und Beharrlichkeit schließlich doch selbst zu dem weitestgesteckten Ziele führen, hauptsächlich deshalb, um zu betonen, daß die erste Idee zu einem Naturschutzpark nicht von Behörden oder Gelehrten, sondern von einfachen Schülern ausgegangen ist, die die innere Sehnsucht zur Natur unverfälscht im Herzen trugen. Hut ab vor diesen jungen Leuten! In den letzten Jahren sind weitere günstige Fortschritte auf diesem Gebiet gemacht worden. Es bildete sich der Verein „Jordsand“, der das gleichnamige Inselchen bei Sylt für seine Zwecke erwarb; der bekannte Vogelschützer, Freiherr von Berlepsch, pachtete im Interesse der Seevögel den sogenannten Memmert zwischen Juist und Borkum, auch die vogelreiche Hallig Norderoog soll demnächst erworben werden; der Magistrat von Wien ist mit der Schaffung eines Wald- und Wiesengürtels um die schöne Kaiserstadt an der blauen Donau beschäftigt, wobei auch besonders Vogelschutzgehölze angelegt werden sollen, andere Großstädte (München, Bremen, Elberfeld, Breslau etc.) sind gefolgt. Unser „Kosmos“[WS 1] hat sich für die unversehrte Erhaltung der Garchinger Heide eingesetzt, ist für den Hakel- und Westerwald eingetreten, verschiedene Heimatschutzvereine haben namentlich seltene oder besonders ehrwürdige Bäume und originelle Felsbildungen vor der Vernichtung bewahrt. Frau Kommerzienrat Hähnle in Stuttgart, die rührige Vorsitzende des Bundes für Vogelschutz, hat eine Neckarinsel bei Lauffen für Vogelschutzzwecke erworben, in den Alpen sind als Zufluchtsstätten bedrängter Pflanzenarten schon an verschiedenen Stellen „Alpengärten“ entstanden, und es ist wohl kaum zu bezweifeln, daß in den nächsten Jahren diese Fälle sich noch beträchtlich vermehren werden. Aber bei all dem, [102] so schön und so wertvoll und so nachahmungswert es auch ist, handelt es sich doch immer nur um kleine Fleckchen Erde, deren Erhaltung zwar die Rettung eines hübschen Naturbildes bedeutet, der unendlichen Not des Ganzen gegenüber aber doch niemals von nachhaltiger Wirkung sein kann; auch kommen sie immer nur ganz bestimmten wenigen Tierarten zugute, und ebenso ist in den offiziellen Anregungen der staatlichen Behörde für Naturdenkmalspflege fast ausschließlich von interessanten Felsbildungen oder alten Bäumen die Rede, fast niemals aber von bedrängten Tierarten, was wohl damit zusammenhängen mag, daß die zoologische Gelehrtenwelt unserer Tage sich fast nur mit mikroskopischen Forschungen beschäftigt und darüber die Fühlung mit der Großtierwelt so ziemlich verloren hat. Aber gerade in der Erhaltung des Ganzen, des typischen Landschaftsbildes mit seiner gesamten Fauna und Flora muß unsere Hauptaufgabe liegen, in der Schaffung eines möglichst großen Naturschutzparkes, also einer Art Yellowstone-Park im kleinen. Lange habe ich diesen Gedanken schon mit mir herumgetragen, lange hat sich auch schon der Vorstand des „Kosmos“ mit ihm beschäftigt[1], aber er schien uns doch zu kühn, zu gewagt und vor allem materiell nicht durchführbar, da ja dazu auch ganz beträchtliche Mittel nötig wären. Wir hatten eben die Naturbegeisterung, die Natursehnsucht, die Opferwilligkeit und den idealen Sinn unseres Volkes doch noch unterschätzt. Als ich im November vorigen Jahres gelegentlich eines Vortrags beim Wiener Kaiser-Jubiläum ganz schüchtern den Gedanken anregte, zur dauernden Erinnerung an dieses seltene Ereignis einen Naturschutzpark in den Alpen zu schaffen, war ich selbst erstaunt über den begeisterten Widerhall, den dieser Vorschlag fand, und freudig überrascht, als gleich nach dem Vortrag mir ein junger Zoologe, Herr Seyfert, 1000 Kr. als ersten Grundstock zu diesem Unternehmen zur Verfügung stellte. Das hat uns ermutigt, weitere Vorbereitungen zur Durchführung des Gedankens zu treffen, und heute sind wir so weit, damit an die Öffentlichkeit treten zu können. Zur großzügigen Durchführung der Idee muß unbedingt ein starker, lebensfähiger Verein an die Spitze treten, dem sich dann andere Vereine und die nichtorganisierten Freunde des Naturschutzes anzuschließen hätten. Und welcher Verein wäre wohl besser dazu geeignet, als unser Kosmos, der mit seinen heute 57 000 Mitgliedern eine imponierende Macht der naturfreundlich gesinnten Bevölkerungskreise darstellt! In opferwilligster Weise hat denn auch die Geschäftsstelle des Kosmos sich bereit erklärt, die sämtlichen Organisationsarbeiten mit ihren beträchtlichen Auslagen für Arbeitskräfte, Porti etc. umsonst auszuführen, bis eine eigene Organisation ins Leben getreten ist, die das Begonnene durchführt. Möchten doch die Naturfreunde Deutschlands und Österreichs ihrem Danke für diese Opferfreudigkeit dadurch Ausdruck geben, daß sie auch ihrerseits Mann für Mann sich dem Unternehmen anschließen und ein Scherflein beitragen, das die Durchführung des großen Gedankens ermöglicht. Selbstverständlich will der „Kosmos“ damit keineswegs den schon bestehenden Naturschutzvereinen gegenüber als Mitbewerber auftreten, sondern er möchte bei dieser großen Aktion mit ihnen Hand in Hand gehen, ja er rechnet im Interesse der schönen Sache sogar zuversichtlich auf ihre werktätige Beihilfe. Im übrigen verweise ich auf den in diesem Heft enthaltenen Aufruf.[WS 2] Bereits haben sich namhafte Naturforscher und Führer der Naturschutzbewegung mit unserem Plan einverstanden erklärt, bereits haben einzelne Persönlichkeiten namhafte Beträge gezeichnet, bereits haben staatliche und städtische Behörden ihrer Zustimmung Ausdruck gegeben, sodaß sogar die Hoffnung besteht, das nötige Terrain ganz oder teilweise umsonst oder durch billige Erbpacht zu erwerben, sodaß die gesammelten und zu sammelnden Gelder fast ungeschmälert dem eigentlichen Zwecke zugute kommen können. Gelingt die Durchführung, so wird der „Kosmos“ sich damit eine Schöpfung gesichert haben, die ein Ruhmesblatt für die Zukunft bedeutet, wenn er auch, sobald die Garantie für eine gesicherte Weiterentwicklung vorhanden ist, zurücktreten und die Weiterführung einer für den Park geplanten eigenen Organisation[WS 3] überlassen will. In dem Park, der so groß als möglich gedacht ist sollen nicht nur Tiere und Pflanzen in ihrem gegenwärtigen Zustande erhalten bleiben, sondern es soll auch der Versuch gemacht werden, früher bei uns heimische, aber bereits ausgerottete Arten dort wieder anzusiedeln, was [103] ja auch der Wissenschaft zugute kommen würde, zumal wir daran denken, mit dem Naturpark eine wissenschaftliche Beobachtungsstation zu verbinden, falls die Mittel dazu ausreichen. Kein Schuß soll in diesem Naturpark fallen dürfen, sondern er soll eine ungestörte Zufluchtsstätte bieten für die bedrängte Tier- und Pflanzenwelt, in dem sie ganz im natürlichen Gleichgewicht ihrer Eigenart leben darf, uns und unseren Nachkommen zur Freude und Belehrung. Wer uns dabei mithilft, der trägt bei zu einer Tat, die endlich eine wahrhaft großzügige Naturschutzaktion bedeutet, die nicht nur edel und wahrhaft menschlich, sondern auch im schönsten Sinne des Worts patriotisch sein würde, weil sie uns in unberührtem jungfräulichem Zauber ein gutes Stück von dem Herrlichsten erhält, was wir besitzen, von unserem unvergleichlich schönen deutschen Wald und seiner Lebewelt.

Dr. Kurt Floericke.

  1. Gleich im ersten Jahr des Bestehens des „Kosmos“ traten an ihn Vorschläge wegen eines Naturparks heran. Die Vorschläge haben sich immer wiederholt, ohne daß etwas Greifbares daraus entstehen konnte. Erst seit Anfang vorigen Jahres traten Anzeichen dafür ein, daß der Sache mit einiger Aussicht auf Erfolg näher getreten werden könnte. Es war daher für den „Kosmos“ eine besondere Freude, als auch Herr Francé einen ähnlichen Vorschlag machte und am Schluß seines Bändchens über das Leben des Waldes in begeisterter und begeisternder Weise für werktätigen Waldschutz eintrat.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Die Kosmos-Gesellschaft der Naturfreunde, vergleiche w: Franckh-Kosmos.
  2. Aufruf zur Gründung von Naturschutzparken, wiederabgedruckt unter anderem in: Naturschutzparke in Deutschland und Österreich. Ein Mahnwort an das deutsche und österreichische Volk. Internet Archive
  3. Am 23. Oktober 1909 wird der w:Verein Naturschutzpark gegründet, vergleiche Kurt Floericke: Der gegenwärtige Stand der Naturschutzpark-Bewegung.