Verkaufte Landsleute

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Textdaten
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Autor: L.
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Titel: Verkaufte Landsleute
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 476, 478
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1884
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Deutsche Freiwillige in der Königlich Niederländisch Indischen Armee
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Verkaufte Landsleute.

Es ist eine bekannte Thatsache, daß der Deutsche sich vor allen andern Nationalitäten durch seine Auswanderungssucht auszeichnet. Keine fremde Nation ist in England und im Besonderen in London so stark vertreten, wie die deutsche. Aehnlich ist das Verhältniß in Amerika. Geradezu aber überfluthet werden die niederländischen Werbedepôts durch deutsche Auswanderer, welche sich, durch Noth oder Abenteuergelüste verleitet, für 200 Gulden der holländischen Regierung auf sechs Jahre verkaufen, um bald darauf im „Zwischendeck“ eines Passagierdampfers verladen und als „Soldaten“ nach Niederländisch-Indien übergeführt zu werden. Zu Grunde gegangene Existenzen aus allen Ständen, vom Grafen bis zum bankerott gewordenen Kaufmann und weggejagten Unterofficier herab, geben sich in Harderwijk ein unbeabsichtigtes Rendez-vous, um jenseits des Oceans auf einer der indischen Sunda-Inseln, Java, Borneo, Sumatra etc., von Neuem das Glück zu versuchen, welches ihnen auf heimathlichem Boden nicht lächeln wollte.

Wer das achtzehnte Lebensjahr erreicht, das sechsunddreißigste nicht überschritten, unverheirathet, mindestens 1,55 Meter groß, körperlich diensttauglich ist und die erforderlichen Legitimationen besitzt, wird mit offenen Armen aufgenommen, denn die holländische Regierung braucht für Indien mehr Soldaten, als sie durch die Werbung bekommen kann. Von der Annahme sind nur Deserteure und wegen politischer Verbrechen Ausgewanderte ausgeschlossen, ferner bestimmungsmäßig auch mit Zuchthaus bestrafte Personen. Jeder Geworbene wird als Gemeiner bei der Infanterie eingestellt. Jedoch kann dem Wunsch nach Versetzung zu einer andern Truppengattung bei denen entsprochen werden, welche authentisch nachweisen können, bereits bei derselben gedient zu haben. Die früher in einer fremden Armee eingenommene Stellung und bekleidete Charge wird aber in keiner Weise berücksichtigt. Vor Ablauf des auf sechs Jahre berechneten Engagements kann der Geworbene seine Freiheit nur durch Loskaufen erlangen, das heißt: er muß der holländischen Regierung das empfangene Handgeld von 200 Gulden und alle sonstigen verursachten Kosten (Transportkosten nach Indien, Verpflegungskosten etc.) zurückerstatten.

Ganz Harderwijk lebt von der Werbung. Der ausgewanderte Deutsche wohnt dort bis zu seiner definitiven Annahme bei einem sogenannten Werberwirth, d. h. einem Restaurateur und Hausbesitzer, dessen einziges Geschäft darin besteht, Deutsche und Holländer für die Werbung zu ködern und bei ihrer Ankunft in Harderwijk in Logis und Kost zu nehmen. In die Tasche dieses Biedermanns fließen in vielen Fällen jene 200 Gulden Handgeld, denn die meisten Auswanderer haben bei ihrer Anmeldung auf dem Werbedepôt nicht alle geforderten Legitimationen zur Hand. In der Regel fehlt der von der heimathlichen Regierung auszustellende Auswanderungs-Consens oder das amtliche polizeiliche Führungsattest, ohne deren Beibringung die Annahme nie erfolgen kann. Ehe diese Papiere nun aus der Heimath beschafft werden, vergehen oft Wochen und Monate. So wird in der Regel jener „silberne Köder“ bei dem Werberwirth verwohnt, verzehrt und hauptsächlich vertrunken. Selbst gänzlich mittellosen Leuten wird mit Vergnügen Credit gewährt, sogar baares Geld geliehen, wenn nur die geringste Aussicht vorhanden ist, daß doch schließlich ihre Annahme und somit die Auszahlung des Handgeldes erfolgt.

Wenn die geforderten Legitimationen auf ordnungsmäßigem Wege nicht zu beschaffen sind, so werden sie gefälscht, oder wie man es in Harderwijk nennt, „fabricirt“. In Lüttich soll früher eine Art „Fabrik“ für solche Atteste bestanden haben. Auch in Harderwijk selbst ist seiner Zeit ein solcher Attestfabrikant entdeckt und aufgehoben worden, aber das Geschäft wird natürlich mit sorgfältigster Discretion weiter betrieben.

Begeben wir uns auf eine kleine Inspectionsreise durch die Casernen des Werbedepôts. Dort summen alle erdenklichen Sprachen an unser Ohr: der Deutsche unterhält sich mit seinem Landsmann in der Muttersprache, der Belgier spricht ein schlechtes [478] Französisch, der von Sumatra nach sechsjähriger Dienstzeit zurückgekehrte Unterofficier renommirt mit „malaisch“ oder „javanisch“, und die Commandos oder Instructionen erschallen holländisch. Die Uniform erscheint hier nicht mehr als ein Schmuck; dazu ist sie zu einfach und zu geschmacklos: dunkelblau, fast ohne jegliches Abzeichen. Nur bei den Artilleristen, resp. Cavalleristen, gewahren wir einen rothen Streifen an dem hohen, recht geschmacklosen Käppi, der uns an Uniform erinnert, während die Infanterie-Kleidung zu einem kritischen Vergleich mit den Sträflings-Anzügen des heimathlichen Deutschlands herausfordert.

Auf dem Casernenhofe exercirt ein Trupp Infanterie. „O, wie kläglich!“ rufen wir, durch preußische Straffheit und Schnelligkeit Verwöhnte, bei dem ersten „Gewehrgriff“. Nur Einer scheint in der gesammten Truppe preußisch zu „greifen“. Als wir uns nach dieser auffälligen Ausnahme erkundigen, erfahren wir, daß sie durch einen früheren preußischen Unterofficier repräsentirt wird, und haben selbstredend nun keinen Grund mehr, uns weiter zu wundern. An einer andern Seite des Casernenhofes gewahren wir eine Doppelreihe Colonialsoldaten, im Arbeitsanzug aus dunkelblauer Leinewand, mit „Kartoffelschälen“ beschäftigt.

Die meisten Deutschen – besonders frühere Unterofficiere und Officiere – kommen mit großen Illusionen nach Holland; ein mehrtägiger Aufenthalt in Harderwijk aber dünkt ihnen wie ein eiskaltes, plötzlich auf sie niederrauschendes Sturzbad – so ernüchtert werden sie durch die nackte Wirklichkeit, welche ihre Augen schauen! Selbst vorzügliche Atteste über ihre frühere militärische Thätigkeit haben auch nicht die geringste Bevorzugung vor anderen Geworbenen im Gefolge, denen das Soldatenhandwerk gänzlich neu ist. Freilich zeigt sich bald im Dienste die vorzügliche Schulung und große Ueberlegenheit des früheren deutschen Officiers oder Unterofficiers, und so wird er naturgemäß bald der Liebling seiner Vorgesetzten. Aber den ersten Grad des Avancements kann er doch erst erklimmen, wenn er der holländischen Sprache mit Zunge und Schrift leidlich mächtig geworden und den Commißdienst in seinen Grundzügen erfaßt hat.

So vergehen eine Reihe von Monaten, ehe der frühere Officier zum „Corporal“ (d. i. nach deutschen Begriffen zum „Gefreiten“) befördert wird. Vor Ablauf eines Jahres ist an eine Beförderung zum Sergeanten (Unterofficier) gar nicht zu denken, und ob die Beförderung zum Officier überhaupt je erfolgt, ist sehr fraglich. Vor Ablauf von vier Jahren kann sie bestimmungsmäßig nicht eintreten und auch dann erst nach Absolvirung der erforderlichen Examina. Viele frühere deutsche Officiere, die in der Hoffnung, wieder den Officiersgrad zu erlangen, in der Colonialarmee Dienste nahmen, sind aus Indien, nach Ablauf von sechs Jahren, als Unterofficiere, ruinirt an Körper und Geist, enttäuscht und gebrochen zurückgekehrt. Viele haben Europa nicht wieder gesehen, indem sie dem Fieber oder der Dysenterie zum Opfer fielen oder im Gefecht von den Eingebornen niedergemetzelt wurden.

Möchte darum jeder Deutsche, ehe er den Entschluß faßt, sich den Niederlanden als „Colonialsoldat“ zu verkaufen, stets erst sorgsam erwägen, ob diesem Schritt sich nicht ein anderer vorziehen läßt, der ihm die Gestaltung einer würdigeren Zukunft ermöglicht. Möchte Jeder, dem seine Ehre und sein guter Ruf noch am Herzen liegt, vor diesem Schritt zurückschrecken, der ihn in unbeschreiblich demüthigende Lagen bringt, und nur ausnahmsweise zum Ziel führt.

In der Regel werden von gewissenlosen Agenten die Verhältnisse in der niederländischen Colonialarmee allzu günstig und verlockend geschildert. Mancher Unglückliche läßt sich zum Auswandern verleiten, erfährt aber erst an Ort und Stelle, welchen Mühsalen und Gefahren für Leib und Leben er entgegen geht. Ist er erst in Harderwijk angelangt und nicht im Besitz von genügenden Mitteln, dann sorgt der biedere Werberwirth dafür, daß er der blauen Uniform nicht entgeht, und so wird Mancher zum Colonialsoldaten, der viel lieber auf heimathlichen Boden zurückgekehrt wäre, wenn seine pecuniären Verhältnisse ihm die Freiheit dieses Entschlusses nur gestattet hätten.

Zahlreiche Anfragen, die aus Deutschland an das Harderwijker Werbedepôt fast täglich gerichtet werden, beweisen, daß die Zustände der Colonialarmee bei uns gänzlich unbekannt sind, und über die Art der Aufnahme in derselben häufig gänzlich irrige Ansichten herrschen, deren Richtigstellung zum Nutzen unserer bethörten Landsleute sicher die allgemeinste Verbreitung verdient.
L.