Volkslieder (Wünschelruthe)

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Autor: Nikolaus Heinrich Julius
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Titel: Volkslieder
Untertitel:
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 2, 9, 18, 23, 25, 26, 27, 38, 46, 50, 51 und 52.
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Scans auf Commons
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[8]
Volkslieder.

Uns eine vollständige Anzeige über ein Werk vom deutschen Volksgesang vorbehaltend, welches sich von den übrigen Sammlungen dadurch scheidet, daß es eine Hauptrücksicht auf die Musik der Lieder nimmt, werden wir in diesen Blättern einige Lieder geben, zu denen uns die Melodieen fehlen, und wobei wir Jeden, der Freude daran hat, und dem sie vielleicht zu Ohren kommen, bitten, uns sie – die Melodieen – mitzutheilen.

1.

(Norddeutsch.)


Frag alle Bekannte,
Frag alle Verwandte,
Frag alle Betrübte,
Frag alle Verliebte,

5
Frag Himmel, frag Erden,

Frag was irgend gefragt kann werden,
Alle sagen, es sey
Nichts schöneres als deutsche Treu.

Ja Englands Korallen

10
Sie können gefallen,

Und Frankreichs Rubinen
Sie mögen dir dienen,
Sie können zwar trutzen
Und Könige putzen,

15
Ich sage und bleibe dabei,

Nichts schöneres sey als deutsche Treu.


2.

(Tyroler Lied.)

Und wann’st auf dei Schatzal
So haglich willst sey,
Und so nimm a Papierl
Und wickel der’s nei,

5
Und nimm a roths Bandal

Und bind der’s fest zua,
So kummt der ka andrer
Schmarotzer dazua.

[36]
3.
(Hessisch.)

Es schwamm ein Entchen auf wilder See,
Der that ja ihr Herzchen von Durste so weh,
Du schwimmst doch so ferne auf wilder See,
Da kam ein Wildschießer hergegehn

5
Und schoß dir wohl die Ente auf wilder See,

Die Federchen flogen nicht weit von hier,
Sie flogen vor Herzliebchens Fenster
Wohl vor Herzliebchens Thür.

Was stehst du denn und winkest mir?

10
Ich kann ja diesen Abend nicht kommen zu dir.

Kannst du diesen Abend nicht kommen zu mir
So schick mir ja wieder die Treue, den Rosenkranz.
Die Treue wieder schicken und das thut weh,
Zwei Herzliebchen die scheiden sich nie mehr.

[72]
4.

(Aus dem Paderborn’schen).

     Ach schönster Schatz, mein Augentrost,
Hast mich so ganz verlassen,
Hast mir die Treuheit zugesagt,
Hast mir mein Herz so schwer gemacht,

5
Hast mich so ganz verlassen.


     Ich hab’ ein’ Ring, der ist von Gold,
Darin da steht mein Name
Wenn es von Gott verordnet ist,
So kommen wir zusammen.

10
     Ei so wünsch’ ich tausend gute Nacht

Und alles Wohlergehen,
Einen süßen Schlaf, ein sanfte Ruh’,
Einen angenehmen Kuß dazu,
Nach Hause muß ich gehen.

5.

(Ebendah.)

     As eck[WS 1] noch ’ne lütke Deren[1],
Gink eck gern spatzeren,
Alle Lüde[2] frogen mi:
Wohenn du lütke Dereen?

5
     Ek will in den Goren[3] gahn

Wo de bunten Blomen stahn,
De rothen Blomen plück er geren
De witten[4] lat eck stahn
De Junkgesellken küß ek geren

10
De Olen[5] lat ek gahn.
[90]
6.

(115 gute Liedlein).

     Es jagt ein Jäger geschwinde
Dort oben vor dem Holz,
Mit seiner schnellen Winde,
Fand er ein Wild was stolz;

5
Auf einer weiten Haide

Da er das Wild ersach,
Mit seinen Winden beiden
Hetzt er hinden nach,
Vom G’spür will ich nit scheiden,

10
Der selbig Jäger sprach.


     Das Wild hat keinen Namen,
Da ich’s bei nennen will,
Aus adelich Gezamen
Giebt er der Kurzweil viel,

15
Sein Aeuglein sind ihm geschwinnet(?)

Darin man sich ersicht,
Der Mund vor Röthe brinnet,
Darmit sich Jäger g’schwicht,
O Glück dem Jäger ginnet,

20
Darauf lag sein Gedicht.


     Sein Horen er erschallet,
Daß in den Wald erhall,
Das Wild was wohl gestallet
Sprung über Berg und Thal,

25
Bis daß er’s nieder fället

Bei einem Brünnlein rein,
Er auch ganz statt nachstellet
Dem edlen G’spüre sein,
Den Spür er auserwelet,

30
Das bracht das G’wild in Pein.
[99]
7.

     Drei Wochen vor Ostern dann geht der Schnee weg,
Dann heirathet mein Schätzchen dann hab ich ein Dreck.

     Treu hab ich geliebet was hab ich davon,
Mein Schätzchen betrübet das hab ich zum Lohn.

5
     Was hilft wir mein Grasen wenns Sichel nicht schneit,

Was hilft mir mein Schätzchen wenns bey wir nicht bleibt.

     Bald gras ich am Acker, bald graß ich am Rain,
Bald hab ich ein Schätzchen und bald hab ich auch keins.

     Drei Rosen im Garten, drei Näglein im Wald,

10
Den Sommer ist es lieblich den Winter ist es kalt.


     Ein altes Paar Ochsen, eine schwarzbraune Kuh
Das gibt mir mein Vater, wann ich heirathen thu.

     Gibt er mir sie nicht so heirath ich nicht
So schlaf ich beim Schätzchen und sag es ihm nicht.

15
     Hab Haber gedroschen hab Linsen gesät

Hab manches schön Mädel zum Tanze geführt.

     Auf unser Makammer da stehet ein Tisch
Da rappeln die Gläser da trinken wir frisch.

     In Ungern in Polen gehts lustig darzu

20
Da tanzen die Jungfern da klappern die Schuh.


(Mündlich aus Ippinghausen in Hessen.)
[103]
8.

     Was ist das Lieblichste?
Eine schöne Sommerabend Stund,
Ein Kuß von einem rothen Mund
     Das ist das Lieblichste.

[104]
5
     Was ist das Betrüblichste?

Wenns eins gern Nonnenstell verträt,
Und kommt zum Pater ders nicht versteht,
     Das ist das Betrüblichste.

     Was ist das Ueblichste?

10
Ein Kaufmann der die Messe hält,

Und kömmt nach Leipzig und hat kein Geld,
     Das ist das Ueblichste.

     Was ist das Stolzigste?
Ein Fräulein das zu Hofe geht,

15
Ein Pferd das in Schabracken steht,

     Das ist das Stolzigste.

Fragment aus dem Zitterspielbub etc. f. 112.
[108]
9.

     Ach Schatz darf ich dich bitten
Was hab ich dir zu Leid gethan,
Daß du mit mir nicht reden willst,
Meine Wort nicht hörest an,

5
Ey so bitt ich dich von Herzen,

So werd ich bald quittirt.

     „Der Abschied ist geschrieben
Das Körblein ist gemacht,
Nimm du nach deinen Belieben,

10
Viel Tausend gute Nacht,

Nimm du dein Körblein hübsch und fein
Leg du dein falsches Herz darein,
Und sey hinführo nicht so stolz
Und laß das Lieben seyn

15
Denn hübsch und fein, des bist du nicht

Das wist du selber wohl,
Denn deines gleichen wie du bist,
Das find man überall,
Wär’st du nicht zu mir kommen,

20
Ich habe dir keinen Boten geschickt,

Ich habe schon längst vernommen,
Dein falsches Angesicht,
Denn schön und reich das bist du nicht,
Das weist du selber wohl,

25
Denn deines gleichen wie du bist,

Das find man überall“.

[150]
10.
(Aus: Bicina Gallic. Germ. Lat. 1545).)

     Der Mai tritt ’rein mit Freuden,
Hin fährt der Winter kalt,
Die Blümlein auf der Heiden
Blühen gar mannigfalt.

5
     Ein edles Röslin zarte

Von rothen Farben schön
Blüht in mein’s Herzens Garte,
Für all’ Blümlein ich’s krön.

     Es ist mein Wolgemute

10
Das schön Röslin roth,

Erfrischt mir Sinn und Mute,
Errett’ aus aller Noth.

     Es ist mein Ehrenpreiße,
Dazu mein Augentrost,

15
Gemacht mit allem Fleiße,

Vom Tod hat’s mich erloßt.

     Vor Leid war ich gestorben,
Entgangen was mein Kraft,

[151]

In Liebes Flamm verdorben,

20
Erkühlt hat mich sein Saft.


     Mein Herze wird erquicket
Von Angst Kummer und Pein,
Wenn mich freundlich anblicket
Das rothe Röslin mein.

25
     Für Silber und roth Golden

Für Perlen, Edelstein
Bin ich dem Röslin holden,
nicht lieber's mag mir sein.

     Der Edelstein Carbunkel

30
Mag ihm gleichen nicht,

Wiewohl er leucht’ im Dunkel
Rubin gen ihm verblicht.

     Ach Röslin bis mein Wegwart,
Freundlichen ich dich bitt,

35
Mein Hoderstock (?) zu aller Fart,

Darzu vergiß mein nicht.

[181]


Von der Insel Rügen, mitgeteilt von E. M. Arndt.
11.

Der Spielmannssohn.


Als ich ein kleiner Knabe war,
Da lag ich in der Wiegen,
Als ich ein wenig größer war,
Ging ich auf freier Straßen.

5
     Da begegnet’ mir des Königs Töchterlein,

Ging auch auf freier Straßen.
Komm herein! komm herein! kleiner Spielmannssohn!
Spiel mir eine kleine Weise.

     Es währte kaum eine Viertelstund,

10
Der König kam gegangen:

Du Schelm! du Dieb! kleiner Spielmannssohn!
Was thust du bei meiner Tochter.
In Frankreich ist ein Galgen gebaut,
Da sollst du Schelm dran hangen. -

15
     Es währte kaum drei Tage lang,

Die Leiter mußt’ ich steigen:
Ach! gebt mir meine Geige her!
Ich will ein wenig drauf streichen -

     Ich strich wohl hin, ich strich wohl her,

20
Ich strich auf allen vier Saiten,

Ich spielt’ einen hübschen Todtengesang,
Der König fing an zu weinen.

     Komm herunter! komm herunter! kleiner Spielmannssohn!
Meine Tochter soll dir werden.

25
In Oestreich ist ein Schloß gebaut,

Da sollst du König werden. -

[198]


Von der Insel Rügen.

12.

Die drei Königstöchter.

     Es fielen drei Sterne vom Himmel herab,
Sie fielen wohl auf des Königes Grab
Dem Könige starben drei Töchterlein ab.

     Die eine die starb, als der Morgen anbrach,

5
Die andre die starb, als der Mittag anbrach,

Die dritte die starb, als der Abend anbrach.

     Die erste die ward mit Rosen geschmückt,
Die andere die ward mit Nelken bestickt,
Die dritte die ward mit Nadeln gespickt.

10
     Sie faßten sich all’ drei wohl an die Hand

Und gingen den grünen Weg entlang.
Da begegnet’ ihnen ein weißer Mann,
Der hatt’ des Herrn Christus seine Kleider an.

     Der weiße Mann sprach: wo wollen Sie hin?

15
Wir wollen nach der himmlischen Ruhe hin –

Gehn Sie, gehn Sie ein klein wenig baß zu,
Da werden Sie wohl finden die himmlische Ruh.

     Und als sie kamen ein klein wenig baß zu,
Da kamen sie wohl an die himmlische Ruh.

20
Sie klopften gar gar leise an,

Sankt Petrus kam, es ward aufgethan.
Die zwei die gingen in den Himmel hinein,
Die dritte ließ Sankt Petrus nicht ein.

     Ach! Jesus! was hab’ ich dir zu Leide gethan

25
Daß ich muß vor dem blauen Himmel stahn?

Gehn Sie, gehn Sie ein klein wenig baß zu,
Da werden Sie wohl finden die höllische Ruh.

     Und als sie kam an die höllische Ruh,
Da klopfte sie so gräulich an,

30
Der Teufel kam, es ward aufgethan.


     Sie setzten sie auf einen glühenden Stuhl,
Sie gaben ihr einen glühenden Becher in die Hand,
Daß ihr das Blut aus Händen und Füßen sprang.

     Ach Jesus! was hab ich dir zu Leide gethan,

35
Daß ich muß im höllischen Feuer stahn?


     Wann die andern sind in die Kirch gegangen,
Prangtest du mit Federn und Blumen behangen,
Wann die andern haben gebet’t und gesungen
Bist du mit den jungen Kavaliers herummer gesprungen.

[203]


Von der Insel Rügen.

13.

Jägerlied.

     Es wollt ein Jäger jagen,
So sagt’ er,
Es wollt ein Jäger jagen
Drei Stunden vor dem Tagen,

5
Im Walde hin und her:


     Einen Hirsch, einen Hasen und ein Reh,
So sagt’ er.
Er grüßt das Mädchen feine:
Was thut Sie so alleine

10
Wohl in dem Wald so früh?


     Ich will mir pflücken Rosen,
So sagt’ sie,
Ich will mir pflücken Rosen,
Wir wollen beide kosen,

15
Wohl in dem Walde früh.


     Ich kann vor meinen Hunden nicht,
So sagt’ er,
Ich kann vor meinen Hunden nicht,
Bleib Sie nur, Schönste, wer sie ist,

20
Wohl in dem Walde früh.


     Laß Er die Hunde laufen,
So sagt’ sie,
Laß Er die Hunde laufen
Wir wollen sie verkaufen

25
Wohl in dem Walde früh.


     Ich kann vor meinen Hasen nicht,
So sagt’ er,
Ich kann vor meinen Hasen nicht,
Bleib Sie nur, Schönste, wer Sie ist,

30
Wohl in dem Walde früh.


     Laß er die Hasen schmausen,
So sagt’ sie,
Laß Er die Hasen schmausen,
Es sind ja mehr als tausend,

35
Wohl in dem Walde früh.


     Ich kann vor meinem Pferde nicht,
So sagt’ er,
Ich kann vor meinem Pferde nicht,
Bleib Sie nur, Schönste, wer Sie ist,

40
Wohl in dem Walde früh.


     Laß Er das Pferd doch stehen,
So sagt’ sie,
Laß Er das Pferd doch stehen,
Wir beide wollen gehen

45
Wohl in dem Walde früh.


     Ich kann vor meinen Sporen nicht,
So sagt’ er,
Ich kann vor meinen Sporen nicht,
Bleib Sie nur, Schönste, wer Sie ist,

50
Wohl in dem Walde früh.


     Laß Er die Sporen klingen,
So sagt’ sie,
Laß Er die Sporen klingen,
Wir beide wollen singen

55
Wohl in dem Walde früh.


     Ach! Mädchen, bist du rasend blind?
So sagt’ er,
Ich bin dein Vater, du mein Kind,
Ach! Mädchen, bist du rasend blind

60
Wohl in dem Walde früh.
[205]
14.

Es fiel ein fein kühler Schnee
Auf meines Feinsliebchens Haus.
Mein Schatz ist vierzig Meilen von hier,
Ach war er bey mir! Ach wär er doch hier!

5
     wär er doch hier!


Es sind ja keine vierzig Meilen von hier,
Es ist ja nahe hiebey!
Es ist ja kaum ein halbes Jahr,
Da, da ich noch bey ihm war,

10
     noch bey ihm war! –


Ich ging auf mein Schlafkämmerlein,
Ich meint ich wäre allein,
Da kam der Herzallerliebste mein
Wohl zu der Thür herein,

15
     der Thür herein!


„Was stehst du da fein jüngferlich,
Was stehst du da allein,
Ich seh’ dir’s an dein Aeuglein klar,
Daß dir ist Leid gethan,

20
     ist Leid gethan.“ –
[206]

Das Leiden das ich tragen muß
Das trag’ ich Schätzchen um dich,
Sie haben mir einen Mann auserwählt,
Mein Herz begehrt ihn nicht,

25
     begehrt ihn nicht.


Es ist kein Fisch so klein, er fließt im Wasser,
Es fließt das Wasser auf und nieder,
Ach mein Schätzchen komm bald wieder.
Wärst du diesen Abend bey mir.

30
     Abend bey mir.
Mitgetheilt von Dr. Julius.
  1. kleine Dirne.
  2. Leute.
  3. Garten.
  4. weißen
  5. Alten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ick. Siehe Druckfehler S. 88.