Volksthümliche Schriften

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Titel: Volksthümliche Schriften
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aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 819
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[819] Volksthümliche Schriften. Ueber den vergiftenden Einfluß der schlechten Colportage-Romane, die fort und fort von gewissenlosen Literatur-Speculanten mit ebenso eifriger wie unverschämter Hartnäckigkeit fabricirt und verbreitet werden, ist in der letzten Zeit wiederum viel geklagt worden. Nachgerade weiß man auch, daß dieser in der That äußerst scandalöse Vertrieb nicht blos auf die Lesegier eines schon rettungslos entarteten und verwilderten Geschmackes berechnet ist, sondern fast mehr noch auf den schwankenden Geschmack und die schwache Urtheilskraft jener Unwissenden und Rathlosen, denen Besseres genehmer wäre, wenn es ihnen nur ebenso bequem und wohlfeil geboten würde. Faßt man das Uebel von diesem Gesichtspunkte auf, so wird man jedem Unternehmen eine freudige Beachtung widmen müssen, das auf dem betreffenden Gebiete eine Besserung anbahnen möchte. Solch ein Unternehmen ist seit September dieses Jahres von der jungen Verlagsfirma E. Kempe in Leipzig unter dem Titel „Erzählungen des deutschen Hausfreundes“ begründet und eröffnet worden. Herr Kempe will sich dabei in die Reihe der Bestrebungen stellen, welche der Literatur der Trivialität und des Schmutzes, wie den socialistischen Brand- und Hetzschriften gegenüber eine Hebung des Vorschriftenwesens in sittlich-patriotischem Geiste herbeiführen und durch Gutes das Verwerfliche hinwegdrängen wollen. Es möge deshalb der verständige und warm geschriebene, durch alle Buchhandlungen jedenfalls gratis zu beziehende Prospect, in welchem der genannte Verleger seine Absicht ausführlich darlegt, hiermit der Beachtung aller Volksfreunde empfohlen sein.

Ueber das Thema selbst lassen sich freilich ganze Capitel schreiben, und wit unsererseits bestreiten unter Anderem von vornherein, daß der bezeichnete Zweck allein durch das novellistische Genre erreicht werden kann, ja wir behaupten, daß dieses Mittel, wenn es einseitig und ausschließlich angewendet werden sollte, eine geisterschlaffende und deshalb geradezu verderbliche Wirkung üben muß. Nur als eine Beisteuer zu anderweitigen tiefer greifendem Wirken – wie es z. B. rüstig und tüchtig in den vielfach vortrefflichen Leistungen des Nordwestdeutschen Volksschriftenvereins in Bremen sich kund giebt - würden wir daher die nette Kempe’sche Unternehmung gelten lassen, falls ihr Fortgang den angeregten Erwartungen entspräche. Von diesen „Erzählungen des deutschen Hausfreundes“, die neben Altbewährtem auch neu für den Zweck Geschaffenes bringen werden, soll in jedem Monat ein Bändchen mit abgeschlossenem Inhalte zum Preise von dreißig Pfennigen abgegeben werden. Drei solcher Bändchen sind bereits erschienen, von denen das erste Hebel’s unvergleichliches „Schatzkästlein“, das zweite Zschokke’s „Meister Jordan“ und das dritte „Stumme Liebe“ von Musäus und Schiller’s „Verbrecher aus verlorner Ehre“ enthält. Ueber das Angemessene der Auswahl wird sich erst beim Vorliegen einer ganzen Reihe ein sicheres Urtheil fällen lassen. Das Aeußere der kleinen Bücher zeigt nicht die schimmernde Eleganz heutiger Ausstattungen. Möge man sich aber durch ihr einfaches und solides Gewand nicht abhalten lassen, sie als Festgeschenke für Alt und Jung aus dem Volke zu verwenden!

Fr.