Vom alten Heim

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Autor: Max Ring
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Titel: Vom alten Heim
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 149-151
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Vom alten Heim.

In seiner Wohnstube saß der alte Geheimrath Heim, der berühmteste und genialste Arzt zur damaligen Zeit. Man konnte sich keine ehrwürdigere und mehr Vertrauen einflößende Gestalt denken. Weiße Locken umgaben seine intelligente Stirn, die scharfen blauen Augen verriethen einen hohen Grad von Beobachtungsgabe, vereint mit einer herzgewinnenden Gutmüthigkeit. Trotz des vorgerückten Alters hatte er sich eine jugendliche Frische des Geistes und des Körpers bewahrt. Während er sprach, schwebte ein freundliches Lächeln um seine Lippen und seine Worte trugen den Stempel eines gesunden Humors, einer Heiterkeit, die aus einem zufriedenen Gemüthe und einem ruhigen Gewissen ununterbrochen wie ein reiner Quell hervorsprudelten. – Er war mit einem dunkeln Schlafrock bekleidet, den er jedoch bald wieder ablegte, um sich für seine Visiten umzukleiden. Während er sich anzog, standen mehrere junge Mediciner und seine Assistenzärzte um ihn, mit denen er sich unterhielt, ihnen seine Erfahrungen aus einer großen Praxis mittheilend oder ihre Berichte mit Aufmerksamkeit entgegennehmend. Er sprach mit ihnen wie ein älterer Freund mit seinen jüngeren Collegen. Da war nichts von Ueberhebung, Stolz oder Anmaßung in seinen Reden zu bemerken. Sie dagegen behandelten ihn wie treue Söhne einen Vater; sie leisteten ihm willig allerlei kleine Dienste; der Eine half ihm beim Anlegen der Weste und des Halstuches, der Andere brachte den blauen Rock herbei und unterstützte ihn beim Anziehen desselben. – Unterdeß hatte der treue Diener den bekannten Schimmel aus dem Stalle geführt, denn der alte Herr besuchte seine Patienten meist zu Pferde; das war eine Eigenthümlichkeit des originellen Mannes, die er bis in das späteste Alter beibehielt.

Eben schickte er sich an, seine täglichen Krankenbesuche abzustatten, als sein hochgestellter College, der Staatsrath Hufeland, in das Zimmer trat, um ihn zu einer Consultation bei einem vornehmen Patienten abzuholen. Beide Aerzte sprachen zuerst von dem vorliegenden Falle, worauf sie auf andere medicinische Gegenstände von Interesse übergingen. Wie es meist bei Aerzten zu geschehen pflegt, waren ihre Meinungen in vielen Punkten abweichend, und besonders konnte sich Hufeland nicht über eine neue Behandlung des Wechselfiebers zufrieden geben, welche Heim in der letzten Zeit eingeschlagen hatte. Man befand sich damals zur Zeit der bekannten, von Napoleon verhängten Continentalsperre. Durch diese Maßregel, welche den Handel mit England gänzlich lähmte, war der Preis aller ausländischen Producte und besonders einiger Arzneistoffe, wie der beim Wechselfieber bisher gebrauchten Chinarinde, um das Zehn- und Zwanzigfache gestiegen, so daß ihre Anwendung bei armen Leuten fast unmöglich wurde, weil sie den theueren Preis nicht erschwingen konnten. In dieser Noth hatte sich Heim um ein anderes Mittel umgesehen und dasselbe im Arsenik gefunden, den er natürlich in sehr kleinen Dosen fast in allen Fällen verabreichte. Hufeland scheute sich vor dem Gebrauche des Giftes und machte seinem Freunde und Collegen die eindringlichsten Vorstellungen.

„Wie kannst Du,“ fragte er ihn in dem ihm eigenen salbungsvollen Tone, „bei Dem dort oben es verantworten, daß Du Deine Kranken mit einem so gefährlichen Gifte behandelst?“

Heim’s Mund verzog sich bei dieser Frage zu einem leisen, sarkastischen Lächeln.

„Wenn Der mich fragen wird,“ antwortete er schmunzelnd, „so werde ich ihm sagen: Alter, das verstehst Du nicht!

Dabei klopfte der lose Spötter gutmüthig seinem Collegen auf die Schulter, so daß dieser nicht zweifeln konnte, daß er selber eigentlich mit dem „Alten“ gemeint sei. Ein wenig empfindlich, aber doch nicht böse, entfernte sich Hufeland mit seinem Freunde, um den vornehmen Patienten zu besuchen. Sie fanden den Kranken in einem höchst gefährlichen Zustande und Beide hatten keine Hoffnung, ihn zu retten. Sie waren vollkommen darüber einverstanden und verschrieben mehr zur Beruhigung der Angehörigen eine Medicin, ohne sich die geringste Wirkung zu versprechen. Da Hufeland sehr beschäftigt war, so versprach Heim, nach einigen Stunden nachzusehen, obgleich er selbst nicht glaubte, den schwer Leidenden noch am Leben zu treffen.

Sein nächster Besuch galt einem eingefleischten Hypochonder, der ihm mit einem ganzen Heere von eingebildeten Klagen entgegenkam. Heim verordnete ihm eine an sich ganz gleichgültige Medicin mit dem Zusätze, nach jedem Löffel desselben mindestens eine halbe Stunde im anhaltenden Schritte zu gehen.

„Wenn Sie,“ fügte er mit ernstem Gesichte hinzu, „diese Verordnung nicht ganz pünktlich befolgen, so kann ich für nichts stehen, da das Mittel sonst Ihnen nicht allein nichts nützen, sondern geradezu sehr schaden kann.“

Der furchtsame Patient gelobte den strengsten Gehorsam, und Heim verließ ihn auch in dieser festen Ueberzeugung. Er hatte seine Absicht erreicht, und was ihm durch gütliches Zureden bisher nicht gelungen war, setzte er durch diese kleine List durch. Der Kranke, dem es einzig und allein an Bewegung fehlte, wurde auf diese Weise von seinen Leiden befreit.

Heim gehörte nicht zu den Aerzten, die mit dem „Verschreiben“ Alles abgethan glauben; er besaß einen hohen Grad von Lebensklugheit und Menschenkenntniß, woran es jüngeren Aerzten häufig fehlt. Das Wissen thut es nicht allein, sondern weit mehr noch der angeborene Scharfblick und der praktische Verstand.

Nachdem Heim noch eine Menge von Patienten besucht, kehrte er zu dem Kranken zurück, den er mit Hufeland am Morgen gesehen. Der Zustand hatte sich so bedeutend verschlimmert, daß keine Rettung möglich schien. Nach dem Glauben der Umgebung lag der Leidende bereits in den letzten Zügen, aber der schärfer sehende Arzt erkannte unter der Larve dieser drohenden Symptome ein gewaltsames Ringen der Natur, eine wohlthätige Krisis, welche er unterstützen zu müssen glaubte. Schnell entschlossen, verordnete Heim ein Brechmittel. Die Angehörigen waren nicht wenig betroffen, aber sie wagten nichts dagegen zu reden. Trotz ihres Vertrauens in den berühmten Arzt schickten sie aber heimlich nach dem Staatsrath Hufeland. Heim erklärte, die Wirkung seiner Verordnung abwarten und, bis diese eingetreten sei, dableiben zu wollen. Er selbst reichte dem Patienten das Brechmittel, sobald dasselbe aus der Apotheke kam. Wider Erwarten trat nach dem Einnehmen der Medicin eine auffällige Besserung ein, so daß der von allen Seiten aufgegebene Patient sich sichtlich erholte.

Unterdeß war der Staatsrath Hufeland in größter Eile angelangt, überzeugt, eine Leiche anzutreffen. Ohne sich nur den Kranken anzusehen, nahm er Heim bei Seite und überhäufte seinen Collegen mit Vorwürfen.

„Mein Gott,“ rief er erschrocken aus, „wie konntest Du es wagen, einem Sterbenden ein Brechmittel zu geben? Welche Gründe hattest Du für eine so unverantwortliche Handlungsweise?“

„Das kann ich Dir nicht sagen,“ antwortete der bescheidene Heim mit einer fast kindlichen Einfalt. „Wissenschaftliche Gründe weiß ich Dir auch eigentlich nicht anzugeben, aber der Mensch sah mir so aus, als ob er brechen müsse.“

[150] Sein Genie hatte auch hier wieder das Richtige getroffen, ohne viel nach den Vorschriften und alltäglichen Regeln zu fragen. Allerdings würden wir nicht jedem jungen Doctor den Rath ertheilen, es wie der alte Heim zu machen. Dazu muß man eben, wie er, ein geborner Arzt sein und denselben feinen und sichern Instinct besitzen, der nur wenigen Menschen gegeben ist.

Hufeland war auch mit dieser Antwort vollkommen zufrieden, da er den günstigen Erfolg eines so kühnen Verfahrens mit eigenen Augen sah; aber er schüttelte doch bedenklich mit dem Kopfe bei einem Wagstücke, das seiner eigenen Natur so fremd und zuwider war.

Es war bei dem kurzen Herbsttage schon dunkel geworden, als Heim, ermüdet von allen Anstrengungen und Mühen eines Arztes, nach seiner Wohnung zurückkehren wollte. Sein Weg führte ihn durch ein meist nur von armen Leuten bewohntes Stadtviertel. Wie er so durch die enge, schmutzige Straße ritt, fiel ein Weib seinem Pferde in die Zügel.

„Bester Herr Geheimrath!“ schrie die Frau. „Erbarmen Sie sich einer armen, unglücklichen Familie. Mein Mann liegt schon seit einem Vierteljahre an der Wassersucht krank, und wenn Sie ihm nicht helfen, so ist er und ich mit meinen Kindern verloren.“

Es bedurfte nicht erst einer so kläglichen Aufforderung, daß Heim sogleich der Frau Folge leistete und mit ihr ging. Eine verfallene Treppe führte ihn in eine jener elenden Kellerwohnungen, wie man sie in den Armenvierteln der größeren Städte zu finden pflegt. Bei dem schwachen Lichte einer kleinen Oellampe sah er die kahlen, weißen Wände, welche von Feuchtigkeit und Nässe trieften. Der ganze Hausrath bestand aus einem rohen Tische und einigen Stühlen. Im Hintergrunde lag auf einem grauen Strohsack eine Jammergestalt, ein Mann, dessen Beine gleich Kannen angeschwollen waren, dessen Augen aus dem gedunsenen, erdfahlen Gesicht kaum hervorschauten und mit ängstlich flehendem Ausdrucke sich nach dem eintretenden Arzte wandten.

Heim erkundigte sich theilnehmend nicht nur nach dem Befinden, sondern auch nach den näheren Umständen des Kranken. Er erfuhr aus dem Munde der geschwätzigen Hausfrau, daß ihr Mann von Profession Glaser und ohne sein Verschulden nach und nach verarmt sei. Seitdem er den Keller in einem erst neugebauten Hause bezogen, war er erkrankt und nach und nach wassersüchtig geworden. Die ganze Familie lebte in der bittersten Noth und dem Kranken fehlte es an allem Nöthigen, besonders an gesunder Kost und Medicin.

Heim hatte keinen Grund, diese Angaben, von denen er sich durch den Augenschein überzeugen konnte, zu bezweifeln. Obgleich an den täglichen Anblick von Unglück und Elend gewöhnt, war sein Herz noch nicht abgestumpft und voll Mitgefühl.

Der Zustand des armen Glasers schien ihm noch keineswegs so weit vorgerückt, um jede Hoffnung aufzugeben; aber die Möglichkeit einer vollständigen Heilung scheiterte hier, wie so häufig in der Armenpraxis, an der Mittellosigkeit und Dürftigkeit des Leidenden. Auch da war mit dem bloßen Verordnen eines Mittels gegen die Wassersucht nichts gethan; das sah der alte, gute Heim wohl ein. Ohne sich lange zu besinnen, zog er seine Börse aus der Tasche und gab diese der bekümmerten Frau.

„Das nehme Sie, Mutter,“ fügte er im populären Tone hinzu, „und miethe Sie sich und Ihrem Manne eine bessere Wohnung; in dem Kellerloch darf er keinen Tag mehr bleiben; dann hole Sie sich aus meiner Küche täglich das Essen für den Kranken. Ich hoffe, Ihren Mann mit Gottes Hülfe wieder herzustellen, und werde ihn so lange besuchen, als er mich braucht.“

Das Weib dankte mit heißen Thränen und wollte Heim die Hand küssen, was dieser aber nicht litt. Was der Brave versprochen, hielt er auch getreulich. Er sorgte für eine gesündere Wohnung, für eine nahrhafte Kost, für zweckmäßige Medicamente und all’ die Mittel, womit er dem armen Glaser auch in verhältnißmäßig kurzer Zeit seine Gesundheit wiederschenkte. Damit begnügte sich jedoch der edle Wohlthäter nicht, indem er darauf bedacht war, dem gewesenen Handwerker auch eine angemessene und einträgliche Beschäftigung zu verschaffen.

Zu diesem Zwecke wendete er sich an die Prinzessin Ferdinand, deren Leibarzt Heim war. Die selber höchst originelle Prinzessin stand mit dem originellen Doctor auf einem eigenthümlichen freundschaftlichen Fuße und ließ sich manche Absonderlichkeit von ihm gefallen. Sie stammte aus einer älteren Zeit und war gewöhnt, alle Leute mit „Er“ anzureden. Als sie damit umging, dem alten Heim ihre Gesundheit anzuvertrauen, machte er ihr einige Bedingungen, worüber die verwöhnte Dame nicht wenig erstaunte, da sie gewöhnt war, sehr von oben herab die Menschen anzusehen, und Wunder glaubte, welche Ehre sie Heim erzeigte. Sie hatte ihn damals rufen lassen, um ihm die ihm zugedachte Ehre anzuzeigen.

„Er soll mein Leibarzt werden,“ sagte die Prinzessin. „Ist Er es zufrieden?“

„Gewiß, königliche Hoheit; aber nur unter drei Bedingungen,“ antwortete Heim mit würdiger Ruhe.

„Und die wären?“ fragte die Prinzessin gespannt.

„Für’s Erste,“ fuhr er im ernsten Tone fort, „müssen mir Ihre königliche Hoheit versprechen, mich nicht per „Er“ zu tituliren; denn das bin ich nicht gewohnt, auch paßt es nicht für meinen Stand.“

„Das will ich Ihm, ich wollte sagen, Ihnen bewilligen.“

„Für’s Zweite kann ich nicht im Frack und Escarpins antichambriren und in Ihrem Vorzimmer warten. Meine Zeit ist edel und außer Ihrer königlichen Hoheit gibt es noch viele hundert Menschen, die meine Hülfe brauchen.“

„Das nenne ich offen gesprochen, aber Sie haben wohl Recht.“

„Zum dritten erwarte ich, daß Sie mich auch königlich bezahlen, da Sie eine königliche Hoheit sind.“

Diese letzte Bedingung galt dem bekannten Geize der Prinzessin, die jedoch keineswegs dem altem Heim seine dreiste Sprache übelnahm, sondern auf alle seine Bedingungen einging und seitdem seine beste Freundin und Gönnerin war.

Um dem armen Glaser zu helfen, wandte er sich wieder an die Prinzessin, bei der er von jener Zeit her unangemeldet Zutritt hatte.

„Was bringen Sie mir, lieber Heim?“ fragte sie ihn freundlich, als er eintrat.

„Haben Sie keine zerbrochenen Fensterscheiben, königliche Hoheit?“

„Was hat das wieder zu bedeuten?“

„Ich möchte gern einem armen fleißigen Glaser Arbeit verschaffen und bin entschlossen, wenn ich keine finde, selber die Fenster bei allen meinen Patienten einzuwerfen.“

„Das sollen Sie hübsch bleiben lassen; denn am Ende wird Ihnen die Polizei das Handwerk legen und sperrt Sie ein. Was soll aber Berlin ohne den alten, närrischen Heim anfangen? Lieber will ich dem Manne so viel Arbeit geben, als ich zu vergeben habe.“

„Schön! Aber königliche Hoheit müssen ihn dann auch zum Hofglasermeister machen.“

„Auch das, wenn Ihnen damit ein Gefallen geschieht.“

Die Prinzessin hielt in der That auch Wort und Heim’s Schützling hatte bald alle Hände voll zu thun und verdiente so viel und auch mehr, als er zum Leben nöthig hatte. – Einige Monate waren seitdem vergangen, ohne daß Heim den Glaser sah noch hörte. Er hatte nicht auf Dank gerechnet und seine eigene Erfahrung bestätigte das bekannte Sprüchwort: Der Arzt ist ein Engel, wenn man ihn braucht, ein Teufel, wenn man ihn bezahlen soll.

Nach seiner Gewohnheit ritt der alte Heim wieder eines Tages durch die Straßen Berlins. Vor einem Hause, über dessen Thür ein stattliches Glaserschild aus bunten Scheiben mit dem königlichen Wappen hing, sah er sich von einer Frau angehalten, deren Züge ihm dunkel bekannt erschienen.

„Herrjes!“ schrie das Weib. „Herr Geheimrath! Sie kennen mir wohl nicht mehr?“

„In der That, ich erinnere mich nicht, aber ich muß Sie schon irgendwo gesehen haben.“

„Natürlich! Ich bin ja die Frau von dem Hofglasermeister, den Sie curirt haben.“

„Das freut mich, aber Ihr Mann ist doch nicht wieder krank geworden?“

„I Gott behüte! Im Gegentheil, er ist jetzt gesund, wie ein Fisch im Wasser.“

„Und es geht ihm gut, wie ich hoffe?“

„Wir sind ganz zufrieden. Gott Lob! an Arbeit fehlt es nicht; wir haben alle Hände voll zu thun.“

[151] „Was wünschen Sie aber von mir, womit kann ich Ihnen dienen?“’

„Eigentlich mit gar nichts. Ich wollte blos einmal fragen, was wir für Ihre Mühe schuldig sind? Wir wollen gern bezahlen. Sie thaten mir einen rechten Gefallen, wenn Sie mir gleich auf der Stelle sagen wollen, was die ganze Rechnung macht. Uebertheuern werden Sie uns nicht, das weiß ich.“

Diese Forderung der Frau machte dem Arzte wegen ihrer Originalität Vergnügen und er wollte sich mit ihr einen kleinen Scherz erlauben. Er kannte den Charakter des Berliner Volkes, das bei jeder Rechnung gewohnt ist, noch eine Kleinigkeit abzuhandeln; deshalb beschloß er, eine möglichst niedrige Summe zu nennen, die er natürlich nicht genommen hätte. Nach einigem Besinnen, wobei er that, als rechnete er zusammen, wandte er sich wieder an das Weib, das mit großer Spannung seinen Ausspruch zu erwarten schien.

„Na, sagen Sie nur immer dreist, wie viel wollen Sie, Herr Geheimrath?“ fragte sie.

„Zwei Thaler, Mutterchen, wird wohl nicht zu viel sein?“ erwiderte Heim, durch die ganze Scene belustigt.

„Ein Thaler und zwanzig Silbergroschen werden wohl auch genug sind,“ lautete die Antwort der guten Frau.

Lachend steckte Heim das Geld ein, das sie ihm überreichte. Er pflegte später jungen Aerzten gern diese Geschichte zu erzählen, die er selbst erlebt, um sie auf die zu erwartende Dankbarkeit der Patienten vorzubereiten.

Trotzdem blieb der alte Heim bis an sein Lebensende der Wohlthäter der leidenden Menschen, der treueste Freund der Armen, das Muster eines teilnehmenden und gefühlvollen Arztes, der seinen Lohn in seinem Berufe und im Innern seines edlen Herzens fand.

Max Ring.