Von Weimars Friedhof

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Robert Keil
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Von Weimars Friedhof
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 73, 75, 76
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[73]
Die Gartenlaube (1876) b 073.jpg

Alexander Rost’s Grab auf dem Friedhof in Weimar.

[75] Von Weimars Friedhof. (Mit Abbildung, S. 73.) Es war der Tag der Todtenfeier. Arm und Reich, Groß und Klein zog hinaus, die Gräber der todten Lieben zu schmücken. Keiner von all den Festtagen des Jahres hat für mich eine so tief ergreifende, so rein menschlich-schöne Bedeutung wie diese Feier. So wanderte auch ich hinaus auf Weimars „classischste“ Stätte, auf den Friedhof. Manche jener Gräber, in denen die großen Männer, die schönen geistreichen Frauen der Glanzzeit Weimars ruhen, waren von liebender Hand bekränzt, andere von Gestrüpp überwuchert. Ueberall war die Liebe thätig, den Dahingeschiedenen, den in heißem Schmerze Verlorenen, die der Tod hier außen so still und tief gebettet hat, in Kränzen und Guirlanden einen wehmüthigen Gruß der Treue und des Andenkens zu bringen, und manche heiße Thräne fiel auf die Blumen herab. Der Tod ist fleißig; er ist es auch in unserer kleinen Stadt an der Ilm: mit Goethe können wir sagen:

Unter schon verlosch’nen Siegeln
Tausend Väter hingestreckt,
Ach, von neuen, frischen Hügeln
Freund an Freunden überdeckt!

[76] Wir wandeln zwischen den Reihen hin nach der Höhe der neuen Abtheilung des Friedhofes. Dort fällt uns ein neues, schönes Grabmal in die Augen; wir stehen am Grabe eines lieben Freundes, eines wackeren, deutschen Mannes, eines echten deutschen Künstlers, am Dichtergrabe Alexander Rost’s. Wenige Monate, nachdem die „Gartenlaube“ (1874, Nr. 39) in dem Artikel „Ein Thüringer Dichter“ durch die Feder Albert Traeger’s der gesammten gebildeten Welt ein treues, warmes Bild vom Leben und Wirken Rost’s gegeben, wenige Monate, nachdem sein letzterschienenes Werk, das Charaktergemälde „Der ungläubige Thomas“ unter lebhaftem Beifalle über die deutschen Bühnen gegangen, schloß der Dichter die Augen für immer. In der Mitte des Monats, in welchem er sonst im Weimarischen Parke unter jugendfrischem Grün und Blumenduft auf stiller abgelegener Bank zu ruhen und zu dichten pflegte, am 18. Mai 1875, wurde er hier unten zur ewigen Ruhe bestattet.

Die „Gartenlaube“ brachte ihren Lesern in Nr. 22 des Jahrgangs 1875 die Nachricht von dem Verluste, welchen durch seinen Tod die deutsche, vaterländische Kunst erlitten, und schloß mit der Mahnung: „Ihn, unsern Alexander Rost, ehre die Bühne und das Volk durch treue Pflege und Verbreitung seiner Werke! Namentlich das Letztere würden wir als die würdigste Liebesgabe für den Dichter preisen, weit höher, als den Denkmalstein, mit welchem nur allzuoft die Theilnahme für den Todten sich für immer abfindet.“ Doch nein, die Geschichte jenes Grabmals selbst beweist, wie warm die Sympathieen sind, welche sich der Verewigte in allen Ständen und Kreisen durch seine kernigen dramatischen Dichtungen erworben hat. Der Verleger der letzteren, Dr. Panse in Weimar, hat das Verdienst, die schöne Idee in’s Leben gerufen zu haben, indem er den Ertrag eines namhaften Theils jenes Verlags diesem Zwecke widmete; das Publicum hat diesen Act der Verehrung für den volksthümlichen talentvollen Dichter theilnehmend unterstützt, und schon im Sommer 1875 konnte sich das Denkmal, vom Bildhauer Linsenbarth geschmackvoll ausgeführt, auf Weimars Friedhofe erheben. Der Platz, welchen die letzte Ruhestätte unseres Rost und sein Denkmal einnimmt, entspricht ganz dem Wesen des Mannes, der still hier schlummert. Links drüben ruht in der Fürstengruft der Altmeister Goethe, dessen Werke die Grundlage seiner Bildung und seines poetischen Strebens geworden, – ruht auch der große Mann, den er sich allezeit zum Muster und Vorbild genommen, der unsterbliche Schiller. Von rechts her schauen die bewaldeten Höhen des Ettersbergs herüber, und weithin schweift das Auge über ein anmuthiges Thal des Thüringer Landes, des Landes, von dem Dingelstedt singt:

Thüringen, Deutschlands ewig junges Herz,
Hat stets, in guten und in bösen Tagen,
Nicht für die Kunst allein in Spiel und Scherz,
Nein, auch im Ernst für Licht und Recht geschlagen.

Und unser Rost war ein echter, wahrer Thüringer, und war es nicht nur im ganzen Leben, sondern ist es auch in jeder Zeile aller seiner herzerquickenden Dichtungen. So wußte er, ein treuer Freund seiner Freunde, klar und tiefgemüthlich, bieder und heiter den geselligen Kreis geistig zu beleben; zur Erinnerung an jene Stunden schaut in der Restauration neben dem Theater über dem Platze, den er einst einzunehmen pflegte, sein lebenswahres Bild, von Freundeshand gestiftet, herab, als wollte er sich noch an der geselligen Unterhaltung mit anregendem Gespräche, mit derbem, aber immer harmlosem Witze, mit kernigem Worte betheiligen. Es ist das vortreffliche, lebenswahre Portrait, mit welchem Adolf Neumann in der Gartenlaube (1874, Nr. 39) alle Freunde und Verehrer des Dichters zu Dank verpflichtet hat. Und allezeit hat sein Herz „für Licht und Recht geschlagen“. Er kämpfte und rang dafür in den trübsten Zeiten unseres deutschen Vaterlandes; er jubelte aus vollem Herzen auf, als endlich das große Kriegs- und Siegesjahr die langersehnte Verwirklichung seiner heißen patriotischen Wünsche brachte; er blieb bis zum letzten Athemzuge von edler Vaterlands- und Freiheitsbegeisterung und von glühendem Hasse gegen pfäffische Verdummung des Volkes erfüllt.

Wie frische Waldluft vom Gebirge her weht diese Gesinnung durch seine Dramen, vom Volksschauspiel „Kaiser Rudolph in Worms“ an bis zum „Ungläubigen Thomas“. Von denselben Ideen ist auch sein letztes Drama getragen, vor dessen gänzlicher Vollendung ihn der Tod abgerufen hat. Den Heldenkampf Tirols zum Gegenstand, doch nicht Hofer selbst, sondern eine Verwandte desselben zum eigentlichen Helden nehmend, sollte es den Titel führen: „Das Weib vom Land Tirol“. Nach den Mittheilungen, welche mir der Dichter über die handelnden Personen und die dramatische Entwickelung der Handlung mündlich machte, versprach das Stück die vollendetste aller seiner Arbeiten zu werden; unzweifelhaft reiht es sich in poetischem Schwung und edler patriotischer Gesinnung seinen früheren Dramen würdig an. Auf einzelne Blätter geschrieben, bedarf diese seine letzte dramatische Arbeit noch der Ordnung und Vollendung. Möge sie ihr durch begabte Hand zu Theil werden und damit ein neuer edler Schatz für unser Volk gewonnen sein! – Gab und giebt es doch in der gesammten deutschen Literatur nur wenige dramatische Dichter, welche so in Schiller’s Geist, so kernig, markig und dabei so volksthümlich gedichtet haben, wie unser talentvoller Alexander Rost.

Mögen seine Dramen immer mehr Eingang im Volke, immer mehr Pflege bei den deutschen Bühnen finden! Dann wird nicht nur der Wittwe des Dichters die Hülfe, welche ihr das deutsche Volk als Dank schuldet, zu Theil, sondern auch dem verewigten Dichter selbst im Herzen und Andenken des gesammten Volkes ein noch edleres Denkmal geschaffen werden, als das sinnige Grabmal, welches Freundschaft und Verehrung ihm auf dem Friedhofe Weimars errichtet hat.

Robert Keil.