Von der Nadel zur Feder

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Autor: Gerhard Ramberg
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Titel: Von der Nadel zur Feder
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 362,363
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Von der Nadel zur Feder.
Eine Porträtskizze P. K. Roseggers von G. Ramberg.
Die Gartenlaube (1888) b 365 1.jpg

Den Lesern der „Gartenlaube“ ist der Dichter, dessen Bild wir denselben heute vorführen, längst kein Fremder mehr. Und beim Lesen seiner Schriften wird mancher wohl die Frage aufgeworfen haben: Wie konnte aus dem Waldbauernburschen und Schneidergesellen von ehedem ein Dichter werden? Rosegger selbst hat die Frage in seinen Werken theilweise beantwortet. Wer seine Dichtungen gelesen, kennt auch seine Lebensgeschichte. Nicht ganz genau vielleicht und nicht mit historischen Daten, denn vieles, was der Dichter erzählt, ist thatsächlich anders geschehen. Seine Erzählungen sind aber trotzdem wahr; sie gehören jener Wahrheit an, die allgemein ist und im Munde des Poeten bedeutsamer wird. So wollen auch wir diese Skizze, welche die Bekanntschaft mit dem Menschen Rosegger vermitteln soll, freihalten von Jahreszahlen und kleinlich historischem Beiwerk und sein Leben, seine Entwickelung so betrachten, wie er selbst, wie der Dichter sie betrachtet.

In der grünen Steiermark ist seine Heimath. Unweit von Krieglach liegt ein kleines Dörfchen, Alpel genannt. Dort stand Roseggers Elternhaus. Der Vater war ein armer Waldbauer, arm und verarmt. Peter war ein schwächlicher Bursche und den Anstrengungen, die der Bauernstand fordert, kaum gewachsen. Darüber war der Familienrath bald einig. Aber man schwankte, ob der Bursche Pfarrer oder – Schneider werden müsse. Man entschied für das erstere; der Bub sollte studiren. Die Mutter ging zu den Geistlichen, sie um Rath und Hilfe zu bitten. Aber sie erhielt wenig Aufmunterung. Der alte Dechant von Birkfeld sagte:

„Wenn der Bub sonst keine Anzeichen für den Priester hat, als just, daß er schwach ist, so soll er was anderes werden. Schwache Priester haben wir eh’ genug. Er soll ein Handwerk lernen.“

Rosegger selbst hatte Lust und Neigung zum Priesterstand. Aber sein erster Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen; es ist anders gekommen, er sollte in eine andere Bahn gelenkt werden. Der kleine Rosegger hatte sich einmal auf dem Thomasmarkte im nahen Krieglach einen Volkskalender gekauft. Er las das Buch von Anfang bis Ende, studirte jeden Heiligen, jede Finsterniß, jede Bauernregel und jede muthmaßliche Witterung. Die Erzählungen des Kalenders las er nicht, er sog sie auf, wie Blüthenduft und Honig. Die Freude an dem vorhandenen Genuß wurde noch gesteigert durch die Hoffnung auf kommenden: am nächsten Thomasfeste sollte ein neuer Kalender gekauft werden. Als aber der Thomastag herankam, war nicht genug Geld da, um einen solchen Schatz zu erstehen. Wohl Stunden lang mag der Knabe sehnsüchtigen Blickes vor den Büchern gestanden haben, von weitem die Titel lesend. Aber die Thatsache stand unumstößlich fest: „Hast kein Geld, so kannst keinen kaufen.“

Da erwachte in ihm der Nachahmungstrieb, und er sagte zu sich. „Wenn Du keinen kaufen kannst, so mach’ Dir selber einen.“

Zur Erwerbung von Feder, Tinte und Papier reichte die kleine Baarschaft aus, und der Grundstein zu seiner dichterischen Thätigkeit war gelegt. Er versuchte es, seinen Volkskalender genau nach dem Muster des gedruckten Exemplares zu schreiben, verfaßte Erzählungen, Gedichte und Aufsätze, zeichnete selbst die Illustrationen dazu, stellte das Kalendarium auf und traf mit den Wetterprophezeiungen ebenso oft oder ebenso selten das Richtige, wie der Berufsprophet. Ein „weitläufiger Vetter“ sah ihm öfters bei seiner dichterischen Thätigkeit zu, und als einmal der Kleine ein neues Buch aus weißem Papier zusammenheftete, um es frischweg wieder vollzuschreiben, meinte der Vetter:

„Ich seh’s, Bub, Du bist kein Bauer nicht, Du bist zu was anderem geboren. Was Du findig bist und flink mit der Nadel! Du mußt ein Schneider werden!“

„So ist es eigentlich der weitläufige Vetter gewesen, der mein Talent zuerst entdeckt hat,“ fügt Rosegger dieser Anekdote schelmisch bei.

Er ist denn auch wirklich Schneider geworden. Durch das lange Hin- und Herschwanken war ihm selbst die Lust zum Bauernstande abhandengekommen, und da das „Geistlichwerden“ nicht so leicht war, ging die Mutter vom Pfarrer zum Schneider.

„Sie hätte einen Buben, der gern Schneider werden möchte,“ hub die Waldbäuerin an.

Aber der Meister frug, was ihn auf diesen Gedanken brächte. Und als die Bäuerin erklärte, weil er halt gar so schwächlich sei, brauste der Alte auf:

„Jeder Mist will heutzutage Schneider sein. Ich will der Bäuerin nur sagen, daß der richtige Schneider ein kerngesunder Mensch sein muß!“

Nun, gesund war er ja, der Waldbauernbursche. Der Meister hatte ein Einsehen, und nach einigen Tagen trat Rosegger bei ihm in die Lehre. Hier erst eröffnete sich ihm ganz die Bauernwelt. Rosegger erzählt, daß er im Laufe seiner Schneiderjahre in 67 verschiedenen Bauernhäusern gearbeitet hat. Die Bauernhandwerker, wie Schuhmacher, Schneider und Weber, sind nämlich in vielen Alpengegenden eine Art von Nomadenvolk. Sie haben wohl irgend eine bestimmte Wohnung, entweder im eigenen Häuschen oder in der gemietheten Stube eines Bauernhofes, wo ihre Familie lebt, wo sie ihre Habseligkeiten bergen und wo sie den Sonntag zubringen. Am Montag aber gehen sie auf Arbeit aus und richten sich im Bauernhause, wo sie bestellt sind, für so lange ein, bis sie ihre Arbeit vollendet haben. Der Handwerker wird von den Bauern wie zur Familie gehörig betrachtet und ist in wenig Tagen eingeweiht in die Verhältnisse, Eigenarten und Geheimnisse des Hauses. Während einer vierjährigen Thätigkeit kann also da ein offener Kopf gar mannigfache Beobachtungen machen. Und damit läßt sich auch die schon häufig aufgeworfene Frage beantworten: woher denn Rosegger in seiner Waldeinsamkeit alle die verschiedenen Zustände und Sitten und die vielen wunderlichen Kerle kennen gelernt habe, und ob denn alles so bei der Hand gewesen oder von allen Seiten herbeigekommen sei, um sich von ihm beschreiben zu lassen? Die Schneiderzeit war eben seine Hochschule, wo er den Charakter des Bauernlebens im Großen wie im Kleinen von Grund auf kennen lernte.

Seine schriftstellerische Thätigkeit nahm während der Lehrjahre schon größere Formen an. Er schrieb ein religiöses Werk „Weg in die Ewigkeit“ und eine weltliche Schrift „Freue Dich des Lebens“. Später verfaßte er zahlreiche Gedichte, gab eine Zeitschrift heraus „Meine Gedanken“ und verfertigte noch überdies ein illustrirtes Prachtwerk „Museum“.

Jahrelang hatte er auf solche Weise genügsam für sich selbst gedichtet, als ihn auf einmal die Sehnsucht nach der Druckerschwärze überkam. „Wie mag sich wohl so etwas Selbstgeschriebenes in der Zeitung ausnehmen?“ war sein Gedanke. Nach langem

Die Gartenlaube (1888) b 365 2.jpg

„Mein Geburtshaus.“ Originalskizze von P. K. Rosegger

[366] Ueberlegen faßte er den kühnen Entschluß, einzelne seiner Gedichte der Grazer „Tagespost“ einzusenden. Der Redakteur, Dr. Svoboda, brachte auch wirklich einzelnes zum Abdruck und verlangte die Zusendung der übrigen Dichtungen. Das aber war eine schwierige Sache. Wo das Porto für diesen Berg von Schriften auftreiben, wenn schon der einzelne Brief fünf Kreuzer kostete? Glücklicherweise hatte just sein Firmpathe in Graz ein Geschäft. Der nahm die Dichtungen in einem großen Tragkorbe mit, indem er meinte, wenn der Peter den ganzen Kram im Kopfe hätte tragen können, werd’ er ihn doch leicht auf dem Buckel tragen. „Und jeder, dem heute meine Schriften zur Last werden,“ sagt Rosegger mit liebenswürdiger Bescheidenheit, „möge Geduld haben und bedenken, wie oft damals der Firmpathe unterwegs nach Graz hat rasten müssen.“

Dr. Svoboda fand Wohlgefallen an den Dichtungen dieses urkräftigen Talentes und veröffentlichte in der „Tagespost“ einen warm geschriebenen Aufsatz, der das Interesse für den steirischen Naturdichter erweckte und ihm zahlreiche Freunde erwarb.

Es war gerade zur Weihnachtszeit, als dies sich ereignete. Rosegger kam zu seinen Eltern nach Alpel, um dort die Feiertage zu verbringen. Die Mutter trat in die Stube und sagte: „Du Bub’, weißt es schon? – Auf der Post in Krieglach sollen allerhand Briefe und Sachen für Dich da sein. Und in der Zeitung sollst auch stehen. In Krieglach thäten die Leut’ seit etlichen Tagen nichts reden als von Dir.“

Sofort ging der Peter nach Krieglach, wartete dort bis zum frühen Morgen, bis der Postschalter geöffnet wurde, und verlangte dann seine „Briefe und Sachen“. Da erhielt er die „Tagespost“ mit seinen Gedichten und dem Aufsatze Svobodas, erhielt Glückwünsche, Bücher und Geldspenden von unbekannten Gönnern, und überdies noch das Anerbieten eines Buchhändlers in Laibach, den jungen Dichter unentgeltlich aufzunehmen.

Rosegger konnte das über ihn hereinströmende Glück kaum erfassen. Im Jubelrausche eilte er nach Hause und las den Seinen alles vor, doch sie verstanden noch weniger davon als er selbst. Die Mutter aber sagte: „Du Bub, gieb Acht, daß sie Dich nicht zum Narren machen.“

Noch standen ihm schwere Stunden des Abschieds bevor beim Meister und bei den Eltern. Dann aber flog er jauchzend hinaus in die Welt, voll von kühnen Hoffnungen und glühender Sehnsucht.

Doch der Bücherstaub in Laibach konnte dem Knaben das geträumte Glück nicht bieten. Er trug still die Schmerzen bitterer Enttäuschung, weinte des Nachts heiße Thränen und litt tiefstes Heimweh.

Eines Tages ermannte er sich; er dankte seinem Wohlthäter, schnürte das Bündel und trat die Reise an nach seiner Waldheimath. – In Graz aber hielten ihn seine Freunde zurück. Er fand Aufnahme in einer Schule; durch weitere Veröffentlichung einzelner Gedichte wurde das Interesse des Publikums für ihn wach gehalten. Und der stetige Verkehr mit seinem ersten Kritiker, Dr. Svoboda, regte ihn zu immer neuem Schaffen an, obgleich ihm dessen hoher, ästhetischer Standpunkt lange Zeit unverständlich blieb. Als er eines Tages sagte, Rosegger müsse ein in ganz Deutschland gelesener Schriftsteller werden, lachte ihm dieser dreist ins Gesicht, so wenig glaubte er – selbst damals noch – an seine eigene Kraft.

Er hatte die Schule kaum hinter sich, als sein erstes Büchlein erschien: eine Sammlung von Dialektgedichten unter dem Titel „Cither und Hackbrett“. Der Verleger hatte die Bedingung gestellt, daß Robert Hamerling ein Vorwort zu dem Buche schreibe, und Hamerling hat diese Bedingung redlich erfüllt. Es entwickelte sich ein herzliches Verhältnis zwischen den beiden Dichtern, das auf Rosegger einen starken und wohltätigen Einfluß übte.

„Cither und Hackbrett“ fand beim Publikum Beifall, und Rosegger, der eben im Begriffe stand, eine Stelle zu suchen, bekannte sich nun als zünftigen Schriftsteller. Er zog in seine Waldheimath zurück und schrieb ein neues Werk in steirischer Mundart „Tannenharz und Fichtennadeln“, und zudem noch „Sittenbilder aus dem steirischen Oberland“. Im Winter lebte er in Graz, hörte Vorlesungen an der Universität und suchte seine Kenntnisse auf jede Weise zu ergänzen. Später bereiste er ganz Oesterreich, Deutschland, die Schweiz und Italien, wodurch seine Weltanschauung geklärt, sein Gesichtskreis erweitert wurde.

Roseggers materielle Existenz als Schriftsteller hat der verstorbene Buchhändler Heckenast in Budapest begründet, in dessen Verlage vierzehn Bände seiner Werke und sechs Jahrgänge eines von ihm redigirten Volkskalenders „Das neue Jahr“ erschienen sind. Später gründete unser Dichter in Graz die Monatsschrift „Heimgarten“, welche die Tendenz erfüllt, den Sinn für Häuslichkeit, die Liebe zur Natur, das Interesse an dem Ursprünglichen und Volksthümlichen zu wecken und zu verbreiten. Hier veröffentlichte er eine unendlich große Zahl von Novellen, Erzählungen, ernsten wie heiteren Bildern aus dem Bauernleben und selbständigen Aufsätzen. In den zweiundzwanzig Bänden „Ausgewählte Schriften“, die kürzlich bei A. Hartleben in Wien, Pest und Leipzig erschienen sind, hat Rosegger so ziemlich das Beste, was er bis jetzt geschrieben, zusammengestellt.

Am meisten kennzeichnend für die dichterische und menschliche Eigenart Roseggers sind die Erzählungen aus der Waldheimath. Er schildert die Verhältnisse, die dort bestanden, mit liebevoller Sorgfalt und bringt dieselben mit den zufälligen Ereignissen, die in sein Leben hineinspielten, in sinnige Beziehung.

Rosegger versteht die seltene Kunst, seine eigene Person zum Mittelpunkt der Erzählung zu machen, ohne sie in den Vordergrund zu drängen. Das Böse, das man ihm zugefügt, die Unbill, die er erlitten, hat er vergessen oder doch zu vergessen gesucht. Dem Guten aber, das er empfangen, dem Schönen, das er durchlebt, ist seine Erinnerung treu geblieben. Und so ist es ein lieber, freundlicher Eindruck, den man beim Lesen dieser Erzählungen empfängt. Wahrhaft rührend wirkt die tiefe Verehrung für seine Mutter und die bittere Reue über jede Kränkung, welche er der nun Verstorbenen einstmals zugefügt. „Daß die Kinder nur immer so ins Weite und ins Fremde streben,“ ruft er aus, „nach Liebe hungern und nach Liebe haschen, die sie doch so rein und reich und unendlich nimmer finden, als daheim an der ewigen Liebe Quell – am Mutterherzen!“

Mit wohltuender Ehrlichkeit erzählt er auch die dummen Streiche seiner Knabenzeit und verschweigt sogar das nicht, was er selbst heute als schlecht und unrecht bezeichnen muß. So enthüllt er sich dem Leser ganz und gar und zeigt seine Seele in „ihrer schönen Nacktheit“, wenngleich er selbst einmal in scheinbarem Widerspruch hiermit geschrieben hat. „Das Gute und Beste will ich schon sagen, aber das Allerbeste, das ist ganz mein eigen, das gebe ich nicht aus, es sei denn, daß hier und da zwischen den Zeilen etwelches davon zerstreut werde, wie bisweilen Körner zwischen den Furchen liegen, die dann von den leckern Vögeln aufgepickt werden mögen.“

Wenn wir bei Rosegger etwas bedauern, so ist es, daß er sich noch nicht ernsthaft als Dramatiker versucht hat. Gar häufig kam uns beim Lesen seiner Dichtungen der Gedanke. „Welch prächtiger Stoff für ein Volksschauspiel!“ – So erzählt er einmal in einem Beitrag zur Charakteristik der Aelpler vom Arsenikessen. „In vielen Alpengegenden nehmen die Leute Arsenik zuerst in geringen, dann in größeren Dosen zu sich und schwören darauf, daß es stark und munter mache, das jugendliche Aussehen und den Glanz des Auges erhalte. Wer einmal begonnen hat, Arsenik zu essen, der darf, heißt es, nicht mehr aufhören; denn sobald die einmal daran gewöhnte Natur des Mittels entbehren muß, hebt sie an zu welken, und es ist keine Rettung. So soll es vorkommen,“ fügt Rosegger diesen trockenen Thatsachen bei, „daß eifersüchtige Dirnen ihren Liebsten täglich Arsenik beizubringen wissen. Manche ist der That fähig, ohne daß der Geliebte es merkt. Bleibt der Bursche bei ihr, so kommt das Gift ihm und ihr zu statten; verläßt er sie aber und hält es mit einer Andern, dann entbehrt er eben des Elixirs, welkt hin und stirbt.“ Ist das nicht der Vorwurf für eine Bauerntragödie? Dieses dämonische Weib, das die Rache vorbereitet, noch ehe es beleidigt wurde, wäre eines Anzengruberschen Schauspiels würdig. Rosegger hat noch gar manche Typen geschildert (den „Elendstifter“, den „Langen Toni“), die sich für die Bühne verwerthen ließen. An seinen ersten dramatischen Versuch, eine einaktige Skizze in steirischer Mundart, knüpft sich freilich eine trübe Erinnerung: Josefine Gallmeyer nahm mit der Vorlesung derselben auf ewig von uns Abschied.

Beim Worte „Vorlesung“ fällt mir Roseggers eigenes Recitationstalent ein, das hier nicht übergangen werden soll. Er bekundet als Vorleser nicht nur bedeutende Begabung, sondern [367] auch auffallende Geschicklichkeit. Seine Ton- und Wortbildung ist so korrekt, daß er selbst in großen Räumen trotz seiner schwachen Stimme nicht unverständlich wird, und er versteht mit solcher Feinheit, mit solcher Treffsicherheit vorzutragen, daß niemals eine Pointe verloren geht.

Rosegger zählt unzweifelhaft zu den Schriftstellern, deren Persönlichkeit sich am deutlichsten in ihren Schriften ausprägt; von ihm selbst gilt, was er in den „Schriften des Waldschulmeisters“ diesen sagen läßt:

„All das Seltsame und Bewegende, das ich erlebe, müßt’ mir das Herz zersprengen, dürft ich es nicht ausplaudern. Ich erzähl’ es dem Blatt Papier.“ Und weiter:

„Ein Blättchen Papier kann älter werden,
Wie das frischeste Maiblatt aus Gottes Erden
Wie das flinkeste Gemslein am Felsenwall,
Wie das lockige Kind im lieblichen Thal.
Ein Blättchen Papier weiß und mild
Ist oft das treueste einzige Bild,
Das der Mensch zurückläßt künftigen Zeiten,
Da über seinen Staub die Urenkel schreiten.
Das Gebein ist zerstreut, der Grabstein verwittert,
Das Haus zerfallen, die Werke zersplittert;
Wer weiß in der ewigen großen Natur,
In der wir gewaltet, unsere Spur?
Neue Menschen ringen mit neuem Geschick,
Keiner denkt an die alten zurück.
Da ist ein Blatt mit seinen bleichen
Tintenstrichen oft das einzige Zeichen
Von dem Wesen, das einst gelebt und gelitten,
Gelacht, geweint, genossen, gestritten,
Und der Gedanke, dem Herzen entsprossen
In Schmerz oder Lust und tollen Possen,
Sinkt hier nieder, und der Ewigkeit Kuß
Verhärtet ihn zu einem ewigen Guß.
O mög’ er geläutert in fernen Zeiten
Wieder in die Herzen der Menschen gleiten!“


* *
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Wir haben nur noch einige Worte über die Illustrationen zu sagen, welche aus Anlaß dieses Lebensbildes die heutige Nummer der „Gartenlaube“ schmücken. Das Initial zu dem Artikel rührt von dem Wiener Maler Ferry Bératon her; die kleine Skizze „Mein Geburtshaus“ hat Rosegger selbst gezeichnet und dem Verfasser verehrt. Roseggers Werke wirken auch auf andere Zweige der Kunst. Unter „Blätter und Blüthen“ (S. 371) kann der Leser erfahren, wie ein anderer Künstler Roseggers „Waldlilie“ zu verherrlichen wußte.