Von der Unglücksstätte im Plauenschen Grunde

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Titel: Von der Unglücksstätte im Plauenschen Grunde
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 560
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Erster Bericht: Die schlagenden Wetter bei Burgk

Folgebericht: Die schlagenden Wetter von Burgk Nachbericht: Im Grabe der Verschütteten

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[560] Von der Unglücksstätte im Plauenschen Grunde. Heute (den 16. August), wo wir diese Notiz zur Druckerei schicken, sind zwei Wochen seit dem großen Unglückstage von Burgk verflossen: die Summe des Gräßlichen und Jammervollen, das in diese kurze Zeit für die Hinterbliebenen und die für die Bergung der Leichen thätigen Freunde der Umgekommenen sich zusammendrängt, wäre Leids genug für Tausende auf viele Jahre gewesen. Denn nicht einmal der einzige Trost, den man bisher auszusprechen gewagt, der Trost, daß all’ die Verunglückten wenigstens ein rasches, bewußt- und schmerzloses Ende gehabt, ist Allen geblieben; eine Anzahl der armen Bergleute hat noch stundenlang alle Schrecknisse der Todesangst erfahren und elend ersticken müssen. Man weiß dies, so schrieb uns unser Berichterstatter schon am 10. August, erst seit heute durch untrügliche Anzeichen. Denken Sie, diesen Vormittag hat man die Leiche eines von drei Brudern Bahr, die alle drei als Steiger verunglückt sind, gefunden; im Grubenkittel des todten Steigers stak sein Schichtenbuch, in welchem er die verschiedenen Arbeiter und die von diesen geförderte Arbeit zu verzeichnen hatte, und darin stand wörtlich wie folgt – ich habe das Buch selbst gesehen und für die Leser der „Gartenlaube“ das Nachstehende Buchstabe für Buchstabe copirt:

„Dies ist der letzte Ort, wo wir unsere Zuflucht genommen haben; ich habe meine Hoffnung aufgegeben, weil die Wetterführung auf Segen Gottes (Schacht) und Neue Hoffnungsschacht vernichtet (hat) sind. Der liebe Gott mag die Meinigen und meine lieben Freunde, die mit mir sterben müssen, sowie ihre Familien in Schutz nehmen.

Ernst Bähr I., Steiger.“

So stand es mit Bleistift geschrieben, in fester, klarer, deutlicher Hand, und die oben eingeklammerten Worte waren sorgfältig ausgestrichen, – ein Beweis, in wie hohem Grade der Verunglückte noch seines Bewußtseins mächtig war. „Der letzte Orte,“ sagt er, wo sie Zuflucht genommen hatten, – wie also mußten die armen Leute, denen jeder Winkel des Schachtes bekannt und vertraut war, die genau wußten, an welchen Stellen böse Wetter einzufallen und wohin sie ihre Richtung zu nehmen pflegen, nach einem rettenden Plätzchen gesucht haben, ehe sie die letzte Hoffnung im Stiche ließ! Das Buch lag in der Revierstube des Segen-Gottesschacht, und darum herum standen Beamte und Bergleute, sämmtlich Männer, denen die Gewohnheit der Gefahr und die ebenfalls fast schon zur Gewohnheit gewordenen Schreckensepisoden der letzten acht Tage die Nerven gehärtet haben – vor diesem Schichtenbuche und seinem letzten schmerzensschweren Blatte standen sie laut schluchzend!

„Das Buch da,“ sagte einer der anwesenden Steiger, ein verwitterter Mann mit grauem Haar, „ist entsetzlicher, als Alles, was wir jetzt Gräßliches erlebt haben! O Ihr meine armen, armen Freunde!“ und er legte bitterlich weinend den Kopf in seine Hände und ließ ihn matt auf den Tisch hinab sinken.

Aber das war des Leids noch nicht genug. Ich lehnte eben am Gitterwerk der Kaue, als eine Abtheilung Bergleute, die ihre vierstündige Leichenförderarbeit für heute überstanden hatten, dem Gestell entstiegen. Ihnen voran ging ein Steiger von kräftiger Gestalt, aber mit einem unsäglich gramvollen Gesicht. Er winkte die Umstehenden zu sich heran und trat dann mit uns in einen Winkel des Gebäudes.

„Ach, was wir jetzt Fürchterliches erfahren haben!“ begann er mit noch unsicherer Stimme. „Wir sind unten in ‚Neuer Hoffnung‘ auf einen dichten Klumpen von sechs Leichen gestoßen – Sie werden sie alsbald herauffördern sehen – und an den drei ‚Stempeln‘ (bergmännisch anstatt Säulen) des Zimmerwerkes stand Folgendes mit Kreide angeschrieben; ich habe mir es genau in mein Taschenbuch notirt,“ fuhr er fort, indem er dies aus der Brusttasche seiner schwarzen Blouse herauszog.

An der ersten Säule:

„Janetz starb,
Richter empfahl
die Seinen Gott.“

An der zweiten Säule:

„Lebewohl, liebe
Gemahlin, lebet wohl,
lieben Kinder, Gott
mag Euch helfen.
Gottlob Heimann.“

An der dritten Säule:

„Lebt wohl, liebe Frau
und Kinder; ich habe mir
das nicht gedacht.
Obermann.“

„Bald fünfundvierzig Jahre bin ich nun angefahren, aber so Fürchterliches habe ich nie erfahren! Und ich versichere Sie, wir alle elf Bergleute, die wir diese Inschriften entdeckt, wir haben laut geheult, wie die Kinder, und es hat lange gedauert, ehe wir wieder schaffen konnten.“

Endlich fand man auch noch den Bergmann Christian Schmidt, der sich mittelst einer Stecknadel ein kleines Papier an den Brusttheil seines Bergkittels gesteckt hatte, auf welchem mit fester Hand geschrieben war: „Meine lieben Angehörigen! Indem ich vor Augen sehe, daß wir sterben müssen, erinnere ich mich noch an Euch. Lebt Alle wohl und ein frohes Wiedersehen. Das Andere muß ich Euch überlassen. Zwischen 9 bis 10 Uhr.“

Und aus der anderen Seite des Zettels stand: „Liebe Frau! Versorge die Marie gut. In einem Buch in der Kammer liegt ein Thaler Geld. Lebt wohl, liebe Mutter und Geschwister. Auf Wiedersehen!“

Auf einer Schiefertafel stand geschrieben: „Leb wohl, meine liebe Frau, lebt wohl, meine lieben Kinder, ich reich Euch meine Hände, lebt wohl, meine Eltern, verlaßt meine Frau nicht, lebt wohl, alle meine Bekannten, verlaßt meine Frau und Kinder nicht, lebt wohl. Lebt wohl, meine beiden Geschwister, seht wohl auf meine Frau und Kinder, lebt wohl, meine letzte Stunde leb wohl. Karl Hanisch. 1 Uhr.“

Den Hut ab vor solchen Märtyrern der Arbeit!


Für die Hinterbliebenen der verunglückten Bergleute des Plauenschen Grundes

gingen ferner ein; Vom runden Tisch bei Dreher Brasserie in Havre durch Julius Prätorius 27 Thlr. 2½ Ngr. (100 Frcs.); zweite Sammlung der Deutschen in Havre durch Julius Prätorius 54 Thlr. 5 Ngr. (200 Frcs.); von einer kleinen Gesellschaft zu Bensheim durch A. Hölzinger 9 Thlr. 4 Ngr. 2 Pf.; der Kegel-Club zu Klein-O. 1 Thlr. 7½ Ngr.; gesammlt beim fünften Niedererzgeb. Gauturnfest in Oberlungwitz 16 Thlr.; T. N. in D. 2 Thlr.; gesammlt auf dem Neheimer Jägerfest am 9. August durch das Königspaar 44 Thlr. 3 Ngr.; W. L. in Pest 2 Thlr. 22½ Ngr. (5 Fl. österr. Währ.); Josef Heller in Pest 2 Thlr. 22½ Ngr. (5 Fl. österr. Währ.); Frau H. 5 Thlr.; Prof. R. 5. Thlr.; Frau A. 2 Thlr.; Fr. Gerstacker empfangene Entschädigung wegen Nachdrucks 10 Thlr.; Frau K. 10 Thlr.; Gretchen 3 Thlr.; Ertrag einer Collecte bei der Versammlung des deutsch-väterländischen Vereins des großh. badischen Amtsbezirks Radolfzell in Singen am Hohentwiel 28 Thlr. 17 Ngr. (50fl. rhn.) (Summa sämmtlicher Eingänge: 486 Thlr. 26 Ngr. 5 Pf.)

Die Redaktion.