Wie verpflegen wir unsere gefiederten Hausfreunde?

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Textdaten
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Autor: Karl Ruß (Schriftsteller)
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Titel: Wie verpflegen wir unsere gefiederten Hausfreunde?
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 699–702
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Wie verpflegen wir unsere gefiederten Freunde?
Rathschläge für einee verständige und ersprießliche Stubenvogelpflege.
Von Dr. Karl Ruß.

Als vor Kurzem der internationale Thierschutzcongreß in Wien im Einladungsprogramm unter anderen wichtigen Punkten auch die Besprechung des Vogelschutzes in allen seinen Beziehungen angekündigt hatte, erhielt ich - als Herausgeber der weit verbreiteten Zeitschrift "Die gefiedertr Welt" - zahlreiche Zuschriften, in denen man mich aufforderte, dort in die Schranken zu treten einerseits gegen etwaige zu weitgehende Beschlüsse in Betreff des Haltens von Stubenvögeln überhaupt, andererseits aber auch mit den Thierschutzvereinlern gemeinsam gegen die Mißstände, welche allerdings in der Vogelliebhaberei vorkommen und die sich keineswegs leicht abstellen lassen.

Es war mir nicht vergönnt, nach Wien zu reisen; mit desto größerer Freude entnahm ich den Berichten die Mittheilung, daß man mit den gefaßten Beschlüssen sich lediglich gegen den nur zu argen Mißbrauch, Vögel für die Zwecke des Frauenptutzes zu tödten, gerichtet, daß man sich mit Maßnahmen des Vogelschutzes im Freien beschäftigt und die Vogelliebhaberei verständiger Weise unberührt gelassen hat. Um so mehr haben wir, die Vogelliebhaber, nun aber auch Veranlassung dazu, ernstlich dahin zu streben, daß wir den billigen Anforderungen des Thierschutzes in möglichst vollem Maße genügen. Eigentlich sollte dies von vornherein als selbstverständlich gelten dürfen, denn der Vogelliebhaber muß doch eben die Vögel lieb haben und sie dementsprechend liebevoll verpflegen; - leider bleibt jedoch in zahlreichen Fällen darin viel zu wünschen übrig, und so will ich denn hier einmal einem weiten Bedürfnisse gegenüber vom Vogelschutz in der Häuslichkeit sprechen.

Mit aufrichtiger Betrübniß sehen wir allenthalben um uns her, daß es viele Leute giebt, welche Stubenvögel anschaffen, ohne wirkliche Vogelliebhaber zu sein und die ausreichenden Kenntnisse zur Verpflegung der Vögel zu haben und ohne auch nur darnach zu streben, sich solche anzueignen. Am schlimmsten erscheinen in meinen Augen jene herzlosen Reichen, welche einen prunkvollen Vogelkäfig irgendwo im Vorzimmer oder Salon ausstellen, um in demselben eine Anzahl möglichst buntfarbiger Vögel verständnißlos und liebeleer verkommen zu lassen. Dann folgen die kaum minder unverantwortlich handelnden Leichtfertigen, die, von der Schönheit, dem Gesange oder irgend einer anderen Eigentümlichkeit eines Vogels augenblicklich hingerissen, ihn anschaffen, nur zu bald aber des bedauernswerten Thieres überdrüssig werden und es erbarmungslos wie ein verschmähtes Spielzeug beiseite werfen. Diese letzteren versuchen es gewöhnlich doch wenigstens einen Ertrag aus dem Verkauf desselben zu schlagen, und wohl dem Vogel, wenn er dann noch lebensfähig in die Hände eines wirklicheil Liebhabers gelangt. Beiden, den Leichtfertigen ebensowohl als den Uebelwollenden, gilt meine ernste Mahnung, daß sie ihre sogenannte Vogelliebhaberei aufgeben und sich in irgend welcher andern Weise Vergnügen und Zerstreuung suchen mögen. Sie sollten bedenken, daß sie sich der allerärgsten Thierquälerei schuldig machen, und daß, wenn sie auch nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes strafbar sind, doch alle rechtschaffen und billig denkenden Menschen ihre Handlungsweise verabscheuen müssen.

Nur Der hat die Berechtigung dazu, einen Stubenvogel (oder irgend ein Thier überhaupt) anzuschaffen und zu haben, welcher sich die ausreichenden Kenntnisse der Eigentümlichkeiten und insbesondere der Bedürfnisse des Pfleglings erworben und der nun ernstlich dahin strebt, den ersteren Genüge zu leisten und die letzteren zu befriedigen.

Die Entschuldigung, daß Jemand die Vögel gern sachgemäß verpflegen würde, daß es für ihn aber zu schwierig, zeitraubend oder doch zu uubequem sei, sich erst weitläufig über sie zu unterrichten, wird kein Einsichtiger gelten lassen, denn die Belehrungsquellen, [700] aus welchen für solchen Zweck zu schöpfen ist, stehen in staunenswerter Mannigfaltigkeit Jedermann zu Gebote. Eine stattliche Reihe von Namen der Schriftsteller haben wir vor uns, welche darin wetteifern, die Vogelliebhaberei nach allen Seiten hin zu fördern, ihre Anleitung und Rathschläge für alle möglichen Fälle zu gewähren. Jede Buchhandlung legt auf das Bereitwilligste eine reiche Auswahl an entsprechenden Büchern dem Suchenden vor.[1]

Alle Stubenvögel, und zwar ebenso einheimische wie fremdländische, müssen vor einigen üblen Einflüssen sorgsam bewahrt werden, weil dieselben ihnen nur zu leicht Verderben bringen, und zwar sind dies: Zugluft, plötzliche und starke Wärmeschwankungen, Naßkälte, verdorbene mit Dunst oder Qualm erfüllte Luft und Unreinlichkeit. Beim Reinmachen der Zimmer des Morgens droht allen Stubenvögeln, vornehmlich den zarteren, Gefahr, ohne daß die liebevollen Pflegerinnen daran denken. Das Aufrühren des Staubes, das Wischen und Waschen, plötzliches Oeffnen der Fenster verursacht schon bei Menschen Unbehagen, Schauer, Erkältung, Schnupfen etc., und erklärlicher Weise leiden die Tropenvögel erst recht darunter. Man sollte daher alle Sing- und Schmuckvögel, auch die einheimischen, während dessen stets in einen anderen Raum bringen oder doch durch eine dichte Decke sorgfältig schützen.

Im Uebrigen hat die Erfahrung längst ergeben, daß alle unsere gefiederten Stubengenossen keineswegs so sehr hinfällig sind, als man anzunehmen pflegt; bei verständiger Pflege erhalten sich selbst die kleinen Prachtfinken von Afrika, Asien und Australien zehn Jahre und weit darüber hinans vortrefflich im Käsige, die meisten Papageien sind sehr ausdauernd und einige erreichen bekanntlich ein staunenswert hohes Alter, selbst bei den für äußerst zart und weichlich angesehenen Arten hat in letzterer Zeit verständnißvolle Pflege das Ergebniß gezeigt, daß sie durchaus nicht so hinfällig sind, wenn sie gesund und lebensfähig zu uns gelangen.

Wenn Jemand bei der Lotterie einer Vogelausstellung einen Gewinn gemacht oder, plötzlicher Eingebung folgend, sich in den Besitz eines Vogels gesetzt hat, welchen er gar nicht kennt, so muß es ihm zunächst darauf ankommen, den Namen des Pfleglings zu erfahren und sich über dessen Bedürsnisse zu belehren. Da giebt dem Neuling in der Liebhaberei entweder der Vorstand des betreffenden Vereins oder ein älterer Liebhaber mit Vergnügen Auskunft. Vor allem ist es nothwendig zu wissen, ob der Vogel ein Hartfutter-, also Samenfresser oder ein Weichfutterfresser sei. Im ersteren Fall ist die Verpflegung überaus einfach, denn die bei den Lotterien der Ausstellungen in der größten Anzahl abgegebenen sogenannten kleinen Eroten, also Prachtfinken, Widafinken und Webervögel, bedürfen zur Fütterung zunächst nur weißer, ungeschälter Hirse, Kanarien- oder Spitzsamen nebst gelegentlicher Zugabe von etwas frischen Ameisenpuppen oder sogenanntem Weichfuttergemisch aus getrockneten Ameisenpuppen und geriebenen Möhren oder Gelbrüben nebst Eierbrod und einigen Mehlwürmern. Dabei kann man sie jahrein und -aus erhalten, und nur wenn man sie züchten will, spendet man mehr von den letzterwähnten Zugaben, auch eingequellte Sämereien, Eierbrad, Grünkraut und, so viel wie man beschaffen kann, Gräsersamen von den Fluren in frischen Rispen. Den aus Ostindien herstammenden Arten, namentlich den kostbaren Papagei-Amandinen, muß man auch immer unenthülsten Reis, sogenannten Paddy, anbieten.

Die größeren Köenerfresser, wie rothe und graue Cardinäle etc., bekommen noch etwas Hanfsamen und beständig Mehlwürmer und Weichfutter dazu. Auch bei ihrer Züchtung füttert man wie bei der aller vorigen und giebt ihnen anstatt der Gräserrispen vornehmlich Hafer in frischen Aehren mit noch nicht vollreifen Körnern.

Gewöhnlich bilden weiter eine Hauptzahl der Gewinne bei jeder Vagellotterie auch kleine Papageien, so vor allen Wellensittiche und Zwergpapageien von einigen Arten. Sie werden mit Hirse, Kanariensamen und Hafer gefüttert und erhalten als Zugabe beim Nisten dieselben Sämereien eingeguellt, sowie in Rispen, auch Gräsersamen, etwas Grünkraut und das Weichfuttergemisch mit etwas [701] [702] und Mais unter Zugabe kleiner Mengen von bestem trockenem Weizenbrod (Semmel oder Wecken), besonders dem sogenannten Potsdamer Zwieback, und gelegentlicher Spendung von ein wenig vorzüglichstem Obst versorgen, dagegen die bisher übliche Fütterung mit in Kaffee, Thee oder auch Wasser geweichtem Weißbrod auf-geben; noch unheilvoller als die letztere aber ist für solche kostbaren Vögel die leider stark verbreitete Darreichung aller möglichen menschlichen Nahrungsmittel, Fleisch, Fett, Gemüse, Kuchen u, a. m., denn selbst in kleinen Gaben, nur als Leckerei bringen dieselben ihnen doch ganz regelmäßig über kurz oder lang Verderben, Krankheit und Tod.

In neuerer Zeit werden bei den Vogellotterien auch Weichfutterfresser, das heißt eigentlich nur die allbekannten und allbeliebten Sonnenvögel ausgegeben, und diese müssen das schon erwähnte Mischfutter aus Ameisenpuppen und Gelbrüben, nebst etwas erweichtem Eierbrod, ferner auch einige Mehlwürmer und als Zugabe ein wenig Hirse, Kanarien- und Mohnsamen empfangen.

Während die kostbaren Harzer Kanarienvögel, von denen bei den Ausstellungslotterien mancher Vereine wohl einige oder mindestens einer im Werthe von 75 bis 100 Mark unter den Hauptgewinnen vorhanden sind, mit bestem süßem Sommerrübsamcn zu drei Theilen und Kanariensamen zu einem Theil oder auch blos mit dem elfteren allein, immer aber unter Zugabe von ein wenig Eifutter (hartgekochtem Gelber mit geriebener Semmel zu gleichen Thcilcn) oder anstatt dessen wenigstens mit etwas Lüsfelbiscuit versorgt werden, bekommen die Kanarienvögel von gemeiner Landrasse lediglich Mbsen, Kanarien- und Hanfsamen, letzteren gequetscht.

Nachdem ich nun im Wesentlichen eine Uebersicht der Fütterung aller jener anspruchslosen Vögel gegeben, welche einerseits als Gewinne bei den Lotterien und andererseits als Hauptgegenstände einer bescheidenen Vogelliebhaberei in der Gegenwart zur Geltung kommen, werden die Leser mir darin zustimmen müssen, daß die Verpflegung derselben im Ganzen außerordentlich einfach, mühe-und kostenlos erscheint.

Ungleich schwieriger und bei weitem kostspieliger ist die Haltung der herrlichsten einheimischen Sänger, der Sprosser, Nachtigallen, Schwarzplättchen und anderer, sowie der verwandten fremdländischen, Spottdrossel, Schama und anderer Sängerköniginnen. Sie werden theils mit bloßen, besten, frischen Ameisenpuppen nebst Frucht, theils mit verschiedenen Weichfuttergemischen und Mehlwürmern und gleichfalls Beeren und anderer Frucht verpflegt; dazu aber bedarf es durchaus der Anleitung entweder von Seiten eines erfahrenen Vogelwirths oder der Belehrung durch ein stichhaltiges Handbuch der Vogelpflege.

In allen Fällen wollen die Vogelliebhaber entschieden daran festhalten, daß es zum Wohlgedeihen ihrer Pfleglinge nothwendig ist, ihnen sämmtliche Futtermittel, beziehentlich Nahrungsstoffe überhaupt, nur im allervortrefflichsten Zustande zu reichen. Ferner.mögen sie es nicht außer Acht lassen, daß man jeden neueingetroffenen gefiederten Gast zunächst ganz ebenso verpflegen muß, wie es beim Verkäufer bisher geschehen ist, und daß man ihn erst ganz allmählich an die Nahrung gewöhnen soll, welche als zuträglicher für ihn gilt.

Bon größter Wichtigkeit für das Wohlergehen und Wohlbefinden der Stubenvözel ist sodann die Beschaffenheit ihrer Wohnungen, das heißt also der Käfige. Es würde hier zu weit führen, wollte ich eine vollständige Darstellung aller Käfige, wie sie für die zahlreichen Stubenvögel am besten hergerichtet werden müssen, nebst genauen Einrichtungs-, Größen- und anderen Angaben anfügen; dies ist auch gar nicht nothwendig, denn eine große Anzahl von Käfigfabrikanten, Nadlermeistern und Anderen wetteifern förmlich darin, die Erfahrungen, welche die neuere Vogelpflege gebracht, auch in den Vogel-Wohnungen zu verwerthen. Allerdings sieht man noch immer ans den Ausstellungen die weder schönen, noch praktischen Käfige in Thurm-, Schweizer-Haus-, Burg- und anderen Formen, in Holzschnitzerei und Laubsägearbeit, weil sie von einsichtslosen Leuten stets von Neuem verlangt werden – aber im wohlthätigen Gegensätze dazn treten nns doch mehr und mehr die zweckmäßig eingerichteten Käfige entgegen. Die großen Fabriken von A. Stüdemann, H. B. Hähnel,. L. Wahn in Berlin, Wenzel Czerveny in Pilsen und Andere liefern für jede Vogelwelt passende Käfige in sachgemäßer Ausführung und zu mäßigen Preisen.

Wer nun also die verhältnißmäßig geringe Mühe nicht scheut, sich über die Bedürfnisse seiner gefiederten Gäste genau zu unterrichten, und wessen Liebe zur gefiederten Welt so groß ist, daß er Freude darin findet, ihr Dasein behaglich zu machen, der darf als Vogelliebhaber im schönsten Sinne des Wortes gelten, und weder die Mitglieder der Thierschutzveleine, noch irgend ein anderer vernünftiger Mensch wird an der Berechtigung rütteln, daß er Stubenvögel halte, hege und Pflege.

  1. Es sei uns gestattet, bei dieser Gelegenheit auf die Werke des Verfassers, Dr. Karl Ruß, „Die fremdländischen Stubenvögel“, „Handbuch für Vogelliehhaber“, „Die sprechenden Papageien“, „Die Prachtfinken“, „Der Wellensittich“, „Der Kanarienvogel“ und „Bider aus der Vogelstube“ hinzuweisen. Der „Kanarienvogel“ ist bereits in der vierten Auflage erschienen, beide Theile des „Handbuches“ in der zweiten Auflage, und das letztere sowie „Die sprechenden Papageien“ sind mehrfach in andere Sprachen übersetzt. Selbstverständlich müssen wir aber auch die Werke von Bechstein, Lenz, Brehm, Gebrüder Müller, Friderich, Martin u. a. m. als vorzügliche Belehrungsquellen bezeichnen, namentlich soweit dieselben kürzlich neue Bearbeitungen gefunden haben und den Ergebnissen, welche eifrige Vogelpflege und -Züchtung in der letzten Zeit gebracht, Rechnung tragen. Das hervorragendste unter allen Werken über einheimische Vögel, welches trotz seines Alters doch vollen Werth dauernd behält, Naumann´s „Naturgeschichte“, steht leider so hoch im Preise, daß es nur wenige wohlhabende Liebhaber zu benutzen vermögen. Vor den kleinen Machwerken, welche seit Kurzem förmlich wie Pilze hervorschießen und die meistens kenntniß- und verständnislos aus den Schriften der genannten Autoren abgeschrieben sind, müssen wir warnen. D. Red.