Zum 100jährigen Geburtstag Jakob Grimm’s

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Autor: Otto Sievers
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Titel: Zum 100jährigen Geburtstag Jakob Grimm’s
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 18
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1885
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[18] Zum 100jährigen Geburtstag Jakob Grimm’s. Der 4. Januar d. J. ist der 100jährige Geburtstag Jakob Grimm’s. Da können wir nicht versäumen, das ehrwürdige Bild des herrlichen Mannes einmal wieder in unserer Erinnerung aufleben zu lassen und seiner Verdienste dankbar zu gedenken.

Wir bewundern in Jakob Grimm zunächst den großen Gelehrten, den Mitbegründer der deutschen Philologie als Wissenschaft, den „Sprachgewaltigen“, der von einer bis dahin ungeahnten Höhe des Standpunktes aus und mit einem bis an den Horizont dringenden Scharfblick das weite Gebiet unserer Muttersprache überschaute, derselben bis in ihre verborgensten Wurzeln nachspürte und sie dann wieder in ihrem ganzen Wachsthum bis zu den feinsten Verästelungen und Verzweigungen verfolgte; der, mit einer erstaunlichen Vielseitigkeit begabt, die von seinen Vorgängern willkürlich gezogenen Schranken kühn durchbrechend, eben so wohl die ältere Sprachstufe mit ihrer schönen Fülle der Formen, wie die neueren Phasen der Sprachentwickelung mit ihrer feineren geistigen Durchbildung in das Interesse der Forschung zog; der gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm in dein „Deutschen Wörterbuch“ den reichen Schatz der neuhochdeutschen Sprache von Luther bis Goethe und Schiller, ja darüber hinaus, aufzuspeichern unternahm, der endlich mit der Fackel der Sprachwissenschaft auch das Leben und die Gewohnheiten unserer Vorfahren erhellte, über Glauben, Rechtsverhältnisse, Sitten und Gebräuche derselben ein neues Licht verbreitete.

Wir schätzen in Jakob Grimm ferner den populären deutschen Schriftsteller, der im Verein mit seinem Bruder Wilhelm uns und unsern Kindern die lieblichen „Kinder- und Hausmärchen“ spendete. Diese freundlichen deutschen Sagen, deren Aufzeichnung und Herausgabe durch die verwandten Sammlungen und Dichtungen der Romantiker, namentlich durch „Des Knaben Wunderhorn“, veranlaßt wurde, bewahren noch heute eine ungeschwächte Anziehungskraft, weil uns aus ihnen die unverdorbene, unverfälschte Volksseele offen und unschuldig wie aus Kinderaugen anblickt, und auch die letzte Weihnacht hat wohl mancher Familienvater Grimm’s Märchen seinen Kindern unter den Christbaum gelegt.

Wir verehren sodann in Jakob Grimm wie in seinem Bruder Wilhelm den deutschen Mann – einen Stern in dem Göttinger Siebengestirne charaktervoller Professoren, welche im Jahre 1837, als Ernst August von Hannover die von seinem Vorgänger gegebene und unter demselben beschworene Verfassung durch einen Akt autokratischer Willkür über den Haufen stieß, gegenüber der allgemeinen Verzagtheit den Muth hatten, in einer feierlichen Protestaktion ihrem Unwillen Ausdruck zu geben, und dann, ohne Urtheil und Recht aus ihren Aemtern versagt und verfolgt von dem schadenfrohen Hohngelächter der sogenannten „Klugen“, in eine ungewisse Zukunft hinaussteuerten – und das Alles nicht aus blinder Oppositionssucht, sondern aus strengem Pflichtgefühl, weil sie die geschworenen Eide nicht brechen wollten, und aus Liebe zum Vaterlande, weil sie der Ueberzeugung waren, daß die Zukunft des deutschen Volkes „auf einem Gemeingefühl seiner Ehre und Freiheit beruhe“.

Wir schätzen ferner in Jakob Grimm den treuen Bruder, der nicht nur immerwährend mit seinem Bruder Wilhelm durch die schönste und innigste Gemeinsamkeit des Lebens und der Studien verbunden blieb, sodaß man sich die beiden Brüder kaum getrennt vorzustellen vermag, sondern auch Jahre lang, wiederum in Gemeinschaft mit Wilhelm, für den Unterhalt von vier mageren Geschwistern mit opferfreudigster Hingebung sorgte.

Wir lieben endlich in Jakob Grimm, wie in seinem Bruder Wilhelm, den deutschen Patrioten, der, mochte er nun eine deutsche Grammatik schreiben oder Kindermärchen sammeln, oder der Vergewaltigung Trotz bieten, stets aus deutscher Gesinnung heraus und im Interesse des deutschen Vaterlandes gewirkt und gehandelt hat.

Bekanntlich schickt sich die Stadt Hanau an, ihren beiden großen Söhnen, den Brüdern Jakob und Wilhelm Grimm, ein würdiges Denkmal zu setzen. Möge ganz Deutschland die Ehrenpflicht der Stadt Hanau als die seinige betrachten![1]
Otto Sievers.

  1. Das Komité für dieses Denkmal hat in Hanau seinen Sitz, während zahlreiche auswärtige Spezialkomités die Angelegenheit in ganz Deutschland zu fördern bemüht sind. Bis jetzt sind rund 37 000 Mark von den Schatzmeistern eingenommen, von welchen mehr als die Hälfte in der Stadt Hanau selbst gesammelt ist. Außerdem ergeben die Zeichnungen von Jahresbeiträgen für den in Hanau auf 5 Jahre gegründeten Grimm-Verein Verpflichtungen im Betrage von rund 6000 Mark. Von einer größeren Anzahl auswärts gebildeter Spezial-Komités ist bekannt, daß sie Sammlungen veranstaltet haben, deren Ertrag jedoch noch nicht eingelaufen ist. So dürften die bisherigen Zeichnungen an einmaligen und jährlichen Beiträgen sich bereits auf nahezu 50 000 Mark belaufen.
    Die Red.