Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Carl V., deutscher Kaiser

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Carl V., deutscher Kaiser
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 57–58
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Carl V., deutscher Kaiser.
Geb. d. 24. Febr. 1500, gest. d. 21. Sept. 1558.


Einer der hervorragendsten Herrscher in der langen Reihe deutscher Kaiser, und der mächtigste von allen, der über Meere und über Länder jenseit der Meere sein Scepter streckte, der erste Monarch, in dessen Reich die Sonne nicht unterging. Carl war der Sohn Erzherzog Philipps von Oesterreich und Johanna’s von Spanien, Maximilian I. Enkel. Sein Erzieher war Wilhelm, Herzog von Oranien, ein Staatsmann voll Würde und Einsicht.

Des Glückes Gunst warf dem Enkel Maximilian I. ein Land um das andere zu. Im Jahr 1516, noch bei des Großvaters Leben, trat er die Regierung der Niederlande an, und der im nämlichen Jahre erfolgte Tod des Großvaters von mütterlicher Seite gab Spanien in seine Hand. Im Jahr 1519 endete Maximilian, und Carl richtete den hoffenden Blick jetzt zunächst nach der Krone Kaiser Carl des Großen, und trat berechtigt mit den Nebenbuhlern König Franz I. und König Heinrich VIII. in die Schranken. Kurfürst Friedrich der Weise, Herzog zu Sachsen, lenkte die Stimmen der Wähler des Reiches Carl zu, dem deutschen Fürsten – sonst wären vielleicht noch heute die deutschen Länder englische oder französische Provinzen.

In Aachen schmückte die ersehnte Krone Carls Haupt, der sich nun den König von England versöhnte, und den von Frankreich bekämpfte. Kampf wogte durch die Welt, da um Länder und Kronen, dort um Geistesfreiheit und Licht, groß waren überall die Bewegungen, und nicht alles ließ sich unterdrücken, was so gern unterdrückt werden sollte. Carl siegte in Italien und gegen Franz I. wandte sich alles Mißgeschick, bis der Tag von Pavia, Carls Geburtstag, 1525, ersteren selbst in des mächtigen Gegners Hand gab, der ihn in harter Haft ein ganzes Jahr lang zu Madrid gefangen hielt.

Der in vielen deutschen Ländern im Jahre 1525 entbrannte Bauernkrieg kümmerte den Kaiser wenig; er überließ es den Reichsfürsten, diese „bäurische Empörung“ niederzuschlagen; er und seine Heere hatten wichtigeres zu thun; sie hatten den König von Frankreich gefangen, sie zogen gen Rom und fingen auch [Ξ] dessen Bündner, den Papst in seiner Engelsburg und der siegreiche deutsche Kaiser diktirte Europa den Frieden, und hielt nach erfolgter Aussöhnung den glänzendsten Triumphaufzug und Einzug in Bologna, wo der Papst, der unter prunkendem Thronhimmel dem Kaiser zur Seite ritt, ihn zum römischen Kaiser krönte. Es war wiederum Carls Geburtstag, der 24. Febr. 1530. Nun erst wandte Carl den kirchlichen Bewegungen in Deutschland, welche zu politischen geworden waren, regeren Antheil zu, nächstdem, daß ein Heer unter Erzherzog Ferdinand, dem Sohne Carls, gegen die neuerwachte Wuth des Türkensultans Soliman II. glückhaft kämpfte. – Der Reichstag zu Augsburg 1530 fand statt, die Protestanten übergaben ihr Glaubensbekenntniß, Carl mißbilligte es innerlich nicht ganz, war aber zu sehr von spanischen Pfaffen umgeben und umstrickt, um es laut zu billigen, wollte nicht aufs neue mit dem Papst brechen, und blieb ein Gegner der Reformation.

Eine erfolg- und ruhmreich zu nennende Episode flocht sich in Carls thatenreiches Regentenleben ein: ein Krieg zur See gegen den Beherrscher von Tunis, Hareddin Barbarossa, der in großartigster Weise Seeräuberei betrieb und ein Schrecken der Schiffe war, die für Carl die Straße nach den neu entdeckten und für ihn eroberten Welttheilen fuhren, nach Meriko, Peru und Chile. Das deutsche Reichsbanner wehte von dem Schlosse des Maurenfürsten, welcher verjagt ward und der frühere, von ihm verdrängte Herrscher wieder eingesetzt; 20,000 christliche Sklaven sahen ihre Ketten sich lösen. Ein zweiter ähnlicher Zug gegen Algier, im Jahre 1541, trug mehr das Gepräge des abenteuerlichen, und endete unglücklich; ein Sturm zertrümmerte nach kaum erfolgter Landung die Flotte und mühevoll ward der Rest des Heeres nach Europa zurückgeführt.

Endlich nach noch manchen andern Kämpfen, deren Mittelpunkt meist Franz I. war, wendete Carl Zorn und Macht ernstlich gegen die zum Schutz und Trutz miteinander verbündeten deutschen Reichsfürsten, als deren Häupter Johann Friedrich der Großmüthige, der Kurfürst von Sachsen, und Philipp der Großmüthige, Landgraf zu Hessen, fest zusammenstanden. Beide mit ihrer Gesammtmacht unterlagen dem Gegner, beide fielen in kaiserliche Haft, in der sie lange blieben. Aber nicht zu bauen ist auf des Kriegsglückes Würfel, und auf der Fortuna gleisende Kugel. Kurfürst Moritz zu Sachsen, des entthronten Johann Friedrich Vetter und Nachfolger in der Kurwürde, fiel plötzlich vom Kaiser ab, zog gegen ihn, zwang ihn zu eiliger, fast schimpflicher Flucht, und erzwang den berühmten Religionsfrieden zu Augsburg 1555.

Jetzt wurde Carl müde, er verließ Deutschland für immer, übergab dessen Reichskrone seinem Bruder Ferdinand, die Krone von Spanien und der Niederlande seinem Sohne Philipp II. Er selbst wählte das Kloster St. Just zum Aufenthalt, wo er aber keineswegs als Mönch lebte, Uhren schnitzelte und beklagte, daß nie zwei ganz übereinstimmend in Gang zu bringen seien, wie man sehr rührend gefabelt hat. Er hielt Hof in St. Just, jagte und gab sich in ziemlich maßloser Weise den Tafelfreuden hin, und zwar dem gutessen noch mehr als dem schöntrinken, bis er selbst zur Würmerspeise ward.

Die Forschung der Neuzeit hat sich wieder mit Vorliebe den letzten Lebensjahren Carl V. zugewendet, und die vielfach über des vom Schauplatz seiner Thaten abgetretenen Kaisers Klosterleben verbreiteten Sagen beseitigt oder berichtigt. Das allbekannte eigene Leichenbegängniß, mit dem Umstand, daß der Kaiser sich selbst dabei habe im Sarge herumtragen lassen, ermangelt noch sehr der gründlich-geschichtlichen Bestätigung. Des Kaisers Klosterwohnung war keine Zelle, sondern ein Palast; seine Hofdienerschaft im Kloster zählte 60 Personen, darunter Arzt, Apotheker und Uhrmacher, letzterer, ein lombardischer Mechaniker und nicht der Kaiser selbst, fertigte einen trefflichen astronomischen Chronometer, kleine Uhren und Automaten. Die Freuden der Tafel, der Jagd und der Musik verschönten das Stillleben des großen Monarchen. Er nahm dauernd Antheil an dem politischen Leben der Außenwelt, empfing Gäste, darunter Damen höchsten Ranges, wurde aber im Kloster viel unduldsamer gegen das Lutherthum als er früher gewesen; er begünstigte die Inquisition und wurde fanatisch. Darin fast allein war er Mönch geworden. Im prachtvollen Pantheon des Escurial ruhen seine Gebeine.