Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Joachim Heinrich Campe

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ludwig Bechstein
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Joachim Heinrich Campe
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 55–56
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: [1]
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[Ξ]
Joachim Heinrich Campe.jpeg


Joachim Heinrich Campe.
Geb. 1746, gest. d. 22, n. a. 23. Oct. 1818.


Dieser Freund deutscher Jugend, deutscher Sprache, deutschen Gemüthes – allbekannt durch zahlreiche Schriften, von denen viele Mustergültigkeit behaupten, als vorzüglicher Pädagog beliebt, ja gefeiert – wurde in dem Braunschweig-Wolfenbüttelschen Dorfe Deensen geboren und zog aus dunkeln Verhältnissen dem Lichte wissenschaftlicher Bildung nach. Den Knabenunterricht gewährte zunächst die Schule zu Holzminden, worauf Helmstädt und Halle den Jüngling weiter bildeten, der sich der Theologie widmete und dabei die so äußerst günstig auf dieser Hochschule gebotene Gelegenheit nicht unbenutzt ließ, auch in der Erziehungswissenschaft, zu welcher sein Gemüth sich mit Vorliebe hinneigte, theoretische und praktische Kenntnisse sich anzueignen. Gleichwohl schien das Geschick ihn seinem ursprünglichen Berufe entziehen zu wollen, denn er erhielt als Candidat 1773 eine Feldpredigerstelle beim Regimente des Prinzen Heinrich von Preußen zu Potsdam.

Diese Stellung konnte den strebsamen jungen Mann nicht auf die Dauer befriedigen; indeß benutzte er die Musse, welche sie ihm vergönnte, treufleißig zu seiner Weiterbildung, und gewann sich Freunde und Gönner, welche ihn förderten, und so nahm er 1776 freudig einen Ruf als Anhalt-Dessauischer Educationsrath an, zumal in Dessau das eigentliche Ziel der Sehnsucht Campe’s, das berühmte Philanthropin unter Basedow blühte. Johann Bernhard Basedow, ein Hamburger und unter dem gnädigen Schutze des Fürsten Franz von Dessau Begründer des philanthropischen Erziehungsinstituts – verließ seine Anstalt, und Campe trat nun als deren Lenker und Leiter an dessen Stelle. Es waren von ihm bereits einige philosophische Abhandlungen erschienen, dann trat er mit seinem »Sittenbüchlein« auf, welches große Verbreitung fand, so daß eine Auflage der andern folgte und Campe’s Ruf sich rasch in weiten Kreisen verbreitete. Indeß erging es ihm, wie nach ihm Salzmann an derselben Stelle, er fand sich bewogen, sie nicht lange zu bekleiden. Neigung und Sehnsucht ward in ihm rege, nach eigenen Ideen und Wünschen selbstthätig wirken und handeln zu können, denn noch heute wird jeder Erzieher von geistiger Begabung mehr oder minder sich selbst seine Erziehungspläne [Ξ] bilden und sie von innen herausarbeiten, nicht das vorgefundene fremde unbedingt annehmen und dessen Regeln sklavisch befolgen.

Campe verließ Dessau nach Aufgebung seiner dortigen Stellung und wandte sich nach Hamburg, wo er eine Privaterziehungsanstalt begründete und bis zum Jahre 1783 leitete, sie wohl auch gern länger geleitet haben würde, wenn nicht wankende Gesundheit ihn genöthigt hätte, sie aufzugeben. In diese Zeit fiel der Beginn der Herausgabe des »Hamburgischen Kinderalmanachs«, welcher in 12 Bändchen bis 1784 fortgeführt wurde und der sich in abermals 12 Bändchen die beliebten Reisebeschreibungen für die Jugend bis 1794 anreihten. Dieser friedlich lehrreich und liebevollwirksamen Thätigkeit eines Jugendschriftstellers konnte sich der wackre Campe durch die selbstgeschaffene Befreiung von jeglicher Amtsbürde um so mehr hingeben, als er aus dem geräuschvollen Hamburg zurückgezogen in der ländlichen Stille des Dorfes Trittau bei Hamburg lebte. Seine Weise, für die Jugend zu schreiben, die zugleich für junge angehende Schulmänner Leitfaden und Muster wurde, gefiel allgemein; er hatte vorzugsweise die kleine Kinderwelt im Auge und wußte meisterlich derselben seine Stoffe anzupassen.

Die größte Freude erregte in der Jugend- und ihrer Lehrerwelt sein »Robinson der jüngere, ein Lesebuch für Kinder.« Diesem Buche lag bekanntlich der Seefahrerroman des Engländers de Foe zum Grunde, von dem auch schon eine alte deutsche Uebersetzung vorhanden war. Rousseau hatte in seinem Emile dieses Buch gelobt und empfohlen, und Campe bearbeitete es mit dem größten Glück. Kaum wird irgend ein Buch in der europäischen Kinderwelt solche Beliebtheit erlangt haben; in alle europäischen Sprachen, selbst in die neugriechische, wurde es übersetzt, in die englische bis 1806 fünfmal, ebensoviel mal in die französische, während die deutschen Auflagen einander rasch folgten.

Dem Robinson folgte, während die Kinderbibliothek (der Almanach) sich fortsetzte, »die Entdeckung von Amerika«, drei Theile, dann die »Kleine Seelenlehre für Kinder«, hierauf die Bildungsschrift für Jünglinge »Theophron«, später: »Väterlicher Rath für meine Tochter«, welches Buch das Seitenstück des Theophron für die herangereifte weibliche Jugend bildete, und noch mehreres andere.

Nach all diesen anerkannten rühmlichen und bildenden Werken, nach so vielen Schriften voll Gemüthlichkeit, Innigkeit, Eingehen in den Kreis kindlicher und jugendlicher Verstandeskräfte – wandte sich Campe dem wichtigen Gebiete der deutschen Sprache zu und trat gegen die heillose Sprachmengerei in mehreren Schriften auf, nachdem er 1787 in Anerkenntniß seiner gediegenen Wissenschaft im Erziehungsfach einer ehrenvollen Berufung als Herzogl. Braunschweigischer Schulrath und Canonicus am St. Cyriacusstifte zu Braunschweig Folge geleistet hatte. Sein bemühen, die Sprache zu läutern, fand vielen Beifall und viele Theilnahme, wenn auch im kritischen bemühen Campe’s und seiner Freunde vieles allzuschulmeisterlich genau genommen wurde und daher manche Mühe vergeblich war, denn der Genius der Sprache läßt sich nicht spanische Stiefeln und Daumschrauben anlegen, er wirkt fesselfrei und lebendig im Leben des Volkes und jede Zeit macht ihre Sprachweise. Immer aber bleibt das Streben ehrenwerth, die stolze und reiche Sprache unsers deutschen Vaterlandes nicht muthwillig mit Fremdwörtern zu überbürden und zu verunstalten, wie es namentlich wieder durch die neuzeitliche Politik, wo kaum eine Zeitungszeile ohne Fremdwort blieb, geschehen ist.

Campe vollendete nach segensreichem Wirken im 72. Jahre seines Alters und nahm den Ruhm eines biederen, strebsam tüchtigen, rastlos wirksamen Mannes mit sich in das Grab.