Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Christian Felix Weisse

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Christian Felix Weisse
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 387–388
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Christian Felix Weisse.
Geb. d. 28. Jan. 1726, gest. d. 16. Dez. 1804.


Ein Dichter, gleich sehr durch liebenswürdigen Charakter wie durch schöne Begabung ausgezeichnet, welcher lange Zeit belebend und anregend innerhalb eines nicht enggezogenen deutschen Poetenkreises stand.

Annaberg im Sächsischen Erzgebirge war Weiße’s Geburtsort, sein Vater war der sehr gelehrte Rektor der dortigen lateinischen Schule, den der Knabe früh verlor; aber er empfing von der edeln und an Geist und Gemüth trefflich gebildeten Mutter eine vorzügliche Erziehung, bis ihn in seinem 10. Jahre das Gymnasium in Altenburg aufnahm, welches er neun Jahre lang besuchte. Nicht reicher an Kenntniß und Wissenschaft ausgestattet, als jene Zeit voll mangelhaften Unterrichts zu geben vermochte, bezog Weiße die Universität Leipzig, wo ein neues Leben ihm aufging und die in ihm schon früh erwachte Neigung für Poesie und Schauspiel sich freier entfalten konnte. Er wählte Philologie und Theologie zum Brodstudium, da beschränkte Vermögensverhältnisse geboten, auf die künftige Fristung des Lebens bedacht zu nehmen, lebte sehr einfach und versagte sich manchen Genuß, fand aber für jegliche Entbehrung reiche Entschädigung in dem nach und nach erlangten Umgang mit jungen Schriftstellern und Dichtern, mit Johann Heinrich und Johann Adolph Schlegel, mit Klopstock, Cramer, Gärtner, Giseke, Gellert, Rabener, Küster, Mylius, und vor allen mit Lessing, welche alle an der beliebten Zeitschrift: »Belustigungen des Verstandes und Witzes« mitarbeiteten. Lessing übte auf Weiße den belebendsten Einfluß, und förderte ihn, wie er konnte. Vorliebe für das Theater, welches damals in Leipzig unter der Neuberin blühte, leitete beide zum eigenen Versuche dramatischer Poesieschwingen, und mit inniger Freude sah Weiße seinen »Leichtgläubigen« dargestellt und günstig aufgenommen, ebenso machte sein Erstlingstück: »die Matrone von Ephesus« ihren Weg über die damaligen besten deutschen Bühnen, so mängelvoll auch beide Stücke noch waren.

Die Bahn war betreten, und fröhlich wandelte Weiße auf derselben weiter, versuchte sich auch in »scherzhaften Liedern«, die er erscheinen ließ, ohne aber dabei sein Ziel, ein künftiges Lehramt, aus den Augen [Ξ] zu verlieren. Im Jahre 1749 verließ Lessing Leipzig zu Weiße’s großem Leid, doch blieb die gegenseitige Freundschaft in beiden lebendig, bis später eine Theaterklatscherei das schöne Band lockerer machte. Als zwischen den beiden literarischen Hauptparteien, der Gottsched’schen und der jüngeren strebsamen, Klopstock an der Spitze, mancherlei unerquickliche und der Poesie unfördersame Streitigkeiten entstanden, schuf Weiße seine »Poeten nach der Mode«; dadurch und durch die Übersetzung eines englischen Stücks unter dem Titel: »der Teufel ist los« für den Theaterunternehmer Koch – erregte Weiße Gottsched’s Dictatorzorn gegen sich, dem in vielen gehässigen Angriffen Luft gemacht wurde, auf welche Weiße so weise war, gar nichts zu erwiedern, immer die beste Art, den Gegnern zu sagen, wie gering man sie und ihr Geschreibsel achte. Durch das letztgenannte Stück und mehrere, die er demselben folgen ließ: »Juliane oder der Triumph der Unschuld«, »der Unempfindliche«, »der bekehrte Ehemann«, welche nicht zum Druck gelangten, stellte sich Weiße mitten in den theatralischen Verkehr, bis der Ausbruch des siebenjährigen Krieges die Leipziger Bühne schloß und Koch sich mit seiner Gesellschaft hinweg begab. In dieser Zeit befreundete sich Weiße mit Kleist, schrieb die Trauerspiele: »Edward der dritte« und »Richard der dritte«, sammelte 1758 seine verstreuten »scherzhaften Lieder« für die Herausgabe, redigirte 1754 den fünften Band von Nicolai’s Bibliothek der schönen Wissenschaften, und nahm dann ein Hofmeisteramt bei einem Grafen von Geyersberg an, den er nach Paris begleitete. Dort machte Weiße die angenehmsten und anziehendsten Bekanntschaften. Nach der Rückkehr in das Vaterland erhoffte er, da die Aussicht auf Erlangung eines Schulamtes immer mehr in die Ferne rückte, irgend eine andere Stellung, die ihm mehr Musse vergönne, als ersteres, durch den Einfluß der Familie seines Grafen zu erlangen; bevor dieß aber geschehen konnte, bot sich ihm durch den jungen Grafen von der Schulenburg auf Burg-Scheidungen eine der angenehmsten Stellen als dessen Gesellschafter an. Schloß Burgscheidungen, auf einem umgrünten Hügel mitten im romantischen Thale der Unstrut, mit guter Bibliothek und allen Annehmlichkeit des Lebens reichlich versehen, war ein reizendes Dichterasyl.

Weiße setzte in Verbindung mit ausgezeichneten befreundeten Mitarbeitern, wie v. Hagedorn, Winckelmann, v. Gerstenberg, v. Thümmel, Heyne, Garve, Eschenburg, Meißner u. a. die Bibliothek der schönen Wissenschaften fort, und folgte 1761 seinem Grafen nach Gotha, wo er stets dichterisch thätig blieb, die Kriegslieder des Tvrtäus übersetzte, Amazonenlieder und neue Dramen schrieb. Auch nach der Rückkehr nach Burgscheidungen lebte Weiße ein glückliches und zufriedenes Dasein. Aus dieser schönen Musse rief ihn 1761 ein Amt – er wurde Obersteuersecretair in Leipzig, sein Freund Rabener, der Kreissteuerrath, verpflichtete ihn. Ob dabei nicht beide innerlich lachten – zwei Poeten bei der Steuer, gewiß, ein noch nicht dagewesener Fall – mag dahin gestellt bleiben. Zum Glück blieben beide auch in ihrem trockenen Amte Dichter und retteten sich aus der Sphäre der Tarife voll Ziffern und Zahlen in das Heiligthum der Musen, so oft die gute Stunde schlug. In Paris hatte Weiße viel Geschmack an der leichten Form der Operette gewonnen, und er war es, der dieselbe auf deutschen Boden verpflanzte, indem er theils einige französische Operetten, wie »Lottchen am Hofe« und »die Liebe auf dem Lande«, frei für die deutsche Bühne umschuf, theils die allbeliebte und lange beliebte »Jagd« und den »Aerntekranz« dichtete. In dieser Zeit wurde Weiße von Bodmer und dessen Schule und Freundeskreis befehdet, unternahm indeß abermals keinerlei Abwehr, und es fand später zwischen ihm und Bodmer eine herzliche Versöhnung statt. Weiße’s Verheirathung, die im Jahre 1765 erfolgte, führte ihm eine zwar schwächliche, aber liebevolle, sorgsame und zärtlich treue Freundin und Pflegerin zu, und bald darauf betrat er zwei ganz neue Poesiewege. Er half Zollikofer gute Gesangbuchlieder sammeln und versuchte sich selbst als geistlicher Liederdichter nicht ohne Glück und Anerkennung; dann dichtete er »Lieder für Kinder«, was ihn später, ohne daß er der dramatischen Dichtkunst, in der er noch durch seine Stücke: »Romeo und Julie«, »die Freundschaft auf der Probe«, »List über List«, »die Brüder«, »Armuth und Tugend«, »Jean Calas« u. a. nicht unbedeutendes leistete – zum allbeliebten pädagogischen Schriftsteller machte, der sich durch sein »Wochenblatt für Kinder«, durch seine kleinen »Schauspiele für Kinder und junge Leute«, durch seinen »Kinderfreund« und den »Briefwechsel der Familie des Kinderfreundes« beliebt und in den weitesten Kreisen gelesen machte. Von Basedow aufgemuntert, verschmähte Weiße nicht, auf diesem Gebiete bis zur Kinderfibel herabzusteigen und bewirkte dadurch viel Gutes. Nach Rabener’s Tode wurde Weiße der Biograph diese seines heitern, geliebten Freundes.

Durch das ihm zufallende Erbtheil des Rittergutes Stötteritz bei Leipzig, 1790, gewannen Weiße’s Verhältnisse viel an Annehmlichkeit, aber ein unglücklicher Fall von der Bücherleiter 1792 trübte nachhaltig das ihm noch vergönnte Leben, bis er, allgemein betrauert, im neunundsiebzigsten Jahre sein Ziel fand. Wohlwollen und Menschenfreundlichkeit sprachen unverkennbar aus Weiße’s Zügen, wie er sie stets geübt, und seinen Charakter zeichnete die hohe Bescheidenheit aus, die dem wahren Dichter ziemt.