Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Carl Maria von Weber

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Carl Maria von Weber
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 385–386
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Carl maria von weber.jpg


Carl Maria von Weber.
Geb. d. 18. Oct. 1786, gest. d. 5. Juni 1826.


Ein edler und liebenswürdiger Charakter, den Deutschland neben so vielen hochbedeutenden Musikern mit Stolz und Freude den seinen nennt.

Weber’s Vaterstadt ist Eutin im Holstenlande; der Vater war ausgezeichneter Violinist und weckte frühzeitig des Knaben Neigung für seine Kunst, wehrte ihm aber auch nicht, dem ebenso bald sich entwickelnden Hange zur Malerei nachzugeben, bis die Musik jenen zur Seite drängte und den Knaben ganz zu ihrem Jünger weihte. Des Vaters Verhältnisse gestatteten diesem, der eigenthümlichen Neigung zu folgen, nie langen Aufenthalt an einem und demselben Ort zu nehmen, sondern häufig den Wohnort zu wechseln; dadurch kam der junge Weber um das Glück der Knabenfreundschaft und sah sich meist auf sich selbst beschränkt, was dazu beitrug, ihn um so dauernder an die Lieblingsneigung zu fesseln. Im zehnten Jahre war Carl Maria zu Hildburghausen, wo ihm Heuschkel strengen und gründlichen Unterricht im Clavierspiel ertheilte – ein Jahr später brächte ihn der Vater nach Salzburg zu Michael Haydn, der ihm die Grundlagen der Composition lehrte. Weber’s erstes Tonwerk, das er als 12jähriger Knabe schrieb, waren 6 Fughetten, die der auf den Sohn bereits eitel werdende Vater 1798 drucken ließ und den viel verheißenden Liebling nun nach München brächte, damit er sich ferner in der Komposition unterrichten lasse und auch den Gesang studire. Mehrere Kompositionen Weber’s entstanden in dieser Zeit, gingen aber durch eine Feuersbrunst unter. Neben diesen musikalischen Studien und Arbeiten zog die damals von Sennefelder erfundene Kunst des Steindrucks den jungen Weber lebhaft an; sein Sinn für Zeichnung und Malerei erwachte wieder, die Möglichkeit leichterer und schnellerer Vervielfältigung eines Bildes als durch den Grabstichel schien höchst erfreulich, und der Gedanke wurde in Vater und Sohn lebendig, Sennefelder’s Kunst zu vervollkommnen und sie als Gewerbszweig praktisch zu üben. Zur Ausführung dieses Vorhabens schien die Stadt Freiberg im sächsischen Erzgebirge zweckentsprechendes Material zu bieten, welche nun zum Aufenthaltsort erwählt wurde; zum Heil der Tonkunst aber wurde nichts aus diesem technisch-materiellen Plane.

[Ξ] Mit 14 Jahren schrieb C. M. Weber seine erste Oper »das Waldmädchen«, welche trotz der Mängel, die der jugendliche Komponist selbst an ihr tadelte, dennoch gefiel; im Jahre 1801 entstand zu Salzburg, wohin man abermals gezogen war, die Oper »Peter Schmoll und seine Nachbarn«, und im darauf folgenden Jahre wurde eine förmliche musikalische Kunstreise erst durch das nördliche Deutschland angetreten, dann aber lockte es nach dem Süden, nach der Kaiserstadt, wo Joseph Haydn und Abt Vogler aufmunternd und lehrreich auf Weber einwirkten. Der erste mit seinem großen, kindlichen und neidlosen Herzen erschloß dem jungen Tonkünstler, wie er auch Mozart gethan, sein ganzes Gemüth, Vogler aber lenkte zum ernsten gründlichen Studium der gediegenen Werke älterer Meister hin, ohne welches nie bedeutendes durch eigene Leistung auf dem musikalischen Gebiete zu erreichen ist.

Durch manches, was er veröffentlicht, hatte Weber nun schon Ruf in der musikalischen Welt erlangt, 1805 wurde ihm die Musikdirektorstelle an der Bühne zu Breslau angetragen, die er willig annahm und sich ungemein thätig in der neuen Sphäre bewies, der ihn aber schon im nächsten Jahre ein anderweiter Ruf entführte; Weber wurde Kapellmeister des kunstliebenden Prinzen Eugen von Würtemberg zu Carlsruhe in Schlesien und componirte in dieser Stellung verschiedene Harmoniestücke und Symphonien. Verhältniß und Stellung waren glücklich zu nennen, aber der Krieg löste sie leider und Weber trat jetzt eine Kunstreise an, von der er in Stuttgart rastete, wo er die Oper »Silvana« schrieb und mehreres andere componirte.

Hierauf reiste Weber abwechselnd und nahm dann wieder da oder dort längeren Aufenthalt, so in Darmstadt, wo er mit Vogler, Meyerbeer und Gensbacher glückliche Tage verlebte und 1810 die Oper Abu-Hassan schuf – bis er sich 1813 als Operndirector nach dem hochmusikalischen Prag berufen sah und diesem Amte drei erfolgreiche Jahre widmete, während welcher seine Kompositionen der sangbaren Lieder Theodor Körner’s aus Leyer und Schwert im Munde deutscher begeisterter Jugend allüberall durch die Lande klangen.

Im Jahre 1816 verweilte Weber eine Zeitlang in Berlin, wo ihn der ehrenvolle Ruf zum Direktor der neuen deutschen Oper in Dresden traf, nachdem er schon mehr als eine anderweite Berufung abgelehnt hatte. Ein schöneres Ziel aber konnte ihm kaum winken; er nahm freudig diese Stelle an, entsprach im vollsten Maaße dem in ihm gesetzten Vertrauen und sah den Stern seines Ruhmes glänzend aufsteigen, trotz unsäglicher Mühen und mancher schwer zu besiegenden Cabalen. In dieser Zeit verheiratete sich Weber und schrieb gleichzeitig am Freischütz von Kind und an Preciosa von Wolf, schrieb eine Jubelouverture von bleibendem Werth, wie auch Messen, Cantaten u. dgl. Durch den Freischütz erfüllte Weber die ganze musikalische und nichtmusikalische Welt mit Entzücken und Jubel; wunderbar traf er das volksthümliche, und kein Componist jener Zeit hatte sich eines solchen Erfolges zu erfreuen. Dem Freischütz folgte bald die Musik zu dem heitern Schauspiel Preciosa von Wolf, dann die Oper Euryanthe von Helmina v. Chezy.

Die ungemeine, oft angreifende dienstliche und schöpferische Thätigkeit Weber’s blieb nicht ohne nachtheiligen Einfluß auf seine Gesundheit, auch wurde er zu Reisen veranlaßt, da oder dort die Aufführung seiner Opern selbst zu leiten, so die 50ste Wiederholung des Freischütz in Prag am 10. Oct. 1823; dann reiste er nach England, um den Oberon, Text von Planché, zu componiren. Diese Oper fand nicht nur in London, sondern auch auf dem Festland den lebhaftesten Beifall, aber sie kostete auch den höchsten Preis, sie kostete dem edlen Meister das Leben. Kränklich an sich, an einem Hals- und Brustübel leidend, belastet mit den unumgänglichen Mühen des einstudirens und des schulens der Sänger des Conventgartentheaters zu London für deutsche Musik, griff sich Weber übermäßig an und erlitt auch noch die Kränkung, daß ein Concert, welches er gab, leer blieb. Am 7. Juni sollte zu seinem Benefiz der Freischütz gegeben werden, in der Nacht auf den 1. Juni entschlief er sanft und ruhig, gleich einem Schlummernden fanden die Freunde des Morgens die entseelte Hülle. Mit ihm war ein ächter poetischer, durch und durch musikalischer und durch und durch deutscher Geist geschieden, der es wie wenige verstand, das Ideale der Kunst in liebliche irdische Formen zu gießen, und der in der dem ganzen deutschen Volkscharakter am meisten zusagenden ächt deutschromantischen Operncomposition noch von keinem späteren übertroffen wurde, mindestens nicht im Betreff der glänzenden Erfolge. In jeder Sphäre der Kunst, in welcher Weber sich bewegte, war er ausgezeichnet, daher die Trauer um sein frühes Hinscheiden eine allgemeine, daher die spätere Empfangnahme des Sarges mit seiner irdischen Hülle einer Nationalangelegenheit gleich zu achten. Weber’s Ruhm wird noch lange blühen, seine Opern werden noch viele Jahre entzückte Hörer finden.