Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Friedrich Wilhelm Gotter

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Friedrich Wilhelm Gotter
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 149–150
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Friedrich Wilhelm Gotter.
Geb. d. 3. Sept. 1746, gest. d. 18. März 1797.


Dieser Dichter, welcher seinen Zeitgenossen, die ihn freudig anerkannten, als ein Muster des guten Geschmackes galt, wurde zu Gotha geboren; sein Vater war ein angesehener Staatsbeamter und sorgte für eine treffliche Erziehung des Sohnes, welcher in seiner Jugend sehr zart organisirt und schwächlich war. Neigung zu Sprachen, wie zur Poesie und namentlich zur dramatischen, traten in dem jungen Gotter ziemlich frühzeitig hervor. In seinem siebzehnten Jahre bezog Gotter, bisher durch Privatlehrer unterrichtet, die Hochschule Göttingen, um dort die Rechte zu studiren, nebenbei aber huldigte er unbefangen der poetischen Muse und knüpfte mit Eckhof, Mitglied der damals in Göttingen wirkenden Ackermannschen Gesellschaft, das Band einer Freundschaft an, die für sein ganzes späteres Leben nachhaltig fortwirkte. Die Neigung für die darstellende Kunst der Bühne war so genährt, daß Gotter selbst, nach Abgang der erwähnten Gesellschaft von Göttingen, ein Liebhabertheater errichtete und leitete, an dem er seine Begabung praktisch und theoretisch zugleich üben lernte. Nach vollendeten Studien 1766 nach Gotha zurückgekehrt, wurde Gotter zweiter Geheimer Archivar und durfte im folgenden Jahre den Freiherrn von Gemmingen als Gesandtschaftssecretair nach Wetzlar begleiten. In Wetzlar, wo er die Beschäftigungen mit den schönen Künsten keineswegs aufgab, wurde Gotter der Antrag, zwei jungen Edelleuten als Führer auf der Universität zu dienen; er nahm denselben an und wählte mit Vorliebe wieder Göttingen zum Ort seines Aufenthaltes und eifrig fortgesetzter Studien. Dort begründete er mit Boie den 1770 erschienenen Götting’schen Musenalmanach nach dem Muster eines Pariser, und Kästner unterstützte dabei lebhaft die Freunde; Gotter aber wurde durch sein nicht ganz aufgegebenes dienstliches Verhältniß nach Gotha, ehe noch der Almanach erschien, zurückgerufen, bald aber fügte es sich, daß er abermals in gleicher Eigenschaft, wie früher, nach Wetzlar entsendet ward, und dort fand er jetzt zu seiner großen Freude nicht nur die Ackermannsche Gesellschaft wieder, sondern machte auch die Bekanntschaft Goethe’s und Jerusalem’s, was auf Gotter den anregendsten und belebendsten Einfluß übte, zumal er auch noch manche [Ξ] sonstige angenehme Bekanntschaft anknüpfte und fleißigen Briefwechsel mit begabten Geistern unterhielt. Er schrieb in dieser Zeit seine berühmt gewordene »Epistel über die Starkgeisterei«, reiste, um seine schwächliche Gesundheit zu kräftigen, nach Frankreich, lernte die französische Bühne gründlich kennen, besuchte die Schweiz, wo er Geßner und Lavater kennen lernte, und kehrte, geistig erfrischt, mit neuen Eindrücken und Plänen erfüllt, abermals nach Gotha zurück. In dieser seiner Vaterstadt begründete Gotter wieder ein Gesellschaftstheater, an dem er nach jeder Richtung hin selbstthätig war, bis Gotha ein strahlender Stern der Kunst aufging und eine Musterbühne dieser Stadt durch die Gunst eines kunstsinnigen Fürsten zu Theil wurde, wie in Deutschland keine zweite bestand und bestehen konnte, denn Gotha vereinigte fast alle Bühnenberühmtheiten jener Zeit, und es war ja ohnehin noch nicht lange her, daß von einer solchen Berühmtheit überhaupt die Rede sein konnte. Die gefeierten Namen Eckhof, Böck, Brandes, Iffland, Beil, Beck, Großmann und die Damen Brandes, Seyler, Starke, Koch, Merceur u. a. waren dort vereint und ihre Träger in ehrenvollster Weise künstlerisch thätig, wobei Gotter’s geistige Antheilnahme in mannichfacher Weise fördernd zu Statten kam. Auch als Improvisator war Gotter sehr glücklich, noch glücklicher aber dadurch, daß er nicht nöthig hatte, diese schöne Begabung um Geld zu Markte zu tragen. Es stand in seiner Gewalt, kleine dramatische Sachen rund und leicht und geistvoll aus dem Stegreif zu bilden und vorzutragen, womit er sich und andern schöne genußreiche Stunden in lebenvollen poesiedurchglühten Kreisen schuf. In den meisten Formen deutscher Dichtkunst versuchte sich Gotter; in den dramatischen wurden Posse, Singspiel, Lustspiel und Trauerspiel von ihm angebaut; er war Lyriker, Elegiker und Romanzendichter, und auch die seltener gepflegte poetische Epistel fand an ihm einen Freund. Nur das höhere epische Gedicht lag außer seiner Sphäre, dazu fehlte ihm wohl die Ruhe und die innere Anregung. Seine ersten Trauerspiele: »Elektra«, »Merope« und »Alzire«, schrieb er nach französischen Vorbildern und in gereimten Alexandrinern; zum Melodram »Medea« schuf der in Gotha lebende bedeutende Tondichter Benda die Musik. Durch seine Singspiele machte sich Gotter äußerst beliebt, hier war er wohl mehr als Chr. Felix Weiße’s Nebenbuhler, er übertraf ihn vielleicht. »Der Jahrmarkt«, »Romeo und Julie« und »das tartarische Gesetz«, alle drei Singspiele, und eine Menge übersetzter Opern- und Operettentertbücher lassen Gotter als in dieser für den wahren Dichter allerdings nicht schwer wiegenden Gattung als Meister erscheinen, zahlreich sind aber auch seine vom fremdländischen Boden auf deutschen verpflanzten übrigen dramatischen Stücke.

Im Jahre 1780 verheiratete sich Gotter und erhielt 1782 den Posten eines geheimen Secretairs. Leider alterte er bei seiner zart organisirten, schwächlichen Natur sehr schnell und erreichte nur das 53. Lebensjahr. Sein literarischer Nachlaß brächte noch manches schöne Werk seiner Muse zur Erscheinung, darunter das Trauerspiel »Mariane« nach la Harpe, das man als seine bedeutendste Arbeit anerkannte und das den Weg über alle deutschen Bühnen wandelte; dann »die Geisterinsel«, eine Nachbildung von Shakspeare’s Sturm, welche von nicht weniger als vier Komponisten in Musik gesetzt wurde, von Zumsteeg, von Haak, von Fleischmannn in Meiningen und von Reichardt. In Prosa verfaßte Gotter eine Charakterschilderung der Frau von Buchwald, der Freundin und frühern Hofdame der geistvollen Herzogin Luise Dorothea, geborne Prinzessin zu Sachsen Meiningen, beide Freundinnen Voltaire’s, von welchem letzteren Gotter’s Buche einige Briefe beigefügt sind.

Einem großen Theil der Besten seiner Zeit that Gotter genug, er war vollkommen Meister der Sprache, eignete sich die fremden Formen mit Leichtigkeit an und wußte sie mit Gewandtheit einzubürgern; seine Lieder und Elegien sind leicht und gefällig, in der Form der poetischen Epistel stand er allen seinen Zeitgenossen voran.