Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johann Anton Leisewitz

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johann Anton Leisewitz
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 227–228
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Johann anton leisewitz.jpg


Johann Anton Leisewitz.
Geb. d. 9. Mai 1752, gest. d. 10. Sept. 1806.


Ein deutscher dramatischer Dichter, dessen Leben mehr Bedeutung durch sein Talent und sein hohes Streben, als durch die Fülle zahlreicher Werke verliehen wurde; dessen Leben auch kein durch mächtige Schicksale bewegtes war, und der dennoch den vollen Ruhmeskranz verdiente, den seine Mitwelt, wie die Nachwelt, ihm geflochten hat.

Leisewitz wurde zu Hannover geboren, wohin der Vater, welcher früher als Weinhändler zu Celle lebte, gezogen war. Nach gutem Schulunterricht bezog der fähige Jüngling 1770 die Universität Göttingen und wählte das Studium der Rechtswissenschaft. Dort befreundete er sich mit zwei Altersgenossen, die nach verschiedenen Richtungen hin strebsam, sich Anerkennung und Ruhm gewannen, mit Thaer und Hölty. Der Hainbund erblühte zum Heile edler deutscher Poesie, und auch Leisewitz gesellte sich demselben zu; seine Aufnahme fand am Geburtstage Klopstock’s, den 2. Juli 1774, statt. Daraus geht hervor, daß Leisewitz lange in Göttingen lebte. Die Bundesgenossen liebten und achteten ihn; er war für Freiheit und Vaterland begeistert, und schwärmte für beide in der damaligen Tonart. Lange trug er sich mit dem Vorsatz, eine Geschichte des dreißigjährigen Krieges zu schreiben, machte zu derselben auch umfassende Studien, doch ist dieselbe nie erschienen. Das Jahr 1774 trennte die Mitglieder des schönen poetischen Hainbundes, da die Mehrzahl derselben ihre Studien vollendet hatten; auch Leisewitz ging Michaelis dieses Jahres ab, und zwar in aller Stille, um sich und den Brüdern das Weh des Abschieds zu ersparen, und wandle sich nach Hannover, wo er sich Hölty’s, der krank dorthin kam, mit aller theilnehmenden Liebe annahm. Leisewitz machte und bestand sein Advokaten-Examen in Celle, behielt aber, da ihm an der advokatischen Praxis wenig lag, seinen Wohnsitz in Hannover bei, und lebte nur abwechselnd in Celle, wo er den Freund Thaer als praktischen Arzt wiederfand, bis er sich von Hannover gänzlich weg, und nach Braunschweig wandte. Dort war ein reges geistvolles Leben unter der Aegide eines kunstsinnigen Fürsten aufgegangen, dort wirkten bedeutende Gelehrte, glänzte Lessing’s Stern, der von dem nahen [Ξ] Wolfenbüttel oft genug zur Herzogresidenz herüber kam. Leisewitz trat zwar als Sachwalter auf, blieb aber seinem innern Dränge treu, begeisterte sich an Lessing’s Trauerspiel »Emilia Galotti«, und als die Unternehmer des Hamburgischen Theaters: Sophie Charlotte Ackermann und Friedrich Ludwig Schröder, einen Preis von 20 Louisd’or für das beste Trauerspiel aussetzten, dichtete Leisewitz seinen »Julius von Tarent«. Er erhielt den Preis nicht, Klinger empfing denselben für die »Zwillinge«, allein das unbestochene Urtheil der Nachwelt erkannte Leisewitz einen unendlich höhern Preis zu, als jenen des Goldes. Schon Lessing begrüßte das Stück mit großer Freude, und glaubte, da es 1776 ohne Namen des Verfassers, ja man sagt, sogar gegen dessen Willen, zu Leipzig im Druck erschien, es sei von Goethe, und empfahl den Dichter, nachdem er ihm persönlich bekannt worden war, mit Wärme an seinen Bruder und seine Freunde in Berlin. Dort wurde »Julius von Tarent« mit großem Beifall wiederholt aufgeführt, und dadurch die Seelenwunde des Dichters einigermaßen geheilt, welche die Preisverweigerung ihm geschlagen. Um diese Zeit erwachte die Neigung für die deutsche Schaubühne überall, und an den Höfen halfen selbst glänzende Liebhabertheater dieselbe Pflegen. Ein solches bestand auch in Meiningen, wo Reinwald (Schiller’s nachheriger Schwager) Antheil an der Leitung nahm, sich mit dem Dichter in Briefwechsel setzte, und Julius von Tarent einige male zur Aufführung brächte. Dieß gab sowohl Anlaß zu einigen anziehenden brieflichen Mittheilungen von Seiten des Dichters an Reinwald, als auch zu einer Ausgabe des Julius von Tarent, welche den Literatoren und selbst Leisewitz’s Biographen unbekannt blieb, in welcher Auszüge eines Briefes und einige kritische Beurtheilungen des Stückes mitgetheilt wurden. Der regierende Herzog Carl zu Sachsen Meiningen spielte den Julius, Prinz Georg, dessen Bruder, den Erzbischof, Prinzessin Wilhelmine die Nonne Blanka, Prinzessin Amalie die zweite Nonne. – Leisewitz theilte Reinwald damals mit, daß er mit einem Lustspiel schwanger gehe, welches jedoch nicht zur Erscheinung gekommen ist. Der Stoff waren »die Weiber von Weinsberg«. Er hatte 1778 das Amt eines Landschaft-Secretairs angenommen, und machte 1780 eine angenehme Reise nach Weimar und Gotha, lernte Goethe u. a. kennen, und befreundete sich in Gotha mit dem liebenswürdigen Dichter Götter. Der Herzog von Gotha war durch den Herzog von Meiningen, der zum Besuch in Gotha weilte, auf Leisewitz aufmerksam gemacht worden, und so wurde er beiden Herzogen vorgestellt, und sah sich am Höfe vielfach ausgezeichnet.

Die deutsche Poesie hat es zu beklagen, daß ein Talent, welches sich so bedeutend angekündigt hatte, ihr, vielleicht nur aus Mangel an Selbstvertrauen, untreu wurde; statt gottgetrost weiter zu dichten, übersetzte Leisewitz eine »Geschichte der Entdeckung und Eroberung der Kanarischen Inseln«, und mühte sich an seiner umfassenden Geschichte des dreißigjährigen Krieges ab, die zu schreiben, noch immer eine Aufgabe für einen Riesen bleibt, weil das in ganz Deutschland verstreute Material ein unerschöpfliches und unübersehbares ist; diese Geschichte will weniger aus bereits gedruckten Büchern, als aus den gleichzeitigen Kriegsakten studirt sein. Leisewitz verheiratete sich im Jahre 1781 mit der Tochter eines Kaufmannes in Hamburg, und lebte ein glückliches Stillleben mit ihr, da keine ökonomische Sorge ihn belastete, wohl aber begannen Kränklichkeit, anhaltendes Zahnleiden und podagristische Anfälle, ihm schon das Dasein zu verbittern; auch die Frau begann zeitig genug zu kränkeln. Später zogen andere amtliche und dienstliche Arbeiten den Dichter ganz aus dem Bereich der Musen. Er wurde 1790 zum Herzogl. Braunschweigischen Hofrath ernannt, und zum Instructor des Erbprinzen in der deutschen und der braunschweigischen Geschichte, wie im Geschäftsgang, und erhielt ein Canonicat am St. Blasii-Dome. Da er in der neuen Stellung befriedigte, auch der Erbprinz und einige andere junge fürstliche Personen, die seinen Unterricht mit empfingen, ihm volle Neigung zuwandten, so ernannte ihn der regierende Herzog Carl Wilhelm Ferdinand zum Geheimen Canzlei-Secretar und Regierungsmitglied, und später, 1801, stieg er zum Geheimen Justizrath und Referent mit Sitz und berathender Stimme im Herzoglichen Geheimen Raths-Collegium empor, und wirkte fortan praktisch thätig für das Wohl des Staates und dessen Angehörige mit Eifer und Treue. Er machte sich besonders um das Armenwesen der Residenz höchst verdient, und wurde noch 1805 mit Beibehaltung seiner bisherigen Stellung mit dem Vorsitz des Obersanitäts-Kollegiums betraut. Leider aber vermochte weder dieser Vorsitz, noch das gesammte Sanitätscollegium dem stets an Hypochondrie und dem Heere ihr sich zugesellender Plagen leidenden die schwankende Gesundheit länger zu fristen. Er wurde Anfang Septembers 1806 von hitziger Brustwassersucht befallen, und erlag ihr nach wenigen Tagen. Leisewitz hinterließ als Bürger und Beamter den Nachruf eines edeln menschenfreundlichen Charakters, der zuletzt noch schwerer wiegt, als der Dichterruhm, den er sich durch seinen Julius von Tarent errungen hatte.