Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Johann Reuchlin

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Johann Reuchlin
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 307–308
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Johann Reuchlin.
Geb. d. 28. Dez. 1455, gest. d. 30. Juni 1522.


Reuchlin’s gefeierter Name steht mit in der vordersten Reihe derjenigen seiner Zeitgenossen, die sich um Aufklärung, Wissenschaft und Verbreitung des Lichtes der Reformation unsterbliche Verdienste erwarben. Reuchlin wurde in Pforzheim geboren, derselben Stadt, welche auch die Reformatorengenossen Johann Schwebel, Bartholomäus Westhemer, Adam Frey, Nikolaus Gerbel und Christoph Wertwein in ihrem Schosse erstehen sah. Reuchlin, ein Sohn nicht ganz unbemittelter Aeltern, wurde früh zur Schule in Schlettstädt geführt und zeigte die günstigsten Anlagen, so daß er, unterstützt vom Markgrafen Karl von Baden, mit dessen Sohne Friedrich schon 1473 die Hochschule Paris beziehen konnte, welche damals vor allen andern europäischen Schulen blühte. Dort legte Reuchlin den Grund zu seinem tiefen Wissen und zu der umfassenden Kenntniß der alten Sprachen und klassischen Literatur, durch die er sich so hohen Ruhm erwarb. Unter den Lehrern Reuchlin’s war Johann Wessel, einer der geistbegabtesten Vorläufer der Reformation, von wesentlichem Einfluß aus Bildung und Richtung des jungen Studirenden. Im Jahre 1475 kehrte Reuchlin mit dem Prinzen zurück, begab sich nach Basel und lehrte dort, einige Jahre, bis er wieder nach Frankreich reiste und in Orleans die Rechte studirte, während er fortfuhr, die alten Sprachen zu lehren. Schon hatte er ein kurzes lateinisches Lexikon, das er Breviloquus nannte, verfaßt, jetzt schrieb er die erste griechische Sprachlehre unter dem Titel Mikropädie, und wurde Doctor juris, worauf er nach Deutschland zurückkehrte, sich in Tübingen niederließ, sich dort verheiratete und als Anwalt zu practiciren begann. Allein weder ein ruhiges academisches Lehrerleben in beglückter friedlicher Häuslichkeit, noch die in begrenzten Kreisen sich bewegende Thätigkeit des praktischen Juristen war Reuchlin beschieden. Im Jahre 1487 folgte er dem Herzog von Würtemberg, Eberhard im Bart, nach Rom und machte auf dieser Reise die anziehendsten Gelehrtenbekanntschaften. Er versah die Stelle des Orators seines Landesherrn, der ihn nach der Rückkehr mit wichtigen Sendungen betraute, deren eine an Kaiser Friedrich III. nach Linz ihm den Pfalzgrafentitel und das Adelsdiplom [Ξ] einbrachte. Auch eine alte hebräische Bibelhandschrift von hohem Werth verehrte der Kaiser dem berühmten Sprachgelehrten. Einige Jahre später begleitete Reuchlin seinen Gebieter an den Hof Kaiser Maximilian’s I., auf den Reichstag nach Worms, wo der Kaiser den Grafen Eberhard zum Herzog erhob, der aber diese neue Würde nur noch wenige Monden trug. Der 1503 erfolgende Tod dieses seines ihm so gnädigen Gebieters brachte Reuchlin in eine mißliche Lage, denn der Administrator auf dem neuen Herzogthrone, welcher dem unmündigen Herzog Ulrich diesen streitig machte, war Reuchlin nicht gewogen, und dieser entging ihm drohender Gefahr dadurch, daß er sich an den Hof des Kurfürsten Philipp von der Pfalz begab, wo er im Kreise gelehrter Freunde unangefochten lebte. Dort mag er auch den griechischen Namen Capnio (Rauch) angenommen haben, oder es wurde derselbe ihm von seinen Freunden aufgedrungen. Im ihm verliehenen Adelsbrief war das Wappen ein Rauch-Altar mit der Inschrift: Ara Capnionis. Da der Kurfürst mit Papst Alexander VI. in unangenehme Zwiespalte gekommen war, sandte ersterer Reuchlin an den Papst, und diesem gelang es durch die überwältigende Macht seiner Beredsamkeit und Sprachgewandheit, alles zu erlangen, was sein fürstlicher Schutzherr wünschte. Im Lande Würtemberg waren indessen die nach Eberhard I. Tode entstandenen Wirren geschlichtet und der noch unmündige Herzog Ulrich in sein Erbe eingesetzt worden; dessen Vormünder riefen Reuchlin zurück, der dem Rufe um so lieber folgte, als er sich nach Ruhe sehnte, auch seine Frau die ganze Zeit über in der Heimath zurückgelassen hatte. Reuchlin erhielt einen ausgezeichneten Ehrenposten als Mitglied des schwäbischen Bundesgerichts, das nur aus drei Richtern bestand, blieb neben diesem Amte unausgesetzt literarisch thätig, und gab, der erste Deutsche, Lehrbücher der hebräischen Sprache heraus, wodurch er sich den Namen eines Vaters derselben erwarb. – Nach einer nochmaligen Sendung an den Kaiser wählte Reuchlin das Dominikanerkloster Denkendorf bei Stuttgart mit seiner Familie zum Aufenthalt, schrieb dort ein Buch über die Kunst zu predigen, siedelte dann nach Stuttgart über und hoffte aufs neue ein ruhiges, seinem Amte und der Wissenschaft geweihtes Leben führen zu können. Reuchlin theilte sich mit Erasmus von Rotterdam in den Ruhm des größten deutschen Sprachgelehrten; Melanchthon war sein Schüler, alle helldenkenden Geister ehrten und bewunderten ihn, über den Scholastikern und mönchischen Finsterlingen war er ein Dorn im Auge, und diese fanden in dem Auftreten des getauften Juden Pfefferkorn gegen das Judenthum, der alle jüdischen Schriften, außer den biblischen, vernichtet wissen wollte, einen Anlaß, alle ihren Haß gegen Reuchlin, der sich gegen die Absichten Pfefferkorn’s und seiner fanatischen Anhänger erklärte, zu kehren, wodurch die berühmten Kölner Streithändel sich anspannen, aus denen der Kampf der Humanisten und Reuchlinisten gegen die Dunkelmänner sich entwickelte, an deren und der Kölner Dominikaner Spitze der bekannte, genugsam verrufene Hochstraten stand. Welchen wichtigen Einfluß dieser geistige und gelehrte Kampf auf Luther und den ganzen Beginn der Reformation geübt, welchen Antheil Luther, Spalatin, Ulrich von Hutten und Sickingen an demselben genommen, ja selbst der Kaiser, mehrere Fürsten, Cardinäle und Bischöfe, ist bekannt; Reuchlin und Hutten verfaßten die berühmten Epistolae obscurorum virorum. Der Streit dauerte zehn Jahre lang, bis theils Kaiser Maximilian eine Entscheidung zu Gunsten Reuchlin’s erwirkte, theils der allgemeine Antheil sich von ihm ab- und der neuen durch Luther begonnenen Bewegung sich zuwandte. Mittlerweile entbrannte der Aufstand seines Landes gegen Herzog Ulrich von Würtemberg, als dessen Diener Reuchlin sein Amt als Vorsitzender des schwäbischen Bundesgerichts niederlegte. Den damals mit Gefangenschaft bedrohten Reuchlin befreite von dieser Herzog Wilhelm von Bayern, der Führer des Bundesheeres, und gab ihm sicheres Geleit nach Ingolstadt. Dort las er zwar mit großem Beifall, aber unter Mangel und Entbehrungen; endlich gelang es ihm, nach Tübingen, wo er seine werthvolle Bibliothek zurückgelassen hatte, im Jahre 1521 zurückkehren zu können. In Tübingen wurde ihm gleich ein Lehramt angetragen, man freute sich seiner Rückkehr und seines Besitzes; er nahm auch den philologischen Lehrstuhl ein, aber leider nicht auf lange, denn er wurde im Jahre 1522 von der Gelbsucht befallen, ließ sich nach Stuttgart bringen und endete dort sein vielbewegtes und thätiges Leben.