Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Joseph II., deutscher Kaiser

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Joseph II., deutscher Kaiser
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 205–206
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-205.jpg


Joseph II., deutscher Kaiser.
Geb. d. 13. März 1741, gest. d. 20. Februar 1790.


Der reinste, glänzendste Stern am Himmel der ruhmreichen Geschichte Oesterreichs, Kaiser Franz I. und Maria Theresias Sohn und Liebling, später der Stolz und die Bewunderung der ganzen deutschen Nation. Die Erziehung Joseph’s leiteten tüchtige Männer, ausgezeichnet zum Theil durch Wissenschaft, zum Theil durch Feldherrengaben und Kriegsruhm. Fürst Karl Batthyani als Obersthofmeister, Staatssecretair Joh. Christ. von Bartenstein, die Jesuitenväter Franz und Porchhammer u. a. Doch fühlte nicht minder des strebenden Jünglings frischer Geist den Druck der oft allzueng gezogenen Bande, wie Preußens großer Friedrich sie gefühlt, der des künftigen Kaisers leuchtendes Vorbild wurde, zu dem es ihn voll Bewunderung und Verehrung zog, so daß er ihn im Jahre 1769 besuchte. König Friedrich II., der große Gegner Maria Theresias, erwiederte diesen Besuch im darauf folgenden Jahre im Lager zu Mährisch Neustadt, und so zeigten beide Monarchen dem staunenden Europa ein Beispiel, das in neuester Zeit ein bedeutungreiches Echo fand.

Das Jahr 1764 hatte Joseph die römische Königskrone gebracht, das folgende setzte ihm die Kaiserkrone auf das Haupt, aber noch hielt die erhabene Mutter die Zügel der Lenkung ihrer Staaten fest in der starken Hand, wie sie es gewohnt war, denn der vom Herzen treffliche Kaiser Franz I. war als Regent nur ein Schatten. Erst als auch über Maria Theresia der stille Genius 1780 die Fackel gesenkt, konnte Joseph II. sagen: nun bin ich Kaiser. Sein Geist flog seiner Zeit auf Adlerflügeln voran und voraus; Ideen, welche nach und nach in den Völkern Wurzel faßten, und erst nach seinem leider viel zu frühen Ableben allgemeinere Geltung gewannen, waren ihm schon gekommen, hatte er schon verwirklichen wollen mit seinem warm für das Wohl der Menschheit schlagenden Herzen: religiöse Duldung, Glaubensfreiheit, Befreiung der Israeliten vom Kettendruck christlicher Unduldsamkeit und grausamer Härte, Tilgung des Aberglaubens durch Beschränkung und Unterdrückung von dessen Nährquellen, aber ach, alle

„Die ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt!“

[Ξ] und wenn dies Dichterwort sich auch nicht wörtlich bei Kaiser Joseph II. erfüllte, so fand er doch überall den unglaublichsten Widerstand, die schrecklichste Verdammung und den schonungslosesten Tadel. Pfaffheit und Adel erhoben sich gegen den Reformator mit dem Christusherzen; Volksaufstände wurden erregt in Ungarn, in der Wallachei, in Belgien, und während viele Bürger und geringere Unterthanen Joseph anbeteten, erhob der Fanatismus bevorzugter Stände rebellisch das Haupt gegen seinen Herrn und Kaiser. So wurde Joseph’s Tagewerk ein schweres, nicht zu bewältigendes, sein Regentenleben ein Kampf gegen die Macht, welche der Zeit still zu stehen gebieten wollte und die Sonne in ihrem Laufe hemmen. Das ekelste Streben für Menschenwohl und Menschenbeglückung scheiterte an verrotteten Vorurtheilen, das heilige Siegel der Humanität, mit welchem Joseph II. seine Handlungen stempelte, wurde zerbrochen. Der sanfte, milde und gütige Regent hatte nicht die energische Kraft durchzufahren mit eiserner Faust – und der Hydra, die sich ihm entgegenbäumte, die Köpfe abzuschlagen, und ihre Rumpfe zu brennen. Tausend Erinnerungen vom Kaiser Joseph leben noch im Volke; schöne, rührende, herrliche Züge und Zeugnisse seines edlen Wollens, seines sittlich hohen Charakters; Reden und Handlungen, mit denen man Bücher gefüllt hat.

Manch großer Schmerz trat prüfend zu des jungen Kaisers Herzen. Seine erste, von ihm heiß geliebte Gemahlin, Isabella, Herzog Philipp’s von Parma Tochter, riß ihm der unerbittliche Tod in ihrem zweiten Kindbette von der Seite. Zum zweiten male vermählte sich Joseph mit der Tochter Kaiser Karl VII., Maria Josepha von Baiern, und auch aus dieser Ehe blieb er erbenlos.

Eine Reise nach Paris im Jahre 1777, eine zweite nach Rußland 1780 ließ den Kaiser tiefe Blicke in das geheime diplomatische Leben der Cabinete thun, und er faßte manchen hochherzigen Entschluß, das Wohl seiner Staaten zu verbessern. So ließ er für achtzehn Millionen Gulden Staatspapiere, die er von seinem Vater ererbt hatte, verbrennen.

Wie sein hohes und würdiges Vorbild, König Friedrich II. scheute auch Kaiser Joseph II. die Bevormundung des Regenten durch Minister; er hatte den festen Willen, sein Volk und sein Land glücklich zu machen, und glaubte dies auch ohne den Beirath „getreuer Stände“ zu vermögen, denn sein Blick war hell und klar, sein Wollen das lauterste, doch blieb dabei mancher Misgriff nicht vermieden, wohin u. a. die Begünstigung des Nachdrucks unbedingt zu rechnen ist. Aber von den wichtigsten Folgen und Erfolgen waren zahlreiche Verbesserungsmaßregeln in Staat und Kirche, in Rechtspflege und Gesetzgebung, im Finanz- und Steuerwesen, wie in der Militairverwaltung, und dennoch regte sich vielfacher Widerspruch, der sich in manchen Landestheilen zum öffnen Aufruhr steigerte und Truppenaufbietung nöthig machte. Heftige Gemüthsbewegungen in Folge dieser unseligen Ereignisse erschütterten den Kaiser – er fühlte das Flügelwehen des Todesengels, schrieb noch mehrere rührende Abschiedbriefe an den Fürsten Kaunitz und an die Fürstinnen Franz und Karl Lichtenstein, Kinsky und Klarv, Freundinnen, deren heiter geselliger Umgang sein Leben verschönern half – und starb als Christ in gottergebener Ruhe.

Kaiser Joseph erlag dem innern Seelenkampfe, dem Schmerz, sich nicht verstanden zu fühlen, das edelste Streben für die Menschheit, deren Schätzer er selbst sich nannte, miskannt und misdeutet zu sehen. Man hat von Gift gefabelt, das seinen frühen Tod herbeigeführt haben soll, was brauchte es des Giftes? Undank, Verkennung, Verläumdung sind fressende Gifte an weichgestimmten fühlenden Herzen, ihnen widersteht nur ein starker muthvoller Geist, dem es gegeben ist, zu zertrümmern, was ihm feindlich in den Weg tritt. Solche Geister sind aber nicht zu Segensengeln für die Menschheit berufen, und ihnen weinen Nationen nicht Thränen der Liebe nach, wie sie Kaiser Joseph II. nachgeweint wurden von denen, die sein Wollen klar erkannten.