Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Karl Friedr. Leber., Graf v. Norrmann-Ehrenfels

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Karl Friedr. Leber., Graf v. Norrmann-Ehrenfels
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aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 281–282
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
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Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen-281.jpg


Karl Friedr. Leber., Graf v. Norrmann-Ehrenfels.
Geb. d. 14. Sept. 1784, gest. d. 4. Nov. 1822.


Ein Heldenkämpfer für die Freiheit von Hellas, ein muthvoller Krieger, Koryphäe der deutschen Philhellenen, der für deren große Sache Blut und Leben freudig opferte; so sühnte er, so zu sagen, eine ihm aufgebürdete Schuld, die in mancher Augen verdunkelnd auf dem Glanz seines Lebens gleich einem trüben Wolkenschatten gelegen hatte, und stieg in dem Lande, das seine tapfere Hand der Freiheit gewinnen half, als ein Heros zum Hades nieder.

Graf Norrmann, Sohn des würtembergischen Staatsministers Philipp Christian Graf von Norrmann, der im Lande Würtemberg eine höchst bedeutende Rolle spielte, die ihm, dem Sohn eines alten Adelsgeschlechts, den Grafenstand verschaffte – kam in Stuttgart zur Welt und erwählte frühzeitig den Kriegerstand als Lebensberuf; schon im 15. Jahre seines Lebens war der junge Norrmann Lieutenant bei dem Kürassierregimente Herzog Albert und durchlief rasch die Stufen des Dienstes bis zum Rang eine Stabsrittmeisters, als welcher er ein Regiment leichte Reiterei im Feldzug gegen Oesterreich 1805 führte. In diesem Feldzug sowohl als in dem nachfolgenden zeichnete sich Graf Norrmann überall ehrenvoll aus und wurde endlich General zweier Kavallerieregimenter, die er selbst gebildet hatte und mit denen er 1813 zu dem französischen General Fournier stieß. Graf Norrmann kämpfte heldenmüthig in 27 Scharmützeln und Gefechten, hielt mit eiserner Treue zu seinem König, der leider noch im Bunde mit Napoleon war, und so kam es, daß General Norrmann mit dem Corps, welches er befehligte, gemeinsam mit den französischen Truppen unter Fournier das Lützow’sche Freicorps bei Kitzen ohnweit Leipzig überfiel und ihm eine schreckliche Niederlage beibringen half. Dieß ward ihm, dem Deutschen, von den deutschen Patrioten nie verziehen, allein er war nicht Chef, und es würde den einzelnen Heerführern schlecht anstehen, in so ernsten Kämpfen Gefühlen und patriotischen Sympathieen zu folgen, ihren Fahnen und dem obersten Kriegsherrn, dem sie den Eid der Treue geleistet, treulos zu werden. Das Gewicht dieser Wahrheit hatte gleichwohl Graf Norrmann dennoch zu empfinden, denn als er in der Schlacht [Ξ] bei Leipzig dennoch zu den Alliirten mit dem Rest seiner Truppen überging, verwirkte er völlig die Gnade seines Königs, ward mit Haft und Strafe bedroht und entzog sich letzteren Uebeln durch rasche Flucht von seiner Brigade. Erst nach dem Tode des König Friedrich I. 1816 durfte Graf Norrmann wagen, in sein Vaterland zurückzukehren, wo er in der Stille lebte, sich vermählte und seine väterlichen Güter bewirthschaften half. Diese Stille war dem noch jungen Manne indeß keineswegs das erwünschte Lebensziel; er ersehnte lebhaft eine Beschäftigung, welche vergönnte, Mannesmuth und Thatkraft zu bewähren. Mittlerweile brach der griechische Freiheitskampf aus und der Hülferuf des von der Pforte hart geknechteten Hellenenvolkes durchdrang Europa.

Zu Stuttgart zuerst von allen deutschen Städten bildete sich ein Griechenhülfsverein, und begeisterungsvoll weihte sich General Norrmann der Sache dieser jungen Freiheit; Aufrufe wurden erlassen voll Gluth und Feuer, und es fehlte nicht an kühnen Wagehälsen, die ihr Lebensloos in die Wagschalen des Looses der Griechen warfen. Mit einer entschlossenen Philhellenenschaar reiste Norrmann, Weib und Kinder verlassend, nach Marseille, wo mit dem Philhellenenwesen durch französische Abenteurer erstaunlich viel Comödie gespielt wurde. Abenteurer und Beutelschneider, Windbeutel und Prahlhänse bildeten die Mehrzahl der Helden in Hoffnung dort, Graf Norrmann, ein ganz anderer Mann, war einer der wenigen, die nicht Abenteurertrieb und Gewinnsucht nach Griechenland führte.

Zu Griechenland mit seiner Schaar, die meist aus deutschen Officieren bestand, angekommen und am 7. Febr. 1822 bei Navarino gelandet, bildete Norrmann zu Korinth ein Philhellenenbataillon, verband sich mit dem Fürsten Maurokordato und half als Chef des Generalstabes den Feldzug in Epirus leiten. Die Streitmacht bestand aus 1 Infanterieregiment und dem Bataillon. Das schwache Philhellenenbataillon Norrmann’s bestand aus 180 Mann, war in 2 Compagnien getheilt. – Maurokordato war Generalissimus und Oberst, Graf Norrmann Oberstlieutenant, dann bildeten noch ein Kommandant, ein Adjutant-Major, ein Quartiermeister und zwei Hauptleute, mehrere Adjutanten, einige Aerzte u. s. w. den Stab dieser Streitmacht; auch ein Kommandant der Artillerie war bereits ernannt, welche letztere aber noch fehlte. Die Uniformirung war höchst bunt, die Bewaffnung mangelhaft, doch der Muth groß. Man zog nach Vostitza, gelangte an die kleinen Dardanellen, in die Ebenen von Patras und Missolounghi, stieß zu Kolokotroni und machte die bittersten Erfahrungen über die Spaltung, den Unfrieden und die Treulosigkeit der Griechen und ihr planloses handeln, wie über die Eitelkeit der Heerführer, und es dauerte gar nicht lange, so sich sich Graf Norrmann sammt seinen deutschen Landsleuten vernachlässigt, gegen die französischen Philhellenen zurückgesetzt und in Schatten gestellt.

Weiter zog das Heer, das sich bedeutend verstärkt hatte, längs der Ufer des Asprotzotamo hin, wo es mancher Entbehrung ausgesetzt war, nach Komboti, bestand dort siegreich ein heftiges Treffen, in welchem General Norrmann sich vorzüglich auszeichnete, und näherte sich Peta, dem verhängnißvollen Orte, welchen der General besetzte und dann mit dem Philhellenen-Bataillon mehrere kleine Gefechte mit den Türken bestand, bis ein ungeheures Türkenheer aus Arta heranrückte und einen von den Philhellenen besetzten Felsberg zu stürmen begann. Es entspann sich ein mörderischer, heftiger, verzweiflungsvoller Kampf, welcher vielleicht trotz der Uebermacht doch günstig für die Griechenkämpfer ausgefallen wäre, wenn nicht ein verräterischer Kapitän, Namens Gogo, vom Feind bestochen, mit seiner Schaar im entscheidendsten Augenblick die Flucht ergriffen hätte. Just das Philhellenenbataillon wurde ganz umzingelt, ganz abgeschnitten, eine Kugel stürzte den General, der sich todesmuthig dem Feind entgegenwarf, vom Pferde und das Bataillon wurde fast buchstäblich vernichtet Gleichwohl gelang es, den nur durch einen Prellschuß verwundeten General aus dem Schlachtgetümmel zu tragen. Vom Philhellenenbataillon blieben nur achtzehn Mann übrig. Dennoch behielt Norrmann noch Kampfesmuth und Freudigkeit, da er sich schnell von seinem Fall erholt hatte, aber im Herbst raffte ein Nervenfieber in Folge seiner Verwundung in Missolounghi, wohin er sich mit Maurokordato zurückgezogen, den Helden hin. Er war ohnstreitig unter allen deutschen Philhellenen der bedeutendste und ruhmwürdigste, der sein Leben freudig einer schönen Sache weihte, für die sein Herz begeistert schlug.