Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen/Matthäus Merian der ältere

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Textdaten
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Autor: Ludwig Bechstein
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Titel: Matthäus Merian der ältere
Untertitel:
aus: Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen, S. 261–262
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Georg Wigand's Verlag
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Matthaeus merian der aeltere.jpg


Matthäus Merian der ältere.
Geb. d. 22. Sept. 1595, gest. d. 19. Juni 1650.


Unter den ausübenden Künstlern des siebzehnten Jahrhunderts war Merian einer der vorzüglichsten und begabtesten. Zu Basel geboren, wo sein Vater im Rathe saß, erhielt er eine gute Erziehung, und da seine Neigung zur zeichnenden Kunst sich früh entschied, so wurde er zu D. Meyer in Zürich gesendet, wo er es im zeichnen und radieren bald zur Vollkommenheit bringen lernte. Mit 20 Jahren begab sich der junge Merian nach Nancy, wo C. de la Ruelle die Zeichnung des Leichenbegängnisses Herzog Heinrich II. gefertigt hatte, um dieselbe in Kupfer zu stechen, und machte dort des genialen Callot Bekanntschaft, die nicht ohne Einfluß auf Merian blieb, wenn er auch den geistreichen Franzosen nicht nachahmte. Merian blieb 11 Jahre in Frankreich, da Paris, wohin er sich begeben hatte, ihn fesselte; eine noch stärkere Fessel aber legte ihm dann, als er nach Deutschland zurückgekehrt war, die Liebe an; er heirathete die schöne Tochter des Kupferstechers Th. de Bry, deren Bekanntschaft er zu Frankfurt am Main gemacht, unterstützte eine Zeit lang den Schwiegervater mit seiner Kunst, dann kehrte er mit seiner jungen Frau in die Heimath zurück und begann nun Landschaften und Jagden zu zeichnen, zu stechen oder zu radieren, welche sich großen Beifalles erfreuten. Da aber der Schwiegervater in Frankfurt eine Buchhandlung, hauptsächlich für illustrirte Reisewerke u. dgl., besaß, so erbat er aufs neue dringend die Hülfe des Schwiegersohnes und riß diesen so aus seinem selbständigen schaffen, vielleicht zum Nachtheil der Kunst; denn Matthäus Merian war nicht blos Zeichner und Stecher, er war auch Maler – doch wurden seine Oelbilder weniger bekannt, und nur einige davon erschienen im Stich. Merian war ein Muster deutschen Fleißes und die Menge seiner Blätter ist fast zahllos zu nennen. Er wußte meist den Landschaften und Städtebildern malerischen Effect zu verleihen, und zeichnete so treu, daß man an gewissen Burgen und kleinen ummauerten vielgethürmten Städtchen, namentlich im Frankenlande, deren Physiognomie sich im Laufe der Zeiten wenig verändert hat, immer noch erkennen kann, wie treu und treffend Merian aufnahm. Er schmückte mit Werken seiner Hand und seines Grabstichels [Ξ] mehrere Bände des Theatrum Europaeum und Gottfried’s Vier Monarchien, wie dessen große Archontologica cosmica, meist Scenen und Schlachtstücke, dann die durch ihn vorzugsweise berühmt gewordenen Zeilerschen Topographien, welche Städte und Kirchen, Burgen und Schlösser in reicher Fülle darstellen, wodurch manches Bild erhalten wurde, dessen Urbild die Zeit zertrümmerte. Stets ist die Architektur, die Perspektive und der Horizont fleißig behandelt, in den Vorgründen und Landschaften ließ der Künstler häufig seine Phantasie walten und belebte erstere mit Geschöpfen der letzteren. Die Zeit, in welcher Merian so unerschöpflich thätig war, war die unruhe- und unheilvolle Zeit des dreißigjährigen Krieges, und es ist zu verwundern, daß mitten in ihren wilden Stürmen seine Kunst dennoch Boden gewann und ihn anständig nährte. Außer den Bildern zu den erwähnten Werken stach Merian noch Bilder zu mehreren andern Büchern, viele hundert Kupfer, und ließ in zusammenhängenden Folgen Prospekte von Gärten und Waldungen, Städten und Dörfern Deutschlands, Hollands und Frankreichs, schwäbische und Rheinlandschaften, Monat-, Tages- und Jahreszeitenbilder, zahlreiche Jagdstücke, den Basler Todtentanz, einige Bilderbibeln u. s. w. erscheinen. Von werthvolleren Einzelblättern sind die Bildnisse Gustav Adolph’s und seiner Gemahlin, Wallenstein’s, Josia’s, Grafen von Waldecks, Carl’s, Prinzen von Wallis, ein Abendmahl, sowie das eigene Bild des Künstlers bemerkenswerth. Von großem geschichtlichen Interesse sind zwei einzeln selten gewordene Blätter, die sich im Theatrum Europaeum befinden: Terzky’s Gastmahl und Wallenstein’s Ermordung. Man könnte Merian den Jost Ammon seiner Zeit nennen. Wie der letztere besaß er den unermüdlichsten Fleiß, wie derselbe war er vielseitig, wie Jost Ammon’s Grabstichel war Merian’s Nadel für das feine und zierliche, für die nette Ausführung und für das charakteristische bei Personen, Figuren und der Auffassung und Gruppirung ganzer Scenen.

Merian war von seinen Zeitgenossen allseits verehrt und hochgeschätzt; seine Arbeitlust und Arbeitausdauer verließen ihn erst gegen das Ende seiner irdischen Wallfahrt. In Schwalbach, wo er durch aufnehmen von Landschaften mit zuerst seine Künstlerlaufbahn begonnen, suchte er Hülfe gegen die sich anmeldende Schwäche, wurde aber dort vom Tod ereilt. Seine Leiche wurde nach Frankfurt geführt und dort am 22. Juni 1650 beerdigt. Mehrfach werden Geburts- und Todesjahr Merian’s unrichtig angegeben, ersteres 1593 statt 1595, letzteres 1651. Gleichzeitige Bildnisse haben 1595.

Merian hinterließ drei kunstbegabte Kinder; den Sohn gleichen Vornamens, der Sandrart’s Schüler wurde und voll Kunstbegeisterung war. Auch er war, wie der Vater, Maler, Stecher und Kunsthändler zugleich – und die Tochter Maria Sibylla, die berühmte Blumen-, Muschel- und Insektenmalerin und -Stecherin, welche die Liebe zu diesem Zweige der Kunst bis nach Surinam führte – und endlich noch einen Sohn, Caspar, der auch die Kupferstecherkunst übte, doch mit minder hervorragender Meisterschaft, wie Vater, Bruder und Schwester.