Das Zigarettenetui

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
Titel: Das Zigarettenetui
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aus: Das Buch für Alle, Illustrierte Familienzeitung, Jahrgang 1911, 17tes Heft, Seite 382, 384 und 385
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Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart
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[382]
Das Zigarettenetui.


Erzählung nach Tatsachen. Von Walter Kabel.
(Nachdruck verboten.)

An einem regnerischen Abend gegen zehn Uhr betraten zwei Herren und eine Dame anscheinend in höchst angeregter Stimmung das vornehmste, in der Hauptstraße der süddeutschen Residenz gelegene Café Austria und nahmen an einem freigewordenen Marmortischchen Platz. Die Dame, eine hochgewachsene, schlanke Erscheinung mit temperamentvollem, graziös getragenem Köpfchen, war die weltberühmte Vortragskünstlerin Lola Matero, die zurzeit mit größtem Erfolg in dem ersten Varieté der Hauptstadt auftrat. Lola Matero erfreute sich in jeder Beziehung eines untadeligen Rufes. Fürsten und Könige hatten ihre Gunst zu erringen gesucht, hatten sie mit wertvollen Geschenken förmlich überschüttet. Aber niemand war es bisher gelungen, dieses ebenso talentvolle wie zurückhaltende Weib für sich zu erobern.

Erst in letzter Zeit – und die Tagespresse aller Länder hatte auch hiervon in möglichst diskreter Weise Notiz genommen – schien das Herz der schönen Matero Feuer gefangen zu haben. Hier in der Residenz war sie mit einem sehr reichen, jungen Fabrikbesitzer bekannt geworden, der sich gleich beim ersten Sehen sterblich in sie verliebt und sich ihr dann augenscheinlich mit den ernstesten Heiratsabsichten genähert hatte. Und merkwürdigerweise nahm die Künstlerin diese Bewerbung, die in der ehrerbietigsten, taktvollsten Weise geschah, nicht nur mit dankbarer Genugtuung entgegen, sondern sie zeigte auch bei den verschiedensten Anlässen, daß sie für Heinz Benkens’ offenes, liebenswürdiges Wesen mehr als eine augenblickliche Neigung empfand. Fast täglich hatte man sie in der vergangenen Woche, allerdings stets in Begleitung ihres Impresarios oder ihrer Mutter, in Gesellschaft des jungen Fabrikbesitzers gesehen, und daher erregte ihr Erscheinen im Café Austria, wo nur die elegante Lebewelt der Residenz verkehrte, auch jetzt wieder allgemeines Interesse. Ihre charakteristischen, edel geschnittenen Züge und ausdrucksvollen dunklen Augen waren ja unverkennbar, mehr noch die Fülle ihres dunklen, bis tief in die Stirn gescheitelten Haares. Doch trotz all der auf sie gerichteten neugierigen Blicke unterhielt sie sich in völlig zwangloser Weise mit ihren Begleitern. Nichts in ihrem Benehmen verriet die Varietédiva, und in harmloser Freude lauschte sie den Klängen der aufspielenden Zigeunerkapelle und beobachtete das sie umwogende bunte, großstädtische Leben und Treiben.

Etwa zehn Minuten mochten verstrichen sein, als Lola Matero plötzlich bemerkte, daß sie ihr wertvolles Zigarettenetui in dem zur Fahrt nach dem Café benutzten Auto liegen gelassen hatte.

„Hat vielleicht einer von Ihnen sich zufällig die Nummer des Automobils gemerkt, meine Herren?“ fragte sie jetzt, offenbar durch diesen Verlust aufs unangenehmste überrascht. „Ich selbst weiß nur, daß es ein hellgestrichener Wagen war. Und dieses Kennzeichen dürfte kaum genügen, um ihn aus der Menge der übrigen herauszufinden.“

„Beunruhigen Sie sich trotzdem nicht allzusehr, meine Gnädigste,“ meinte der Fabrikbesitzer eifrig. „Sie werden das Zigarettenetui auf jeden Fall zurückerhalten, dafür verbürge ich mich. Wenn Sie gestatten, werde ich, der mit den hiesigen Verhältnissen am besten vertraut ist, die notwendigen Schritte in dieser Sache einleiten. Augenblicklich läßt sich allerdings nichts anderes tun, als eine Benachrichtigung an die Polizei und ein Inserat für die Morgenzeitungen absenden. Denn auf gut Glück in den Straßen nach dem Auto zu suchen, von dem wir nicht einmal die Nummer wissen, wäre ein völlig aussichtsloses Unterfangen, ganz abgesehen davon, daß schon längst ein Dritter, der nach uns das Gefährt bestiegen hat, den kostbaren, offen auf dem Polster liegen gebliebenen Gegenstand zu sich gesteckt haben kann.“

„Ich nehme Ihr Anerbieten gern an, Herr Benkens. Und Sie haben recht: ein Inserat müßte man für die Morgenblätter aufsetzen, in dem dem ehrlichen Finder eine hohe Belohnung zugesichert wird. Mir kommt es dabei auf ein paar tausend Mark nicht an. Sie wissen, das Etui ist eine Erinnerung an den vor kurzem entthronten Schah von Persien, dem ich vor zwei Jahren in einer Privatsoiree in Paris einiges vortragen durfte. Am besten ist wohl, man sagt dem Wiederbringer des Wertstückes gleich eine Belohnung von zweitausen Mark zu. Eine solche Summe lockt wohl jeden und verhindert hoffentlich, daß man die Brillanten aus dem Deckel herausbricht und das Gold einschmilzt, da das Etui in seiner jetzigen Gestalt kaum verkäuflich sein dürfte.“

„So viel?“ meinte der Fabrikbesitzer etwas erstaunt. „Hat das Etui denn wirklich einen so hohen Wert, der eine derartig große Belohnung rechtfertigt?“

„Es ist auf fünfzehntausend Mark abgeschätzt,“ mischte sich jetzt Signor Kalzani, der Impresario, ein. „Außerdem besitzt es für unsere Diva eben noch einen Idealwert als Andenken an einen der generösesten morgenländischen Herrscher. Mag es also bei den zweitausend Mark bleiben.“

Heinz Benkens ließ darauf sofort Papier, Feder und Tinte kommen, und man entwarf gemeinsam den Wortlaut der Anzeige an die Polizeibehörde und den des Zeitungsinserates, von dem man sich guten Erfolg versprach.

Gerade als der Fabrikbesitzer bei dem Kellner das notwendige Schreibmaterial bestellte, erhob sich von einem der benachbarten Tische ein einzelner, elegant gekleideter Herr mit einem auffallend gelblichen Teint und dichtem schwarzen Schnurrbart, legte das illustrierte Blatt, in dem er bis dahin anscheinend eifrig gelesen hatte, auf einen leeren Stuhl, zahlte und verließ, langsam sich die Handschuhe überstreifend, das Lokal. Kaum hatte er aber die Straße betreten, als er seine Schritte plötzlich bedeutend beschleunigte. Und den zum Schutz gegen den feinen Sprühregen aufgespannten Schirm möglichst tief haltend, so daß sein Gesicht völlig verdeckt wurde, eilte er in der Richtung nach dem nahen Opernhause davon. Dabei murmelte er unaufhörlich leise vor sich hin, lachte auch bisweilen höhnisch auf. „Und der Tropf will hier Bescheid wissen! Lächerlich! Jedem Einheimischen, der nur halbwegs gewohnt ist, die Augen offen zu halten, muß bekannt sein, daß alle Autos, die um diese Zeit Gäste nach dem Café Austria bringen oder sonst hier in der Gegend frei werden, sich nachher vor dem Opernhause aufreihen, wo die Vorstellung meist erst gegen elf Uhr schließt und die Gefährte daher regelmäßig zu tun bekommen.“

[384] Inzwischen hatte er den Halteplatz der Automobile erreicht. Aber achtlos ging er an den ersten Wagen vorüber. Erst bei den letzten der endlos langen Reihe verlangsamte er seine Schritte und steuerte jetzt auf eine Gruppe von sechs Chauffeuren zu, die in ihren glänzenden Lederanzügen unbekümmert um den rieselnden Regen beieinander standen.

„Hat vielleicht einer von Ihnen vor etwa einer Viertelstunde zwei Herren und eine Dame nach dem Café Austria gebracht?“ fragte er die Wagenführer absichtlich in ziemlich aufgeregtem Tone, wobei er jedoch sein Gesicht nach Möglichkeit unter dem Schirm zu verbergen suchte.

Die Antwort der Leute fiel verneinend aus. Trotzdem ließ er sich nicht entmutigen. Er schritt jetzt die Kette der Autos entlang, um dieselbe Frage auch an jene Chauffeure zu richten, welche ihren Führersitz nicht verlassen hatten. Auf diese Weise gelang es ihm wirklich, den rechten herauszufinden.

„Meine Frau hat nämlich in Ihrem Wagen ihr Zigarettenetui liegen lassen, das recht wertvoll ist,“ sagte er zu diesem erklärend. „Haben Sie das Etui vielleicht gefunden?“

„Nein!“ meinte der Mann. „Aber es wird schon noch da sein. Mag der Herr nur nachsehen – ich habe inzwischen keinen Fahrgast gehabt.“

Das Zigarettenetui lag wirklich in einer Ecke des Polsters. Offenbar hocherfreut reichte der Unbekannte dem ahnungslosen Chauffeur ein größeres Geldstück hin und eilte dann wieder in der Richtung nach dem Café Austria davon.

***

In einer jener engen Gassen, die auf den Freihafen der alten Handelstadt Hamburg münden, liegt ein kleiner Laden, dessen niedriges Schaufenster nur billige Talmischmucksachen enthält, trotzdem über der Tür des armseligen Geschäftes ein Schild mit der protzigen Aufschrift „Ernst Meinas, Juwelier“ hängt. Ernst Meinas war schon seit langer Zeit ein Sorgenkind der Hamburger Polizei, die ihn stark im Verdacht hatte, seinen Beruf als Goldarbeiter nur als Deckmantel für eine ausgedehnte Tätigkeit als Hehler zu benützen. Aber bisher hatte man dem alten wortkargen Junggesellen, der wie ein Fuchs in seinem Bau in einem mehr wie ärmlich eingerichteten Stübchen hinter dem eigentlichen Geschäftsraum hauste, nichts nachweisen können, was geeignet gewesen wäre, ihn mit den Strafgesetzen in Konflikt zu bringen. –

Es war kurz vor acht Uhr abends, und Ernst Meinas hatte soeben die dicken Holzläden vor dem Schaufenster befestigt, als ein schlanker, in einen hellgrauen Ulster gekleideter Herr eilig die düstere Gasse entlang kam und dann vor dem kleinen, buckligen Manne stehen blieb.

„’n Abend, Meinas!“ sagte der Fremde kurz. „Lassen Sie mich schnell eintreten. Es ist nicht gerade nötig, daß mich jemand beobachtet.“

Der Goldarbeiter hatte erst argwöhnisch aufgeschaut. Dann aber glitt ein Ausdruck des Erkennens über sein faltiges, bartloses Gesicht. „Gehen Sie nur voran,“ meinte er in seinem heiseren Flüsterton, den er sich im Laufe der Jahre angewöhnt hatte. „Sie wissen ja Bescheid, Carlitta. In meiner Wohnstube brennt Licht. Ich will nur noch die Ladentür verschließen.“

Dann saßen sich die beiden in dem kleinen Gemach an dem wackeligen Mitteltisch beim Schein einer Petroleumlampe gegenüber.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, Ernesto,“ begann der Alte, nachdem er vor seinen Gast ein flaches Kistchen Zigarren hingestellt hatte. „Vor zwei Jahren waren Sie zum letzten Male bei mir, soweit ich mich besinne.“

„Stimmt. Und am Tage darauf nahmen sie mich in Altona fest. Ein Jahr habe ich brummen müssen. Verwünschtes Pech! Und das wegen einer lumpigen Brieftasche mit kaum vierhundert Mark Inhalt! – Doch sprechen wir nicht mehr davon. Es war meine erste Strafe, und sie hat mir gar nicht gefallen.“

Meinas nickte lächelnd vor sich hin. „Glaub' ich gern. - Nun stecken Sie sich zunächst einmal eine von den Zigarren an. Sie sind ganz rauchbar. Echte Importen. Und wenn Sie Durst auf ein Glas alten Rotwein haben – mit dem kann ich auch dienen.“

„Danke. Hab’ es eilig. Denn hier ist man nie sicher, ob nicht in nächster Minute die Geheimen anklopfen. Und denen möchte ich gerade hier nicht gern begegnen. Trotzdem, eine Zigarre verschmähe ich nicht. Ich weiß ja, daß Sie kein schlechtes Kraut führen. – So, und nun zur Sache. – Ich habe da vorgestern abend ein goldenes, brillantenbesetztes Zigarettenetui erbeutet. Die näheren Umstände brauche ich nicht mitzuteilen. Es steht alles genau in diesem Blatte der Residenzzeitung. Lesen Sie den Artikel durch.“

Meinas rückte näher an die Lampe heran und überflog die Notiz. Dann faltete er die Zeitung wieder zusammen und reichte sie Carlitta zurück. „Zeigen Sie mir das Etui. Wenn’s wirklich so hohen Wert besitzt, wie aus dem Blatte hervorzugehen scheint, bin ich gern bereit, einen anständigen Preis dafür zu zahlen,“ meinte er geschäftsmäßig.

„Hier ist’s. Aber ich kann es nur unter einer Bedingung hergeben. Sie müssen mir von diesem Etui drei völlig getreue Nachbildungen in kürzester Zeit besorgen, Nachbildungen, die dem Original in jeder Einzelheit, jeder Kratzspur auf dem Deckel, jedem Buchstaben der innen eingestempelten Firma des Pariser Juweliers und der auf der Rückseite befindlichen Widmung gleichen müssen, nur daß Sie dazu eben unedles Metall und falsche Steine verwenden sollen. – Glauben Sie das machen zu können?“

Der Alte betrachtete das kostbare Zigarettenbehältnis erst ganz genau, bevor er antwortete: „Ein schweres, langwieriges Stück Arbeit. Aber unmöglich ist’s nicht. Und ganz billig wird die Sache auch nicht werden. Ich muß sehr gute Similisteine verwenden, wenn die Nachbildungen täuschend ausfallen sollen.“

„Nennen Sie mir den Preis. Wie gesagt, ich brauche drei Stück, und zwar müßten sie spätestens in zwei Wochen fertig sein.“

Nach einigem Feilschen wurden sie handelseinig, und Meinas, der für das Etui sechstausendfünfhundert Mark geboten hatte, zählte Carlitta bedächtig fünftausend Mark in Papiergeld hin. Den Rest des vorgeschlagenen Kaufpreises zog er sich als Arbeitslohn und Vorschuß zu den notwendigen Auslagen für die drei bestellten Fälschungen ab.

***

Heinz Benkens, der jugendliche Besitzer der Maschinenfabrik Saxonia, bewohnte in dem Industrievorort der Residenzstadt eine kleine Villa, die mit ihrem parkähnlichen Garten an das Fabrikgelände der weltbekannten Firma angrenzte. Eines Morgens saß er in seinem Speisezimmer am Kaffeetisch und las mit größter Aufmerksamkeit einen Artikel der letzten Abendzeitung, dessen Einrücken in die Blätter der Hauptstadt er selbst mit veranlaßt hatte.

„Unseren Lesern dürfte noch bekannt sein, daß die zu unseren allerersten Varietégrößen zu rechnende Lola Matero vor ungefähr drei Wochen in einem Auto ein goldenes Zigarettenetui liegen ließ, dessen Deckel den Namenszug der Künstlerin in Brillanten zeigte und dessen Rückseite mit einer eingravierten Widmung eines kürzlich ins Exil geschickten asiatischen Monarchen versehen war. Trotzdem Fräulein Matero dem ehrlichen Finder des kostbaren Stückes öffentlich eine Belohnung von zweitausend Mark zusicherte, trotzdem man weiß, daß ein Unbekannter das Etui mit größter Unverfrorenheit sich als das angebliche Eigentum seiner Frau aneignete, ist die Künstlerin bisher nicht wieder in den Besitz des wertvollen Andenkens gelangt. Ebensowenig konnte die Kriminalpolizei bei all ihren eifrigen Recherchen die Person jenes frechen Gauners ermitteln, der das Wertstück an sich brachte, indem er den Chauffeur des betreffenden Autos durch sein sicheres Auftreten völlig zu täuschen wußte, wobei er noch die Vorsicht besaß, seine Gesichtszüge möglichst verborgen zu halten, so daß man über sein Äußeres leider nur die oberflächlichsten Angaben hat. Fräulein Matero, die zurzeit ein vierzehntägiges Gastspiel in Dresden absolviert, bittet uns nun darauf hinzuweisen, daß sie die Belohnung für den Wiederbringer des Etuis auf zweitausendfünfhundert Mark erhöht. Wir machen daher auch auf die Annonce (letzte Seite unseres Blattes) besonders aufmerksam. Hoffentlich läßt sich der ‚ehrliche Finder‘ durch die Zusicherung, daß die Künstlerin seinen Namen verschweigen und von jeder weiteren Verfolgung der Angelegenheit absehen wolle, dazu bewegen, seine Beute endlich herauszugeben. Außerdem sind wir noch imstande, unseren Lesern mit einer interessanten Neuigkeit aufzuwarten. Fräulein Matero hat nämlich den Abschluß aller weiteren Engagementsverträge ohne nähere Begründung abgelehnt …“

Hier ließ Heinz Benkens ganz verblüfft die Zeitung sinken. Also auch das hatten die findigen Reporter bereits herausspioniert, trotzdem die Beteiligten um strengstes Stillschweigen gebeten worden waren, da es keineswegs in Benkens Absicht gelegen hatte, diese Mitteilung wegen der leicht daran zu knüpfenden Folgerungen schon jetzt in die Presse gelangen zu lassen. Gespannt las er weiter. Und wirklich, da hieß es: „– ohne nähere Begründung abgelehnt, woraus hervorgehen dürfte, daß die Künstlerin ihren Namen bald gegen den eines in unserer Residenz recht bekannten Besitzers großer industrieller Unternehmungen eintauschen wird, ein Ereignis, das wir unseren Lesern bereits vor einiger Zeit voraussagen konnten.“ –

Eine Stunde später – Heinz Benkens wollte sich gerade nach der Fabrik begeben – wurde ihm ein Mann gemeldet, der ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschte. Trotzdem der Besucher dem Diener seinen Namen nicht angegeben hatte, ließ Benkens ihn doch in sein Arbeitszimmer rufen.

Der Fremde war niemand anderes als Ernesto Carlitta, nur hatte er jetzt sein sonst stets so elegantes Äußere entsprechend der Rolle, die er zu spielen gedachte, recht geschickt verändert. Er trug einen recht fadenscheinigen Sommerüberzieher mit viel zu kurzen Ärmeln, unter dem ebenso ausbesserungsbedürftige Beinkleider trübselig hervorschauten und auf ein Paar zerrissene Stiefel herabfielen. Seinen starken schwarzen Schnurrbart hatte er sich ebenfalls abnehmen lassen, und wie er jetzt vor dem reichen Fabrikherrn stand, ahmte er in Haltung und Miene aufs glücklichste einen armen, von Schicksalsschlägen hart mitgenommenen Bittsteller nach.

„Sie wünschen?“ fragte Heinz Benkens neugierig, nachdem er die klägliche Gestalt des Mannes kurz gemustert hatte. Er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, was dieser so reduziert aussehende Mensch ihm wohl Wichtiges mitzuteilen haben könnte.

Ernesto Carlitta stieß zunächst einen tiefen Seufzer aus, bevor er stockend begann: „Ich komme, um Ihnen ein Geständnis zu machen, Herr Benkens. Mein Name tut nichts zur Sache. Ich bin Musiker, und zwar Geiger. Vor zwei Monaten verlor ich durch eine plötzliche Erkrankung an Blinddarmentzündung meine bisherige Stellung und mußte mich sogar operieren lassen, wodurch meine geringen Ersparnisse völlig aufgezehrt wurden. Nach meiner Genesung versuchte ich vergeblich bei einer Kapelle wieder unterzukommen. Schließlich sank ich bis zum Bierfiedler in den gewöhnlichsten Vorstadtkneipen herab, so sehr sich auch alles in mir gegen diese demütigende Tätigkeit sträubte. – Eines Abends im vorigen Monat nun kam ich - meine anständigen Kleider lagen damals noch nicht auf dem Leihhaus! – am Café Austria vorüber. Und da packte mich mit einem Male die unwiderstehliche Lust, einmal wieder unter anständig gekleideten Leuten zu sitzen und mein Elend, wenn auch nur für eine Stunde, zu vergessen. Ich hatte außerdem gerade meine Uhr versetzt und ein paar Mark in der Tasche. Mich fror auch in dem naßkalten Wetter, und so betrat ich denn das Café, bestellte mir ein Glas Grog und durchblätterte die Rubrik der Stellenangebote in den Zeitungen, ob ich nicht vielleicht etwas für mich Passendes fände. Nach einer Weile setzten sich zwei Herren und eine Dame an den Nebentisch. Ich habe stets ein sehr gutes Ohr gehabt, und so konnte ich deutlich jedes Wort verstehen, das die Herrschaften miteinander sprachen. Zunächst interessierte mich die Unterhaltung wenig. Eigentlich nur aus Langerweile horchte ich hinüber. Dann aber kam die Rede auf ein Zigarettenetui, welches die Dame im Automobil vergessen hatte.“

Wieder seufzte der Mann traurig auf.

„Weiter – weiter!“ drängte Heinz Benkens. Er ahnte, was jetzt kommen würde.

„Ja, und da – da bin ich armer Teufel der Versuchung unterlegen, bin zum ersten Male in meinem Leben vom rechten Pfade abgewichen. Ich wußte, daß die meisten Autos, die gegen zehn Uhr abends Gäste nach dem Café Austria oder einem der anderen in der Nähe gelegenen Lokale bringen, nachher vor dem Opernhause sich aufreihen. Und dieses Vertrautsein mit den Gepflogenheiten der Autotaxameter sollte mich zum Diebe machen. Das weitere brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, Herr Benkens. Wie ich das Etui an mich brachte, stand ja in allen Zeitungen, die mich mit entsprechenden Ehrentiteln belegten.“

Der angebliche stellenlose Musiker reckte sich jetzt höher.

„Nun, ein Spitzbube bin ich doch nicht geworden! Kaum hatte ich das Etui in der Tasche, als mich auch schon die bitterste Reue packte. Lange habe ich hin und her überlegt, was ich tun sollte. Ich wollte den kostbaren Gegenstand schon anonym an Fräulein Matero zurückschicken. Ich wagte es aber nicht, da ich fürchtete, durch irgend einen Zufall dabei der Polizei in die Hände zu fallen. Ich war eben völlig kopflos geworden. Stets schwebte mir das Schreckgespenst des Gefängnisses vor Augen. Ich glaubte mich überall von Häschern umgeben und traute mich kaum mehr auf die Straße hinaus. So vergingen fast drei Wochen. Da las ich gestern abend in der Zeitung, daß Fräulein Matero die Belohnung für [385] den Wiederbringer des Zigarettenetuis noch erhöht und außerdem versprochen hat, gegen den so Vielgeschmähten, der sich das Wertstück anzueignen wußte, nicht weiter vorzugehen. Wie eine Erlösung waren diese Zeilen für mich. Inzwischen hatte ich nun auch erfahren, daß Sie, Herr Benkens, zu der Dame in näheren Beziehungen stehen. Weil mir nun die Mittel fehlten, nach Dresden zu fahren und Fräulein Matero persönlich ihr Eigentum zurückzustellen, habe ich mich zu Ihnen gewagt, in der Hoffnung, Sie werden Mitleid mit mir haben und mich nicht den Behörden ausliefern. Hier ist das Etui. Ich danke Gott, daß ich’s auf diese Weise wieder loswerde.“

Damit reichte er dem Fabrikbesitzer einen vielfach in Seidenpapier gewickelten Gegenstand hin.

Ungeduldig riß Benkens die Hülle auseinander. Kein Zweifel – es war das gesuchte Etui, aus dem Lola Matero dem glücklichsten ihrer Verehrer früher so manche Zigarette angeboten hatte.

In seiner Freude besann sich Heinz Benkens auch nicht einen Augenblick, dem reuigen Sünder die ausgesetzte Summe von zweitausendfünfhundert Mark auszuzahlen. Nur ein Gedanke beherrschte ihn: Welch eine Überraschung für Lola, wenn ich ihr das Etui übergeben werde, an dem ihr kleines, eitles Frauenherzchen so sehr hängt!

Um diese Überraschung möglichst bald zu genießen, beschloß er, sofort mit dem nächsten Zuge die kaum dreistündige Bahnfahrt nach der sächsischen Residenz anzutreten. Den sich in Danksagungen erschöpfenden Musiker aber entließ er mit den ehrlichst gemeinten, besten Wünschen für dessen Zukunft. –

Am Nachmittag desselben Tages klingelte Benkens an der Tür des vornehmen Fremdenpensionats, in dem Lola Matero mit ihrer Mutter für die Dauer ihres Dresdener Aufenthaltes drei elegant möblierte Zimmer bewohnte. Und wenige Minuten später hielt der überselige Heinz sein Bräutchen in den Armen.

Nachdem die erste Wiedersehensfreude sich etwas gelegt hatte, begann Benkens in gemacht ernstem Tone: „Und nun, Schatz, setz’ dich, bitte, mal dort in den Sessel. – Bitte, gehorsam sein! So … – Es soll vorkommen, daß zartbesaitete Damen vor freudiger Überraschung umsinken, und das möchte ich verhüten. Ich habe nämlich eine Überraschung für dich, eine große, große Überraschung sogar.“

„Wie, du auch, Heinz? – Denk’ dir, heute morgen habe ich dir einen Brief geschickt und um dein schleuniges Kommen gebeten. Ich wollte dich nämlich auch mit etwas überraschen. Und nun hat dich genau derselbe Grund hergeführt! Ist das nicht komisch?“

„Allerdings! Aber, süße Lola, glaube mir, das, was ich dir zu eröffnen habe, dürfte doch das Wertvollere sein. Sieh doch, bitte, einmal nach, was dieses Päckchen enthält!“

„Einen Moment!“ – Lola Mateo eilte ins Nebenzimmer, um dann mit einem ziemlich gleich großen, in Papier eingewickelten Gegenstand zurückzukommen. „So, Heinz,“ meinte sie lachend, „nun zähle ich bis drei. Auf ‚drei‘ enthüllen wir gemeinsam unsere Überraschungen. Eins – zwei – drei!“

Mit verblüffteren Gesichtern hat sich wohl selten ein Liebespaar angesehen. Beide hielten zwei sich völlig gleichende Zigarettenetuis in den Händen, die beide auf dem Deckel den Namenszug der Varietédiva in Brillanten trugen.

Der erste, der sich so weit faßte, um überhaupt etwas sagen zu können, war Heinz Benkens. Mit dumpfer Stimme und einem trübseligen Blick meinte er kleinlaut: „Ich fürchte, Schatz, ich bin einem Schwindler in die Hände gefallen.“

„Oder ich.“

„Wer hat dir denn das Ding gebracht?“

Lola hatte das Etui von demselben Menschen unter fast denselben Worten am Abend vorher erhalten.

„Jetzt ist mir alles klar,“ meinte der aus allen Himmeln gestürzte Bräutigam ingrimmig. „Der Halunke hat sich irgendwo zwei dem Original täuschend ähnliche Zigarettenetuis, die natürlich fast wertlos sind, anfertigen lassen und dann auf eine günstige Gelegenheit zur Ausführung seines Streiches gewartet. Diese Gelegenheit glaubte er gekommen, als er gestern unsere neue Annonce las. Nun, noch ist der Bursche mit seinem Raube nicht in Sicherheit! Wir haben ja jetzt sein genaues Signalement, und mit dessen Hilfe gelingt es hoffentlich, diesen ebenso erfindungsreichen wie frechen Glücksritter irgendwo aufzustöbern. Ich werde jedenfalls sofort nach dem Polizeipräsidium fahren und Meldung erstatten. Am besten ist, du kommst mit. Wir könnten ja noch schnell bei einem Juwelier vorsprechen und die beiden Etuis untersuchen lassen. Vielleicht ist eines davon doch das echte, wenn ich’s allerdings auch kaum zu glauben wage.“ –

Als das Brautpaar nach einer Stunde recht niedergeschlagen zurückkam – die Untersuchung der Etuis hatte nämlich ergeben, daß es sich bei beiden um äußerst genaue Nachbilduugen handelte, die aus einem goldähnlichen Metall und Similisteinen hergestellt waren – fand Lola Matero eine an sie adressierte lange Depesche aus der süddeutschen Residenzstadt vor, die zum abermaligen Schrecken der schon so hart Geprellten folgenden Inhalt hatte:

„Soeben Ihr Zigarettenetui, das mir von Ihrem letztem Aufenthalt in unserem Hotel wohlbekannt war, von einem armen, reuigen Musiker gegen die ausgesetzte Belohnung zurückerhalten. Glaubte in Ihrem Sinne zu handeln, daß ich den Mann, der mir erzählte, er hätte zunächst Herrn Benkens, der verreist gewesen wäre, aufgesucht und besäße selbst nicht das Geld zur Fahrt nach Dresden, nicht weiter belästigte. War mir außerdem ein Vergnügen, für hochverehrte Künstlerin die Summe auslegen zu dürfen. Schicke Etui durch sichere Person noch heute Ihnen zu. Mit vorzüglichster Hochachtung Ihr ergebenster Mittler, Hoteldirektor, Hotel Bristol.“

„Das dritte!“ stöhnte Heinz Benkens.

„Hoffentlich das letzte, sonst werde ich durch diesen unglaublichen Schwindel noch arm!“ fügte Lolo Matero in komischer Verzweiflung hinzu.

***

Ernesto Carlitta blieb spurlos verschwunden. Anscheinend hatte er das Feld seiner Tätigkeit nach einem anderen Erdteil verlegt.

Lola Mateo aber erhielt von ihrem Gatten am Morgen nach ihrer Hochzeit ein Zigarettenetui als Morgengabe, welches die vierte Nachbildung jenes Andenkens an den persischen Schah darstellte – allerdings mit dem Unterschied, daß diese noch bedeutend wertvoller als das Original war.