Der Rabe (Übersetzung Strodtmann)

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Autor: Edgar Allan Poe
Titel: Der Rabe
Untertitel:
aus: Lieder- und Balladenbuch amerikanischer und englischer Dichter der Gegenwart, Seite 12-29
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Hoffmann & Campe
Drucker: Jacob & Holzhausen
Erscheinungsort: Hamburg
Übersetzer: Adolf Strodtmann
Originaltitel: The Raven
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Andere Übersetzungen siehe Der Rabe
Um die Gegenüberstellung von Übersetzung und Originalsprache wie in der Vorlage darzustellen, wurden die Strophen hier wechselweise untereinander wiedergegeben.
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[12]
Edgar Allan Poe.

Geb. 1811 zu Baltimore, führte dieser originelle Geist ein unstetes und regelloses Schriftstellerleben, und starb 1849 in seiner Geburtsstadt. Eine wohlgeordnete Ausgabe seiner Werke wurde nach seinem Tode durch R. W. Griswold veranstaltet. Seine mysteriösen Erzählungen erinnern häufig an E. T. A. Hoffmann’s Manier – jedoch mit dem Unterschiede, daß Poe seine geheimnisvollen Wunder in der Regel am Schluß mit nüchternem Verstande erklärt. Unter seinen nicht eben zahlreichen Gedichten gehören manche zu den kostbarsten Perlen der englischen Literatur. Die rückerschaffende Analyse des „Raben“ ist vielleicht der interessanteste Aufschluß, den uns je ein Schriftsteller über das Geheimnis eines bewussten dichterischen Schaffens gewährt hat.


 Der Rabe.
Einst zur Nachtzeit, trüb und schaurig, als ich schmerzensmüd und traurig
Saß und brütend sann ob mancher seltsam halbvergessnen Lehr’, –
Als ich fast in Schlaf gefallen, hörte plötzlich ich erschallen
An der Thür ein leises Hallen, gleich als ob’s ein Klopfen wär’.

5
„’S ist ein Wandrer wohl,“ so sprach ich, „der – verirrt von ungefähr, –

 Ein Verirrter, sonst Nichts mehr.“


[13]

 The Raven.

Once upon a midnight dreary, while I pondered, weak and weary,
Over many a quaint and curious volume of forgotten lore –
While I nodded, nearly napping, suddenly there came a tapping,
As of some one gently rapping, rapping at my chamber door.

5
„’Tis some visiter,“ I muttered, „tapping at my chamber door –

 Only this and nothing more.“


[14]

In der rauhsten Zeit des Jahres, im Decembermonat war es,
Flackernd warf ein wunderbares Licht das Feuer rings umher.
Heiß ersehnte ich den Morgen; – aus den Büchern, ach! zu borgen

10
War kein Trost für meine Sorgen um die Maid, geliebt so sehr,

Um die Maid, die jetzt Lenore wird genannt im Engelsheer –
 Hier, ach, nennt kein Wort sie mehr!


[15]

Ah, distinctly I remember, it was in the bleak December,
And each separate dying ember wrought its ghost upon the floor.
Eagerly I wished the morrow; – vainly I had sought to borrow

10
From my books surcease of sorrow – sorrow for the lost Lenore –

For the rare and radiant maiden whom the angels name Lenore –
 Nameless here for evermore.


[14]

Jedes Rascheln, jedes Rauschen in des seidnen Vorhangs Bauschen
Weckt’ in mir ein ängstlich Grausen, das ich nie gefühlt vorher,

15
Also dass, mein Herzenspochen zu betäuben, ich gesprochen:

„Ei, wer sollte jetzt wohl pochen, wenn es nicht ein Wandrer wär’? –
Ja, ein Wandrer, der an meiner Thür verirrt von ungefähr –
 Das wird’s sein, und sonst Nichts mehr.“


[15]

And the silken sad uncertain rustling of each purple curtain
Thrilled me – filled me with fantastic terrors never felt before;

15
So that now, to still the beating of my heart, I stood repeating

„’Tis some visiter entreating entrance at my chamber door –
Some late visiter entreating entrance at my chamber door;
 This it is and nothing more.“


[14]

Und ermuthigt jetzo stand ich auf, und Kraft und Ruhe fand ich;

20
„Um Verzeihung, Herr,“ so sprach ich, „oder Dame, oder wer!
[16]

Doch ich war in Schlaf gefallen, und so leise war das Schallen
Eures Pochens, dass sein Hallen kaum gedrungen zu mir her.“ –
Damit stieß ich auf die Thüre: – „Tretet ein, wer da ist, wer!“ –
 Dunkel rings, und sonst Nichts mehr.


[15]

Presently my soul grew stronger; hesitating then no longer,

20
„Sir,“ said I, „or Madam, truly your forgiveness I implore;
[17]

But the fact is I was napping, and so gently you came rapping,
And so faintly you came tapping, tapping at my chamber door,
That I scarce was sure I heard you“– here I opened wide the door: –
 Darkness there and nothing more.


[16]
25
Ängstlich in das Dunkel starrend blieb ich stehn, verwundert, harrend,

Träume träumend, die kein armer Erdensohn geträumt vorher.
Doch nur von des Herzens Pochen ward die Stille unterbrochen,
Und als einz’ges Wort gesprochen ward: “Lenore?“ kummerschwer,
Selber sprach ich’s, und: „Lenore!“ trug das Echo zu mir her, –

30
 Nur dies Wort, und sonst Nichts mehr.


[17]
25
Deep into that darkness peering, long I stood there wondering, fearing,

Doubting, dreaming dreams no mortals ever dared to dream before;
But the silence was unbroken, and the stillness gave no token,
And the only word there spoken was the whispered word, „Lenore?“
This I whispered, and an echo murmured back the word, „Lenore!“ –

30
 Merely this and nothing more.


[16]

Und zurückgekehrt ins Zimmer, stürmisch aufgeregt wie nimmer,
Hört’ ich bald ein neues Klopfen, etwas lauter als vorher.
„Sicher an dem Fensterladen pocht’ es – wohl, es kann nicht schaden,

[18]

Dass ich suche nach dem Faden, der dies Räthsel mir erklär’, –

35
Still, mein Herz, ein Weilchen, dass ich dieses Räthsel mir erklär’!

 ’S ist der Wind, und sonst Nichts mehr!“


[17]

Back into the chamber turning, all my soul within me burning,
Soon again I heard a tapping something louder than before.
„Surely,“ said I, „surely that is something at my window lattice;

[19]

Let me see, then, what thereat is and this mystery explore –

35
Let my heart be still a moment and this mystery explore;

 ’Tis the wind and nothing more.“


[18]

Auf riss ich das Fenster klirrend – siehe, gravitätisch schwirrend
Schritt ein Rabe, groß und mächtig, in das Zimmer zu mir her.
Nicht mit einem Gruß bedacht’ er mich, kein Dankeszeichen macht’ er,

40
Vornehm stolz zur Ruhe bracht’ er sein Gefieder, regenschwer,

Flog auf eine Pallasbüste ob der Thüre sacht und schwer,
 Saß dort still, und sonst Nichts mehr.


[19]

Open here I flung the shutter, when, with many a flirt and flutter,
In there stepped a stately Raven of the saintly days of yore.
Not the least obeisance made he; not a minute stopped or stayed he,

40
But, with mien of lord or lady, perched above my chamber door –

Perched upon a bust of Pallas just above my chamber door –
 Perched, and sat, and nothing more.


[18]

Und der schwarze Vogel machte, dass ich trotz der Trauer lachte,
So possierlich ernst und finster saß ob meiner Thüre er.

45
„Ob dein Kamm auch kahl geschoren, bist als Feigling nicht geboren,

Alter Rabe, der verloren irrt im nächt’gen Schattenmeer!

[20]

Sprich, wie bist du denn geheißen im pluton’schen Schattenmeer?“
 Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“


[19]

Then this ebony bird beguiling my sad fancy into smiling,
By the grave and stern decorum of the countenance it wore,

45
„Though thy crest be shorn and shaven, thou,“ I said, „art sure no craven,

Ghastly grim and ancient Raven wandering from the Nightly shore –

[21]

Tell me what thy lordly name is on the Night’s Plutonian shore!“
 Quoth the Raven: „Nevermore.“


[20]

Und den Unhold mit Erstaunen hört’ ich also deutlich raunen,

50
Ob die Antwort auch geschienen wenig tief und inhaltschwer;

Denn wir müssen wohl gestehen, dass es Keinem noch geschehen,
Einen Vogel je zu sehen, der vor ihm gesessen wär’,
Der auf einer Büste über seiner Thür gesessen wär’,
 Mit dem Namen „Nimmermehr.“


[21]

Much I marvelled this ungainly fowl to hear discourse so plainly,

50
Though its answer little meaning – little relevancy bore;

For we cannot help agreeing that no living human being
Ever yet was blessed with seeing bird above his chamber door –
Bird or beast upon the sculptured bust above his chamber door,
 With such name as „Nevermore.“


[20]
55
Doch der Rabe auf der Büste sprach das eine Wort, als wüsste

Dies er nur, als ob sein ganzes Herz darin ergossen wär’.
Nichts, das weiter ihn erregte, keine Feder er bewegte,
Bis ich leis die Lippen regte: „Andre Freunde flohn seither –
Morgen wird auch er entfliehen, wie die Hoffnung floh seither.“

60
 Sprach der Vogel: „Nimmermehr.“


[21]
55
But the Raven, sitting lonely on that placid bust, spoke only

That one word, as if his soul in that one word he did outpour.
Nothing farther then he uttered; not a feather then he fluttered –
Till I scarcely more than muttered: „Other friends have flown before –
On the morrow he will leave me, as my Hopes have flown before.“

60
 Then the bird said: „Nevermore.“


[22]

Als die Stille unterbrochen jenes Wort, so klug gesprochen,
Dacht’ ich: Was er sagt, ist sicher seine ganze Mähr’ und Lehr’,
Die er seinem Herrn, dem armen, abgelauscht, den ohn’ Erbarmen
Schlug das Unglück, bis der warmen Hoffnung Stern erlosch im Meer,

65
Bis von einer Trauerklage alle seine Lieder schwer,

 Von der Klage: „Nimmermehr!“


[23]

Startled at the stillness, broken by reply so aptly spoken,
„Doubtless,“ said I, „what it utters is its only stock and store,
Caught from some unhappy master whom unmerciful Disaster
Followed fast and followed faster till his songs one burden bore –

65
Till the dirges of his Hope that melancholy burden bore

 Of ‚Never – nevermore.‘“


[22]

Immer noch der Rabe machte, dass ich trotz der Trübsal lachte;
Einen Sammetsessel endlich rollt’ ich näher zu ihm her.
In die Polster mich versenkend, sann ich, Arm in Arm verschränkend,

70
Träumrisch nach, bei mir bedenkend, was von dieses Vogels Mähr’,

Was der Sinn von des gespenstisch finstern Vogels Krächzen wär’,
 Der da schnarrte: „Nimmermehr.“


[23]

But the Raven still beguiling all my sad soul into smiling,
Straight I wheeled a cushioned seat in front of bird and bust and door;
Then, upon the velvet sinking, I betook myself to linking

70
Fancy unto fancy, thinking what this ominous bird of yore –

What this grim, ungainly, ghastly, gaunt and ominous bird of yore
 Meant in croaking „Nevermore.“


[22]

Also düstern Sinnes pflag ich, doch kein Wort zum Vogel sprach ich,

[24]

Ob sein Feuerauge brennend mir am tiefsten Herzen zehr’.

75
Dies und mehr wünscht’ ich zu wissen, meine Brust von Schmerz zerrissen,

Als ich ruht’ auf sammtnen Kissen, überstrahlt vom Lichte hehr,
Ach, auf diesen sammtnen Kissen, überstrahlt vom Lichte hehr,
 Ruhet sie jetzt nimmermehr!


[23]

This I sat engaged in guessing, but no syllable expressing

[25]

To the fowl whose fiery eyes now burned into my bosom’s core;

75
This and more I sat divining, with my head at ease reclining

On the cushion’s velvet lining that the lamp-light gloated o’er,
But whose velvet violet lining with the lamp-light gloating o’er
 She shall press, ah, nevermore!


[24]

Schwül dann ward und qualmig enge um mich her die Luft, als schwänge

80
Unsichtbare Weihrauchfässer, wandelnd leis, ein Seraphsheer.

„Gott hat Trost für dich erkoren durch die Engel, lichtgeboren!“
Rief ich, – „o vergiß Lenoren, die dein Herz geliebt so sehr!
Athme auf, vergiss Lenoren, die geliebt du allzu sehr!“ –
 Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“


[25]

Then, methought, the air grew denser, perfumed from an unseen censer

80
Swung by Seraphim whose foot-falls tinkled an the tufted floor.

„Wretch,“ I cried, „thy God hath lent thee – by these angels he hath sent thee
Respite – respite and nepenthe from thy memories of Lenore!
Quaff, oh quaff this kind nepenthe and forget this lost Lenore!“
 Quoth the Raven: „Nevermore.“


[24]
85
„Düstrer Bote!“ frug voll Zweifel ich, „ob Vogel oder Teufel, –

Ob dich der Versucher sandte, ob der Sturm dich jagte her, –

[26]

Du, der nimmer mich verschonet, der im Unholdslande wohnet,
Wo das nächt’ge Grauen thronet, künde mir, was ich begehr’:
Ist kein Balsam denn in Gilead? – künde, was ich heiß begehr’!“

90
 Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“


[25]
85
„Prophet!“ said I, „thing of evil! – prophet still, if bird or devil! –

Whether Tempter sent, or whether tempest tossed thee here ashore,

[27]

Desolate yet all undaunted, an this desert land enchanted –
On this home by Horror haunted – tell me truly, I implore –
Is there – is there balm in Gilead? – tell me – tell me, I implore!“

90
 Quoth the Raven: „Nevermore.“


[26]

„Düstrer Bote!“ frug voll Zweifel ich, „ob Vogel oder Teufel!
Bei dem Himmel droben, bei dem Gott, den ich, wie du, verehr’:
Find’ ich, sprich! an Eden’s Thoren wieder einst, die ich verloren,
Jene Maid, die man Lenoren jetzo nennt im Engelsheer, –

95
Die Geweihte, die Lenoren jetzt man nennt im Engelsheer? –

 Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“


[27]

„Prophet!“ said I, „thing of evil – prophet still, if bird or devil!
By that Heaven that bends above us – by that God we both adore –
Tell this soul with sorrow laden if, within the distant Aidenn,
It shall clasp a sainted maiden whom the angels name Lenore –

95
Clasp a rare and radiant maiden whom the angels name Lenore.“

 Quoth the Raven: „Nevermore.“


[26]

„Vogel oder Teufel, hebe dich hinweg!“ so rief ich, „schwebe
Wieder in den Sturm zurück und in das nächt’ge Schattenmeer!
Keine Feder lass als Zeichen mir der Lüge sonder Gleichen!

[28]
100
Sollst von meiner Thür entweichen! von der Büste fort dich scher!

Fort! und reiß aus meinem Herzen deines Schnabels scharfen Speer!“ –
 Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“


[27]

„Be that word our sign of parting, bird or fiend!“ I shrieked, upstarting –
„Get thee back into the tempest and the Night’s Plutonian shore!
Leave no black plume as a token of that lie thy soul hath spoken!

[29]
100
Leave my loneliness unbroken! – quit the bust above my door!

Take thy beak from out my heart, and take thy form from off my door!“
 Quoth the Raven: „Nevermore.“


[28]

Und der Rabe, schwarz und dunkel, sitzt mit krächzendem Gemunkel
Noch auf meiner Pallasbüste ob der Thür bedeutungsschwer.

105
Seine Dämonaugen glühen unheilvoll mit wildem Sprühen,

Seiner Flügel Schatten ziehen an dem Boden breit umher;
Und mein Herz wird aus dem Schatten, der mich einhüllt weit umher,
 Sich erheben – nimmermehr!


[29]

And the Raven, never flitting, still is sitting, still is sitting
On the pallid bust of Pallas just above my chamber door;

105
And his eyes have all the seeming of a demon’s that is dreaming,

And the lamp-light o’er him streaming throws his shadow on the floor;
And my soul from out that shadow that lies floating on the floor
 Shall be lifted – nevermore!