Über die Träume/Einleitung

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Über die Träume.

Diese Schrift Philos, deren voller Titel lautet: Περὶ τοῦ θεοπέμπτους εἶναι τοὺς ὀνείρους, umfaßte nach einer bei Eusebius, Hist. eccl. II 18, 3 erhaltenen Nachricht ursprünglich fünf Bücher. Unser Text beginnt mit einem Buche, das jedenfalls nicht das erste war; denn Philo erklärt gleich zu Anfang, daß er in einem vorausgehenden Buche von den Träumen gehandelt habe, die von Gott selbst dem Menschen ohne sein Zutun geschickt werden, und daß er nunmehr die zweite Gattung von Träumen besprechen wolle, deren Wesen darin bestehe, daß der menschliche Geist, wenn er in dieselbe Bewegung wie das Weltall gerate, von den Kräften Gottes, den unkörperlichen Seelen in der Luft, erfaßt werde und in einen Zustand gerate, der ihn zum Empfang göttlicher Offenbarungen in einem Traume und zur Voraussicht der Zukunft geeignet mache. Auf dieses erste uns erhaltene Buch folgt ein zweites, das sich unmittelbar anschließt und in dem Philo die dritte Art von Träumen bespricht, in denen die Seele aus sich heraus in Bewegung gerät und so kraft ihrer δύναμις προγνωστική die Zukunft erkennen kann. Wir haben hier dieselbe Einteilung der Träume, die wir bei Cicero, De divinatione I 64 finden, nur in umgekehrter Reihenfolge: „Sed tribus modis censet (Posidonius) deorum adpulsu homines somniare, uno, quod provideat animus ipse per sese, quippe qui deorum cognatione teneatur, altero, quod plenus aër sit immortalium animorum, in quibus tanquam insignitae notae veritatis appareant, tertio, quod ipsi di cum dormientibus conloquantur. Idque, ut modo dixi, facilius evenit adpropinquante morte, ut animi futura augurentur.“ Die drei Arten von Träumen unterscheiden sich, wie Philo zu Beginn unseres zweiten Buches zeigt, außerdem noch dadurch voneinander, daß die der ersten Art ohne weiteres klar sind, die der zweiten einen zwar verborgenen, aber dem schärferen Blick erkennbaren Sinn enthalten, während die der dritten so rätselhaft sind, daß für sie die Kunst des Traumdeutens (ὀνειροκριτικὴ τέχνη) in Anspruch genommen werden muß. So läßt sich aus Philos Angaben erkennen, daß jedenfalls diese drei Bücher aufeinander folgten. In dem [164] ersten, das uns nicht erhalten ist, wird er nach Massebieaus Vermutung (Le classement des œuvres de Philon 30) die Träume des Abimelech 1 Mos. 20, 3–7 und des Laban 1 Mos. 31, 24 behandelt haben, die beide mit den Worten beginnen: „Gott kam zu ihm im Traume“, und zu Philos Darstellung dieser Art von Träumen als von Gott selbst ausgehenden passen. Das zweite Buch enthält die Erklärung der Träume des Jakob von der Himmelsleiter 1 Mos. 28, 10ff. und von der bunten Herde 1 Mos. 31, 10–13, von denen der eine mit den Worten: „Und ihm träumte“, der andere: „Und sah im Traume“ eingeführt wird. Außerdem werden diese Träume nicht durch Gott selbst, sondern durch seine Engel vermittelt, wie Philo meint. Das dritte Buch handelt von den Träumen des Joseph 1 Mos. 37, 7–11, des Schenken und des Bäckers 1 Mos. 40, 9–11; 16–17 und dem des Pharao 1 Mos. 41, 17–24, von dessen Erklärung nur der Schluß fehlt.

Ob nun die übrigen verlorengegangenen Bücher vor diesen dreien eine in sich geschlossene Einheit bildenden gestanden haben oder ihnen nachfolgten, läßt sich aus Philos Ausführungen selbst nicht erkennen, ja es läßt sich nicht einmal feststellen, wovon sie im einzelnen handelten; denn im Pentateuch kommen außer den von Philo besprochenen Träumen keine Träume mehr vor. Massebieau hat aus diesem Sachverhalt geschlossen, daß Philo in den beiden verlorenen Büchern nicht biblische Träume, sondern die Ansichten der griechischen Philosophen über die Träume überhaupt behandelt und diese systematische Erörterung der Exegese der Bibelstellen vorausgeschickt hat, da er ja auch in den Schriften „Über die Ewigkeit der Welt“ und „Über die Trunkenheit“ so verfährt, daß er die Aufzählung und die Kritik der Meinungen der Philosophen der Lehre des Moses voranstellt. So stellen die beiden uns erhaltenen beiden Bücher wahrscheinlich das vierte und fünfte des ganzen Werkes dar, das nicht als ein Teil des fortlaufenden allegorischen Kommentars erscheint, sondern als eine besondere Abhandlung, in der Philo nicht den Versen der Bibel folgt, sondern die Texte nach systematischen Gesichtspunkten geordnet hat, die er aus einer Schrift des Posidonius über die Mantik entnahm, die auch Ciceros Einteilung der Träume zugrunde lag. Vielleicht hat er, als er bei seiner Kommentierung der Genesis zum 20. Kapitel und damit zum Traum Abimelechs kam, diese Gelegenheit benutzt, sämtliche Träume als ein Ganzes zu behandeln.

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