ADB:Avé-Lallemant, Robert

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Artikel „Avé-Lallemant, Robert“ von Viktor Hantzsch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 46 (1902), S. 144–146, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Av%C3%A9-Lallemant,_Robert&oldid=- (Version vom 18. Oktober 2019, 04:31 Uhr UTC)
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Avé-Lallemant: Robert Christian Berthold A.-L., Arzt und Reisender, ist am 25. Juli 1812 zu Lübeck als Sohn eines Musiklehrers geboren. Er studirte 1833–37 in Berlin, Heidelberg, Paris und Kiel Medicin, promovirte an der letztgenannten Universität und begab sich dann nach Rio de Janeiro, wo zwei seiner Brüder lebten, deren einer als Pfarrer an der deutsch-evangelischen Gemeinde wirkte. Er ließ sich hier als Arzt nieder und gewann durch seine Geschicklichkeit bald allgemeines Vertrauen, so daß er zum Director des Gelbfieberhospitals und zum Mitglied des obersten Gesundheitsrathes für Brasilien ernannt wurde. 1855 kehrte er aus Gesundheitsrücksichten nach seiner Vaterstadt zurück und nahm hier seine Praxis wieder auf. Als er von den großartigen Vorbereitungen für die wissenschaftliche Weltreise der österreichischen Fregatte Novara hörte, bewarb er sich um eine Stelle als Schiffsarzt und wurde auch auf besondere Empfehlung Alexander’s v. Humboldt der Expedition als Mitglied zugetheilt. Die Fahrt begann im Frühjahr 1857 und ging zunächst quer über den Atlantischen Ocean nach der brasilianischen Küste, aber bereits im Mittelmeer kam es zu unliebsamen Auseinandersetzungen zwischen den Theilnehmern, infolge deren A. auf die Weiterfahrt verzichtete und sich in Rio de [145] Janeiro ans Land begab. Er wirkte hier zunächst als Arzt am Fremdenhospital, beschloß aber bald, da er hinlänglich acclimatisirt war und die portugiesische Sprache völlig beherrschte, eine wissenschaftliche Forschungsreise nach dem Innern des Landes anzutreten. Nachdem er sich der Unterstützung des ihm wohlgesinnten Kaisers Dom Pedro und der Behörden versichert hatte, brach er Anfang des Jahres 1858 von Rio auf, um zunächst die südlichen Provinzen des Landes zu besuchen. Er fuhr zur See nach der Stadt S. Pedro in der Provinz Rio Grande do Sul, begab sich dann nach Porto Alegre, hielt sich darauf längere Zeit in den zahlreichen deutschen Ansiedelungen der Umgegend, namentlich in S. Leopoldo auf, wo er seine Landsleute vielfach durch Rath und That unterstützte und ritt dann unter großen Beschwerden in nordwestlicher Richtung durch das von Guaranis bewohnte Hinterland der Provinz bis in das ehemalige Missionsgebiet der Jesuiten am Oberlaufe des Uruguay. Hier traf er den Reisegefährten Alexander’s v. Humboldt, den Botaniker Aimé Bonpland, der als 85jähriger Greis ganz allein auf einer einsamen Estancia bei Uruguayana völlig abgeschnitten von jeder Cultur wohnte und wenige Tage nach diesem Besuche starb. A. kehrte nun durch die dichten Urwälder im südlichen Theile von Rio Grande nach Porto Alegre zurück, um sich hier einige Zeit zu erholen. Dann zog er weiter nach der nördlicher gelegenen Provinz S. Catharina. Nachdem er die Hauptstadt Desterro besichtigt und einen erheblichen Theil der Küstenstrecke untersucht hatte, drang er über die Serra do Tubarão ins Innere ein, gelangte bis in das Quellgebiet des Uruguay und besuchte dann die deutschen Colonien im Norden der Provinz, insbesondere Blumenau, Donna Francisca und Joinville. Nach einem längeren Aufenthalt hierselbst begab er sich nach der weiter nördlich gelegenen Provinz Parana, erforschte namentlich die Gegend von Curitiba und zog dann weiter nach der Provinz São Paulo, von deren Hafenorte Santos er im October 1858 zur See nach Rio zurückkehrte. Hier hielt er sich ein paar Wochen zur Erholung auf, fuhr dann zu Schiffe nach Bahia und drang in das Innere dieser Provinz, besonders in die Urwälder am Rio Pardo, sowie in die Provinzen Minas Geraes und Espirito Santo vor, wo er die Ursachen der traurigen Lage der dortigen deutschen Ansiedler zu ergründen suchte. Um die nöthigen Schritte zur Abhülfe der vorgefundenen Mißstände zu thun, kehrte er nach Rio zurück, fuhr aber bald wieder zur See nach Pernambuco, von wo aus er die Provinzen Alagoas und Sergipe durchzog und den Rio S. Francisco bis zu den Fällen von Paulo Affonso verfolgte. Hierauf reiste er nach Para, untersuchte den Lauf des Tocantins und unternahm dann eine Stromfahrt den Amazonas hinauf zunächst bis Manaos an der Mündung des Rio Negro, wo er sich zu längerem Aufenthalte niederließ, dann bis Tabatinga an der peruanischen Grenze. Hier kehrte er um, fuhr auf demselben Wege zurück nach Para und schiffte sich in Pernambuco nach Europa ein. Im October 1859 langte er glücklich in Lübeck an und nahm seine ärztliche Praxis wieder auf. 1869 folgte er einer Einladung des Chedive zur Einweihung des Suezcanals und unternahm dann eine Nilfahrt bis nach Nubien. In seinen späteren Lebensjahren widmete er sich neben seinem Berufe hauptsächlich der Schriftstellerei. Am 13. October 1884 starb er in seiner Vaterstadt.

Seine litterarische Laufbahn begann er mit einer Dissertation „De Lithotritia“ (Kiel 1837) und einer Abhandlung über das gelbe Fieber. Von allgemeinerem Interesse sind die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Wanderungen in Südamerika: „Reise durch Südbrasilien im Jahre 1858“ (Leipzig 1859, 2 Bände) und „Reise durch Nordbrasilien im Jahre 1859“ (Leipzig 1860, 2 Bände). Dieselben enthalten werthvolle Beiträge zur Kenntniß des Landes [146] und seiner Bewohner, sowie ausführliche Betrachtungen über die Zustände in den dortigen deutschen Colonien, welche jedoch theilweise einer strengen Objectivität entbehren und deshalb mannichfache Anfechtungen erfuhren. Als Ergänzung zu diesen beiden Werken dienen die kleineren Schriften: „Rathschläge beim Besuche der Gelbfieberhäfen“ (Berlin 1860), „Die Benutzung der Palmen am Amazonenstrom in der Oekonomie der Indianer“ (Hamburg 1861), „Tabatinga am Amazonenstrom“ (ebd. 1863), „Hans Staden von Homburg bei den brasilianischen Wilden“ (ebd. 1871), „Die deutsche Colonisation in Brasilien“ (Leipzig 1872), „Ein offenes Wort über eine anonyme Einsendung, Nachschrift zu dem J. J. Sturz’schen Buche: Die deutsche Auswanderung“ (ebd. 1872) und „Wanderungen durch die Pflanzenwelt der Tropen“ (Breslau 1880). Ueber seine späteren Reisen in Europa und Nordafrika hat er in den Werken „Fata Morgana, Reiseeindrücke aus Aegypten und Unteritalien“ (Altona 1872, 2. Aufl. Leipzig 1875), „Die Kirche der h. Pudentiana und ihre Umgebung, ein Morgenspaziergcmg in Rom“ (Lübeck 1877) und „Wanderungen durch Paris in alter und neuer Zeit“ (Gotha 1877) Bericht erstattet. Auch als Litterarhistoriker ist er durch die Schriften: „Des Dr. med. Joachim Jungius aus Lübeck Briefwechsel mit seinen Schülern und Freunden“ (Lübeck 1863), „Das Leben des Dr. med. Joachim Jungius 1587–1657“ (Breslau 1882) und „Luiz de Camoens, Portugals größter Dichter, Festschrift zur Gedächtnißfeier der 300. Wiederkehr seines Todestages“ (Leipzig 1879) hervorgetreten. Einer Dankesschuld gegenüber Alexander v. Humboldt entledigte er sich durch die Mitarbeit an der von Bruhns herausgegebenen großen wissenschaftlichen Biographie desselben (Leipzig 1872). Endlich hat er sich auch in dem Marineepos „Anson“ (Altona 1868) und in dem Drama „Carranza, Erzbischof von Toledo“ (Leipzig 1872), einem Zeitbilde aus der Geschichte Philipp’s II. von Spanien, als Dichter versucht. Außerdem war er gelegentlicher Mitarbeiter an mehreren wissenschaftlichen Zeitschriften, z. B. „Ausland“ (Schilderungen aus Südbrasilien 1860, Die Verbreitung der Nadelhölzer 1864, Die Beschiffung des Amazonenstromes 1867, Das Abnehmen des Amazonenstroms 1880), „Revue germanique“ (Les anciennes missions des Jésuites 1860, „Zeitschrift für allgemeine Erdkunde“ (Ueber einige gleichlautende Bezeichnungen verschiedener Oertlichkeiten in der brasilianischen Geographie 1863), „Gäa“ (Spanische Naturforscher in Südamerika 1866, Ansichten vom Amazonenstrom 1867, Eine Erinnerung an die 2. Weltumsegelung 1868, Der Rio de S. Francisco 1869, Ansichten vom Mittelmeer 1871) und „Aus allen Welttheilen“ (Manaos am Rio Grande 1875).