ADB:Jungius, Joachim

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Jungius, Joachim“ von Richard Hoche in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 721–726, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Jungius,_Joachim&oldid=- (Version vom 16. September 2019, 13:10 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Konrad von Jungingen
Band 14 (1881), S. 721–726 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Joachim Jungius in der Wikipedia
GND-Nummer 118558838
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|14|721|726|Jungius, Joachim|Richard Hoche|ADB:Jungius, Joachim}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=118558838}}    

Jungius: Joachim J., 1587–1657, berühmter Mathematiker, Philosoph, Naturforscher, Arzt und Schulmann, wurde am 22. October 1587 zu Lübeck als der Sohn des im J. 1589 ermordeten Collegen am dortigen Katharineum Nicolaus J. geboren. Den ersten wissenschaftlichen Unterricht erhielt er auf dem Katharineum, dessen Rector (1593–1613) damals Otto Gualtpertius war, der ihn früh besonders in logische Studien einführte, aber im allgemeinen nur geringen Einfluß auf den begabten Schüler gehabt zu haben scheint. In höherem Maße war dies der Fall mit dem Subrector Joachim Drenckhanius († 1616 als Rector des Gymnasiums in Stralsund). Eine gewisse Frühreife trat bei J. schon auf der Schule hervor; er hielt seinen Mitschülern, unter denen Johann Tarnovius und Johann Adolf Tassius genannt werden, bereits Vorlesungen über die Dialektik des Ramus. Eine von ihm damals in der Art der gewöhnlichen Schuldramen verfaßte lateinische Tragödie Lucretia hat sich erhalten, ebenso die sehr umfangreiche Abschiedsrede bei seinem Abgange von der Schule (1605): „Oratio adversus artem oratoriam pro vera et sana eloquentia“. Im Mai 1606 begab sich J. nach Rostock, anfangs ohne sich für ein bestimmtes Studium entschlossen zu haben. Er beschäftigte sich vornehmlich unter dem Einflusse des Theologen Johann Slekerus mit scholastischer Philosophie nach den Lehrbüchern des Jesuiten Suarez, disputirte auch unter Slekerus’ Vorsitz zweimal: „de Dei naturali cognitione“ und „de potentia activa“, wandte sich aber bald von der Philosophie ab und der Mathematik zu, nachdem er erkannt, „wie wenig wahre Wissenschaft die Metaphysik ihren Verehrern verheiße“. Im April 1608 ging J. auf die kurz vorher gestiftete Universität zu Gießen. Er fand hier größere geistige Anregung, als in Rostock; von seinen Commilitonen, bei denen er bald allgemeine Anerkennung fand, werden Christoph Schreiber, später Professor der Philosophie in Gießen, und Daniel Stahl, später Professor der Metaphysik in Jena, genannt, von seinen Lehrern der Philosoph Kaspar Fink und besonders der Professor der hebräischen und griechischen Sprache, später auch der Theologie Christoph Helvich. Am 22. December 1608 erwarb J. die Würde als Magister in der Philosophie, nachdem er durch Disputationen über philosophische Thesen, die sich im wesentlichen an die neuere Scholastik anlehnten, seine vorzügliche Befähigung nachgewiesen; der bei der Promotion präsidirende Professor der Moralphilosophie, Konrad Dietrich, belobte ihn wegen seiner besonderen Kenntnisse in der Metaphysik und Mathematik und ließ ihn als „ordinis huius supremus dux“ den ersten Inauguralvortrag halten über die Frage: „An brutis quibusdam rationis humanae usus tribuendus?“ Gegen Ende des Sommers 1609 war J. im Begriffe nach Rostock zurückzukehren, als ihm unerwartet die durch den Tod von Nicolaus Hermann erledigte Professur für Mathematik in Gießen angetragen wurde. Ohne Zögern nahm der 22jährige junge Mann die Stellung an und eröffnete seine Vorlesungen mit einer am [722] 5. November gehaltenen Rede: „De matheseos dignitate, praestantia et usu.“ In dieser bestimmt er zuerst den Werth der Mathematik nicht nach dem praktischen Nutzen, den sie gewähre, sondern definirt sie als eine der theoretischen Philosophie angehörende selbständige Wissenschaft, die ihre Würde in sich selbst trage. Drei Jahre hindurch hatte J. in Gießen eifrig gelehrt, als ihn ein Auftrag seines Landesherrn mit einer ihm damals sehr fernliegenden Aufgabe betraute, die ihn schließlich in andere Bahnen brachte. Bei Gelegenheit der zur Kaiserwahl 1612 in Frankfurt stattfindenden Fürstenversammlung hatte Wolfgang Ratichius den Fürsten ein Memorial überreicht, in welchem er seine neue Methode des Unterrichtes ausführlich darlegte. Unter den Fürsten, deren Interesse er erweckte, befand sich auch der Landgraf Ludwig V. von Hessen-Darmstadt, welcher die Professoren der Landesuniversität, Helvich und J., beauftragte, „den Grund solches Werkes zu untersuchen“ und Ratich „in seinem hochnützlichen Vorhaben … beizuwohnen und Hilfe zu leisten“. So kam J. nach Frankfurt, dann durch Ratich’s Beziehungen zum Hofe der Herzogin Maria Dorothea auch zu den von dieser Fürstin in Erfurt veranstalteten Conferenzen mit Jenaer Professoren über Ratich’s Methode, vorübergehend selbst nach Weimar; 1613 erschien noch sein und Helvich’s „Kurtzer Bericht von der Didactica oder Lehrkunst Wolfgangi Ratichii“ (Frankf. 12), in welchem er sich mit Begeisterung für die neue Methode aussprach. Der Bericht erklärt es für möglich, „eine jegliche Sprache aufs längste in einem Jahre“ zu lernen, und glaubt, daß Ratich’s Methode sich beim Unterricht in Künsten und Wissenschaften noch mehr bewähren werde, als bei dem sprachlichen. Interessant ist ferner in dem Berichte das Verlangen, das Deutsche in den Bereich des Unterrichts zu ziehen. Um ihrem günstigen Urtheil über Ratich noch mehr Verbreitung zu verschaffen, gaben J. und Helvich 1614 Luther’s Vermahnung an die deutschen Städte, „daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen“ mit einer „Zugabe von Sprüchen und anderen Schriften Dr. Luther’s gleichen Inhalts“ und einem „Nachbericht von der neuen Lehrkunst W. Ratichii“ heraus. Als Ratich 1614 nach Augsburg berufen wurde, folgten ihm J. und Helvich, um sein Werk „beständig ausführen zu helfen“; J. benutzte diese Gelegenheit, um sein Amt in Gießen gänzlich niederzulegen, während Helvich Urlaub für sich erlangt hatte. Eine gleichzeitige Berufung nach Rostock als Rector Gymnasii und Professor der Ethik lehnte J. ohne weiteres ab. Anderthalb Jahre waren die Freunde mit Ratich in Augsburg, lange genug, um die Nichtigkeit der so geheimnißvoll angekündigten Methode – jeder von Ratich Eingeweihte mußte ewiges Schweigen geloben – durchschauen zu können; die frühere Verehrung war bei ihnen in offene Feindschaft und Verachtung umgeschlagen. Die von Helvich und J. in dieser Zeit gemeinschaftlich verfaßten Aufsätze, die Ratich später in der von ihm veranstalteten Sammlung didaktischer Schriften unter dem Titel „Aphorismi“ herausgab, enthalten das, was die Verfasser als den vernünftigen Kern des Ratichianismus betrachteten, bewiesen aber auch, wie hoch sie in allgemeiner Bildung Ratich selbst überragten. Der wichtigste Grundsatz, den sie verfechten, ist der „Per inductionem et experimentum omnia“; sie treten durch diesen Satz unmittelbar neben Bacon von Verulam. Außer diesen Aufsätzen fallen in diese Zeit gemeinschaftliche Arbeiten über Etymologie und deutsche Sprache, z. B. der Anfang eines deutschen Wörterbuchs u. A. Helvich kehrte nach Gießen zurück, wo er schon am 10. September 1617 starb, J. begab sich im Juli 1615 nach seiner Vaterstadt Lübeck, konnte hier aber einen festen Boden nicht finden. So sehen wir ihn im August 1616 wieder nach Rostock wandern, um sich von neuem und zwar jetzt als studiosus medicinae immatriculiren zu lassen; er wohnte im Hause Johann Huswedels, der 1615 sein Amt als Rector Johannei in Hamburg aufgegeben hatte und jetzt als [723] Professor der Ethik und der griechischen Litteratur in Rostock wirkte (s. d.). Bis zum Herbst 1618 blieb J. in Rostock und begab sich dann auf eine wissenschaftliche Reise, die ihn zunächst nach Padua führte. Hier erwarb er am 22. December 1618 den medicinischen Doctorgrad, blieb dann noch bis zum Frühjahr 1619, anscheinend vornehmlich mit botanischen und zoologischen Studien beschäftigt, und besuchte sodann noch eine Reihe anderer italienischer und deutscher Städte. Ende August 1619 kehrte er nach Rostock zurück und blieb hier mehrere Jahre in unabhängiger Muße, indem er die zahlreichen ihm gemachten Anerbietungen verschiedenster Aemter – u. a. sollte er einmal Leibarzt und Hofmathematiker des Bischofs von Güstrow werden – ablehnte. Mehr und mehr trat er, ebenso wie seine alten Freunde Paul Tarnovius und Adolf Tassius, hier dem Kreise Johann Valentin Andreae’s (s. d.) näher, dessen „spiritualistisch-wissenschaftliches Ideal nach seiner intellectuellen Seite vorwiegend in das Leben zu führen, er Beruf und Energie hatte“ (Guhrauer). Mit diesen Freunden stiftete J. im J. 1622 eine von der Universität ganz unabhängige gelehrte Gesellschaft, die societas ereunetica oder zetetica, in deren Programm die Widerlegung der Philosophie der Jesuiten, die Pflege der Mathematik und die Erforschung der Natur als die Hauptaufgaben bezeichnet wurden. „Der Zweck unseres Vereins soll einzig der sein: die Wahrheit aus der Vernunft und der Erfahrung sowol zu erforschen als sie, nachdem sie gefunden ist, zu erweisen oder alle Künste und Wissenschaften, welche sich auf die Vernunft und die Erfahrung stützen, von der Sophistik zu befreien, zu einer demonstrativen Gewißheit zurückzuführen, durch eine richtige Unterweisung fortzupflanzen, endlich durch glückliche Erfindungen zu vermehren“. Der Verein, welcher die erste wissenschaftliche Gesellschaft in Deutschland und im ganzen nördlichen Europa war, bestand nur bis etwa 1625, wo die Kriegswirren ihm ein Ende gemacht zu haben scheinen; die wenigen Jahre reichten aber für J. aus, eine vielseitige Anregung auf die der Gesellschaft sich anschließenden Gelehrten und jungen Männer auszuüben; der von ihm privatim damals angelegte botanische Garten war einer der ersten in Deutschland. Im October 1623 übertrug der Rath von Rostock J. die mathematische Professur an der Universität, die er jedoch erst am 6. Februar 1624 mit einer Rede „De mathematicarum scientiarum praestantia“ antrat. Wenige Tage nachher (10. Februar) verheirathete er sich mit Katharina Havemann aus Rostock. Schon im Herbste desselben Jahres berief ihn der Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel als Professor der Medicin an die Universität zu Helmstädt; der Amtsantritt verzögerte sich, da der Rostocker Rath J. zu halten versuchte, bis zum 21. Juni 1625; an diesem Tage hielt er seine Antrittsrede über die Entwickelung der Medicin bei den Griechen, Arabern und Lateinern. Der ausbrechende niedersächsische Krieg sprengte jedoch schon wenige Wochen nachher die Angehörigen der Universität auseinander; J. ging mit seiner Gattin nach Braunschweig und prakticirte dort als Arzt, soll sich aber als solcher „im Verschreiben der Heilmittel furchtsam“ erwiesen haben. Nach einem kurzen Aufenthalte in Wolfenbüttel, wo er im Schlosse wohnte und in der Stadt Kranke besuchte, entschloß er sich im Juli 1626, das braunschweiger Land wieder zu verlassen und nach Lübeck heimzukehren. Zum Glück für ihn war die früher von ihm verwaltete Professur der Mathematik in Rostock noch frei; schon am 29. Sept. berief ihn der Rath dieser Stadt von neuem und legte ihm hierbei u. A. auch die Verpflichtung auf, seinen guten Rath „zu Fortificationen unserer Stadt oder Anlegung anderer der Stadt vornehmen Werken und Gebäuden“ zu ertheilen, doch ist diese Verpflichtung wegen der gegen die Befestigung Rostocks von Wallenstein erhobenen Einsprache nicht praktisch geworden. Auch dies Mal war die Rostocker Professur nur von kurzer Dauer. Auf Veranlassung seines Jugendfreundes, [724] des Syndikus Johann Garmers in Hamburg, wurde J. gegen Ende des Jahres 1628 in das Amt eines Rectors des dortigen Johanneums und des mit diesem als eine Art classis selecta verbundenen akademischen Gymnasiums berufen; am 19. März 1629 wurde er in das neue Doppelamt eingeführt, er redete bei dieser Gelegenheit über den propädeutischen Nutzen der Mathematik. Der Zustand der beiden Anstalten war bei Jungius’ Amtsantritt ein überaus kläglicher; es ist ihm zu großer Ehre nachzurühmen, daß er von Anfang an mit klarer Thatkraft das Seine gethan, um die aus dem Ueberwuchern des Privatschulwesens, der Zerfahrenheit der Lehrer, der Dürftigkeit der Finanzverhältnisse und ähnlichem sich ergebenden Uebelstände zu beseitigen. Andererseits ist aber auch nicht zu verkennen, daß die verständigen und klugen Grundsätze, die er – u. a. in einer mit Recht gerühmten Einführungsrede vom J. 1636 – in Betreff der Methode, Organisation und Disciplin aussprach, von ihm mehr theoretisch erkannt als praktisch geübt wurden; seine Vergangenheit war wol nicht die ausreichende Vorbereitung zur Führung des Schulregimentes für ihn gewesen. So erklärt es sich, daß auch die von ihm in der Hauptsache verfaßte Schulordnung von 1634 wesentliche Besserung in der Schule kaum gebracht hat, während manche der dort verordneten Neuerungen, vornehmlich die veränderte Stellung des Conrectors zum Rector, die Einführung der Medaillenvertheilung an die versetzten Schüler u. dgl., Verbesserungen kaum zu nennen waren. Ueberhaupt war sein Interesse in erster Linie wol dem Unterrichte der erwachsenen Schüler des Gymnasiums und der prima Joannei zugewandt; die nicht minder wichtige Aufgabe der Leitung auch der unteren Classen scheint er seinem Conrector Arnoldi (seit 1623, Rector von 1641–51) überlassen zu haben. Für die Primaner, welche zu philosophischem Denken zu erziehen er sich besonders bemühte, schrieb er 1638 auf Anordnung des Scholarchates seine „Logica Hamburgensis“, das einzige von ihm herausgegebene etwas größere wissenschaftliche Werk, dessen Bearbeitung gegenüber der damals üblichen Schulphilosophie noch Leibniz anerkannte, welches aber als zum Schulgebrauch geschrieben keineswegs ausschließlich die Ansichten des Verfassers enthält. Das Buch erregte einen lebhaften Widerspruch, namentlich von Seiten des Wittenberger Professors der Philosophie Johann Scharff, fand auch außerhalb Hamburgs wenig Eingang. Noch mehr Anstoß gab sein Versuch, die Alleinherrschaft des Neuen Testaments als griechischer Schullectüre zu beseitigen und neben derselben einen Profanschriftsteller in die Schule einzuführen. In einer am akademischen Gymnasium unter seiner Genehmigung gehaltenen Disputation über die Frage: „An novum Testamentum barbarismis scateat?“ sah die Geistlichkeit einen Angriff auf das Ansehen der hl. Schrift, ein der Gemeinde und insbesondere der Jugend gegebenes Aergerniß und forderte das Einschreiten des Rathes. J. stellte in einer Erwiderung seine Ansicht dahin fest, daß „im Neuen Testament nicht recht griechisch sey“, beruhigte aber seine Gegner hierdurch nicht; vielmehr verschafften sich diese ein Gutachten der theologischen und philosophischen Facultät in Wittenberg, „daß „Soloccismi, Barbarismi und nicht recht Griechisch in der hl. Aposteln Reden und Schriften zu finden, ist dem hl. Geist … zu nahe gegriffen, und wer die hl. Schrift einiger Barbarismi bezüchtigt, … der begehet nicht eine geringe Gotteslästerung“. J. antwortete 1639 mit einer anonym herausgegebenen Schrift: „Sententiae doctorum virorum de stilo N. T.“, welche Zusätze von seiner Hand jedoch nicht enthielt; die hiergegen gerichtete Schrift vom Pastor ad St. Carharinam, Jacob Grosse: „Trias propositionum theologicarum“ gab den Anlaß zu einem Jahre lang geführten litterarischen Streite, an welchem J. selbst sich aber nicht weiter betheiligte, ohne freilich durch diese Zurückhaltung seine geistlichen Gegner in Hamburg zu versöhnen. Im Gegentheile gingen von [725] dieser Seite fortgesetzt Angriffe auf J. aus, die diesen um so empfindlicher trafen, da er durch seine amtlichen Stellungen mit der Geistlichkeit in stetige Berührung kam. Schon 1635 war er nahe daran, in den „Bann gethan“ zu werden, weil er eine reformirte Frau mit seinen Schülern zu Grabe geleitet hatte; er klagt gelegentlich, daß „die Priester seine abtrünnigen Collegen in ihrem Widerstande stärken“; man bezeichnet ihn als Atheisten u. dgl. m. Alles dies und die Erkenntniß, daß seine Thätigkeit segensreicher sein werde, wenn er den ihm ferner liegenden Schuldienst abgäbe, bewog ihn, am 16. Juli 1640 sein Amt als Rector Johannei niederzulegen und also nur die Professur und das Rectorat des akademischen Gymnasiums beizubehalten. Dieser Entschluß kam beiden Anstalten zu Gute. Insbesondere tritt seine Lehrthätigkeit am akademischen Gymnasium jetzt immer mehr hervor. Seine Schüler suchte er durch private Besprechungen und gemeinschaftliche Ausflüge zur Kunst oder Beobachtung der Natur hinzuführen; durch sie erlangte er allmählich auch Einfluß und Anerkennung auf den Universitäten, selbst in Wittenberg wurden die „Jungianer“ als gute Mathematiker geschätzt. Auch im Auslande wurde J. bekannt, in Schweden besonders durch seinen Verehrer und Freund Amos Comenius, in England durch Cavendish und den Arzt Hartlib, auch in Holland, weniger aber in Frankreich, in welchem doch damals die philosophischen und mathematischen Studien durch Descartes, Pascal u. A. einen so lebhaften Aufschwung genommen hatten. Guhrauer erklärt die Nichtannäherung der Franzosen an J. wol mit Recht aus seiner großen Rückhaltung in schriftstellerischer Thätigkeit; persönliche Vermittelung, die den schriftstellerischen Ruf ersetzen mußte, habe aber gefehlt. – Trotz der vielfachen Anerkennung aber, die J. mehr und mehr fand, fühlte er sich, je älter er wurde, in Hamburg immer weniger behaglich. Er klagte über die „Erstarrung der Menschen“, ihre „Verachtung gegen die Philosophie“; die Jugend „nütze ihr Talent in theologischen Streitigkeiten ab“. Nach mannichfachem körperlichen Ungemach starb er am 17. September 1657, fast 70 Jahre alt; er wurde in der St. Johanniskirche begraben. Seine Gattin war ihm schon 1638 vorangegangen; Kinder hinterließ er nicht. Sein Vermögen hatte er zur Begründung von Stipendien bestimmt; die Stipendiaten sollten dafür seinen wissenschaftlichen Nachlaß ordnen und herausgeben. Diese letztere Absicht ist jedoch nur zum kleinsten Theile erfüllt worden: sein Schüler Martin Vogel ließ 1662 die „Doxoscopiae physicae minores“, Johann Vagetius 1679 die „Isagoge phytoscopica“ erscheinen, allein hierbei blieb es. 1691 vernichtete ein Brand den größten Theil der nachgelassenen Manuscripte; etwa der vierte Theil (über 100 Fascikel) ist auf der Hamburger Stadtbibliothek erhalten. Leibniz hat sich wiederholt vergebens bemüht, die Herausgabe zu bewirken; nachdem man hamburgischerseits das durch Newton veranlaßte Anerbieten der königl. Societät in London, den gesammten Nachlaß auf ihre Kosten drucken zu lassen, zurückgewiesen, hat sich später niemals wieder eine Gelegenheit geboten und wird sich kaum wieder bieten. Die Bedeutung Jungius’, auf welche nach fast völliger Vergessenheit wieder hingewiesen zu haben, Goethe’s Verdienst ist, beruht weniger in seinen philosophischen, als in seinen naturwissenschaftlichen Studien. Die ersteren sind fast ausschließlich kritischer Art; es ist zu bedauern, daß „er sich nicht damit begnügte, die herrschende Philosophie einer allgemeinen und zusammenhängenden Kritik gleich anderen Reformatoren seiner Zeit zu unterwerfen, sondern statt dessen seine Doxoskopien auf zu viele einzelne Lehrer und Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhunderts wandte, welche die Geschichte der Philosophie längst zur Vergessenheit verurtheilt hat“ (Guhrauer), während er Männer, wie Baco, Galilei, Descartes u. A. nicht beurtheilte. Schon Leibniz beklagte, daß J. durch die Kritik fremder Arbeiten zu viel Zeit für die eigenen verloren habe. Ihm eigenthümlich aber und seinen wissenschaftlichen Standpunkt [726] bezeichnend, ist die Anschauung, daß „die Quellen der wissenschaftlichen Wahrheit weder im apriorischen Denken oder der Vernunft allein, noch in der Erfahrung allein zu suchen seien, sondern in der unzertrennlichen und nothwendigen Verbindung beider.“ Hierdurch sichert er sich eine selbständige Stellung zwischen Descartes und Bacon und, wenn er einerseits der Speculation des ersteren nicht zu folgen vermag, so erhebt er sich doch weit über den nackten Empirismus des Engländers. Die Metaphysik als solche ist ihm keine eigentliche Wissenschaft und zwar deswegen, „weil es in derselben keine Demonstrationen gibt“; der höchste Gipfel aller Wissenschaft ist vielmehr die Heuretik oder Zetetik, durch welche „verlorene Probleme wiederhergestellt, unaufgelöste gelöst, neue Lehrsätze gefunden, neue Canones geschaffen, Zweifelhaftes zur Gewißheit erhoben wird“. Daher ist ihm die Mathematik und die Physik allein die wahre Philosophie: „die Verbesserung der Philosophie hat von der Physik ihren Ursprung zu nehmen“. Dieser, d. h. der Naturwissenschaft im allgemeinen die wissenschaftliche Methode angegeben zu haben, ist Jungius vornehmlichstes Verdienst gewesen: Prüfung der Hypothesen nach den durch Demonstrationen erwiesenen Erscheinungen; nicht das Anpassen der beobachteten Erscheinungen an die Hypothesen, sondern vorsichtige Anwendung der wissenschaftlichen Induction, genaue Ermittelung der Endursachen, wie des Zweckes der einzelnen Erscheinung, dies sind die Grundforderungen, die er für eine wissenschaftliche Erkenntniß der Natur aufstellte. Die naturwissenschaftlichen Gebiete, mit denen er sich vornehmlich beschäftigte, waren Physik und besonders Insektenkunde und Botanik; in dieser war er durch seine Gestaltung der Nomenclatur und seinen Versuch, die Pflanzen nach den Geschlechtsorganen zu ordnen, der Vorläufer Linné’s, wenngleich Goethe über ihn urtheilt: „an seinen botanischen Arbeiten kann ich gleiche Liebe und Fleiß nicht bemerken“; die Mineralogie blieb ihm im Ganzen fern. – Außer den im Vorstehenden bereits genannten Schriften von J. sind noch folgende, nach seinem Tode veröffentlichte zu nennen: „Harmonica theoretica“, ed. a J. Vagetio, 1678; „Historia vermium“, ed. a Garmero. 1691.

M. Fogelii Memoria J. Jungii, Hamb. 1657. Wilckens, Ehrentempel, Hamburg 1770. Calmberg, Geschichte des Hamb. Johanneums, 1829. Guhrauer, Joachim Jungius und sein Zeitalter. Nebst Goethes Fragmenten über Jungius, Stuttgart und Tübingen 1850. Avé-Lallemant, Des Dr. J. Jungius’ Briefwechsel, Lübeck 1863.