ADB:Bilfinger, Georg Bernhard

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Artikel „Bilfinger, Georg Bernhard“ von Julius Hartmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 2 (1875), S. 634–635, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Bilfinger,_Georg_Bernhard&oldid=- (Version vom 25. Mai 2019, 17:45 Uhr UTC)
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Bilfinger: Georg Bernhard B., Philosoph und Staatsmann, geb. zu Cannstatt in Würtemberg als der Sohn eines Geistlichen, 23. Januar 1693, † in Stuttgart 18. Febr. 1750. (Nach unverbürgter Ueberlieferung ist der Name aus Vielfinger, von einer in der Familie, auch auf unsern B., vererbten Mißbildung der Hand entstanden, in Wirklichkeit wol eher von einem Orte Bilfingen, etwa dem badischen, abzuleiten. Vgl. Pilofinga in Förstemann’s Namenbuch.) Vorgebildet in den Klosterschulen Blaubeuren und Bebenhausen, bezog B. 1709 die Universität Tübingen, wo er im theologischen Stift lange bedauert, nicht ein Drechsler geworden zu sein, bis die Mathematik, Leibniz und Wolff ihn fesseln. Nach der Studienzeit verzichtete er auf Ehre und Glück in der Heimath und ging nach Halle, mehrere Jahre dem Unterricht und Umgang Wolff’s zu widmen, der seinerseits dem gut geschulten Theologen in seinen Kämpfen mit der Orthodoxie manches verdankte. 1719 erhielt B. ein unbesoldetes Extraordinariat in Tübingen, aber die Theologen sorgten dafür, daß seine philosophischen Collegien leer blieben. Erst 1723 brachte ihn eine ordentliche Professur der Mathematik und Moral am Collegium illustre, einer Staatsanstalt für die Bildung des jungen Adels, in bessere Verhältnisse. In dieser Tübinger Zeit entstanden seine wichtigsten philosophischen Schriften, zuletzt die besonders geschätzte:„Dilucidationes de Deo, anima humana, mundo et generalioribus rerum affectibus“ (1725. Neue Auflagen 1740. 43. 46.). In diesen Schriften hat B. zum Aerger Wolff’s, der den höchsten Werth auf die Selbständigkeit seines Systems legte und früher von B. gesagt hatte: „er hat meine Sätze jederzeit so erkläret, wie ich sie erkläre, und so geantwortet, wie ich würde geantwortet haben“, „die Confusion gemacht und ist mit der Philosophie Leibnitio-Wolffiana aufgezogen kommen“ (Chr. Wolff’s eigene Lebensbeschr. Herausg. v. Wuttke, S. 82. 142). In der That ist B. gleich sehr Leibnizianer und Wolffianer, vgl. Zeller, Gesch. d. deutsch. Philos. seit Leibn. S. 283 ff. 294. Auf Wolff’s Empfehlung berief den jungen Professor mit 3 Landsleuten Peter der Große und Katharina genehmigte, als der Czar starb, die Anstellung: im Herbst 1725 traf B. in Petersburg ein. Hier bildeten mathematische Arbeiten für die Akademie und Studien über Befestigungskunst für die Regierung seine Hauptbeschäftigung. Eine von der Pariser Akademie gekrönte Preisschrift über die Schwere brachte ausgebreiteten Ruf. Da erinnerte man sich seiner auch in der Heimath wieder, und die Regierung ruhte trotz der Gegenwirkungen von neuerungsfeindlicher Seite nicht, bis B. 1731 eine theologische Professur und Superattendenz des Stifts in Tübingen annahm. In der Weise seines Meisters Leibniz von Herzen fromm, aber so, wie er es nach dem Zeugniß seines Freundes, Hofprediger Tafinger, von aller Frömmigkeit forderte, daß „ein System, ein Zug in dem ganzen Leben“ war, erklärte B., daß wenn seine Philosophie der Kirchenlehre entgegen wäre, er sich nicht unterstehen würde, ein kirchliches Lehramt zu bekleiden. Sein irenischer Sinn führte ihn von den Wirren der Gegenwart zurück zu den Vätern der Kirche (Römer, Kirchl. Gesch. Würtemb. 2. Aufl. S. 415). Seinem Gutachten über die mährische Brüdergemeinde verdankte, auf Oetinger’s Anregung, Zinzendorf die Aufnahme in den geistlichen Stand durch die würtemb. Kirchenbehörde (ebendas. 442). Doch wieder sollte B. nicht lange dem ihm offenbar angemessensten Beruf erhalten bleiben. Schon 1735 zog ihn Herzog Karl Alexander, der den mit dem Festungsbau vertrauten Ingenieur [635] schätzte, auch seines wenig höfischen Freimuths sich freute, als Geheimrath nach Stuttgart, wo er freilich inmitten der tollen Hofwirthschaft sich bald zur Unthätigkeit verurtheilt sah. Um so eingreifender und umfassender ward sein Wirken, als nach dem plötzlichen Tode des Herzogs (1737) der Geheimrath als Vormundschaftsbehörde „mit großer Kraft die ganze Regierung des Landes führte, ein – wie Spittler urtheilt – verständiges und mit Recht gerühmtes Regiment“. B. war es, der an dem zu jener Zeit katholischen Hof die Erziehunng der Prinzen in Berlin unter Friedrichs Augen durchsetzte, im österreichischen Erbfolgekriege die Neutralität des Ländchens glücklich wahrte. Als Consistorial-Präsident sorgte er für den Frieden innerhalb der evangelischen Landeskirche durch mustergültig weise Anordnungen in Betreff des Pietismus (1743). Im übrigen beschäftigte ihn, außer der Wissenschaft, die Leitung des höheren Unterrichtswesens, Mitwirkung zu den Bauten des jungen Herzogs Karl u. a. Unverheirathet, widmete er viel Liebe und Sorgfalt seinem Garten und Weinberg. Das Einzige, was ihm nicht ohne Grund nachgeredet wurde, war die altwürtembergische Erbsünde der Verwandten-Begünstigung. An äußerer Anerkennung hatte es dem Gelehrten und Staatsmann seit seinem Aufenthalt in Rußland nie gefehlt; das höchste Lob spendete dem Todten Friedrich der Große, der nach einer Ueberlieferung in Bilfinger’s Familie zu einem von dessen Neffen sagte: „Das war ein großer Mann, dessen Andenken ich stets verehre.“

Tafinger, Leichenrede. Stuttg. (1750). (Prof. Abel) in Moser’s Patriot. Archiv. 1788. 9. 369 ff. Spittler, Verm. Schriften 13. 421 ff. G. Schwab im Morgenblatt 1830. Nr. 131 ff.