ADB:Borstell, Ludwig von

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Artikel „Borstell, Karl Heinrich Ludwig von“ von Richard von Meerheimb in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 3 (1876), S. 181–183, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Borstell,_Ludwig_von&oldid=- (Version vom 20. September 2019, 08:07 Uhr UTC)
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Borstell: Karl Heinrich Ludwig v. B., aus einer alten Familie der Altmark, geb. 1773 zu Tangermünde, † 1844; war 1788 im Cürassierregiment Ilow, Nr. 7, das sein Vater commandirte, eingetreten, wurde 1792 Second-Lieutenant, 1799 Stabsrittmeister im Regiment Garde du Corps, 1805 Major und im folgenden Jahre bei Blücher’s Corps angestellt. Als 1807 Ney und Victor sich Königsberg näherten, ging er ihnen mit nur 800 Mann entgegen, sie hielten ihn für die Avantgarde eines starken Corps und schlossen einen Waffenstillstand. In demselben Jahre wurde er vom König als Flügeladjutant nach Königsberg berufen, dann wurde ihm das Commando eines neu zu errichtenden Ulanenregiments übergeben, 1809 wurde er Oberst, 1810 Brigadier der brandenburgischen Cavallerieregimenter, 1811 erhielt er das Commando über die pommersche Cavallerie- und Infanteriebrigade und hatte zugleich die Festung Colberg zu sichern. Schon in dieser Stellung zeigte sich sein starkes Selbstgefühl, seine Neigung, persönlich und auf eigene Verantwortlichkeit zu handeln. B. war ein kluger, energischer, durchaus uneigennütziger und sehr wohlwollender, aber stolzer und reizbarer Mann. Für jene Zeit wohlhabend, hatte er sich während seiner Dienstzeit viel in höheren Kreisen bewegt und gefiel sich in würdevoller Repräsentation, was seine äußere Persönlichkeit unterstützte. Sein patriotischer Eifer führte ihn dazu, 1813 auf eigene Hand mit Gneisenau (damals in England), Münster und Anderen Unterhandlungen anzuknüpfen und ersteren aufzufordern, eine Million Thaler, Geschütze, Waffen etc. nach Colberg zu senden. Im Februar desselben Jahres marschirte er, ohne Befehl erhalten zu haben, mit sieben Bataillonen, vier Batterien und sechs Escadronen nach der Oder ab, meldete es hinterher dem Könige und schrieb: „Ich erwarte in Königsberg i. N. Ihre näheren Befehle und flehe Eure Majestät fußfällig an, lassen Sie uns los.“ So sehr der König B. wohlwollte, und so wenig ein Zweifel an dessen patriotischem Eifer bestehen konnte, so tadelten mit vollem Recht doch mehrere Ordres „das eigenmächtige Heraustreten aus dem anvertrauten Dienstkreise“, und verwiesen ihm, daß er „ohne höhere Autorisation versucht habe, sich Geld, Geschütz und Munition aus England zu verschaffen“. Gegen Hardenberg äußerte der König: „Es ist die höchste Zeit, daß dem Umherlaufen endlich einmal gesteuert und Uebereinstimmung in diese vereinzelten Unternehmungen durch die Ernennung eines Oberbefehlshaber für jedes einzelne Corps gebracht werde.“ B. wurde unter York’s [182] Befehl gestellt und führte später eine Brigade bei Bülow’s Corps. An der Berennung von Magdeburg nahm er Theil und trug zu dem Siege bei Möckern (5. April 1813) bei, wo er leicht verwundet wurde. Während der Verhandlungen mit dem Kronprinzen von Schweden schrieb B. im Juni von Berlin aus, es sei nöthig, den Oberbefehl auf dem nördlichen Kriegsschauplatz in des Kronprinzen Hände zu legen und er bitte ihn selbst in diesem Falle, dem Hauptquartier desselben zu attachiren, eine Bitte, welcher der König nicht entsprach. Auch in einem später dem König eingereichten Memoire über den Operationsplan wies B., auf Bernadotte deutend, darauf hin, daß im Norden Deutschlands alle Streitkräfte in die Hand eines Feldherrn gelegt werden müßten, „der groß und erhaben, nur dem Kriegszweck lebt, ihm Alles unterordnet und selbständig zu handeln weiß“. Wie wenig der Kronprinz diesen Forderungen entsprach, zeigte sich bald, aber der gewandte Bernadotte hatte einen Theil der preußischen Officiere durch seine Liebenswürdigkeit zu gewinnen und ihr Urtheil zu irren gewußt. Auch auf Friedrich Wilhelm III. machte er in Trachenberg einen sehr günstigen Eindruck. – Nach dem Waffenstillstand stand B. mit seiner Brigade am linken Flügel der Linie der Nuthe und Notte mit ihren Ueberschwemmungen zum Schutze Berlins. In der Schlacht bei Großbeeren 28. August 1813 hatte die Division Borstell die Instruction, als Reserve der Division Thümen zu folgen, außerdem aber nach den Umständen zu handeln und die Deckung der linken Flanke des Armeecorps (Bülow) zu beachten. Als der Artilleriekampf begann, marschirte B. mit seiner Division (eigentlich Brigade) aus der Reserve nach Kleinbeeren ab, griff im entscheidenden Moment in das Gefecht in Großbeeren ein, und trug durch seinen Angriff auf die rechte Flanke des Feindes viel zum glücklichen Ausgange der Schlacht bei. Ihm wurde dafür das eiserne Kreuz 1. Classe verliehen. In der Schlacht bei Dennewitz 6. Sept. 1813 focht die Division Borstell stundenlang gegen große Ueberlegenheit bei Gölsdorf, wo er rechtzeitig zu Bülow’s Unterstützung eintraf, und die Führer wie die Truppen zeigten die höchste Zähigkeit und Energie, erlitten aber große Verluste. Bei dem Sturm auf Leipzig am 19. October drang seine Brigade zuerst in das Grimma’sche Thor. Mit dem Bülow’schen Corps ging er 1814 nach Holland, und blieb, Generallieutenant geworden, mit 10000 Mann dort zurück, um die Eroberung von Holland und Belgien zu vollenden, als Bülow nach Frankreich gezogen war. Er siegte in dem Gefecht bei Courtray und nahm mehrere kleine Festungen in Belgien. B. war mit seinem Corps dem Herzog von Weimar beigegeben worden; als er Bülow’s Befehl erhielt, zu ihm zu stoßen, weigerte er sich zuerst und brach erst am 29. März von Maubeuge, das er eingeschlossen hatte, auf. Die gereizte Correspondenz mit Bülow und die weiteren Folgen wurden durch den Friedensschluß unterbrochen.

1815 hatte B. die Führung des zweiten Armeecorps unter Blücher’s Oberbefehl übernommen und bekam den Befehl, sich am 5. Mai bei Namur zu concentriren. Schon am 2. Mai hatte die Theilung der sächsischen Truppen nach dem neuen preußischen und dem verbleibenden sächsischen Antheil vollzogen werden sollen, die Contingente von Hannover, Nassau und aus dem Königreich Sachsen – tel qu’il reste après les cessions faites à Sa Maj. le roi de Prusse – wurden Wellington überwiesen. Die bisher auf Hardenberg’s Rath aufgeschobene Theilung der sächsischen Truppen mußte nun ausgeführt werden, nach Blücher’s Befehl sollte das Corps, in zwei Brigaden getheilt, vereinigt bleiben, bis der König von Sachsen entscheide, wann die zweite Brigade zu Wellington’s Armee abmarschiren solle. Bei dieser Gelegenheit brach der Aufstand der sächsischen Truppen in Lüttich aus, bei dem Blücher und das ganze Hauptquartier in Lebensgefahr geriethen. B., mit der Bestrafung der Schuldigen und der ferneren Ausführung [183] der Maßregeln beauftragt, weigerte sich, den Befehl Blücher’s, die Fahnen der Bataillone zu verbrennen, die am Aufstande Theil genommen, auszuführen, weil er eigenmächtig sächsischen Commandeuren sein Ehrenwort gegeben, daß er die Fahnen nicht würde verbrennen lassen. Blücher schickte ihn in Arrest, die Führung des Corps übernahm General v. Pirch, B. wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und zu 4jähriger Festungsstrafe verurtheilt. Nachdem er mehrere Monate in Magdeburg gesessen, begnadigte ihn der König auf Blücher’s Bitte, der ihn in Magdeburg besucht hatte. Auch in diesem Vorfall zeigt sich Borstell’s Neigung über seine Sphäre hinauszugreifen und selbständig zu handeln, aber ebenso legt er ein Zeugniß für dessen ritterlichen, humanen Sinn ab, der sich auch in seiner steten und treuen Sorge für seine Truppen und alle ihm untergebenen aussprach. 1816 wurde er zum commandirenden General in Ostpreußen und später zum Chef des 5. Cürassierregiments ernannt, 1825 erhielt er das Generalcommando in Coblenz. Mehrfach war er zur Leitung großer Cavalleriemanöver nach Berlin berufen, in mehreren nicht publicirten Denkschriften hat er sich für die Bildung großer Cavalleriecorps ausgesprochen, wie sie 1866 formirt wurden aber sich nicht bewährten. Zum General der Cavallerie befördert und mit dem schwarzen Adlerorden geschmückt, wurde er 1840 auf seinen Wunsch zur Disposition gestellt, zog nach Berlin und wurde Mitglied des Staatsraths.