ADB:Brahms, Johannes

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Artikel „Brahms, Johannes“ von Eusebius Mandyczewski in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 47 (1903), S. 760–767, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Brahms,_Johannes&oldid=- (Version vom 19. August 2019, 00:25 Uhr UTC)
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Brahms *): Johannes B., geboren zu Hamburg am 7. Mai 1833, † zu Wien am 3. April 1897, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der hervorragendste Componist auf dem Gebiete der sogenannten absoluten Musik, d. h. jener Musik, die keinen anderen Zweck hat, als durch ihre eigne Schönheit zu wirken. Sein Vater, Johann Jacob, war ein schlichter Musiker, der sich als Waldhornbläser und als Contrabassist in Hamburg ein kärgliches Brot verdiente; erst diente er im Karl-Schulze-Orchester, dann in dem des Stadttheaters, und wirkte im Sommer in einer kleinen Kapelle mit, die im [761] Alster-Pavillon Unterhaltungsmusik machte. Für diese hat der Sohn in seiner frühesten Zeit manches Stück gesetzt und seine Liebe zu den Blasinstrumenten mag hier ihre erste Nahrung gefunden haben. Des Knaben Begabung zeigte sich frühzeitig. Sein erster Lehrer war O. Cossel; doch die ganz ungewöhnlichen Fortschritte des Zöglings veranlaßten diesen bald, ihn zu seinem eigenen Lehrer und Meister Eduard Marxsen zu bringen, der als der hervorragendste Musiker Hamburgs galt. Hier wurde der Grund gelegt für das außerordentliche Clavierspiel von B. und für die souveräne Beherrschung der Compositionstechnik, die er sich im Laufe eines ernsten, arbeitsreichen Lebens zu eigen gemacht hat. Frühzeitig mußte er auf den Erwerb des Lebensunterhalts bedacht sein und während seiner Studienzeit mit seinem Vater und andern Musikern auf dem Tanzboden aufspielen oder sonst wo lebendiger Musikbedarf vorhanden war. Aber seine natürliche Begabung und ein unbändiger Bildungstrieb, der ihm Zeit seines Lebens treu blieb, hob ihn bald in jeder Beziehung über seine Umgebung hinaus. In den Jahren 1848 und 1849 gab er seine ersten öffentlichen Concerte in seiner Vaterstadt. Zunächst zeigte er sich nur als Clavierspieler, und machte sich als solcher bald einen guten Namen. Als nach einigen Jahren der berühmte ungarische Violinvirtuose Remenyi nach Hamburg kam, verband er sich mit B. zu gemeinsamen Concertreisen. Das war die erste Veranlassung, daß B. seine Vaterstadt verließ. Seit dieser Zeit (1853) finden wir ihn durch mehrere Jahre an verschiedenen Orten als Componist, Clavierspieler, Dirigent thätig. In Göttingen schloß er sich J. Joachim an, der ihm mit der Größe und dem Ernst seiner Kunst näher stand als Nemenyi. In Weimar lebte er einige Zeit unter Liszt’s Einfluß. Er besuchte u. a. auch die Schweiz und machte rheinabwärts eine Fußreise nach Bonn. In Düsseldorf lernte er zu Anfang October 1853 Robert Schumann kennen, das bedeutendste Ereigniß seines an äußeren Erlebnissen nicht reichen Daseins. Von seinen Compositionen, wie nicht minder von seinem eigenartigen Clavierspiel und dem schlichten, bescheidenen und ernsten Wesen des jungen Mannes war Schumann aufs tiefste ergriffen. Er erkannte sofort, daß hier ein großer Geist die ersten Schwingen rege. Noch einmal – nach fast zehnjähriger Pause – ergriff er die Feder des Schriftstellers und machte in einem in der Neuen Zeitschrift für Musik am 23. October 1853 erschienenen Aufsatz „Neue Bahnen“ die musikalische Welt auf B. aufmerksam. Dies sicherte wol den Werken von B. die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen, spannte aber deren Erwartungen so hoch, daß er sich nur schwer und nach strenger Wahl zur Veröffentlichung seiner Compositionen entschließen konnte. Im Winter dieses Jahres erschienen seine ersten Werke, Claviersonaten und Lieder, in Leipzig, wo er auch als Clavierspieler auftrat. Kurze Zeit darauf brach Schumann’s furchtbares Leiden aus, das ihn die letzten zwei Lebensjahre von seiner Familie getrennt hielt. Während dieser Zeit lebte B. viel in Schumann’s Nähe und stand den Angehörigen in treu ergebener Freundschaft bei. Nach Schumann’s Tod war B. durch zwei Jahre Musikdirector am Hofe zu Detmold, wo er die Hofconcerte und den Gesangverein leitete. Dann lebte er wieder einige Zeit in seiner Vaterstadt, seine Kunst wie seine Bildung stetig vertiefend und erweiternd. Auf einer Kunstreise nach Budapest lernte er 1862 die österreichische Kaiserstadt an der Donau kennen. Vom musikhistorischen Interesse ganz abgesehen, zog ihn, den Naturfreund und den Freund der einfachen, schlichten Art, Wien mit seiner an Naturschönheiten so reichen Umgebung und mit seiner heiteren, harmlosen und liebenswürdigen Bevölkerung mächtig an. Hier faßte er festen Fuß, nachdem er sich durch öffentliches Auftreten als Clavierspieler wie als Componist bekannt gemacht hatte, und hier ist er auch, mit einigen [762] Unterbrechungen in den sechziger Jahren, bis an sein Lebensende geblieben. Ein öffentliches musikalisches Amt hat er in Wien nur zweimal bekleidet. Ein Jahr lang (1863–64) war er Dirigent der Wiener Singakademie, drei Jahre lang (1872–75) Dirigent der Gesellschaftsconcerte. In beiden Stellungen war er besonders um gute Aufführungen der großen Chorwerke von Bach und Händel bemüht. Von Wien aus besuchte B. im Lauf der Jahre alle größeren deutschen und schweizerischen Musikstädte, insbesondere jene, in denen er Gelegenheit erhielt, bei Aufführungen seiner Werke persönlich einzugreifen. So verbrachte er längere Zeit 1865 in Karlsruhe, 1866 in Zürich und Baden-Baden, 1868 in Bremen. Doch wurden die Reisen dieser Art immer kürzer, je häufiger sie wurden. Breslau, Berlin, Königsberg, Halle, Hamburg, München, Basel, Zürich, Köln, Düsseldorf, Krefeld, Budapest u. a. haben ihn oft gesehen und gehört. Eine besonders eingehende und liebevolle Pflege fanden seine Werke am Hofe des kunstsinnigen Herzogs Georg in Meiningen, wo B. in Hans v. Bülow und dessen Nachfolger Fritz Steinbach zwei der verständnißvollsten und begeistertsten Interpreten seiner Musik, im herzoglichen Paare zwei der aufrichtigsten Verehrer und Freunde hatte. Für den bürgerlichen Verkehr in Wien genügte ihm ein kleiner auserwählter Kreis. Die Sommermonate verbrachte er abwechselnd in der Nähe von Wien, in der Steiermark, Kärnthen, dem Salzkammergut (besonders Ischl) oder in der Schweiz. In seinen letzten Jahren besuchte er mehrmals Italien und Sicilien; aber nicht der Musiker war es in ihm, sondern der Naturschwärmer, der Kunstkenner und Menschenfreund, der hier durch Anschauen neue Nahrung und Begeisterung gewann.

Wie jeder große Componist war auch B. ein Mann von rastlosem Fleiß. Die Oper ausgenommen, war er auf jedem Gebiet der musikalischen Composition thätig. Eine Uebersicht über seine Werke zeigt: 1. für Orchester: Vier Symphonien, zwei Ouvertüren, zwei Serenaden, Variationen über ein Thema von Haydn; 2. mit Orchesterbegleitung: zwei Concerte für Pianoforte, ein Concert für die Violine, ein Concert für Violine und Violoncell; 3. Kammermusik für Streichinstrumente: zwei Sextette, drei Quintette (darunter eines mit Clarinette), drei Quartette; 4. Kammermusik mit Pianoforte: ein Quintett, drei Quartette, fünf Trios (darunter eines mit Waldhorn und eines mit Clarinette), zwei Violoncellsonaten, drei Violinsonaten, zwei Clarinettsonaten; 5. Pianofortemusik: drei Sonaten, ein Scherzo, sechs Variationenwerke, mehrere Balladen, Rhapsodien, Romanzen, Intermezzi, Capricci und Phantasien, Walzer, Ungarische Tänze, Studien und Uebungen; 6. für die Orgel: elf Choralbearbeitungen, eine Fuge in As-moll, ein Choralvorspiel und Fuge in A-moll; 7. für Chor und Orchester: ein deutsches Requiem nach Worten der heiligen Schrift, eine Cantate „Rinaldo“ (für Männerstimmen), eine Rhapsodie aus Goethe’s Harzreise (für Altsolo und Männerstimmen), Hölderlin’s „Schicksalslied“, ein Triumphlied (achtstimmig), Schiller’s „Nänie“, Goethe’s „Gesang der Parzen“ (sechsstimmig), ein „Ave Maria“ (für Frauenstimmen), einen „Begräbnißgesang“; 8. für Chor mit einzelnen Instrumenten: Vier Gesänge für Frauenstimmen mit Harfe und zwei Hörnern, den 113. Psalm für Frauenstimmen mit Orgel, ein geistliches Lied für gem. Chor mit Orgel; 9. für Chor ohne Begleitung: a. für gem. Chor: zwei Hefte Marienlieder, mehrere Hefte vier- bis sechsstimmiger weltlicher Lieder, sieben vier- bis achtstimmige Motetten, drei achtstimmige Fest- und Gedenksprüche, mehrere Volkslieder; b. für Frauenchor: drei geistliche Lieder, zwölf Lieder und Romanzen, dreizehn Canons; c. für Männerchor: fünf Lieder; 10. Gesangwerke mit Pianofortebegleitung: Tafellied (für sechsstimmigen Chor), Liebeslieder und Neue Liebeslieder in Walzerform (Soloquartette mit vierhändiger Begleitung), fünf Hefte Quartette (darunter zwei [763] Gruppen „Zigeunerlieder“), zwölf Duette für Sopran und Alt, vier Duette für Alt und Bariton, mehrere andere zweistimmige Balladen, Romanzen und Lieder, fünfzehn Romanzen aus Tieck’s „Magelone“, vier „Ernste Gesänge“ nach Worten der Bibel, sieben Hefte deutscher Volkslieder, ein Heft Volkskinderlieder, endlich gegen zweihundert einstimmiger Lieder, Romanzen und anderer Gesänge.

Aus allen Werken von B. spricht ein tiefer künstlerischer Ernst. „Componiren heißt nicht phantasiren“ war seine Devise und fast überall halten sich künstlerische Ueberlegung und musikalische Erfindung, die Arbeit des Kopfes und die des Herzens das Gleichgewicht. Der musikalische Ausdruck ist etwas herb und von männlicher Kraft. Nie sucht B. uns zu blenden, zu verblüffen, zu überraschen, oder uns äußerlich zu gefallen; uns im Innersten zu bewegen, uns erheben, uns erschüttern will er. Seine Sprache ist von gewählter, ungewöhnlicher Art, daher nicht jedem leicht verständlich. Edel, wie der Inhalt seiner Werke ist auch ihre Form. Diese ist ihm ebensosehr Ausdrucksmittel und Mittel künstlerischer Wirkung, wie sie es den großen Classikern seiner Kunst war, die ein Jahrhundert vor ihm in Wien gelebt haben. Ihre Formen hat er daher nicht zerschlagen, sondern gerade mit besonderer Vorliebe gepflegt, mit neuem Inhalt erfüllt und an ihre höchste Vollkommenheit sein ernstestes Streben gewendet.

In seinen ersten Werken übersprudelt noch der Gefühlsinhalt und die Phantasie. Aber schon im ersten Sextett, op. 18, beherrscht er seinen Stoff in meisterhafter Art. Dann erscheinen einige Werke, wie der Psalm, die ersten Motetten, das geistliche Lied mit Orgel, die geistlichen Chöre, op. 37, in denen wieder die Reflexion vorherrscht. Aber vom deutschen Requiem (op. 45) an zeigt er sich in jeder Beziehung als einer der größten Meister seiner Zeit. Hat er auch vollendete Meisterschaft zuerst auf instrumentalem Gebiet erreicht, so sehen wir ihn doch auf der Höhe seiner Kunst lange mit großen Vocalwerken (Requiem, Schicksalslied, Triumphlied, Rhapsodie) beschäftigt, bevor er sich an die größte Form der Instrumentalmusik, an die Symphonie, wagt: die erste trägt die Opuszahl 68. Die späteren aber folgen bald.

Trotz Schumann’s Einführung ist Brahms’sche Musik nur langsam zu allgemeinerer Geltung gelangt. Lange galt nur der Clavierspieler B., nicht auch der Componist. Zahlreiche Mißerfolge verdüsterten die ohnedies nicht glänzende Jugend, vermochten aber nicht, den Künstler von seinem Pfade abzulenken. Sie machten den Schüchternen nur noch einsilbiger, den Ernsten eher mürrisch und trotzig, aber auch den Fleißigen und Strebsamen nur noch intensiver und leistungsfähiger. Ernst, düster und weltabgewandt geben sich demnach viele seiner früheren Werke, besonders für Pianoforte, obenan das erste Concert. Mit der beginnenden und fortschreitenden Anerkennung der Welt hellt sich auch nach und nach das Wesen und das Gemüth des Componisten auf, und wir sehen in ihm das schöne Beispiel eines Mannes, der bei allem Ernste seines Wesens mit den Jahren heiterer, friedlicher, freundlicher, harmonischer wird. Die Ergebnisse dieses inneren seelischen Wandels zeigen sich am klarsten beim Vergleich der beiden Pianoforteconcerte, der ersten Symphonie mit der zweiten und dritten, der Streichquintette mit den Streichquartetten u. a.

B. war ein Clavierspieler außerordentlichster Art. Er besaß die höchste technische Virtuosität, benützte sie aber, ohne sie zu unterschätzen, nie um ihrer selbst willen. Polyphones, gesangvolles Spiel, Vollgriffigkeit, weicher Anschlag, schönes Legato, Ausdruck in jeder einzelnen Stimme, Leichtigkeit und Sicherheit in allem Mechanischen, zeichneten diesen Clavierspieler aus und zeigten [764] selbst am Instrument immer mehr den großen Musiker als den Virtuosen. Seine „Studien“ nach Weber, Chopin, Bach, und seine „Uebungen“ zeigen die technische Seite seines Clavierspiels am deutlichsten. Der tiefe seelische Gehalt und die großen, ganz eigenartigen technischen Schwierigkeiten, die seinen Clavierwerken eigen sind, haben verursacht, daß sie nur langsam zur Anerkennung kamen. Denn sie sind wirklich nur für die Auserwählten unter den Clavierspielern da. Die Variationen über ein Thema von Händel und die Rhapsodien haben zuerst ihren Weg gemacht. Die Intermezzi und Balladen folgten. Den Sonaten, die aus der Jugendzeit stammen, wendete sich eine eingehende Aufmerksamkeit erst zu, als der Componist ins Alter ging. Seine Clavierconcerte waren anfangs nur seine eigenen Repertoirestücke. An das Neue, Gewaltige in ihnen mußten sich die Clavierspieler langsam gewöhnen. Dagegen erreichte er mit den „Ungarischen Tänzen“ den größten äußeren Erfolg seines Lebens. Hier bewährte sich der Meister der Form und des Claviersatzes; denn der musikalische Gehalt ist aus volksthümlichen Melodien der Magyaren geschöpft.

Früher als die Clavierwerke kamen Brahms’ Chorwerke und Lieder zur Geltung. Ihr Verständniß haben die sorgfältig gewählten, schon poetisch hervorragenden Texte ungemein gefördert. Obenan steht das „deutsche Requiem“, eine Reihe religiöser Betrachtungen über Leben und Tod des Menschen nach Worten der heiligen Schrift, das im Dom zu Bremen 1868 zum ersten Mal aufgeführt wurde. Es wird fast allgemein für das großartigste Werk von B. gehalten, obwol ihm das tiefsinnige „Schicksalslied“, der gewaltige „Gesang der Parzen“, die stimmungsvolle „Rhapsodie“ an musikalischem Gehalt gewiß nicht nachstehen. Die schönste Popularität unter allen Werken von B. haben seine Lieder gefunden. Sie sind im besten Sinn Nationaleigenthum der Deutschen geworden und haben kunstgeschichtlich ihren Platz neben jenen von Schubert und Schumann. Zu den schönsten und zugleich bekanntesten zählen die Sapphische Ode, Feldeinsamkeit, Von ewiger Liebe, die Mainacht, Vergebliches Ständchen, Wiegenlied. Wie mit den Liedern hat B. der Hausmusik auch mit den mehrstimmigen von Pianoforte begleiteten Gesängen neue Nahrung zugeführt. Die zwei Serien „Liebeslieder-Walzer“ und die „Zigeunerlieder“ gehören zu den frischesten, blühendsten, am unmittelbarsten wirkenden Tondichtungen unserer Zeit. Mit ihnen hat unsere Hausmusik eine neue Form gewonnen, die auch schon zu Brahms’ Lebzeiten mehrmals nachgeahmt wurde.

Nächst der vocalen Hausmusik hat B. die instrumentale Kammermusik am reichsten bedacht. Mehr als auf jedem anderen Gebiete offenbart er hier seine eigenartige Begabung als absoluter Musiker. Dieses Gebiet kennt weder die Anlehnung an den Text, noch den Glanz der Virtuosität, noch die Farbenpracht des Orchesters; einzig der musikalische Gedanke, in dem sich die Empfindung des Componisten ausdrückt, herrscht hier, und seine schöne Form. Für eine etwas in sich gekehrte Natur, für einen so aus dem tiefsten Innern schaffenden Componisten, wie B., war es das nächstliegende Gebiet. In der Größe der Anlage, in der Tiefe des Gehalts, in der Mannichfaltigkeit der Einzelheiten, der Verschiedenartigkeit der Stimmungen überragt er hier selbst seine großen Vorgänger Mendelssohn und Schumann, und steht unmittelbar neben den Größten. Das urwüchsig frische Clavierquartett in G-moll, das schwärmerische Waldhorntrio, das pathetisch-trotzige und doch so hinreißende Clavierquintett, das elegisch-wehmüthige Clarinettquintett, das männlich-erhabene Streichquintett in F-dur dürften die hervorragendsten Vertreter ihrer Gattung sein und zählen zu den schönsten Werken der deutschen Kammermusik überhaupt.

Am schwersten haben sich die Orchesterwerke von B. ihren Platz in der [765] musikalischen Welt erobert. Als Werken, die im großen Raum zu wirken haben, geht ihnen eine glänzende, von vornherein blendende Außenseite am meisten ab. Diese in der Naturanlage ihres Schöpfers begründete Eigenschaft tritt beim Vergleiche mit den Werken der Zeitgenossen am schärfsten hervor. Zum Verständnis dieser Werke gehört Kenntniß des Details, gespannte Aufmerksamkeit, liebevolle Aufführung. B. hat es noch erlebt, daß das Publicum auch über diese Lehrzeit hinauskam und seine Symphonien überall aufgeführt wurden, wo ernste Orchestermusik gemacht wird. Leichter ist es darin dem überaus schönen Violinconcert ergangen, das freilich in der Kunst des Ausübenden eine Stütze hat, wogegen das Doppelconcert für Violine und Violoncell, mit den gleichen Ansprüchen an zwei einmüthig theilnehmende Künstler, noch etwas zurückgeblieben ist.

Die Werke von B. sind ein ungemein treuer Spiegel seiner Seele und seines persönlichen Wesens. Auch er war für den ersten Eindruck von etwas verschlossener Art und enthüllte nur bei näherer, liebevoller Bekanntschaft die tiefliegenden, ungewöhnlichen und herrlichen Eigenschaften. Zunächst fiel eine weit umfassende, imponirende Bildung auf. In der Kenntniß der Geschichte, Theorie und Litteratur seiner Kunst hat er unter Musikern kaum seines gleichen gehabt und konnte es mit jedem Gelehrten aufnehmen. Von den bedeutenden Componisten aller Zeiten und Nationen durfte ihm kein Werk unbekannt bleiben. Damit im Zusammenhang standen ausgedehnte litterarische, historische und theologische Kenntnisse. Die ersteren zeigen sich zunächst in der ungeheuren Mannichfaltigkeit der Texte zu seinen Vocalcompositionen, insbesondere den Liedern. Hier finden wir ältere Dichter so gut vertreten, wie neuere, und unter diesen sind gerade weniger bekannte mit Pietät bevorzugt. Aber dasselbe Interesse wie der poetischen, wandte er der prosaischen Litteratur zu, und auch hier galt für ihn kein Unterschied der Zeiten, sondern nur des Inhalts. Er war einer der eifrigsten und aufmerksamsten Leser und ein begeisterter Bücherfreund. Sein rastloser Fleiß setzte ihn in die Lage für litterarische Beschäftigung mindestens ebensoviel Zeit zu verwenden, wie für musikalische. Aufs höchste interessirte ihn die Geschichte seines Volkes und seiner Kirche. Daher waren ihm auch die Bibel, die Schriften Luther’s, die Liederdichter der Protestanten und die einschlägige Litteratur ungewöhnlich vertraut, und jedes gute Werk über den dreißigjährigen Krieg, über Napoleon, über die letzte große Erhebung der Deutschen u. dgl. ein geistiges Labsal. Ihn erfüllte ein so glühender Patriotismus, daß er gegen fremde Sprachen und Nationen eine Art Abneigung hatte, Italien ausgenommen, dessen Cultur und Kunst gleichfalls Gegenstand ernsten Studiums war. Beständige geistige Beschäftigung hat seine Denk- und Urtheilskraft frühzeitig ungemein geschärft. Von dieser Eigenschaft machte er zuerst seinen eigenen Werken gegenüber Gebrauch, denen er selbst der strengste Richter war. Viele seiner Werke, insbesondere der früheren, hat er unbarmherzig vernichtet, sobald sie ihm nicht mehr genügten. Waren sie bereits veröffentlicht, so suchte er ihnen überall auszuweichen, oder er benützte, wie beim Trio in H-dur, mit Freuden die Gelegenheit, sie zu verbessern. Ein anderes Ergebniß seiner Objectivität im Urtheil war seine Bescheidenheit, sowol die künstlerische, als die persönliche, die seiner Ansprüche an das bürgerliche Leben. Die einfache Lebensweise, an die er als junger Musiker gewöhnt war und die neben der künstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit nichts kannte, als zur Erholung eine tüchtige Bewegung in der freien Natur, in frischer Luft, behielt er auch als berühmt und wohlhabend gewordener Mann bei. In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens erfuhr er von allen Seiten die größten Auszeichnungen; die Universität [766] Breslau ernannte ihn zum Ehrendoctor, die preußische und die österreichische Regierung verliehen ihm die höchsten Orden, Hamburg das Ehrenbürgerrecht u. s. w. In seiner einfachen, sparsamen Lebensweise hat es ihn nicht gestört. Bei näherer persönlicher Bekanntschaft zeigte der anscheinend rauhe Mann ein tiefes, weiches Gemüth und eine seltene Herzensgüte. Diese haben viele Bedürftige, namentlich Musiker, erfahren. Der große Menschenfreund in ihm ward nie müde, das Leben des Volkes zu beobachten und zu studiren, in welchem Lande und bei welcher Gelegenheit auch immer. So war er auch einer der größten Kenner des Volkslieds. Dieses beurtheilte er als einen Ausfluß unbewußter intensiver Empfindung nie nach seiner philologischen, sondern stets nur nach seiner Gefühlsseite, nach seiner rein musikalischen Schönheit. So hat er in den „Ungarischen Tänzen“ einige der schönsten Melodien der Magyaren, in den deutschen Volksliedern für gemischten Chor, in den Volkskinderliedern und in den sieben Heften deutscher Volkslieder mit Clavierbegleitung eine Auswahl der allerschönsten älteren Lieder des deutschen Volks, von denen die meisten schon verschollen waren, in ein edles künstlerisches Kleid gehüllt und dadurch zu neuem Leben erweckt. Bewußt und unbewußt steht er aber auch sonst in manchen seiner Werke unter dem Einfluß des älteren weltlichen wie auch geistlichen Volkslieds. Daneben haben ihn alle großen Meister der früheren Zeit, bis ins 16. Jahrhundert hinauf, beeinflußt. Die größte Bewunderung hatte er aber für Bach und Mozart. Ihnen und andern Großen gegenüber erschien ihm seine eigene Thätigkeit, wie die seiner Zeitgenossen, nur gering, und daher hat ihn, bei aller Lebens- und Schaffensfreude, ein leiser Hauch von Pessimismus immer begleitet.

B. war von kurzer, stämmiger Gestalt unter Mittelgröße, im Alter von etwas starker Leibesfülle. Dem frischen Antlitz mit den feurigen, lebhaften Augen und der unvergleichlich schönen Stirn konnte man die unverwüstliche Gesundheit des ganzen Körpers auf den ersten Blick ansehen. Er war nie krank, bis ihn ein Leberleiden einige Monate vor seinem Ende befiel und hinwegraffte. Von der großen Verehrung, die er genossen, zeugen zahllose Bildnisse aus allen Lebensaltern. Die besten darunter sind das Jugendbildniß (Bleistiftzeichnung) von Laurent, die Photographien von M. Fellinger in Wien und die von C. Brasch in Berlin. Weniger porträtähnlich sind die kunstvollen Radirungen von W. Unger in Wien, L. Michalek in Wien und van Eyken in Leipzig. Büsten von B. haben Tilgner, Kundmann, Fellinger, Conrat, Hedley in Wien, Tröbst in Leipzig und Andere modellirt. Eine Denkmünze zu Brahms’ sechzigstem Geburtstag hat A. Scharff in Wien geprägt. Das erste Denkmal (nach dem Entwurf von C. Hildebrand in München) erhielt B. 1899 in Meiningen. Denkmäler in Hamburg (Klinger) und Wien (Weyr) werden vorbereitet.

Seit Schumann’s „Neuen Bahnen“ und oft in directem Anschluß daran, ist allerwärts viel über B. geschrieben worden. Da sein äußeres Leben nicht viel Stoff bietet, findet man zumeist ästhetisch-kritische Analysen seiner Werke, das meiste in Hanslick’s Fortsetzungsbänden der „Modernen Oper“. Ernster fachlicher Erörterung der Kunst von B. sind die Schriften von H. Deiters (in der Leipziger „Sammlung musikalischer Vorträge“) und Ph. Spitta („Zur Musik“) gewidmet. Den ersten Versuch einer Biographie machte H. Reimann („Berühmte Musiker“ 1. Band, Berlin 1900). Eine umfassende und erschöpfende Darstellung des Lebens, Werdens und Wirkens von B., der Entstehung seiner Werke und der Eigenart seiner Kunst hat Max Kalbeck in der „Deutschen Rundschau“ begonnen. Eine ungemein anziehende Darstellung des persönlichen Wesens von B. gibt J. V. Widmann in seinen „Erinnerungen“ [767] und in „Sicilien“. Persönliche Erinnerungen aus der Jugendzeit hat Albert Dietrich, Leipzig 1898, veröffentlicht. Kleinere Schriften rühren von Ehrlich, Steiner, Wüllner, Helm, Heuberger, Imbert (französisch), Spengel, Nagel, Vogel, Köhler u. A. her. Kaum übersehbar ist natürlich dasenige, was in Zeitschriften über B. geschrieben wurde. Eine vollständige und wohlgeordnete Sammlung der von B. componirten Dichtungen hat G. Ophüls unter dem Titel „Brahms-Texte“ (Berlin 1898) herausgegeben und damit eine ungemein charakteristische Anthologie der deutschen Litteratur geboten. Ein vollständiges „Thematisches Verzeichniß der im Druck erschienenen Werke von Joh. Brahms“ hat sein Hauptverleger Simrock in Berlin veröffentlicht (1887, ergänzt 1897).

[760] *) Zu S. 172 oben.