ADB:Brueghel

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Artikel „Brueghel“ von Wilhelm Schmidt (Kunsthistoriker) in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 3 (1876), S. 400–402, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Brueghel&oldid=2489788 (Version vom 19. Oktober 2018, 13:51 Uhr UTC)
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Brueghel (Breughel, Breugel), niederländische Familie, die im 16. und 17. Jahrhundert verschiedene Künstler hervorbrachte. Der Stammvater und zugleich der Bedeutendste ist Pieter B., zum Unterschied von seinen Nachkommen der „alte“, in Folge seiner Darstellungen bäuerlicher Scenen der „Bauernbrueghel“ genannt. Er war Maler und verstand sich auch aufs Radiren. Geboren ist er in der heutigen holländischen Provinz Nordbrabant, im [401] Dorfe Breugel, das an der Dommel liegt und mit dem gegenüberliegenden Son jetzt zu einer Gemeinde verbunden ist. Von jenem Dorfe hat B. auch den Namen. Er war also ein specieller Landsmann des berühmten Teufelsmalers Hieronymus Bosch, und es ist merkwürdig, wie nahe sich die Kunstweisen der Beiden berühren: in vieler Beziehung kann unser Pieter als Schüler des Hieronymus angesehen werden. Allerdings kann er nicht förmlich bei diesem gelernt haben, da Bosch schon vor der Geburt Pieters verstorben war, aber dessen Bilder hat er sicher aufmerksam studirt. Als eigentlichen Lehrer Brueghel’s gibt K. van Mander den berühmten in Antwerpen lebenden Maler, Bildhauer und Architekten Pieter Coecke von Aalst an, der später auch Brueghel’s Schwiegervater werden sollte. Das Geburtsjahr unseres Humoristen wird verschieden angesetzt. Man nimmt gewöhnlich die Zeit um 1510 an, ich glaube aber mit Unrecht. Ich habe Brueghel’s früheste künstlerische Spuren nicht vor den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts gefunden, auch kam er erst 1551 in die Antwerpener Malergilde, in welche die dort wohnenden Künstler zumeist im Anfange ihrer zwanziger Jahre eintraten. Van Mander erzählt freilich, daß Pieter erst nach seiner italienischen Reise in die Gilde kam; dies ist aber unrichtig, indem der Künstler im Gegentheil nach Ausweis zweier eigenhändiger Radirungen, die Petrus Breugel fec. Romae 1553 bezeichnet sind, erst nachher seinen Römerzug antrat. Diese Differenz dadurch zu lösen, daß man annimmt, B. sei zweimal gereist, das eine Mal vor, das andere Mal nach 1551, und van Mander habe die zweite Reise nicht gekannt (vgl. den Confusionsartikel in der Biographie nationale de Belgique), erscheint von geringer kritischer Fähigkeit zeugend. Ohne diesen unzweifelhaft festgestellten Aufenthalt in Italien würde übrigens wol Niemand an eine derartige Reise glauben, denn B. zeigt sich so wenig berührt von der großen historischen Auffassung der wälschen Künstler, ist so sehr echter Niederländer geblieben, daß man sich über den geringen Eindruck jener Reise, die über Frankreich bis Sicilien ging, nur verwundern muß. Im J. 1557 muß B. wieder in der Heimath gewesen sein, indem von diesem Jahre an Stiche nach ihm von Petrus Merecinus (Petrus a Merica) in Hier. Cock’s Verlage erschienen, wofür der Maler die Vorlagen doch wol erst nach seiner Reise angefertigt hat. Cock verlegte überhaupt eine Menge Kupferstiche nach B.; daraus hat van Mander wahrscheinlich seine Angabe geschöpft, daß B. bei Cock gearbeitet. Dessen Schüler ist er aber wol nicht gewesen. Unser Künstler liirte sich mit dem Kunsthändler Hans Franckert, und man sah die beiden Freunde in bäuerlicher Tracht häufig gemeinsam auf Bauernhochzeiten und Kirchweihen. Hier konnte B. die ländlichen Scenerien von Grund aus studiren. Nach van Mander’s Schilderung war B. trotzdem ein sehr stiller und nicht viel sprechender Mann, der übrigens in Gesellschaft allerlei Späße liebte: er soll die Leute oder auch seine eigenen Gehülfen öfters mit allerlei Spuk etc. erschreckt haben. Als B. um die Tochter seines früheren Lehrers Coecke, Maria, die er als kleines Kind zur Zeit seiner Lehrjahre auf den Armen herumgetragen hatte, freite, machte die Wittwe des letztern zur Bedingung, daß er nach Brüssel zu ihr übersiedele. B. ging darauf ein, und die Heirath fand 1563 statt. Die Stadtverwaltung von Brüssel bestellte bei ihm einige Bilder, doch hinderte sein bald darauf, 1569, erfolgender Tod die Ausführung. Seine Ruhestätte fand er in der Kirche Notre-Dame de la Chapelle, wo sein Sohn Jan beiden Eltern ein Denkmal errichten ließ. Ein Erbe seines Geistes, der berühmte David Teniers d. J., ließ es 1670 wieder in Stand setzen. Brueghel’s Hauptwerke befinden sich in der kaiserlichen Gallerie zu Wien: Frühling (1560); Herbst; Winter; Streit des Faschings mit den Fasten (1559); Kreuztragung Christi (1563); Bau des Thurms zu Babel (1563); ein Bauer erwischt einen Knaben beim Nestausnehmen; Bauernhochzeit. In Darmstadt [402] befindet sich ein kleines Meisterwerk: Landschaft, im Vordergrunde tanzen Bauern um einen Galgen (1568). Van Mander erwähnt das Bild mit den Worten: Er hinterließ seiner Frau durchs Testament ein Bild mit einer Elster auf dem Galgen; indem er mit der Elster die geschwätzigen Zungen meinte, die er an den Galgen wünschte. Diese Werke sind ausgezeichnet durch scharfe und mannigfaltige Naturbeobachtung, ein kräftiges Colorit, lebendigen Vortrag und eine reiche Composition. Freilich dürfen wir auch nicht leugnen, daß der Farbengebung die Haltung fehlt, daß die Composition zerstreut erscheint, daß die Richtung auf die Ueberladung durch Einzelheiten, die dem Gesammteindrucke schaden, stark vorwiegt, allein das sind eben Mängel, die der niederländischen Malerei seiner Zeit mehr oder weniger anhaften. Und muß man auch zugeben, daß seine Bilder einen ordinären Stempel tragen, so ist dieser Stempel doch wahr, und B. steht hoch über den zahlreichen heimischen Manieristen seiner Zeit, welche die italienische Historienmalerei in mißverstandener Weise nachahmen. Es war eine gesunde, wenn auch derbschmeckende Kost. Durch seine Bauernstücke hat er einen unermeßlichen Einfluß auf die gesammte niederländische Genremalerei ausgeübt; auch auf die holländische, mehr noch auf die vlämische, deren größter Meister Adrian Brouwer seine volle Descendenz von unserm Maler nicht verleugnen kann. Zahlreich sind die Kupferstiche nach ihm, aus denen man eine unleugbare Vielseitigkeit des Schaffens ersieht. Freilich sind manche Seiten seiner Thätigkeit nicht eben erquicklich: er karrikirte gern seine Typen und wurde dadurch unwahr; namentlich seine Allegorien und Gespenstergeschichten im Sinne des gräulichen Höllenmalers Hieronymus Bosch sind vom ästhetischen Standpunkte nicht zu genießen. Dazu kommt noch, daß dieselben recht erbärmlich gestochen sind – ordinäre Waare für den geringen Mann. Seiner Phantasie in Erfindung solcher Spukgestalten muß man alle Anerkennung zollen. B. hat, wie wir oben sahen, auch in Kupfer geätzt; daß beide mit 1553 bezeichnete Radirungen in Rom entstanden sind, wurde bereits gesagt; das Blatt mit Mercur und Psyche ist übrigens keine Rheinansicht, wie man glaubt. Der Künstler lieferte auch Marinen, Zeichnungen von Schiffen, die von F. Huyß für den Verlag Hier. Cock’s gestochen wurden. Da einige dieser Blätter F. H. brueghel bezeichnet sind, so hat man in gewohnter leichtfertiger Weise einen Marinemaler Franz Hieronymus B. geschaffen, der gar nicht existirt. Das Porträt unsers Helden, im Profil mit ausdruckvollen, knochigen Zügen und langem, spitzzugehendem Vollbart wurde für die Porträtsammlung H. Cock’s gestochen. Ein anderes, wo der Maler ¾ en face erscheint, in einem mit allegorischen Figuren verzierten Oval, entstammt der Zeichnung B. Spranger’s und dem Grabstichel Eg. Sadeler’s.