ADB:Brun von Schönebeck (2. Artikel)

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Artikel „Sconebeck, Brun von“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 33 (1891), S. 484–485, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Brun_von_Sch%C3%B6nebeck_(2._Artikel)&oldid=- (Version vom 15. Juli 2019, 15:14 Uhr UTC)
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Band 33 (1891), S. 484–485 (Quelle).
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Sconebeck: Brun v. S.[WS 1], geistlicher Dichter des 13. Jahrhunderts, stammte aus einem Magdeburger Geschlechte, das zu der Corporation der Constabeln, d. h. der vornehmeren Bürger im Gegensatz zu den Zünftlern, den Handwerkern, gehörte. Aus der Magdeburger Schöppenchronik wissen wir, daß er sich Anfang der 70er Jahre des 13. Jahrhunderts um die Magdeburger Geselligkeit verdient machte, indem er einen „Gral“, ein Fest arrangirte, auf dem die angesehenen Kaufleute Magdeburgs und der Nachbarstädte sich in ritterlichen Uebungen bethätigten; die Freude am höfischen Ritterthum fing eben bereits an, in tiefere Kreise herabzusinken, das unvermeidliche Geschick jeder Moderichtung. Schon dies Fest gab S. Anlaß zum Dichten; er lud z. B. durch „höfische Briefe“, jedesfalls in poetischer Form, zum Gral ein. Aber auch später noch verfaßte er, nach derselben Quelle, viel deutsche Bücher, so „Cantica Canticorum“, das „Ave Maria“ und manch andre Dichtungen. Erhalten ist uns von all dem außer ein paar zweifelhaften Versen einzig sein „Hohes Lied“, das vollständig nur in einer Handschrift der Rhedigerschen Bibliothek zu Breslau auf uns gekommen ist. In einem Jahre, vom Winter 1275–1276, hat er die 12000 Verse verfaßt, also nur kurze Zeit nach jenem weltlichen Gral, schwerlich als alter Mann; grade der Stoff des hohen Liedes gestattete es, Frömmigkeit und weltliche Phantasie zugleich zu beschäftigen. Wie alle niederdeutschen Dichter seiner Zeit, die nicht bloß nach localem Erfolg geizten, näherte er den heimischen Dialekt der mitteldeutschen, auch im Süden verständlichen Uebergangssprache an, freilich nicht wol in dem Umfange, wie es der, wahrscheinlich schlesische, Schreiber der Handschrift gethan hat. Schon diese Rücksicht auf ein weiteres Publicum verräth den gebildeten Mann. S. war zwar Laie und nennt sich in forcirter Bescheidenheit einen „dummen Sachsen“, aber er besaß für einen Laien eine ungewöhnliche, an Gelehrsamkeit streifende lateinische Belesenheit, die seinem Werke zu Gute kam. Allerdings würde sich der Umfang seines Wissens ebenso wie seine dichterische Selbständigkeit nur dann richtig schätzen lassen, wenn wir die Hauptquelle seines Gedichts, den von ihm benutzten Commentar des Hohen Liedes feststellen könnten; das aber ist noch nicht gelungen. Sklavisch ist S. ihm jedenfalls nicht gefolgt. Ein geistlicher Freund, Heinrich v. Höxter, half ihm mit Rath und Kenntnissen; die eingelegten Fabeln, die Episoden von Theophilus, von der Kraft der Edelsteine, von Mandragora, die lateinischen Verse von den Zeichen des jüngsten Gerichts haben schwerlich in der Quelle gestanden; ganz besonders würde es ihm Ehre machen, wenn die episch concentrirte Handlung zu der bei ihm der Inhalt des Hohenliedes zurecht gebaut ist, sein Verdienst sein sollte. Sie füllt die beiden ersten Theile der Dichtung; der dritte, weitaus umfänglichste enthält die dreitheilige Deutung; nach einander wird Salomon’s Braut auf die Jungfrau Maria, auf die minnende Seele, endlich auf die gesammte Christenheit gedeutet, ein peinlicher Mangel an Einheitlichkeit, den S. mit den meisten Commentatoren des [485] Hohen Liedes theilt, der jedenfalls nicht ihm zum Vorwurf gemacht werden darf. An seinen Vorgänger Williram erinnern auch die lateinischen Sätze und Worte, die mitten in den deutschen Text massenhaft hineinschneien und den gleichmäßigen Fortschritt der Erzählung oder Lehre unleidlich hemmen; S. selbst findet freilich, daß diese lateinischen und deutschen Bibelcitate sein Gedicht schmücken, wie Rosenblumen die Heide. Der Fluch, der ausgebildeter Dichtersprache in den Händen unselbständiger Geister anhaftet, daß sie zur zerfließenden Redseligkeit verleitet, macht sich in den lehrhaften deutenden Partien lästig geltend. Anderseits regte Sconebeck’s maßgebendes Vorbild, Wolfram v. Eschenbach, in dem Niederdeutschen eine verwandte Seite, eine Lust an derben, gewagten oder doch realen Bildern und Vergleichen, an gesuchten Ausdrücken an, die die Eintönigkeit immerhin mildert. Die didaktische Spruchdichtung Mitteldeutschlands übt gewisse Einflüsse, die freilich an der Oberfläche bleiben. Zu mystischer Vertiefung des Stoffes macht S., so nahe sie lag, nirgends einen Ansatz: schwärmerische und leidenschaftliche Töne sind ihm versagt. Aber gerade in Norddeutschland empfand man das nicht als Mangel: daß S. sich eines guten Namens als Dichter erfreut haben muß, davon zeugt noch mittelbar, daß Wolfh. Spangenberg ihn in seiner „Singschule“ zu Anfang des 17. Jahrhunderts unter den bedeutenden Meistern der Vergangenheit aufzählt.

Arwed Fischer, Das Hohe Lied des Brun v. Schonebeck, Breslau 1886 (Germanist. Abhandlungen hsg. von K. Weinhold VI).


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Über diese Person existiert in Band 3 ein weiterer Artikel.