ADB:Rehdiger, Thomas

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Artikel „Rehdiger, Thomas“ von Hermann Markgraf in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 27 (1888), S. 588–590, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rehdiger,_Thomas&oldid=- (Version vom 20. Januar 2020, 11:48 Uhr UTC)
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Rehdiger: Thomas R., Gelehrter und Stifter der nach ihm benannten schönen Bibliothek, geboren in Striesa bei Breslau am 19. December 1540, † zu Köln am 5. Januar 1576. war der vierte Sohn des älteren Nikolaus R. und der Anna Mornberg, Tochter jenes hochgebildeten Stadtschreibers Gregor Mornberg, der einst den Plan der Errichtung einer städtischen Universität in Breslau so lebhaft betrieben hatte. Die Herkunft des Vaters, der sich Rudinger, Rudiger, Rüdiger nennt, während sich die Söhne Rediger, Redinger, Rehdiger, Rhediger schreiben und ein Reh im Wappen führen, auf das die heutige Namensform des noch im schlesischen Landadel blühenden Geschlechtes R. zurückgeht, ist noch unerforscht; er erwarb sich durch Großhandel und Bergbau ein sehr stattliches Vermögen und kaufte mehrere Rittergüter, darunter Striesa, den Stammsitz der Familie. Mehrere seiner Söhne zeichneten sich durch einen lebhaften Eifer für die Wissenschaften, der sie auf längere Zeit in die Ferne trieb, und durch eine ausgesprochene Neigung, litterarische und Kunstschätze zu sammeln, aus. Thomas wurde theils auf dem von dem tüchtigen Schulmann Andreas Winkler geleiteten Elisabetan, theils durch den Umgang mit dem der Familie eng befreundeten Dr. Joh. Crato, einem der größten Aerzte des 16. Jahrh., für eine wissenschaftliche Laufbahn vorbereitet. Im J. 1558 auf die Wittenberger Universität gesandt, trieb er dort zuerst unter der Leitung Melanchthon’s, in dessen Hause er auch wohnte, dann unter der von dessen Schwiegersohn Caspar Peucer ebenso ausgebreitete wie eifrige Studien; der Rector Georg Major ertheilte ihm bei seinem Abgange von Wittenberg ein überaus glänzendes Zeugniß. Nach kurzem Aufenthalt in der Vaterstadt trat er im Frühjahr 1561, wie es nach der Sitte der Zeit für einen jungen Mann seiner Stellung unerläßlich war. die große Tour nach dem Westen an. Der bekannte Hubert Languet, der auch Beziehungen zu Breslau und namentlich zu Crato hatte, geleitete ihn zunächst nach Paris. Hier schloß er sich dem gelehrten Botaniker Clusius, der ihm zum Hofmeister bestimmt ward, in Freundschaft an. Mit diesem floh er vor der Pest nach Orleans, und als sie bei der Rückkehr die Pariser Universität noch immer verödet fanden, wandten sie sich nach Clusius’ niederländischer Heimath. [589] Doch weder in Antwerpen noch in Löwen sagte R. das Leben zu, und er ging, sobald es die unruhigen Verhältnisse Frankreichs erlaubten, im J. 1563 nach Bourges, wo er, wie früher sein Bruder Johannes, in dem großen Juristen Cujacius nicht nur einen Lehrer, sondern auch einen Freund gewann. Ein zwangloses Leben im Umgang mit gelehrten und geistreichen Freunden gefiel dem reichen Jüngling derartig, daß er bei seiner Großjährigkeit nach Hause eilte, um über sein Vermögen ganz freie Verfügung zu erlangen. Von der Zeit ab gestaltete er sein Leben selbständig, ohne Rücksicht auf die Wünsche und Pläne der Familie. Zunächst ging er nach Bourges zurück zu Cujacius und folgte diesem 1566 auch nach Valence, nachdem er nur einen kurzen Abstecher nach Paris gemacht hatte, um die Praxis des dortigen Parlaments kennen zu lernen. Im J. 1567 sich weiter nach Italien wendend lebte er in Padua, wo damals viele Deutsche zusammenströmten, über ein Jahr auf dem Fuße eines großen Herrn, in einem eigens für ihn gemietheten Palaste, in Begleitung des Joh. Neodicus aus Elbing, der ein Schützling von Crato und seines eigenen älteren Bruders Nikolaus war. Derselbe war zugleich sein Mentor und sein Amanuensis; er half ihm namentlich hier beim Sammeln von Büchern, Handschriften, Münzen und andern Kunstwerken der Bildnerei und Malerei. Die Universität zeichnete den freigebigen jungen Deutschen durch das Angebot des Rectorats aus, doch lehnte er ab. Das Leben in Padua gefiel ihm nicht, und er war öfter in Venedig und einige Zeit auch in Bologna; dann durchzog er die Halbinsel bis Rom und Neapel, wobei er unterwegs zu Celsius Socinus in freundschaftliche Beziehungen trat. Der Heimath entfremdete er sich immer mehr, wahrscheinlich infolge von Zerwürfnissen mit seinem ältesten Bruder Nikolaus. So wandte er sich, als er nach zweiährigem Aufenthalte über die Alpen heimkehrte, zunächst nach Antwerpen, wo er Clusius wiedersah, und dann nach Speier, dem damaligen Sitze des Reichskammergerichts. Noch mochte er den Gedanken an die juristische Laufbahn nicht aufgegeben haben, doch scheint ihn das Genußleben der von vielen Fremden besuchten Stadt mehr gefesselt zu haben, als ernste Beschäftigung mit einem Brotstudium. Wenigstens nahm Crato, als er ihn 1570 bei Gelegenheit des Reichstags dort wieder sah, diesen Eindruck mit fort. Seiner Vaterstadt und seiner Familie war er verloren. Seit dem Jahre 1571 nahm er seinen Aufenthalt in Köln, wo ein junger Philologe aus Nymwegen, Gerhard Falkenburg, an Neodicus’ Stelle als sein Gesellschafter trat. Auf einer Reise von dort nach Heidelberg erlitt er durch das Umwerfen seines Reisewagens eine Quetschung am Ellenbogen des rechten Armes, die durch die Ungeschicklichkeit des Heidelberger Arztes Pigafetta so verschlimmert wurde, daß sich ein entzündlicher Knochenfraß bildete, dessen zerstörender Fortgang zwar gehemmt, aber nicht gänzlich aufgehoben werden konnte. Er ließ sich nach Köln zurückbringen und erlag dort nach dreijährigem Leiden einem frühzeitigen Tode, kaum 35 Jahre alt. R. hatte in Köln, wie schon früher in Padua, ein gastfreies Haus geführt, in heiterer Umgebung, wie sie ihm zusagte, ganz nach Lust und Laune lebend, die Liebe zu den Wissenschaften in seiner Weise bethätigend durch einen lebhaften persönlichen oder brieflichen Verkehr mit den hervorragendsten Gelehrten der Zeit, durch verständnißvolle Vermehrung seiner Sammlungen und durch freigebige Unterstützung bei der Herausgabe gelehrter Werke. Sie erfuhr u. a. auch Henricus Stephanus in reichem Maße. Mehr als ein Dutzend ihm dedicirter Werke waren nur mit seiner Unterstützung zum Druck gelangt; ihre Verfasser preisen ihn in ihren Widmungen nicht nur als hochherzigen Mäcen, sondern auch als feinsinnigen Kenner der Wissenschaften, namentlich der alten Litteratur, und als liebenswürdigen Freund. Als schaffender Gelehrter ist er selbst nicht aufgetreten. Das Hauptverdienst seines kurzen Lebens [590] bleibt die mit großem Verständniß von ihm gesammelte Bibliothek, aus etwa 300 Handschriften von theilweis sehr hohem Werthe und 6000 Büchern bestehend, neben einer Sammlung der römischen Kaisermünzen und andern Denkmälern der Kunst, von denen indeß das Meiste frühzeitig verloren gegangen ist. Er vermachte die Bibliothek in seinem Testamente seinen jüngern Brüdern Adam und Jakob unter der Bedingung, daß sie dieselbe in Breslau in einem zweckmäßigen Gebäude zum öffentlichen Gebrauch aufstellen ließen. Obwol der Breslauer Magistrat im Eifer für das die Stadt ehrende Vermächtniß 1589 ein Local dazu anbot, gelangte diese Bedingung doch nicht eher zur Ausführung, als bis im J. 1645 die Rehdiger’sche Familie die ganze Bibliothek an die Stadt abtrat, die ihr nun in der Elisabetkirche das alte theologische Auditorium einräumte und einen besonderen Bibliothekar dazu anstellte. Sie behielt stiftungsgemäß den Namen der Rehdiger’schen Bibliothek, auch als sie 1865 mit andern Bibliotheken zusammen zur Breslauer Stadtbibliothek vereinigt ward.

Alb. Wachler, Thomas Rehdiger und seine Büchersammlung in Breslau, Breslau 1828. – Gillet, Crato von Crafftheim und seine Freunde. 2 Bde. Frankfurt a. M. 1860.