ADB:Collin, Heinrich Joseph von

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Artikel „Collin, Heinrich Joseph von“ von Karl Weiß in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 407–409, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Collin,_Heinrich_Joseph_von&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 16:52 Uhr UTC)
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Band 4 (1876), S. 407–409 (Quelle).
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Collin: Heinrich Joseph v. C., Dichter, geb. zu Wien 26. December 1772; † 28. Juli 1811. Sohn des Arztes Heinrich Joseph C. (siehe oben). Nachdem C. in dem Hause seines hochgebildeten Vaters den ersten Unterricht genossen, kam er 1782 in das unter der Leitung des Piaristen-Ordens stehende Löwenburg’sche Convict in Wien und vollendete hier das Gymnasium und die philosophischen Studien mit ausgezeichnetem Erfolge. 1790 besuchte er die Wiener Universität und widmete sich dem Studium der Rechte. Nach Absolvirung desselben trat C. 1795 in den Staatsdienst, in welchem er durch seinen rastlosen Eifer und seine ausgebreiteten Kenntnisse im Finanzwesen sich solche Achtung erwarb, daß er zu wichtigen Diensten verwendet, 1803 in den Adelstand erhoben, 1804 zum Hofsecretär und 1809 zum Hofrathe der Creditshofcommission ernannt wurde. Als die Franzosen 1805 zum ersten Male Wien besetzten und die kaiserlichen Behörden die Hauptstadt verließen, fiel C. die Aufgabe zu, in derselben zurückzubleiben und seine Behörde den Franzosen gegenüber [408] zu vertreten. Nach Brünn zur geheimen Ueberbringung einer wichtigen Nachricht an Kaiser Franz entsendet, wurde er auf dem Rückwege von den Franzosen gefangen genommen, von ihnen schmählich mißhandelt und mußte nach Brünn zurückkehren. Nach wiederhergestelltem Frieden bei den Ausgleich-Verhandlungen mit den französischen Behörden in St. Pölten verwendet, trat er dort wol mit dem General-Intendanten Daru, welcher sich viel mit classischer Litteratur beschäftigte, in nähere Berührung, aber in seinem Franzosenhasse verschmähte er es nach Beendigung der Verhandlungen, gleich den übrigen Beamten, von Napoleon Geschenke anzunehmen. Seiner warmen patriotischen Gesinnung bei dem Wiederausbruche des österreichisch-französischen Krieges im J. 1809, welcher er durch eine Reihe von Landwehrliedern Ausdruck gab, hatte es C. zu danken, daß ihn Napoleon mit der Acht belegte. Von schwächlicher Gesundheit, erlag C. im J. 1811 den Anstrengungen und Aufregungen seines Berufes im kräftigsten Mannesalter. – Mehr noch wie als intelligenter und gewissenhafter Beamter seines Monarchen trat die hervorragende Persönlichkeit Collin’s als Dichter in den Vordergrund. Schon als Gymnasiast übten die Werke der römischen und griechischen Dichter und Philosophen auf ihn einen unwiderstehlichen Reiz; zugleich vertiefte er sich mit edler Begeisterung in die Geschichte des Alterthums. Aus diesen Studien schöpfte C. seine erste Bildung, welche von so nachhaltiger Wirkung auch für seinen fernern geistigen Entwicklungsgang wurden, daß ihm die große Bedeutung Goethe’s für die deutsche Dichtung, Kant’s und Fichte’s für die neuere Philosophie nicht vollkommen klar geworden war. Unter dem Einflusse seiner Erziehung übten von deutschen Dichtern auf ihn besondere Anziehungskraft Klopstock, Stollberg, Voß, Matthisson und erst im vorgerückten Jünglingsalter, nachdem die Einwirkung seiner geistlichen Lehrer und Freunde schwächer geworden, begeisterte er sich für Bürger und Schiller, wiewol er mit den ästhetischen Anschauungen des letzteren nicht übereinstimmte. Vollends kalt ließen ihn die dichterischen Leistungen der romantischen Schule. Eine entschiedene Abneigung besaß C. gegen die französische Litteratur; an Shakespeare, den er nur in Eschenburg’s Uebersetzung kennen gelernt, bewunderte er die gewaltige Menschenkenntniß und die großartige Gestaltungskraft. Was aber C. noch besonders charakterisirt, war sein warmes Vaterlandsgefühl. Zeuge der großen politischen Umwälzungen, des Verfalles und der Erniedrigung des römisch-deutschen Reiches, der harten Bedrängnisse Oesterreichs und des erdrückenden politischen und nationalen Uebergewichtes des französischen Kaiserreiches, gehörte er jenem Kreise von patriotischen Männern in Wien an, welche die Zuversicht auf eine Wiederaufrichtung der gesunkenen Größe des deutschen Volkes stärkten. – Seine Neigung zur Dichtkunst war in C. schon im Knabenalter erwacht und noch nicht zwölf Jahre alt, schrieb er ein kleines Schauspiel: „Des Kriegers Abschied“, welches von ihm und seinen Geschwistern anläßlich eines Familienfestes im elterlichen Hause aufgeführt wurde. Für das Drama bewahrte C. auch in reiferem Alter eine entschiedene Vorliebe. Auf das Zureden seiner Freunde, welche sein dichterisches Talent kennen zu lernen Gelegenheit erhielten, schrieb er in einem Alter von 20 Jahren das Schauspiel: „Scheinverbrechen“, welches anonym erschien und später unter dem Titel „Julie v. Billenau“ auf verschiedenen Bühnen aufgeführt wurde, ohne jedoch eine besondere Wirkung zu erzielen. 1795 entschloß er sich zu einem neuen dramatischen Versuche, indem er nach einer Idee von Fielding das Schauspiel „Kindespflicht und Liebe“ schrieb, aber mit noch geringerem Erfolge. Wiewol etwas entmuthigt, trieb ihn seine Liebe zur Poesie doch wieder zu dramatischen Schöpfungen. Er wandte sich mit seinen Studien neuerdings dem Alterthum zu und schuf sich, darauf gestützt, ein System der Tragödie, deren Grundgedanke die Verherrlichung des Sieges der inneren Willensfreiheit [409] des Menschen war. Zugleich von den politischen Zuständen seines Vaterlandes beherrscht, faßte er den Entschluß, die selbstlose Vaterlandsliebe des Römers „Regulus“ dramatisch zu behandeln und vollendete innerhalb sechs Wochen das Trauerspiel. Es kam am 3. Oct. 1801 im Burgtheater zur ersten Aufführung und errang einen glänzenden Erfolg. C. wurde nun in den gebildeten Kreisen Wiens hochgefeiert und man ging soweit, ihn mit Schiller und Goethe zu vergleichen, welche Ueberschätzung des Talentes entschiedenen Widerspruch hervorrief: Goethe und W. A. Schlegel unterzogen „Regulus“ einer Kritik, worin die Begabung Collin’s anerkannt, aber auch der Mangel an scharfer Auffassung der Charaktere und der zu große rhetorische Prunk betont wurde. Angeeifert durch die errungene Anerkennung ließ C. hierauf eine Reihe von Dramen folgen, wie „Coriolan“ (1802), „Polyxena“ (1803), „Balboa“ (1805), „Bianca della Porta“ (1807), „Mäon“ (1808). Außerdem dichtete er noch die „Horatier und Curiatier“ und einen Operntext „Brademante“ für Reichardt, welcher aber niemals zur Aufführung kam. Von den genannten Dramen fand den größten Beifall „Coriolan“. Unter seinen lyrischen Dichtungen wurden am populärsten seine „Wehrmannslieder“ (1809) durch Schwung, Kraft des Ausdrucks und edle Gesinnung. In Anthologien erhielten sich durch viele Jahre seine Balladen, „Kaiser Max auf der Martinswand“, „Leopold von Solothurn“ und „Albrechts Hund“. Die epische Dichtung „Rudolf von Habsburg“ blieb Bruchstück. Mag C. in den litterarischen Kreisen Wiens seiner Zeit zu hoch gehalten worden sein, so bleibt er doch eine der bedeutendsten Erscheinungen unter den österreichischen Dichtern und ist von nationaler Bedeutung durch den edlen Geist, welchen er unter seinen Zeitgenossen nährte. Die Verehrung für C. kam zum Ausdrucke nach seinem Tode. Es wurde ihm zu Ehren im Burgtheater am 3. April 1812 eine Gedenkfeier veranstaltet. Ein Aufruf lud zu Beiträgen zur Errichtung eines Denkmals für den Dichter ein. Letzteres, nach einer Idee Füger’s, von Franz v. Zauner ausgeführt, wurde 1813 in der Karlskirche in Wien aufgestellt. – Die Dichtungen H. v. Collin’s erschienen einzeln, theils in Berlin, theils in Wien gedruckt. Sein Bruder gab sämmtliche Werke: Wien 1812–1814, heraus. Außerdem erschien noch eine Ausgabe der Trauerspiele: Berlin 1828.

M. v. Collin’s Biographie des „Heinrich v. Collin“ im VI. Bde. der sämmtlichen Werke desselben S. 251. – K. Goedeke, Grundriß der deutschen Dichtung III, 52.[1]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 409. Z. 19 v. u.: Kürzlich erschien: „Heinr. Jos. Collin. Ein Beitrag zur Geschichte der neueren deutschen Litteratur in Oesterreich, von Ferd. Ladan“. Wien 1879. [Bd. 9, S. 794]